Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheim-Sarstedt | Patrozinium: Nikolaus | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

In einer vermutlich Anfang des 12. Jh. gefälschten und auf das Jahr 1022 datierten Urkunde mit einem Güterverzeichnis des Hildesheimer Michaelisklosters wird das Dorf Oesselse, heute Teil der Ortschaft Ingeln-Oesselse in der Stadt Laatzen, erstmals als Oslevehem genannt.1 Oesselse gehörte zum Amt Ruthe des Hochstifts Hildesheim, das in der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) an die Welfen fiel. Vereinigt mit dem Amt Koldingen bildete Ruthe das Amt Lauenburg (mitunter auch Koldingen genannt) des Fsm. Calenberg. Seit der Restitution des Großen Stifts 1643 gehörte das Amt Ruthe mit Oesselse wieder zum Hochstift Hildesheim. Aufgrund der Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses kam das Stiftsgebiet 1803 an Preußen. Von 1807 bis 1813 gehörte Oesselse zum Kanton Sarstedt, der bis 1810 Teil des Distrikts Hildesheim im Departement Oker und dann bis 1813 Teil des Distrikts Hannover im Departement Aller des Kgr. Westphalen war. Danach kam das Dorf, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Ruthe, das 1859 in das Amt Hildesheim eingegliedert wurde. Seit der Annexion des Kgr. Hannover im Jahr 1866 war Oesselse wieder preußisch und kam 1885 zum Lkr. Hildesheim. 1974 wurde der Ort nach Laatzen eingemeindet und bildet seitdem zusammen mit Ingeln die Ortschaft Ingeln-Oesselse. Oesselse hatte 1813 knapp 290 Einwohner, 1938 knapp 370. Evakuierte und Geflüchtete ließen die Bevölkerungszahlen nach 1945 stark steigen, bis Ende der 1950er Jahre sanken sie jedoch wieder ab (1951: gut 630, 1960: knapp 500). Mit den 1960er Jahren setzte ein stetiger Zuzug ein, der die Sozialstruktur der lange landwirtschaftlich geprägten Nachbardörfer Ingeln und Oesselse veränderte, denn die „Neubürger sind durchweg kleine Arbeitnehmer“.2 1966 hatten Ingeln und Oesselse etwa 1.250 Einwohner, 2017 knapp 4.000.

Kirche, Ansicht von Südwesten, 1957 (?)

Kirche, Ansicht von Südwesten, 1957 (?)

Ältestes erhaltenes Zeugnis der Oesselser Kirchengeschichte ist der Kirchturm, der vermutlich aus dem frühen 13. Jh. stammt. An vorref. Geistlichen ist namentlich Pfarrer Hermann bekannt, der sich 1459 nachweisen lässt.3 Möglicherweise noch in seiner Amtszeit ließ die Gemeinde 1466 das Kirchenschiff erneuern. Zur Zeit der Reformation gehörte Oesselse zum welfischen Fsm. Calenberg. Hier führte Elisabeth von Calenberg-Göttingen den neuen Glauben ein. Sie war 1538 zum Luthertum übergetreten und regierte seit 1540 für ihren minderjährigen Sohn Erich. 1542 setzte sie die von Antonius Corvinus verfasste Kirchenordnung in Kraft und ließ danach die Gemeinden des Fsm. visitieren.4 Die Visitationsberichte von 1543 überliefern mit P. Tilo Garße (amt. 1543) den Namen des ersten luth. Predigers in Oesselse. Darüber hinaus ist vermerkt: „Collatio gehet von den Bauren“5, das heißt die Gemeinde wählte ihren Geistlichen selbst. Zum Kirchspiel Oesselse gehörte seinerzeit die Capellen zu Ingelen (Ingeln) und auch in Mullingen die Capella (Müllingen).6 Im Jahr 1545 übernahm Elisabeths Sohn als Erich II. die Regierung und trat 1547 wieder zum kath. Glauben über; eine völlige Rekatholisierung des Fsm. scheiterte jedoch an den Calenberger Ständen, die 1553/55 die Beibehaltung der Lehre Luthers durchsetzen konnten. Nach Erichs Tod fiel Calenberg 1584 an Braunschweig-Wolfenbüttel und Hzg. Julius führte seine 1569 aufgestellte KO auch hier ein.7 Im Bericht über die Generalvisitation des Fsm. von 1588 weisen die Visitatoren darauf hin, dass die Kirche baufällig sei und heben erneut das Recht der Gemeinde zur Wahl ihres Pfarrers hervor: „die Leute haben ius nominationis, vocationis, patronatus.“8 Das Patronat über ihre Kirche musste die Gemeinde regelmäßig verteidigen, im 17. Jh. auch vor dem Reichskammergericht. Das Gericht entschied 1674, die Gemeinde habe das Patronatsrecht vor, während und nach 1624 besessen und solle es daher auch zukünftig haben.9 In einer Beschreibung der ev. Dörfer des kath. Hochstifts Hildesheim, zu dem der Ort seit 1643 wieder gehörte, heißt es 1730, hinsichtlich der Einkünfte sei Oesselse „eine der besten Pfarren in hiesigen Ambte“.10 Das Dorf Müllingen war 1644 aus dem Kirchspiel ausgeschieden.

Kirche, Blick zur Kanzelaltarwand, Urheberrecht: Bildarchiv: Niedersächsisches Landesverwaltungsamt Hannover, Landeskonservator

Kirche, Blick zur Kanzelaltarwand, Bildarchiv: Niedersächsisches Landesverwaltungsamt Hannover, Landeskonservator

Bereits im späten 18. Jh. kaufte die Gemeinde Baumaterial, um die Kirche zu reparieren oder zu erneuern. 1828 empfahl Konsistorialbaumeister Friedrich August Ludwig Hellner (1791-1862) den Neubau der Kirche oder ihre Erweiterung nach Osten, aber erst 1835 stimmten die Oesselser den Neubauplänen zu.11 Es sei „kein Geringes“, schrieb P. Johann Ferdinand Brauns (amt. 1834-1851), „wenn sich in unsern, für den Landmann so drueckenden Zeiten, eine Gemeinde, die neben ihren wohlhabenden Mitgliedern auch sehr viele arme zaehlt“ einen solchen Plan fasse.12 Jeder könne „an diesem verwitterten Felsen die Vergänglichkeit alles Irdischen“ erkennen und diese „Pforten des Himmels“ müssten fallen, „weil sie die Menge der Glaeubigen nicht mehr fassen, weil sie unter der Last ihrer Jahrhunderte den Einsturz drohen“, sagte P. Brauns in seiner letzten Predigt vor Abriss der alten Kirche.13 Den Text veröffentlichte er, um mit dem Verkaufserlös zum Bau einer neuen Orgel beizutragen. Den Grundstein zum neuen Kirchenschiff legte die Gemeinde am 3. Mai 1836, am 24. September 1837 konnte sie den „erhabenen Tempel“ einweihen.14 In seiner Einweihungspredigt dankte P. Brauns dafür, dass sich beim Bau „Niemand auch nur ein Gliedmaß verletzt“ habe.15
Während der NS-Zeit war zunächst P. Karl Wilhelm August Hennies (amt. 1926-1939) im Kirchspiel Oesselse tätig, er stand den DC nahe. Allerdings sei die Beteiligung der Gemeinde an DC-Veranstaltungen gering gewesen, berichtete sein Nachfolger und Mitglied der BK P. Martin Kühhirt (amt. 1940-1946).16 In der Nachkriegszeit wirkte P. Paul Gäbler (amt. 1947-1950) in Oesselse, der zuvor als Missionar in Indien gearbeitet hatte und später Missionswissenschaften an der Universität Göttingen lehrte. Auch sein Vorgänger P. Kühhirt war zuvor als Missionar im Ausland gewesen (Afrika), ebenso sein Nachfolger (Japan). In seinem Bescheid zur Visitation 1951 merkte LSup Rudolf Detering (amt. 1936-1961) an, Oesselse sei „in besonderer Weise Frontabschnitt. In die frühere Kirchlichkeit ist ein Einbruch erfolgt. Hier findet heute ein Pastor keine leichte Situation vor.“17 Der Kirchenvorstand spiegele die Struktur der Gemeinde, hatte der Visitator berichtet: „fest am Alten haltende und schwierige kalenberger Eingesessene, aber auch aktive, moderne, geistliche Flüchtlinge und junger Bauernnachwuchs.“18
1981 konnte die Gemeinde ihr seit 1972 geplantes Gemeindehaus einweihen. Sie unterhielt zudem den 1935 von der Ebelingschen Stiftung in Ingeln eingerichteten ev. Kindergarten. Von 2005 bis 2009 war Oesselse pfarramtlich mit der KG Hotteln verbunden.19 Das gemeindliche Leben unterstützt der Förderverein St. Nicolai in Ingeln-Oesselse. Die nächste gemeindliche Neuordnung erfolgte zum 1. Januar 2012, als die KG Oesselse mit den KG Algermissen, Groß Lobke, Hotteln, Lühnde, und Wirringen-Müllingen-Wassel fusionierte und sich damit die neue Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde Sarstedt-Land gründete.20

Umfang

Oesselse und KapG Ingeln.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Sarstedt der Diözese Hildesheim.21 – 1542 zunächst der LSuptur des Fsm. Calenberg unterstellt, 1588 bei der kurzlebigen Insp. Lühnde22, etwa 1594 Insp. Pattensen. Seit etwa 1651 Insp. der Ämter Ruthe, Steinbrück und Steuerwald (ohne festen Suptur.-Sitz).23 1812 Insp. (1924: KK) Sarstedt, 1941 mit KK Hildesheim vereinigt. Ab Mai 1957 zum wiedererrichteten KK Sarstedt.24 Dieser zum 1. Januar 1999 mit dem KK Hildesheim zum KK Hildesheim-Sarstedt vereinigt.25

Patronat

Der Archidiakon von Sarstedt. Spätestens seit der Reformation die Gemeinde.

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1938

Kirche, Grundriss, 1938

Klassizistische Saalkirche mit niedrigem, fünfseitigem Sakristeianbau im Osten, errichtet 1836-37 nach Plänen Friedrich August Ludwig Hellners. Walmdach, Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung, hohe rundbogige Fenster an Langhaus; Inschrift an Sakristei: „Nachdem 1466, nebst. Thurm, gebauete, in 30-jahren Krige verwüstete 1647 wiederhergestelt S. Nicolai Kirche, nach der letzte Predigt am 20ten März 1836 niedergerissen war, wurde den 3. Mai desselben Jahrs der Grundstein zu der neuen Kirch gelegt, und da diese im Sept. 1837 so glücklich vollendet dasteht, so singen wir Ehre sei Gott in der Höhe. Baumeister Hellner, Mauermeister Frankenberg, Bauherrn Christ. Sonnemann, Conrad Ebeling.“26 Im Innern schlichte Bretterdecke, Westempore mit kurzen Flügeln entlang Nord- und Südseite auf dorischen Säulen. Reparatur 1890; etwa 1907 dekorative Neuausmalung, 1938 übertüncht. Renoviert 1961. Dezember 2003 bis Juli 2004 geschlossen wegen Rissen im Mauerwerk, 2007-09 Sanierung.

Turm

Querrechteckiger Westturm, frühes 13. Jh., Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung; gekuppelte Schallöffnungen (Triforien an Querseiten, je zwei Biforien an Längsseiten), Teilungssäulchen mit Würfelkapitellen; Eingänge nach Norden und Süden; verschieferter Turmhelm mit rechteckigem Ansatz und hoher, achteckig ausgezogener Spitze, Uhrgauben nach Norden und Süden, Auslegestuhl für Uhrschlagglocke nach Osten. Glockenstuhl datiert 1700.

Vorgängerbau

Einschiffiger Bau mit eingezogenem Rechteckchor, errichtet 1466. 1783 Gewölbe herausgebrochen und flache Decke eingezogen, Einbau einer zweiten Empore über der ersten. Erweiterungspläne nicht umgesetzt, 1836 abgebrochen.27

Ausstattung

Tempelartige Altarwand mit vier korinthischen Pilastern, darüber Architrav mit Palmettenfries, in der Mitte fünfseitiger Kanzelkorb, seitlich des Altars jeweils eine Tür zur Sakristei (1837). – Holztaufe. – Zwei Apostelfiguren (Anfang 18. Jh., Lindenholz, weiß, teilvergoldet), Petrus und (vermutlich) Paulus, wahrscheinlich Teile des Barockaltars der Vorgängerkirche, anscheinend aus der Werkstatt Ernst Dietrich Bartels (Hildesheim), fehlende Teile ergänzt.28

Orgel

Orgel

Orgel

Auf der Westempore. Neubau 1836, ausgeführt von Eduard Meyer (Hannover), 14 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Pfeifen wegen Zinnpest 1934 größtenteils ausgetauscht. 1951 Instandsetzung und Umdisponierung, ausgeführt von Lothar Wetzel (Hannover), 14 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Instrument 1975 von Orgelbauwerkstatt Schmidt & Thiemann (Hannover) instandgesetzt.

Geläut

Drei LG, I: f’ (Marienglocke) verziert mit Marienbildnis, einem Bischofsbild und dem Rutenbergschen Wappen, Inschrift: „Anno dm mcccccviii dar bi ghoedt Harmen Kostor my vocor maria“ (Bronze, Gj. 1508, Harmen Koster, Hildesheim), 1973 aus Haimar an die KG Oesselse abgegeben;29 II: g’ (Bronze, Gj. um 1300)30; III: b’ (Bronze, Gj. 1973, Glockengießerei Heidelberg). Eine SG b’’ (Bronze, Gj. wohl 1886). – Früherer Bestand: Eine LG (Bronze, Gj. 1794, Johann Christoph Weidemann, Hannover), im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1892, zweistöckiger Backsteinbau, 1963-65 saniert). – Gemeindehaus (Bj. 1980, Architekt Wolfgang Diekow, Hildesheim).

Friedhof

Ehemaliger Friedhof rund um die Kirche eingeebnet. Neuer kirchlicher Friedhof südöstlich des alten Dorfkerns von Oesselse 1978 an Stadt Laatzen übergeben, FKap (Bj. 1981).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 8795-8807 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 6270-6277 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 1738-1740 (Visitationen); D 46 (EphA Sarstedt); S 11a Nr. 7187 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 1014; Goedeke, Erbregister Ruthe/Koldingen, bes. S. 65-74; Jürgens u. a., KD Lkr. Hildesheim, S. S. 160-164; Meyer, Pastoren II, S. 225; Müller, Kirchenbauten, S. 96-98;
B: Johann Ferdinand Brauns: Letzte Confirmation und Predigt in der baufälligen St. Nicolai-Kirche zu Oesselse, Hildesheim 1836; Johann Ferdinand Brauns: Einweihung der Kirche zu Össelse. Predigt, Hameln 1839; Otto Brauns: Biographische Notizen über den verstorbenen Pastor Brauns zu Oesselse, in: Vierteljährliche Nachrichten von Kirchen und Schul-Sachen, 1852, S. 72-81.

GND

2110299-5, Evangelisch-Lutherische Sankt-Nicolai-Kirchengemeinde (Oesselse); 7857954-5, St. Nikolai-Kirche (Oesselse).


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 69.
  2. LkAH, L 5h, unverz., Visitation 1972.
  3. UB S Hildesheim VII, Nr. 373, Anm. 1.
  4. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 708 ff.
  5. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 428.
  6. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 429.
  7. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 83 ff.
  8. Kayser, General-Kirchenvisitation II, S. 31.
  9. Evangelischer Kirchenstaat, S. 84.
  10. Evangelischer Kirchenstaat, S. 85.
  11. Müller, Kirchenbauten, S. 96.
  12. Brauns, Letzte Confirmation, S. 5.
  13. Brauns, Letzte Confirmation, S. 13 und 52.
  14. Brauns, Einweihung, S. 5.
  15. Brauns, Einweihung, S. 7.
  16. LkAH, S 1 H III Nr. 316, Bl. 81.
  17. LkAH, L 5h, unverz., Oesselse, Visitation 1951.
  18. LkAH, L 5h, unverz., Oesselse, Visitation 1951.
  19. KABl. 2005, S. 45 f.; KABl. 2009, S. 12 f.
  20. KABl. 2012, S. 54-58.
  21. Kleinau, Neuer Text, S. 88.
  22. Steinmetz, GSup. Calenberg, S. 34 f.
  23. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  24. KABl. 1957, S. 61.
  25. KABl. 1998, S. 211 f.
  26. Jürgens u. a., KD Lkr. Hildesheim, S. 161.
  27. Jürgens u. a., KD Lkr. Hildesheim, S. 161 f., Müller, Kirchenbauten, S. 96 f.
  28. Jürgens u. a., KD Lkr. Hildesheim, S. 162.
  29. Drömann, Glocken Lkr. Hildesheim, S. 59.
  30. Drömann, Glocken Lkr. Hildesheim, S. 43 f.