Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Göttingen | Patrozinium: Stephanus | KO: Calenberger KO von 1569
Orts- und Kirchengeschichte
Neue Wohnsiedlungen ließen das Dorf Geismar in der ersten Hälfte des 20. Jh. rasch anwachsen. Das Wachstum beschleunigte sich mit dem Siedlungsbau der Nachkriegszeit. 1964 wurde Geismar nach Göttingen eingemeindet und entwickelte sich zum bevölkerungsreichsten Stadtteil. Auf dem nördlich von Geismar gelegenen Lohberg hatte die Stadt Göttingen seit den 1950er Jahren große Wohnblöcke errichten lassen. Zur Sozialstruktur heißt es im Bericht zur Visitation 1975, im Gemeindegebiet lebten „in der Hauptsache […] Menschen des gehobenen Mittelstands“.1
Am Hang des Lohbergs an der Grenze zwischen Geismar und Göttingen ließ der Gesamtverband Göttingen 1963 den Grundstein für eine neue Kirche legen.2 Die Pläne hatte der Göttinger Architekt Diez Brandi (1901–1985) entworfen. Noch bevor die Kirche fertiggestellt war, gründete sich zum 1. Januar 1965 die „Ev.-luth. Stephanus-KG Göttingen-Geismar“.3 Der nördliche Teil ihres Gemeindegebiets hatte bislang zur Göttinger Kreuz-KG gehört, der südliche zur Geismarer St.-Martini-KG. Bereits 1969 gab die Stephanus-KG Teile ihres Gebiets wieder an die Martini-KG ab.4 Die neue Gemeinde erhielt zwei Pfarrstellen, die P. Walther Lührs (amt. 1965–1993) und P. Klaus-Dietwardt Buchholtz (amt. 1965–1988) übernahmen. Am 26. September 1965 feierte die Gemeinde einen ersten Gottesdienst im Gemeindesaal und am 11. Dezember 1966 schließlich konnte sie ihre neue Stephanuskirche einweihen.5 Die Kirche diente gleichzeitig als Standortkirche der nahegelegenen Zieten-Kaserne.6
Bereits im Januar 1966 hatte die Stephanuskirche einen ev. Kindergarten eröffnet. Zudem unterhielt sie von 1974 bis 1989 in gemeinsamer Trägerschaft mit der St.-Martini-KG die ev. Kindertagesstätte Breitenborn. Von der ihrer Muttergemeinde St. Martini hatte die Stephanus-KG die Partnerschaft mit der sächsischen St.-Jakobi-Kirchgemeinde Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) übernommen.7 Gut ein Jahr nach ihrer Gründung nahm die Gemeinde im Winter 1966/67 die ökumenische Zusammenarbeit mit der Geismarer kath. Gemeinde Maria Königin des Friedens auf. Einen ersten gemeinsamen Gottesdienst feierten beide Gemeinden am 11. Dezember 1968. Evangelisch-katholische Abendmahlsgottesdienste, ein gemeindlicher Gottesdienstausschuss oder Predigtvorbereitungsgespräche sind Kennzeichen der „modernen Gemeindearbeit“ in der Stephanusgemeinde in den 1960er Jahren.8 Der Sup. des KK Göttingen Stadt schrieb nach der Visitation 1969 von „einer überdurchschnittlichen Lebendigkeit und Gemeindeaktivität“.9 Die KG zählte seinerzeit etwa 7.200 Gemeindeglieder.
1977 wechselten die beiden Geismarer Kirchengemeinden aus dem KK Göttingen Stadt in den KK Göttingen-Süd und die Stephanuskirche wurde Sitz der Superintendentur. Gleichzeitig erhielt sie eine dritte Pfarrstelle, die als erster P. Udo Dongowski (amt. 1978–1996) übernahm (1997 wieder aufgehoben). In der Schöneberger Straße errichtete die Gemeinde 1980/81 ein neues Pfarr- und Gemeindehaus für den Pfarrbezirk Süd (2014 verkauft).10
2003 gründete sich die Stephanus-Stiftung; neben der Verkündigung des Evangeliums zählen die Förderung des Gemeindelebens und die Unterstützung der Gemeinde bei ihren diakonischen Aufgaben zum Stiftungszweck.11 2013 trat die Stephanus-KG dem „Ev.-luth. Kindertagesstättenverband Göttingen-Nord-Süd“ bei, der die Trägerschaft des gemeindeeigenen Kindergartens übernahm (2026 aufgegangen im „Ev.-luth. Kindertagesstättenverband Göttingen-Münden“).12 2014 schloss die Stephanusgemeinde mit ihren Muttergemeinden Kreuz und St. Martini einen Kooperationsvertrag; die drei Gemeinden bilden eine Arbeitsgemeinschaft.13
2024 zählte die Stephanusgemeinde knapp 2.710 Gemeindeglieder. Seit 2025 gehört sie zum „Ev.-luth. KGV Region Gleichen/Göttingen-Süd“.14
Pfarrstellen
I: 1965–2010, 1977–2001 verbunden mit dem Amt des Superintendenten des KK Göttingen-Süd, seit 2001 halbe Stelle, ab 2010 vakant, 2012 aufgehoben.15 – II: 1965. Seit 2012 einzige Pfarrstelle. – III: 1977–1997.16
Umfang
Nordöstlicher Teil von Göttingen-Geismar mit Himmelruh, Lohberg, Mittelberg und Zietenterassen (bis 1994 Zieten-Kaserne, dann Konversion zum Wohngebiet). Bis 1969 auch Neubaugebiete südlich davon (dann wieder umgepfarrt in die St. Martini-KG.17
Aufsichtsbezirk
Mit Gründung der KG 1965 zum KK Göttingen-Stadt. Zum 1. Oktober 1977 umgegliedert in den KK Göttingen-Süd, gleichzeitig wurde die erste Pfarrstelle der Gemeinde mit dem Amt des Superintendenten verbunden.18 Seit 1. Januar 2001 KK Göttingen.19 Seit 1. Januar 2023 KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Göttingen.20 – Zum KK Göttingen-Süd zählten 1977 folgende Gemeinden: Bremke, Bischhausen und Weißenborn; Ebergötzen und Landolfshausen; Friedland, Niedergandern-Hottenrode und Reckershausen; Gelliehausen, Benniehausen und Wöllmarshausen; St. Martin Geismar; St. Stephanus Geismar; Groß Lengden und Klein Lengden; Groß Schneen und Ballenhausen; Kerstlingerode, Beienrode und Rittmarshausen; Klein Schneen, Deiderode und Elkershausen; Niedernjesa Stockhausen; Obernjesa, Atzenhausen und Dramfeld; Reiffenhausen, Lichtenhagen und Ludolfshausen; Reinhausen und Diemarden; Roringen und Herberhausen sowie Waake.
Kirchenbau
Stahlbetonskelettbau mit fünfeckigem Grundriss, ausgerichtet nach Nordwesten, erbaut 1963–1966 (Architekt: Diez Brandi, Göttingen). Südlich vorgelagert ein baulich verbundener, flacher Pfarr- und Gemeindehausbau. Flachgeneigtes, kupfergedecktes Zeltdach. Ausfachung der Wände aus farbigem Betonglas, lediglich an den beiden längeren Seiten ein geschlossenes Fach. Haupteingang nach Südosten durch Verbindungstrakt zum Pfarr- und Gemeindehausbau. Im Innern zeltförmige, holzverschalte Decke, Empore an den beiden Südostwänden. Gemeindesaal im nach Westen hin ebenerdig zugänglichen Untergeschoss. 1977 Glasbetonfenster renoviert bzw. ersetzt (ursprüngliche Verglasung zu dunkel). 1990 Renovierung. Ab 2015 Substanzerhaltende Maßnahmen an der Fassade.
Turm
Südöstlich der Kirche freistehender Glockenträger mit etwa quadratischem Grundriss, erbaut 1963–66. Offenes Stahlbetonskelett ohne Ausfachung. 1986/87 Renovierung. 2004 Substanzsicherung.
Ausstattung
Altartisch aus zwei Betonblöcken (1965/66). – Flügelretabel mit figürlichen Reliefs (1979/80, Albrecht Glenz, Hanau), mit weißem Kalk gewaschener Aluminiumguss; im Mittelfeld Kreuzigungsszene, auf den Innenseiten der beiden Seitenflügel zwei Szenen der Stephanusgeschichte (Anklage und Steinigung); auf den Außenseiten der Seitenflügel „Gestalt des Erhöhten Christus‘ im Sendungsbefehl“ mit Inschrift: „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt“.21 – Leicht erhöhte Kanzel mit Kanzelbrüstung aus Betonelementen (1965/66) – Taufständer aus gefaltetem Kupferblech (1993, Jörg Ernst), aufgestellt unterhalb des Scheitelpunkts der Deckenkonstruktion. – Weltkugelleuchter (1990, Ernst Muchow, Wendland). – Ehemalige Ausstattung: Stelenartige, fünfseitige Taufe aus Beton (1966), aufgestellt unterhalb des Scheitelpunkts der Deckenkonstruktion.
Orgel
1969 Orgelbau, ausgeführt von Rudolf Janke (Bovenden), 22 (davon eine Transmission) III/P (HW, RP, Solowerk), mechanische Traktur, Schleifladen (Opus 44), eingeweiht am 9. November 1969. 1981 Orgel erweitert, Rudolf Janke (Bovenden), 23 (davon eine Transmission) III/P, mechanische Traktur, Schleifladen, außerdem ein vakantes Register. 1987 Orgel erweitert, Rudolf Janke (Bovenden), 24 (davon eine Transmission) III/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 2001/02 Instandsetzung und Erweiterung des Pedals, Rudolf Janke (Bovenden), 26 (davon eine Transmission) III/P (HW, RP, Solowerk), mechanische Traktur, Schleifladen.
Geläut
Zwei LG, I: f’ (Bronze, Gj. 1966, Firma Rincker, Sinn), Inschrift: „Betet zu Gott! Bleibt standhaft und treu!“, die Glocke ist dem Märtyrer Paul Schneider († 18. Juli 1939 im KZ Buchenwald) gewidmet; g’ (Bronze, Gj. 1966, Firma Rincker, Sinn), Inschrift: „Selbstverleugnung ist Leben“, die Glocke ist dem Märtyrer Traugott Hahn († 14. Januar 1919 in Dorpat) gewidmet.22
Weitere kirchliche Gebäude
Pfarr- und Gemeindehaus sowie Kindergarten südlich der Kirche (Bj. 1966. 2006 saniert). – Pfarr- und Gemeindehaus Süd, Schöneberger Straße (Bj. 1980/81; 2014 verkauft). – Pfarrhaus III, Schlesierring (Bj. 1972, gekauft 1978, verkauft 2003).
Friedhof
Kein Friedhof im Gemeindegebiet. Kommunaler Friedhof Geismar an der Kiesseestraße (1982 geschlossen, 1986 wieder eröffnet). Göttinger Stadtfriedhof am Junkerberg, eröffnet 1976.23
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
B 2 G 9 Nr. 1032–1037 (Baupflege und Bauwesen); S 09 rep Nr. 1127 (Presseausschnittsammlung).
Literatur A: Abel, Herausforderung, S. 314–315; Bielefeld, Orgeln, S. 56–57 und S. 276–278; Freigang, Brandi, S. 61–62; Eichenberg, KK Göttingen-Süd, S. 23–25.
B: 25 Jahre Stephanus-Gemeinde 1965–1990, [Göttingen 1990]; Albrecht Glenz & Walther Lührs: Altar der Stephanuskirche Göttingen, [Göttingen 1980]; Astrid Kaim-Bartels: 50 Jahre Stephanusgemeinde Göttingen-Geismar. 1965–2015. Festschrift, Göttingen 2015; Vera Lenz & Karl Semmelroggen: 950 Jahre Geismar. Geschichte & Geschichten. 1055 – 2005, Duderstadt 2005, darin bes.: Konstanze Schiedeck: Die drei Kirchen von Geismar, S. 77–124; Heinz Perschke: Zur Geschichte der Evgl.-Luth. Kirchengemeinde St. Martin in Göttingen-Geismar. 1970–1980, Geismar [1981] [Typoskript].
GND
2110959-X, Stephanusgemeinde (Göttingen); 1076541550, Stephanuskirche (Göttingen).
Website der Kirchengemeinde (18.02.2024)
Fußnoten
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen-Geismar, Stephanus, Visitation 1975.
- Zur Geschichte der KG vgl. Kaim-Bartels, S. 8 ff.; 25 Jahre, S. 6 ff.
- KABl. 1965, S. 4. Zur Namensgebung: Kaim-Bartels, S. 8 ff.
- KABl. 1969, S. 109.
- 25 Jahre, S. 12.
- Kaim-Bartels, S. 54.
- Perschke, S. 39 f. Allgemein: Cordes, Gemeindepartnerschaften, S. 38 ff.
- Kaim-Bartels, S. 28.
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen-Geismar, Stephanus, Visitation 1969.
- Kaim-Bartels, S. 24.
- Kaim-Bartels, S. 36 f. und S.105 ff. Siehe auch: stephanusstiftung.wir-e.de, 19.09.2025.
- KABl. 2013, S. 150 ff.; KABl. 2025, S. 275.
- Kaim-Bartels, S. 33 und S. 109 ff.
- KABl. 2025, S. 75 ff. Folgende KG gehören zum KGV Region Gleichen/Göttingen-Süd: KG Diemarden, Apostel KG Gleichen, Kreuzweg-KG Gleichen, Kreuz-KG Göttingen, Stephanus-KG Göttingen-Geismar, St. Martins-KG Göttingen-Geismar, KG Lengder Burg und KG Reinhausen.
- KABl. 2001, S. 66.
- KABl. 1977, S. 134; KABL. 1997, S. 67.
- KABl. 1969, S. 109.
- KABl. 1977, S. 134.
- KABl. 2000, S. 150 f.
- KABl. 2022, S. 189 ff.
- Glenz & Lührs, [S. 2].
- Schiedeck, S. 114 f.
- Insgesamt: Schiedeck, S. 125 ff.