Seit 2017 Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig | Patrozinium: Johannes (2005) | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Das Dorf entstand gegenüber der auf einer Insel in der Nette gelegenen Burg Werder. Die Burg war im Besitz der Gf. von Werder, die sich 1105 mit Burchardus comes de Insula erstmals urkundlich nachweisen lassen.1 Um 1227 kam die Burg an die verwandten Gf. von Wohldenberg, die sie 1275 Bf. Otto von Hildesheim zu Lehen auftrugen.2 Bf. Siegfried von Hildesheim ließ sie 1292 während einer Fehde mit Hzg. Heinrich Mirabilis von Braunschweig-Grubenhagen belagern und zerstören, da die Wohldenberger auf Seiten des Welfen standen. Die Gf. errichteten daraufhin die Burg Woldenstein.3 In der zweiten Hälfte des 14. Jh. kamen die Wohldenberger Güter und Rechte in den Besitz der Bf. von Hildesheim und 1386 erhielten die Herren von Steinberg das Gut Werder als bischöfliches Lehen.4 Bis 1828 hatten sie auch die niedere Gerichtsbarkeit inne (Patrimonialgericht).5 Werder lag im Gebiet des Amtes Wohldenberg des Hochstifts Hildesheim und fiel nach Ende der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) an das welfische Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel. Mit der Restitution des Großen Stifts 1643 kehrte Werder unter stifthildesheimische Landesherrschaft zurück. Nach den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 fiel das Gebiet des Hochstifts an Preußen. In den Jahren des französischen Satellitenkgr. Westphalen zählte Werder zum Kanton Bockenem im Distrikt Goslar des Departements Oker. Danach gehörte das Dorf, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Wohldenberg, das 1852/59 im Amt Bockenem aufging. Nach der preußischen Annexion von 1866 blieb die Ämterstruktur zunächst bestehen; bei der Einführung der Kreisverfassung kam Werder 1885 zum Lkr. Marienburg (1946 Lkr. Hildesheim-Marienburg, 1977 Lkr. Hildesheim). 1974 wurde Werder in die Stadt Bockenem eingemeindet. Das landwirtschaftlich geprägte Dorf hatte um 1810 knapp 160 Einwohner, 2018 knapp 120. Zum Schutz vor Hochwasser wurde der Ort 1995/96 eingedeicht.6
Zur vorref. Kirchengeschichte des Dorfes Werder ist wenig bekannt. Die Kapelle war möglicherweise eine Gründung der Gf. von Werder.7 Einen ersten Reformationsversuch erlebte Werder, nachdem die Truppen des Schmalkaldischen Bundes 1542 den kath. Hzg. Heinrich den Jüngeren vertrieben hatten. Lgf. Philipp von Hessen und Kfs. Johann Friedrich von Sachsen setzten eine Statthalterregierung ein, die noch im gleichen Jahr eine Visitation der Gemeinden und ihrer Pastoren anordnete, 1543 die Christlike kerken-ordening im lande Brunschwig, Wulffenbüttels deles erließ und 1544 erneut Visitatoren auf den Weg schickte.8 Die Informationen zu Werder in den Visitationsprotokollen sind knapp: „Es sollen auch die vier Dorffer Storing, Boningen, Werder und Volkersen hinfurder bei der pfarr zu Bockenheim pleiben und daraus ir pfarrecht suchen und haben und von den Predigern daraus versorgt werden.“9 Ein Geistlicher aus Werder war bei den Visitationsterminen nicht erschienen. Insgesamt merkten die Visitatoren 1544 an, dass es im Amt Wohldenberg viele „ungelarte, ungeschickte und uneheliche [unverheiratete] Pfaffen“ gebe, die „auf des Hertzogen und Bischofs von Hildensheim widderkumft“ hofften.10 Diese Hoffnung erfüllte sich 1547, als Hzg. Heinrich der Jüngere das Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel wieder einnahm und sich daran machte, sein Herrschaftsgebiet zu rekatholisieren. Sein Sohn und Nachfolger Hzg. Julius, der 1568 die Regierung übernahm, führte jedoch erneut die luth. Lehre ein, ließ die Gemeinden wieder visitieren und verkündete 1569 die später sogenannte Calenberg Kirchenordnung.11
Werder gehörte seit 1573 zum Kirchspiel Schlewecke.12 In den Rechnungsbüchern der Gemeinde aus der Zeit zwischen 1576 und 1629 findet sich eine kleine Zeichnung der Kapelle in Werder. Erkennbar ist ein kleines Gebäude mit Schieferdach.13 Die gleiche Quelle berichtet aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges: „Die Soldateska raubte und plünderte – auch im Gotteshause“ (1626).14 Auch nach der Rückkehr Werders unter hildesheimische Herrschaft im Jahr 1643 (Restitution des Großen Stifts) und obwohl das Dorf dadurch mit dem Bf. von Hildesheim nun einen kath. Landesherrn hatte, blieb die kirchliche Verbindung mit dem weiterhin braunschweigischen Schlewecke bestehen. Nach Streitigkeiten zwischen den Gemeinden Schlewecke und Werder, u. a. über den Werderschen Beitrag zur Bauunterhaltung von Pfarrkirche, Schule und Pfarrhaus in Schlewecke, regelte seit 1677 eine schriftlich festgehaltene Übereinkunft die Rechte und Pflichten der Gemeinden und des Pfarrers. Darin ist auch vermerkt, „daß Schlevecke als Mater und Werder als Filia über 100 Jahr sind combiniret gewesen.“ Die Gemeinde Werder sollte fortan 25 Prozent der Kosten tragen, die zum baulichen Unterhalt der kirchlichen Gebäude anfielen.15
In einer Beschreibung der protestantischen Dörfer des Hochstifts Hildesheim von 1730 heißt es zu Werder: „Es wird diese Kirche inßgemein für ein Filial gehalten von der Mutter Kirche Schlevecke im Ambt Seesen belegen“. Der Pfarrer unterstehe „dem Wolfenbüttelschen“, die Filialgemeinde aber „dem Hildesheimischen Consistorio“.16 P. Johann Georg Marquard (amt. 1710-1760) stellte 1746 ein Corpus bonorum des Kirchspiels auf (Güterverzeichnis). Werder habe eine „kleine alte Capelle“, notierte er; über Ursprung und Gründung (Origo und Fundation) allerdings, wisse niemand etwas.17 Die Gemeinde ließ das alte Kapellengebäude 1759 neu erbauen.18 Eine Renovierung war 1844 nötig. Wegen der häufigen Hochwasserschäden war die Bauunterhaltung der Kapelle bis zur Eindeichung Werders 1996 recht aufwändig.
Ein Vertrag zwischen der Braunschweigischen und der Hannoverschen Landeskirche über die kirchliche Versorgung ihrer Grenzgemeinden bestätigte 1933 die lang etablierte Verbindung zwischen der hannoverschen KapG Werder und der braunschweigischen KG Schlewecke.19 Der Schlewecker Pfarrer hatte die Verpflichtung, pro Jahr sechs Gottesdienste in Werder zu feiern. P. Johannes Erdmann (amt. 1945-1951) verdoppelte diese Zahl auf einen Gottesdienst pro Monat.20 1968 beschloss das Braunschweiger Landeskirchenamt, die KG Schlewecke, die KG Volkersheim und die KapG Werder zu einem Pfarrverband mit Sitz in Volkersheim zusammenzuschließen. Die KapG Werder stimmte diesem Beschluss zu.21 Knapp 50 Jahre später fusionierten die beiden braunschweigischen Gemeinden 2014 zur neuen Ev.-luth. KG St. Jakobus im Ambergau.22 Bereits seit vielen Jahren strebte die KapG seinerzeit den Wechsel in die Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig an.23 Diese Pläne wurden 2017 verwirklicht: Zum 1. Januar verließ die KapG Werder die Landeskirche Hannovers. Gleichzeitig fusionierte sie mit der KG St. Jakobus im Ambergau, die sich unter gleichem Namen und unter Einbeziehung der ehemaligen KapG Werder neu gründete.24

Umfang

Das Dorf Werder.

Aufsichtsbezirk

Vermutlich Archidiakonat Bockenem der Diözese Hildesheim. – 1542/44 zur Insp. Bockenem, 1569 Insp. Baddeckenstedt.25 Seit 1651/52 Insp. der Ämter Wohldenberg und Bilderlahe (ohne festen Sitz der Suptur).26 1807 Insp. Bockenem, Sitz der Suptur. bis 1817 in Nette, dann Sehlde.27 1833 zur neu organisierten Insp. (1924: KK) Bockenem. Zum 1. April 1976 fusionierten die KK Bockenem und Hoheneggelsen, zum 1. Januar 1978 umbenannt in KK Bockenem-Hoheneggelsen.28 Zum 1. Januar 2005 mit KK Elze-Coppenbrügge zum KK Hildesheimer Land zusammengeschlossen.29 Seit Zusammenschluss der KK Alfeld und Hildesheimer Land am 1. Januar 2011 zum KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Alfeld.30 Da das zuständige Pfarramt Schlewecke jedoch in der Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig lag, übte diese Landeskirche auch die Dienstaufsicht aus (Propstei Seesen).31

Patronat

Die Herren von Steinberg, vermutlich seit dem späten 14. Jh. oder seit der ersten Hälfte des 15. Jh.32

Kirchenbau

Kleiner Rechteckbau mit Portal in westlicher Giebelseite, neu errichtet 1759 (Jahreszahl über Portal).33 Satteldach, verputztes Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung, flachbogige Fenster. Im Innern flache Brettertonne, Westempore. Renovierung 1844. Innenrenovierung 1938-40. Dachsanierung 1951, Deckensanierung 1953. Sanierung 1962 (Hochwasserschäden). Innenrenovierung 1970-71 (Seitenempore entfernt). Neue Fenster 1979. Innenrenovierung 1990.

Turm

Auf dem Westende des Daches sechsseitiger Dachreiter mit geschweifter Haube. Verschiefert, flachbogige Schallfenster, Uhrziffernblatt. Wetterfahne mit Jahreszahl 1737.34 Turm erhielt 1737 eine Uhr (Lohmann, Goslar), 1943 mit neuer Turmuhr ersetzt. Alte Turmuhr 1978 als Leihgabe an Heimatmuseum Bockenem übergeben.

Ausstattung

Schlichter Kanzelaltar, Kanzel zwischen zwei korinthischen Säulen. – Taufe aus Sandstein (16. Jh.), Becherform, achtseitig, geschmückt mit vier Wappenschilden, befand sich 1910 im „Garten des Schullehrers“.35 – Ehemaliger Taufengel (vermutlich 18. Jh., wegen der „provinziellen Ausführung des Werkes“ ist Schnitzer „im heimischen Raum“ zu suchen“36), hängt im Altarraum, hält ein Spruchband „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden“ (in den 1950er Jahren restauriert: fehlende Arme ergänzt, Flügel wieder angebracht, ursprüngliche Farbfassung wiederhergestellt).37 – Johannes der Evangelist, Holzskulptur (15. Jh.), bis 1962 am Altar oberhalb der Kanzel angebracht, dann auf Kapellenboden gelagert, restauriert und seit 1980 an Nordwand des Altarraums.38

Orgel

1965 neues Harmonium angeschafft.39

Geläut

Eine LG, c’’’, Inschrift: „anno d[omi]ni m cccc l xxxi“, Im Jahr des Herrn 1481, Bild: Ornamentfries (Bronze, Gj. 1481).40 – Früherer Bestand: 1618 Glocken erwähnt.41

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 11481-11482 (Pfarroffizialsachen); A 9 Nr. 2406 (Visitationsakten); D 44 (EphA Bockenem); S 11a Nr. 7093 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 278, Nr. 92; Blume, Beiträge, S. 15-17; Klaube, 1000 Jahre, bes. S. 84-89; Reden-Dohna, Rittersitze, S. 209; Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 193-194.
B: Autorengemeinschaft Dorfchronik Schlewecke/Volkersheim/Werder: Unsere Dörfer Schlewecke, Volkersheim, Werder und ihre Geschichte, Clausthal-Zellerfeld 2002, bes. S. 76-87.


Fußnoten

  1. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 76 (ohne Beleg).
  2. Petke, Grafen von Wöltingerode-Wohldenberg, S. 84; Kruppa/Wilke, Bistum Hildesheim 4, S. 222.
  3. Blume, Beiträge, S. 15 f.; Reden-Dohna, Rittersitze, S. 209; Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 193; Kruppa/Wilke, Bistum Hildesheim 4, S. 292.
  4. UB HS Hildesheim VI, Nr. 736.
  5. Blume, Beiträge, S. 16 f.
  6. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 260-281.
  7. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 76.
  8. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 4 und 22 ff.; Butt, Herrschaft, S. 42 ff.
  9. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 72.
  10. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 190.
  11. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 5 und 83 ff.; Butt, Herrschaft, S. 58 ff.
  12. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 17.
  13. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 79.
  14. Zit. bei Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 79.
  15. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 21 f. und 85 f., Zitat ebd., S. 85. Die Übereinkunft ist erhalten in einer Abschrift im Corpus bonorum der Kirchengemeinde von 1746.
  16. Evangelischer Kirchenstaat, S. 114. Einige der Angaben dort beziehen sich auf das Dorf Wehre (u. a. pfarramtliche Verbindung mit Schladen).
  17. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 78.
  18. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 79.
  19. KABl. 1932, S. 159 ff.
  20. LkAH, L 5h, unverz. Werder, Visitation 1947.
  21. Klaube, 1000 Jahre, S. 84.; Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 83.
  22. LkABl. 2014, S. 9 f.
  23. Klaube, 1000 Jahre, S. 85.
  24. KABl. 2017, S. 4 f.; LkABl. 2017, S. 7 f.
  25. Reller, Kirchenverfassung, S. 111, 161 und 219.
  26. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  27. LkAH, A 6 Nr. 7263.
  28. KABl. 1977, S. 36 und 145.
  29. KABl. 2005, S. 5 ff.
  30. KABl. 2011, S. 70 ff.
  31. KABl. 1932, S. 160, § 1.
  32. Reden-Dohna, Rittersitze, S. 209; Evangelischer Kirchenstaat, S. 114.
  33. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 79. Nach Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 193: 1795.
  34. Blume, Beiträge, S. 17; Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 193.
  35. Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 194.
  36. Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 278, Nr. 92.
  37. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 82.
  38. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 84 ff.
  39. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 83.
  40. DI 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 44 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di088g016k0004401.
  41. Autorengemeinschaft Dorfchronik, S. 79.