Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheim-Sarstedt | Patrozinium: Nikolaus | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Das Dorf östlich von Sarstedt wird erstmals 1103 als Guderinga urkundlich erwähnt.1 Bf. Udo von Hildesheim bestätigte mit der Urkunde dem Konvent des Hildesheimer Stifts St. Moritz den Besitz eines Hofes in Gödringen, den ihr Propst für sich beansprucht hatte. Gödringen gehörte zum Amt Ruthe im Hochstift Hildesheim. Während der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) nahmen die Welfen das Amt ein und vereinigten es mit dem Amt Koldingen (mitunter Amt Lauenburg genannt), Fsm. Calenberg. Mit der Restitution des Großen Stiftes kam das Amt Ruthe 1643 wieder an das Hochstift Hildesheim. Aufgrund der Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses fielen die stiftischen Gebiete 1803 an Preußen. Von 1810 bis 1813 gehörte Gödringen zum Kanton Sarstedt im Distrikt Hannover des Departements Aller im Kgr. Westphalen. Danach war das Dorf, nun im Kgr. Hannover, wieder Teil des Amtes Ruthe, das 1859 im Amt Hildesheim aufging. Nach der Annexion von 1866 wurde Gödringen wieder preußisch und kam 1885 zum neuen Lkr. Hildesheim. 1974 wurde der Ort nach Sarstedt eingemeindet. Die kleine Haufensiedlung blieb lange landwirtschaftlich geprägt und hat mittlerweile eher den Charakter eines Wohndorfs, in dem überwiegend Pendler leben. 1810 hatte Gödringen gut 200 Einwohner, aufgrund der Flüchtlingsströme nach Ende des Zweiten Weltkrieges lag die Einwohnerzahl 1952 bei rund 600, sank bis 1962 auf 400 und lag 2016 bei etwa 580.

Kirche, Ansicht von Nordwesten

Kirche, Ansicht von Nordwesten

Kirchlich gehörte Gödringen wohl ursprünglich zum Kirchspiel Lühnde.2 Es ist nicht bekannt, wann der Ort einen eigenen Geistlichen erhielt, die Kirche entstand vermutlich in der zweiten Hälfte des 12. Jh. Zur Zeit der Reformation gehörte Gleidingen zum welfischen Fsm. Calenberg. Hier führte die 1538 zum Luthertum übergetretene und seit 1540 als Vormund ihres minderjährigen Sohnes Erich regierende Elisabeth von Calenberg-Göttingen den neuen Glauben ein. 1542 setzte sie die von Antonius Corvinus verfasste Kirchenordnung in Kraft.3 In den Protokollen der Kirchenvisitation von 1542/43 wird mit P. Ludwig Lohne der Name des ersten luth. Predigers in Gödringen genannt.4 Elisabeths Sohn übernahm 1545 als Erich II. die Regierung und trat 1547 zum Katholizismus über; eine völlige Rekatholisierung des Fsm. scheiterte jedoch an den Calenbergischen Ständen, die 1553/55 die Beibehaltung der Lehre Luthers durchsetzten. Nach Erichs Tod fiel Calenberg 1584 an Braunschweig-Wolfenbüttel und Hzg. Julius führte seine 1569 aufgestellte KO auch hier ein.5

Kirche, Blick zum Altar, 1934

Kirche, Blick zum Altar, 1934

Zu den bekanntesten Geistlichen der Gemeinde Gödringen gehört P. Johannes Bissendorf (amt. 1621-1629), der als einziger Märtyrer der hannoverschen Landeskirche gilt. Wegen seiner polemischen Schriften gegen die katholische Kirche und den Jesuitenorden (u. a. 1613 „Drey Christliche Gespreche zwischen einem Evangelischen Christen und irrenden Papisten“) wurde er etwa 1628 gefangen genommen und 1629 wegen Landfriedensbruchs, Gotteslästerung und Missachtung der Reichsgesetze in Steuerwald enthauptet. Sein Leichnam wurde 1635 nach Gödringen überführt und in der Kirche bestattet.6 Um 1688 ließ die Gemeinde die Kirche erneuern: die Wände wurden erhöht und das Gebäude erhielt ein neues Dach. 1827 wurden die heutigen Fenster in die Langhauswände gebrochen. Von 1885 bis 1891 war die Pfarrstelle in Gödringen vakant und das Landeskonsistorium erwog die Zusammenlegung mit Hotteln, die jedoch nicht verwirklicht wurde.7 In der Zeit der Weimarer Republik wirkte der 1919 aus Lettland geflohene P. Rudolf Gurland (amt. 1922-1930) in Gödringen, zugleich war er im Gustav-Adolf-Verein aktiv. In seine Amtszeit fiel die umfassende Kirchenrenovierung im Vorfeld der Bissendorf-Gedächtnis-Feier 1929. Die Pfarrstelle Gödringen blieb unbesetzt, nachdem Gurland nach Meine gewechselt war, und wurde von Hotteln aus mitversehen. Bei der Kirchenwahl 1933 zogen drei Kandidaten in den Kirchenvorstand ein, die gleichzeitig ein Amt in der NSDAP innehatten: „Zwei von diesen waren völlig unkirchlich“, wie der Hottelner Pastor 1946 berichtete.8 Auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt Gödringen keinen eigenen Pfarrer mehr. Zum 1. April 1970 vereinigten sich die KG Bledeln und Gödringen mit der KG Hotteln.9 Mittlerweile gehört das Dorf zur „Ev.-luth. Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde Sarstedt-Land“, zu der sich zum 1. Januar 2012 die KG Algermissen, Groß Lobke, Hotteln, Lühnde, Oesselse und Wirringen-Müllingen-Wassel zusammengeschlossen haben.10

Umfang

Das Dorf Gödringen.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Lühnde der Diözese Hildesheim. – 1542 zunächst der LSuptur des Fsm. Calenberg unterstellt, 1588 bei der kurzlebigen Insp. Lühnde11, etwa 1594 Insp. Pattensen. Seit etwa 1651 Insp. der Ämter Ruthe, Steinbrück und Steuerwald (ohne festen Suptur.-Sitz).12 1812 Insp. (1924: KK) Sarstedt, 1941 mit KK Hildesheim vereinigt. Ab Mai 1957 zum wiedererrichteten KK Sarstedt.13 Dieser zum 1. Januar 1999 mit dem KK Hildesheim zum KK Hildesheim-Sarstedt vereinigt.14

Patronat

Sültekloster (Bartholomäusstift) in Hildesheim, 1448 von Bf. Magnus von Hildesheim bestätigt.15 Im Tausch gegen das Patronat in Ahrbergen kam es 1695/97 an den Bf. von Hildesheim (bis 1803). Dann der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1938

Kirche, Grundriss, 1938

Zweiachsige romanische Saalkirche aus Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung, geradem Ostschluss und Satteldach, erbaut vermutlich zweite Hälfte 12. Jh. Wände des Langhauses um 1688 erhöht. 1827 große, rundbogige Fenster gebrochen. Im Innern hölzerne Muldendecke, u-förmige Empore. Renovierungen 1929 und 1961. Dach-, Fassaden- und Turmsanierung 2010. 1929 Reste mittelalterlicher Wandmalereien entdeckt, nicht restauriert.16 2010 Reste barocker Deckenmalereien entdeckt (Auferstehung Christi), weitere Untersuchung 2013, Restaurierung geplant.

Turm

Westturm, erbaut 14./15. Jh., eventuell anstelle eines Vorgängers; Turmhalle mit Kreuzgewölbe; Turmhelm mit flachem Ansatz und achteckig ausgezogener Spitze, Auslegestuhl für Uhrschlagglocke nach Osten, erbaut 1734/35 (vorher Satteldach). Neue Turmuhr 1905 (J. F. Weule, Bockenem).

Ausstattung

Kanzelaltar (Stiftung des Hildesheimer Bürgers H. Arnold, 1688), zweistöckiger architektonischer Aufbau, fünfseitig vortretender Kanzelkorb mit kannelierten Eckvorlagen (Stiftung des Joh. Friedrich Storre, um 1680, 1800 in den Altar eingefügt) flankiert von zwei gedrehten Säulen; darüber ein Gemälde des Evangelisten Johannes, ebenfalls flankiert von zwei gedrehten Säulen; bekrönende Kreuzigungsgruppe, in der Predella Abendmahlsbild, darüber Textfeld; Schnitzwerk und Bemalung von Hildesheimer Meistern; 1982/83 restauriert. – Taufengel, Stiftung von Ludolf Christian Dörrien, Bürgermeister der Hildesheimer Neustadt (1698); im 19. Jh. eingelagert, 1929 restauriert und wieder in der Kirche aufgehängt; 1961 die fehlenden Füße und Hände ergänzt; 1982/83 restauriert; seit 2000 wieder für Taufen genutzt. – Bildnis des P. Johannes Bissendorf (amt. 1621-1629). – Mehrere Grabsteine und Gedenktafeln in Turmhalle und Kirchenschiff.

Kirche, Blick zur Orgel

Kirche, Blick zur Orgel

Orgel

Erste Orgel 1705. 1893 Neubau durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 7 I/P, mechanische Traktur, Kegelladen, Pedal mit pneumatischer Taschenlade, (Opus 291); 1978/79 Renovierung durch Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen).

Geläut

Zwei LG, I: fis’ (Bronze, Gj. 1695, Johann Bernward Becker und Jobst Heinrich Lampen, Hildesheim); II: a’ (Bronze, Gj. 1925, Firma Radler, Hildesheim),. – Eine SG: f’’ (Bronze). LG I und SG 1942 zu Kriegszwecken abgegeben, nicht eingeschmolzen und seit 1947 wieder in der Kirche, LG I dabei versehentlich abgeliefert, eigentlich LG II zur Abgabe vorgesehen.17

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (zweistöckiger Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach, 1971, nach Vereinigung mit KG Hotteln verkauft). – Küsterhaus (Bj. um 1800, einstöckiger Bau mit Satteldach, 1987 abgerissen).

Friedhof

Ursprünglich rund um die Kirche. Neuer Friedhof am westlichen Ortsrand, in kirchlicher Trägerschaft.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 3820-3822 (Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 805 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 2787-2795 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 807-810 (Visitationen); D 46 (EphA Sarstedt); S 11a Nr. 7539 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 244, Nr. 21; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 505; Jürgens u. a., KD Lkr. Hildesheim, S. 64-68; Meyer, Pastoren I, S. 322 f.; Plath, Konfessionskampf, S. 243-258.
B: Nikolai-Kirche zu Gödringen, [Hildesheim 1999]; Stephan Bitter und Hans-Heinrich Gurland (Hg.): Unsichtbare Kirche. Rudolf Gurlands Erleben des Bolschewismus und des Nationalsozialismus, Rheinbach 22000, bes. S. 89-93; Ulrich Bongertmann und Jürgen Stillig: Zwei jesuitische Quellen zum Hildesheimer „Fall Bissendorf“ – Konfessionelle Polemik als Geschichtsbewältigung, in: Die Diözese Hildesheim. Jahrbuch des Vereins für Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim 58 (1990), S. 61-68; Margarethe Hanusa: Gödringen – Ein kleines Dorf im Brennpunkt der Interessen, Gödringen, 2003.


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 157.
  2. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 351, Anm. 708.
  3. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 708 ff.
  4. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 431.
  5. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 83 ff.
  6. Plath, Konfessionskampf, S. 243 ff.; Bongertmann/Stillig.
  7. LkAH, A 5 Nr. 805.
  8. LkAH, S 1 H III Nr. 316, Bl. 10.
  9. KABl. 1970, S. 96f.
  10. KABl. 2012, S. 2 ff.
  11. Steinmetz, GSup. Calenberg, S. 34 f.
  12. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  13. KABl. 1957, S. 61.
  14. KABl. 1998, S. 211 f.
  15. Ahlhaus, Patronat, S. 40.
  16. Jürgens u. a., KD Lkr. Hildesheim, S. 66.
  17. LkAH, B 2 G 9 B/Gödringen Bd. 1, Bl. 4.