Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Göttingen | Patrozinium: Lukas, Valentinus1 | KO: Calenberger KO von 1569
Orts- und Kirchengeschichte
Schriftlich ist der Ort erstmals als Wilmereshusen in zwei Urkunden genannt, die auf das Jahr 1022 datiert sind, bei denen es sich allerdings um Fälschungen aus dem 12. Jh. handelt.2 Eine Urkunde von 1258, die jedoch lediglich als Notiz aus dem Jahr 1542 überliefert ist, nennt eine Mühle zu Wulmershusen.3 Wöllmarshausen war gemeinsamer Besitz der Familie von Uslar-Gleichen auf Altengleichen und Neuengleichen.4 Die Landeshoheit lag bei den welfischen Hzg. zu Braunschweig-Lüneburg (Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel bzw. Fsm. Göttingen, 1495/1512: Fsm. Calenberg-Göttingen, 1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover).5 Mit dem Kauf Neuengleichens erwarb 1451 der hessische Landgraf Rechte in Wöllmarshausen und das Dorf wurde zu einem sogenannten „Mengedorf“ („hessische und v. Uslarsche Untertanen unter der Oberlehnsherrschaft der welfischen Herzoge wohnten im Gemenge“, bis 1815).6 Die Gerichtsbarkeit über die welfischen Untertanen hatte die Familie von Uslar-Gleichen inne (Patrimonialgericht Altengleichen, Nieder- und Hochgerichtsbarkeit).7 In französischer Zeit gehörte Wöllmarshausen von 1807 bis 1813/14 zum Kgr. Westphalen (Kanton Radolfshausen, Distrikt Göttingen, Leine-Departement). Ab 1815 zählte der Ort, nun gänzlich im Kgr. Hannover, wieder zum Patrimonialgericht Altengleichen, seit dessen Aufhebung 1852 zum Amt Reinhausen. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Wöllmarshausen 1866 an das Kgr. Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam der Ort zum Lkr. Göttingen (neugebildet 1973 und 2016). 1973 wurde Wöllmarshausen Teil der neuen Gemeinde Gleichen. Um 1810 lebten knapp 350 Menschen in Wöllmarshausen und 2024 knapp 320.
Ältestes Zeugnis der Wöllmarshäuser Kirchengeschichte ist der Kirchturm, dessen unterer Teil aus Quadermauerwerk auf mittelalterliche Zeit zurückgeht. Vielleicht schon vor der Reformation war Wöllmarshausen eine Tochtergemeinde (filia) von Gelliehausen.8
Einzelheiten zur Reformation in Wöllmarshausen sind nicht bekannt. Im Fsm. Göttingen führte Hzgn. Elisabeth zu Braunschweig-Lüneburg († 1558) die luth. Lehre ein: 1542 setzte sie die von Antonius Corvinus verfasste Kirchenordnung in Kraft und 1542/43 ließ sie die Gemeinden, Stifte und Klöster des Fürstentums visitieren.9 Im Jahr 1545 übernahm ihr nunmehr volljähriger Sohn als Hzg. Erich II. die Regierungsgeschäfte und wechselte 1547 zum kath. Glauben. Die Calenbergischen Stände widersetzten sich jedoch seinen Rekatholisierungsbestrebungen und konnten 1553/55 die Beibehaltung der luth. Lehre in den Kirchspielen des Fürstentums sicherstellen. Nach dem Tod Erichs II. fiel das Fsm. Calenberg-Göttingen 1584 an Braunschweig-Wolfenbüttel und Hzg. Julius († 1589) führte seine 1569 aufgestellte ev. KO auch hier ein.10 1588 ließ er die Gemeinden visitieren.
Das Visitationsprotokoll von 1588 nennt mit P. Johannes Germte (amt. bis 1596) den ersten bekannten luth. Geistlichen im Kirchspiel Gelliehausen; Wöllmarshausen wird im Protokoll als Tochtergemeinde (filia) bezeichnet ist.11 Im Inventarium aus dem Jahr 1708, verfasst von P. Otto Heinrich Herba (amt. 1704–1738), findet sich eine Beschreibung der Wöllmarshäuser Kirche. Sie sei „mit starcken mauren Versehen, aber auff dem Chor welches ein angebautes werck ist, etwas enger, indem daßelbe nur 5 ellen breit und acht ellen lang daß es wenn Communion gehalten wird etwas beschwerlich fält“.12 Es sei geplant, den Chor zu vergrößern und „mit dem andern Theil der Kirche, welcher 9 ellen breit und 15 ellen lang ist“, auf eine Breite zu bringen. Der Turm seit „sehr starck, dick von mauren und daurhaft, 12 ellen breit und lang, hat in der Hohe 25 ellen ohne das Holtzwerck so oben auffgesetzet daßelbe Holtzwerk hat 6 ellen, darüber ein tach von eichen blauen Spänen, welches tach in der Hohe hatt 8 Ellen über diesem tach findet sich noch ein kleines stockwerck“ so hoch ist 3 ellen, darüber wieder ein tach so vier ellen hoch darauff die Helmstange und Knopf, daß also der gantze Thurm mit dem Holtzwerck und Dächern in der Höhe hatt 46 ellen.“ In den Jahren 1752 bis 1756 ließ die Gemeinde an den mittelalterlichen Turm ein neues Kirchenschiff anbauen.13
Etwa seit 1700 hatte die Familie von Uslar-Gleichen jüd. Familien erlaubt, sich in den Dörfern des Gerichts Altengleichen anzusiedeln.14 Die Landesregierung strengte einen Prozess gegen diese Praxis an und konnte 1744 durchsetzen, dass diese jüd. Familien landesherrliche Schutzbriefe kaufen mussten. 1767 lebten in Wöllmarshausen vier Familien mit Schutzbrief und drei ohne. Sie gehörten Mitte des 19. Jh. zur Synagogengemeinde Bremke.
In der ersten Hälfte des 20. Jh. hielt der Gelliehäuser Pfarrer alle zwei Wochen einen Gottesdienst in Wöllmarshausen.15 Mit dem Zuzug Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstand eine kleine kath. Gemeinde in Wöllmarshausen und Umgebung; sie nutzte anfangs die ev. Kirche in Wöllmarshausen.16 Die Zahl der ev.-luth. Gemeindeglieder in Wöllmarshausen lag 1960 und 1988 jeweils bei rund 390.17
Zur gemeinsamen Erfüllung kirchengemeindlicher Aufgaben gründete die Pancratii-KG Gelliehausen zusammen mit den benachbarten KG Beienrode, Benniehausen, Kerstlingerode, Rittmarshausen und Wöllmarshausen zum 1. Januar 2009 den „Ev.-luth. KGV Oberes Gartetal“.18 Drei Jahre später fusionierten die sechs Gemeinden zur „Ev.-luth. Apostel-KG Gleichen“.19
Umfang
Wöllmarshausen.
Aufsichtsbezirk
Archidiakonat Nörten (sedes Geismar) der Erzdiözese Mainz.20 – 1588 zur Insp. Dransfeld, seit Verlegung des Superintendentursitzes 1636/37 Insp. Göttingen (Sitz an St. Johannis in Göttingen), bei deren Teilung 1796/97 zur neuen Insp. Göttingen Zweyter Teil. 1924 zum KK Göttingen II, 1937 zum KK Göttingen-Süd.21 Ab 1. Januar 2001 KK Göttingen.22 Seit 1. Januar 2023 KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Göttingen.23
Patronat
Das Patronat lag bei der Familie von Uslar-Gleichen (persönliches Patronat). Das Patronat blieb bei Aufhebung der Kirchengemeinde 2012 bestehen (Kompatronat für die neue Apostel-KG Gleichen).24
Kirchenbau
Dreiachsiger, rechteckiger Saalbau, errichtet 1752–56. Satteldach, nach Osten abgewalmt. Verputztes Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung und Werksteinsockel. An den Längsseiten rundbogige Sprossenfenster mit Werksteineinfassung. Nach Osten Rechteckportal mit Segmentbogengiebel, flankiert von zwei rundbogigen Sprossenfenstern. Im Westen der Nordseite Rechteckportal, darüber Rundbogenfenster. Im Innern hölzernes Tonnengewölbe; Westempore; Kanzelaltarwand. 1908 Ofen eingebaut. 1965–68 Renovierung. 2001 Sanierung, u. a. statische Sicherung des Dachstuhls, Dachneudeckung, neuer Außenputz.
Turm
Vierseitiger Westturm mit eingezogenem Glockengeschoss und vierseitiger, geschwungener Schieferhaube mit aufgesetzter Spitze, bekrönt mit Kugel und Wetterfahne (Jahreszahl: 1756), unterer Teil aus mittelalterlicher Zeit. Lagerhaftes Quadermauerwerk, Glockengeschoss aus verschiefertem Fachwerk. An jeder Seite ein rechteckiges, zweigeteiltes Schallfenster. 2001 Sanierung, u. a. Mauerwerk neu verfugt.
Grablege
Unterhalb des Turms Erbbegräbnis der Familie von Uslar-Gleichen (Linie Melchior), geschlossen 1872.
Vorgängerbau
Nach Beschreibung aus dem Jahr 1708 Rechteckbau mit eingezogenem Chor.25
Ausstattung
Spätbarocker Kanzelaltar (1756), Holz, farbig gefasst; polygonaler Kanzelkorb, an den Wandungen Rechteckfüllungen mit leeren Medaillons; Kanzelkorb flankiert von zwei über Eck gestellten Pfeilern, die Gebälk tragen; über dem Kanzelkorb Wappen der Familie von Uslar-Gleichen, flankiert von zwei Engelsfiguren; als Bekrönung dreieckiges Gottesauge im Strahlenkranz; außen zwei hölzerne, farbig gefasste Skulpturen (Johannes der Täufer mit Kreuzstab und Inschriftenband „Ecce angnus Dei“, Moses mit Gesetzestafeln); vor dem Retabel kastenförmiger Altar; 1968 Kanzelaltar restauriert. – Quaderförmiger Taufstein (1968), Inschrift: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“. – An der Emporenbrüstung drei Figuren (mittelalterlich), Holz, farbig gefasst; Christus Salvator sowie vielleicht Petrus und Paulus; Figuren 1968 restauriert. – Hölzernes Epitaph für Luise Henriette von Uslar geb. von Trotha († 1757), mit Brustbild der Verstorbenen. – Wappenstein mit Allianzwappen (zwischen 1668 und 1677), Inschrift: „B[urchard] H[ans] P[hilipp] v[on] Vsl[ar]“ und „I[ohanna] M[arie] v[on] B[lomenfeld] g[enannt] Kerkering von der Borgk]“.26
Orgel
1843 Orgelneubau, ausgeführt von Friedrich von Werder (Elliehausen), 9 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1974–76 Instandsetzung, ausgeführt von Albrecht Frerichs (Göttingen), 9 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Denkmalorgel (seit 1968).27
Geläut
Zwei LG, I: a’ (Bronze, Gj. 1925, Christian Störmer, Erfurt); II: d’’ (Bronze, Gj, 1770, Christoph See, Kreuzburg), Inschriften: „Es lisen mich gisen die amtliche Herren von Uslar als Kirchenpatronen wi Herr ware C. A. W. v. Uslar Obrist und Senior Familie, G. A. Bürger Amtmann, I, C. Zuch Pastor, I. Z. Kolbe Schulmeister, I. F. Kaufmann Schulze H. O. Meier Altaristen“, „Christoph See hat mich gegossen“ und „1777 Beglückt ein solcher Tag. Beglückt sei diese Stunde. Das ich zum Gotteshaus ruhf jetzt mit meinem Munde“, Glocke im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben, nicht eingeschmolzen und seit 1947 wieder in Wöllmarshausen. – Früherer Bestand: Eine LG (Bronze, Gj. 1816), im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben.
Friedhof
Kirchlicher Friedhof am Nordostrand des Dorfes, angelegt 1868, erweitert 1916; FKap (Bj. 1971).
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
A 1 Nr. 3598–3602 (Pfarroffizialsachen); A 8 Nr. 147
(CB); A 9 Nr. 767
, 768
, 769
, 770
, 771
, 772
(Visitationen); B 2 G 9 Nr. 3247–3248 (Baupflege und Bauwesen); B 2 G 9 B Nr. 666 (Orgel- und Glockenwesen); S 9 rep. Nr. 1100 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 7862 (Findbuch PfA); S 11a Nr. 8140 (Findbuch EphA).
Kirchenbücher
Kommunikanten: 1811–1894
Im Übrigen siehe Gelliehausen.
Literatur & Links
A: Bielefeld, Orgeln im Umland, S. 192–195; Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 432–433; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 1383; Eichenberg, KK Göttingen-Süd, S. 47–51; Lücke, Burgen und Gutshöfe, S. 212–213; Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Duderstadt, S. 288–290; Schickhaus, Orte Familiengeschichte, S. 163–172.
B: Trauregister aus Kirchenbüchern Südniedersachsens 1801–1850. Teil 17: Göttingen Ost. Benniehausen, Diemarden, Gelliehausen, Groß Lengden, Klein Lengden, Reinhausen, Wöllmarshausen, hrsg. von der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Göttingen, Norderstedt 2020; Eike Dietert: „…der Messias werde von hier aus kommen.“ Die Auseinandersetzungen um den Bau der Synagoge in Gelliehausen in den Jahren 1777 bis 1785, in: Göttinger Jahrbuch 50 (2002), S. 33–39; Theodor Günther: Wöllmarshausen mit seiner Umgebung einst und jetzt, Göttingen 1979.
Internet: Denkmalatlas Niedersachsen: Kirche; Kirchenanlage; Wikipedia: Kirche Wöllmarshausen.
Fußnoten
- Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien II, S. 85.
- MGH DD H II 260 [Digitalisat]; UB HS Hildesheim I, Nr. 67; Casemir, Krueger, Ohainski & Peters, 1022. Für weitere Belege und zum Ortsnamen vgl. Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 432 ff. Schickhaus, Orte Familiengeschichte, S. 163, identifiziert das 953 genannte Vuillienhusun mit Wöllmarshausen (MGH DD O I 165 [Digitalisat]), was nicht plausibel erscheint. Nach Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 99, ist Vuillienhusun mit Willensen zu identifizieren.
- UB Reinhausen, Nr. 53.
- Zu den Burgen vgl. EBIDAT, Art. Altengleichen und Art. Neuengleichen.
- Flentje/Henrichvark, Lehnbücher, S. 40, Nr. 119, und S. 46, Nr. 179.
- Schickhaus, Orte Familiengeschichte, S. 166; vgl. auch Uslar-Gleichen, Beiträge, S. 473 f., Nr. 695 und Nr. 696 [Digitalisat].
- Schickhaus, Orte Familiengeschichte, S. 80; Kayser, Generalvisitation Gesenius, S. 194.
- Bruns, Archidiakonat Nörten, S. 167-
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 708 ff.; Butt, S. 47 ff.
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 83 ff.
- Kayser, General-Kirchenvisitation I, S. 163.
- LkAH, A 8 Nr. 147 [Digitalisat, Aufnahme 8].
- Günther, S. 180.
- Zum folgenden Dietert, S. 33 ff. Vgl. auch Obenaus, Handbuch I, S. 352 ff (Art. Bremke).
- Ahlers, Pfarrbuch 1909, S. 319; Ahlers, Pfarrbuch 1930, S. 378.
- Günter, S. 181.
- LkAH, L 5c, unverz., Gelleihausen, Visitationen 1960 und 1988.
- KABl. 2009, S. 128 f.
- KABl. 2011, S. 299 ff.
- Bruns, Archidiakonat Nörten, S. 167.
- KABl. 1924, S. 86; KABl. 1937, S. 135.
- KABl. 2000, S. 150 f.
- KABl. 2022, S. 189 ff.
- KABl. 2011, S. 299 ff.
- LkAH, A 8 Nr. 147 [Digitalisat, Aufnahme 8].
- Burchard Hans Philipp und Johanna Marie heirateten 1668, ersterer verstarb 1677, vgl. Uslar-Gleichen, Urkunden I, S. 695.
- LkAH, B 2 G 9 B, Nr. 666, Bl. 38.