Sprengel Hannover, KK Burgwedel-Langenhagen | Patrozinium: Michael | KO: Lüneburger KO von 1643

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Orts- und Kirchengeschichte

Das Haufendorf Bissendorf (seit 1974 Ortsteil der Gemeinde Wedemark) wird 1285 als Biscoupinctorpe erstmals erwähnt. 1360 erscheint es im Lüneburger Lehnsregister. In den Fehden zwischen Hzg. Bernhard/Bf. Johann von Verden und Hzg. Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel wurde es 1458 verwüstet. Nach der Festigung der Landeshoheit der Welfen war Bissendorf von 1560 bis 1852 Sitz eines Amtsvogts. 1852 zum Amt Burgwedel, 1885 Kreis Burgdorf.

Kirche, Ansicht von Nordwesten

Kirche, Ansicht von Nordwesten

Die Christianisierung der Region wurde von Minden aus betrieben. Für Bissendorf und den umliegenden Loingau entstand die erste Missionskirche in Engelbostel. Nachdem bis Ende des 10. Jh. das Bm. Hildesheim seinen Einfluss bis in die Wedemark vorgeschoben hatte, wurde Bissendorf im Zuge der Neufestsetzung der Diözesangrenzen hildesheimisch und erhielt wohl im 11. Jh. am Rande der Siedlung, vielleicht auf dem Platz einer vorchristlichen Kultstätte, seine erste Kirche. Die Gründung dürfte noch in der Zeit von Bf. Bernward (993–1022) erfolgt sein, doch ist Bissendorf als Pfarrkirche erst 1295 urkundlich belegt.1 Als erster Geistlicher erscheint 1474/87 der Pleban Henning Dedeke, zugleich um 1481 Barthold Rude und der für die Versorgung der Mellendorfer Kapelle zuständige Vizepleban Johann Lindeman. Dedeke ging vermutlich nach einer von ihm vorgenommenen Urkundenfälschung zugunsten eines Brelinger Bauern seines Amtes verlustig. Seine Nachfolger waren 1487 bis 1522 Jacob Struve, danach (erwähnt im Landsteuerverzeichnis von 1523) und Diderich von Bothmer, ein früherer Mönch des Lüneburger Michaelisklosters, der vor 1531 das luth. Bekenntnis annahm. Die Reformation war im Fsm. Lüneburg ab 1527 durch Ernst den Bekenner eingeführt und in der Großvogtei Celle 1529 durch Urbanus Rhegius durchgesetzt worden. 1534 ist der P. Brun van Wulle belegt.2 Bei der Visitation der Gemeinde durch Martin Ondermarck (1543) wird ein P. Albertus genannt und als non multum aptus bezeichnet.3 Im Zuge der Reformation wurde auch die 1553 erstmals erwähnte Küsterschule gegründet.

Kirche, Ansicht von Nordosten, Grafik, 1902

Kirche, Ansicht von Nordosten, Grafik, 1902

P. Ernst Sperber (amt. ab 1928) war ab 1937 Mitglied der BK. Die Gründung einer DC-Ortsgruppe wurde im Frühjahr 1934 durch Pfarrer und KV verhindert. Vom KV trat ein Mitglied (zugleich Blockwart der NSDAP) später aus. Im Übrigen hat sich der KV kirchliche bewährt. Der früher rege ev. Jungmädchenbund musste seine Arbeit während des Krieges einstellen. Die ev. Bekenntnisschule wurde stillschweigend in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt.
Mit der Ausweisung von Neubaugebieten, besonders westlich der Bahnstrecke kam es nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem starken Anwachsen der Einwohnerzahl, die sich in den Jahren zwischen 1956 und 1980 mehr als verdoppelte. Zudem entwickelte sich durch die Niederlassung von ausgebombtem Stadtbewohnern und Ostflüchtlingen die ehemalige Wochenendsiedlung der Hannoveraner in Bissendorf-Wietze zu einer Dauersiedlung (seit 2011 als eigener Ortsteil der Gemeinde Wedemark ausgewiesen). Die kirchliche Versorgung dort wurde anfangs einmal monatlich durch einen GD in der Wietzeschule gewährleistet. Auf Initiative von P. Walter Glindmeier gründete sich 1960 ein Kirchenbauverein. Zum 1. Januar 1967 wurde eine Pfarrvikarstelle4, 1968 eine zweite (halbe) Pfarrstelle errichtet. Im Mai 1968 wurde der erste Bauabschnitt des Gemeindezentrums am Natelsheideweg mit Pfarrhaus, Foyer und Gemeindesaal seiner Bestimmung übergeben. Die am 7. Dezember 1968 eingeweihte Christophorus-Kirche bildet heute den Mittelpunkt des zweiten Pfarrbezirks (für die Ortsteile Bissendorf-Wietze, Wennebostel-Wietze und Gailhof, seit 1989 auch Kleinburgwedel-Wietze).

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: 1968 – III: 1. Juli 1987.5

Umfang

Das Ksp. umfasste im Mittelalter die Dörfer Bennemühlen, Hellendorf, Mellendorf, Wennebostel, Scherenbostel, Schlage-Ickhorst, Hainhaus, Maspe und Twenge. Mellendorf wurde um 1529 durch einen kinderlos verstorbenen Herrn von Mellendorf als Pfarrkirche fundiert und aus dem Ksp. herausgelöst.6 Noch um 1525 wird auch die KapG Negenborn zu Bissendorf gerechnet, die 1534 der Pfarre in Brelingen unterstand. Bestand 1823: Die Dörfer Bennemühlen, Bissendorf, Gailhof, Hellendorf (mit Sommerbostel), Ickhorst, Scherenbostel (mit Buchholz), Wennebostel, Wichendorf, zwei Höfe von Mellendorf sowie die einzelnen Häuser Mohmühle, Schlage, Hainhaus, Maspe und Twenge. Umgepfarrt wurden am 1. Oktober 1948 die Ortschaft Bennemühlen in die KG Brelingen7, am 1. Januar 1954 die Ortschaft Hellendorf in die KG Mellendorf8 und am 1. Juli 1965 die Wohnplätze Hainhaus, Maspe und Twenge in die KG Krähenwinkel.9 Bei einer Grenzänderung zwischen der Michaelis-KG Bissendorf und der Petri-KG Burgwedel wurden zum 1. Oktober 1990 einige Straßen in der nördlichen Wietze-Siedlung von Burgwedel der KG Bissendorf zugewiesen.10

Aufsichtsbezirk

Die mittelalterliche Archidiakonatszugehörigkeit ist umstritten, vielleicht ursprünglich Archidiakonat Mandelsloh der Diözese Minden11 und später Archidiakonat Sievershausen der Diözese Hildesheim.12 – Nach der Reformation zur Insp. Celle (1531 Errichtung der Suptur.), 1810 zur Insp. Winsen/Aller, 1825 zur Insp. Schwarmstedt und von dort 1869 an die neu errichtete Insp. (1924: KK) Burgwedel. Seit 1. Januar 2001 KK Burgwedel-Langenhagen.

Patronat

Der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau – Michaeliskirche

Der mittelalterliche Kirchenbau erwies sich angesichts steigender Einwohnerzahlen im Laufe der Zeit als zu klein. Neubaupläne kamen 1756 erstmals auf. 1768/69 wurde schließlich der heutige barocke Kirchenbau errichtet und am 22. Oktober 1769 durch Konsistorialrat Jacobi aus Celle eingeweiht. 1855 erhielt die Kirche eine neue Kanzel mit Schalldeckel (aus der Kirche in Pöhlde übernommen). Fünfachsige, rechteckige Bruchstein-Saalkirche mit flachbogigen Sandsteingewänden an Fenstern und Türen (1768/69). Das Dach ist nach Osten abgewalmt. Gliederung des Innenraums in drei Schiffe durch eine dreiseitig umlaufende Emporenanlage. Spiegelgewölbe. Bei einer umfassenden Innenrenovierung wurde 1966/69 die frühere Ausstattung im Bauernbarock beseitigt; zugleich Neugestaltung des Altarraums und Verkürzung der Emporen.

Turm

Quadratischer Wehrturm aus Raseneisenstein (wohl 12. Jh., 1680 und 1794 erneuert). Pyramidendach. Die Turmhalle wurde als Gedenkstätte für die Toten der Weltkriege ausgestaltet.

Grablege

In der alten Kirche befanden sich Grabgewölbe für Amtsvögte und P. sowie die Besitzer des Guts Bennemühlen.

Ausstattung

Bei der Renovierung 1966/69 wurde der barocke Kanzelaltar aus dem 18. Jh. abgebaut und durch eine Altarwand mit dem Abendmahlsbild aus der früheren Predella ersetzt. Das von W. Richters und H. Ernst Bangemann 1699 gestiftete Altarbild war wohl aus einer anderen Kirche übernommen worden. An der Wand hinter dem neuen Tischaltar befindet sich eine kupferne Rundplastik des auferstandenen und segnenden Christus von Bildhauer Peter Greve (Bissendorf-Wietze, 1968). – Farbig gefasste hölzerne Taufe (gestiftet 1679 durch den damaligen Amtsvogt Caspar von Heimburg) – Bildnis Martin Luthers (um 1830). – Farbig gefasste Grabplatte des P. Leopold Cölle (Collenius, † 1652), vermutlich von Hermann Bartels. – Im Turm Grabplatte des Amtsvogts Cordt von Bestenbostel († 1621) und seiner Frau Catharina von Weihe (Stifter der Bissendorfer Schule). – An der Außenfassade weitere Grabplatten des 17./18. Jh., u. a. an der Westseite des Turms der Grabstein des reitenden Försters Hans Strein aus Wennebostel († 1602).

Orgel

Die erste Orgel soll der Amtsvogt Cordt von Bestenbostel 1600 der Kirche geschenkt haben. 1694 Neubau durch Johann Josua Mosengel, 9 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Die Orgel wurde beim Neubau des Kirchenschiffs 1768 übernommen und erweitert. 1810 Instandsetzung durch den Orgelbaumeister Büßmann (Wettmar). 1851 Neubau durch Johann Andreas Engelhardt (Herzberg). 1929 Neubau durch Lothar Wetzel (Hannover), pneumatische Traktur; wurde im Zuge der Kirchenrenovierung 1966 entfernt und vorläufig durch ein Harmonium ersetzt. 1974/80 Neubau durch Firma Hillebrand (Altwarmbüchen) nach Disposition von KMD Adolf Sörensen (Celle), 11 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Die Balganlage von 1929 wurde übernommen. 2014 Renovierung durch die Orgelbau in Ostfriesland GmbH & CO KG (Uplengen).

Geläut

Fünf LG, I: fis’; II: a’; III: h’; IV: d’’ (alle Bronze, Gj. 1962 Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg). V: fis’’ (Reformationsglocke, Bronze, Gj. 1540, ursprünglich SG, nach Beschädigung vor 1901 außer Gebrauch genommen und zwischenzeitlich in der Turmhalle aufgestellt; wurde zwischen 1955 und 1960 geschweißt, wieder aufgehängt und als Taufglocke genutzt). – Zwei SG, I: fis’’ (Bronze, Gj. 1986, Karlsruher Glocken- und Kunstgießerei; an der Südseite des Turms); II: b’’ (Bronze, Gj. 1497 oder 1594, Dauerleihgabe des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover; an der Westseite des Turms). – Früherer Bestand: Glocken sind seit 1691 belegt. In diesem Jahr wurde eine kleinere LG umgegossen. Der Bestand von 1777 umfasste zwei LG und eine SG. Von den LG wurde die größere ebenfalls mehrfach (u. a. 1794; 1868 bei F. Dreyer, Linden/Hannover) umgegossen, die kleinere zuletzt 1834 ebenfalls durch Friedrich Dreyer. Im Ersten Weltkrieg wurden beide LG zu Rüstungszwecken abgeliefert, die kleinere jedoch nach Kriegsende unbeschädigt zurückgegeben. 1925 erhielt die Gemeinde zwei neue LG aus Eisen in es’ und as’ durch die Firma Schilling und Lattermann in Apolda. Die mittlere Glocke (vermutlich ges’) wurde im Zweiten Weltkrieg abgeliefert. Eine von den Bronzeglocken wurde zurückgegeben. Die beiden nach dem Ersten Weltkrieg angeschafften Stahlglocken wurden 1962 an die Kirche in Elze-Bennemühlen abgegeben. – 1882 und 1911 beschaffte die KG jeweils neue SG aus Gusseisen, die 1986 durch die beiden heutigen ersetzt wurden; eine SG von 1911 wurde an die Christophoruskirche in Bissendorf-Wietze abgegeben.

Kirchenbau – Christophoruskirche

Modernes Gemeindezentrum mit einem oktogonalen, außen mit Holz verkleideten Kirchsaal/Altarraum (Architekt: Wilfried Ziegemeier, Isernhagen).

Ausstattung

Schlichte, moderne Ausstattung aus hellem Holz. Über dem Altar ein von der Werkkunstschule Hannover erworbenes dreiteiliges Relief.

Orgel

Ein anfänglich genutztes Harmonium wurde 1968 durch ein Elektronium der Firma Ahlborn ersetzt. 1991 weiteres Elektronium der Firma Ahlborn, 29 II/P.

Geläut

Eine LG (Gusseisen, Gj. 1911, ehemalig SG aus der Michaeliskirche).

Friedhof

Eigentum der KG. Beisetzungen ursprünglich auf dem Kirchhof (1827 als Begräbnisplatz aufgegeben). 1823 Neuanlage des Friedhofs am damaligen nördlichen Ortsrand, 1965/66 erweitert. FKap.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 1105–1134 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 857–866 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 9 Nr. 231–236 (Visitationen); D 10, Nr. 64–68 (Urkunden); D 33 (EphA Burgwedel).

Literatur

A: Aust/Benne u. a., Kirchen, Klöster, Kapellen, S. 243–245; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 226; Krumm, Denkmaltopographie Region Hannover, S. 484 f.; Mithoff, Kirchen und Kapellen Lüneburg, S. 367; Wolff, KD Kr. Burgdorf und Fallingbostel, S. 13–16.
B: 25 Jahre evangelisch-lutherische Christophoruskirche in Bissendorf-Wietze (1968–1993) [auch online, www.kirche-bissendorf.de]; Richard Brandt: Die Gemeinde Wedemark, das Tor zur Südheide, [Wedemark-Wennebostel] 1980; Festausschuss Bissendorf (Hg.):Festschrift zur 600-Jahr-Feier der Gemeinde Bissendorf Kreis Burgdorf, [Burgdorf 1960]; Hans Graeven: Meßkelch und Patene aus Bissendorf im Kestner-Museum zu Hannover, in: Hannoversche Geschichtsblätter 4 (1901), S. 49–60; Hellmuth Hahn und Gabriele Fricke: Die Pastoren in Bissendorf. Auszüge aus Amt, Kirche und Schule (= Edition Familienkunde Niedersachsen 11), Hannover 2010; Hellmuth Hahn und Friedrich Lüddecke: Die Michaeliskirche zu Bissendorf, [Bissendorf 2001]; Heinrich Henstorf: Chronik von Bissendorf, Hannover 1939; Fritz Traugott Schulz: Bissendorf, seine Geschichte und Kunstdenkmäler, ein Beitrag zur Orts- und Kunstgeschichte des Fürstenthums Lüneburg, in: Hannoversche Geschichtsblätter 4 (1901), S. 118–125.


Fußnoten

  1. Heinemann, Bistum Hildesheim, S. 102, Anm. 189.
  2. Salfeld, Pfründenregister, S. 101.
  3. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 492.
  4. KABl. 1967, S. 23.
  5. KABl. 1987, S. 76.
  6. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 493, Anm. 1060.
  7. KABl. 1948, S. 91.
  8. KABl. 1954, S. 19.
  9. KABl. 1965, S. 203.
  10. KABl. 1990, S. 115.
  11. So u. a. Wolff, KD Kr. Burgdorf und Fallingbostel, S. 13; Schulz, S. 118 f.
  12. Hennecke, Archidiakonatsregister, S. 171; Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien II, S. 28.