Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheim-Sarstedt | Patrozinium: Trinitatis | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Das Dorf Müllingen, heute Ortsteil der Stadt Sehnde, ist schriftlich erstmals in einer Urkunde des Hildesheimer Bf. Hartbert aus dem Jahr 1204 als Muldinke erwähnt.1 Das Dorf lag im Grenzbereich zwischen dem Einflussbereich der Hildesheimer Bischöfe und dem der welfischen Herzöge.2 Die Burg Koldingen, später Mittelpunkt des gleichnamigen Amtes, mussten die Welfen 1372 an Bf. Gerhard verpfänden, 1380 gaben sie ihre Ansprüche an der Burg zugunsten des Hochstifts auf. Nach Ende der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) kam das Amt Koldingen, zu dem Müllingen zählte, an das welfische Teilfsm. Calenberg. Vereinigt mit dem Amt Ruthe wird es in den Quellen später auch als Amt Lauenburg bezeichnet. Bei der Restitution des Großen Stifts 1643 blieben das alte Amt Koldingen, und damit auch das Dorf Müllingen, welfisch. Von 1810 bis 1813 gehörte der Ort zum Kanton Sarstedt im Distrikt Hannover des Departements Aller im Kgr. Westphalen. Danach kam der Ort wieder zum Amt Koldingen (nun im Kgr. Hannover) das 1824 im neuen Amt Hannover aufging. Mit der Annexion des Kgr. Hannover wurde Müllingen 1866 preußisch und kam 1885 zum neuen Lkr. Hannover (seit 2001 Region). 1974 wurde das Dorf nach Sehnde (seit 1997 Stadt) eingemeindet. Müllingen zählte 1813 gut 270 Einwohner, 1909 gut 370 und 1953 etwa 580 (darunter 190 Flüchtlinge). 1983 lag die Bevölkerungszahl bei 360, 2015 bei 420. Mit dem Kalibergbau im benachbarten Sehnde wuchs im 20. Jh. der Anteil der Arbeiter im bis dahin bäuerlich geprägten Müllingen. Seit den 1970er Jahren kamen Neubürger hinzu: „Facharbeiter und Mittelständler, die aus Hannover zugezogen sind und sich in Müllingen bzw. Wirringen ein Haus gebaut haben“.3

Kirche, Ansicht von Südosten, 1961

Kirche, Ansicht von Südosten, 1961

Kirchlich gehörte das Dorf Müllingen bis in die Mitte des 17. Jh. zu Oesselse und die Bewohner wechselten zusammen mit der Muttergemeinde 1542 zum luth. Glauben.4 Eine Kapelle besaß der Ort mindestens seit dem späten 14. oder dem frühen 15. Jh. 1644 trennte sich Müllingen von Oesselse und für ein Jahrzehnt versorgte der Pfarrer von Wassel das Dorf. Im Jahre 1653 verpflichteten sich die Müllinger, für die Versorgung eines Pfarrers aufzukommen und erhielten eine eigene Pfarrstelle. Erster Inhaber war P. Georg Hopmann (amt. 1653-1675).5 Um 1740 erwarb die Gemeinde ein Pfarrhaus, möglicherweise in Hildesheim, und ließ es nach Müllingen versetzen.6 In der ersten Hälfte des 19. Jh. erhielt die Kirche eine Fachwerkvorhalle, in der zweiten eine Kanzelaltarwand. Anlässlich des 250jährigen Bestehens der KG ließ die Gemeinde 1903 den Sakristeianbau errichten. Seit 1928 war die Pfarrstelle vakant und 1931 übernahm der Pfarrer des benachbarten Wassel, P. Hugo Möller (amt. 1931-1940), die Betreuung der Müllinger Gemeinde.7 Zur NS-Zeit hielt sein Nachfolger P. Otto Borcherding (amt. 1941-1947) rückblickend fest, dass in Müllingen „sämtliche Amtsträger der NSDAP kirchlich eingestellt waren“.8 Darüber hinaus notierte er „obgleich Pastor Möller D.C. war, ist ihm die Gemeinde nicht auf diesem Wege gefolgt.“ P. Borcherding, der nach Kriegsteilnahme und Kriegsgefangenschaft erst 1945 in der Gemeinde tätig werden konnte, war wiederum für Müllingen und Wassel zuständig. Diese Verbindung blieb auch unter seinem Nachfolger, dem Ostgeistlichen P. Rudolf Gustav Kreusel (amt. 1947-1974) bestehen.

Kanzelaltarwand, um 1960

Kanzelaltarwand, um 1960

Kurz vor Kriegsende hatte im Februar 1945 eine Luftmine die Müllinger Kirche beschädigt; die Vorhalle war zerstört und das Dach abgedeckt. Erste Ende 1946 erhielt die Gemeinde die nötigen Dachziegel9, 1949 konnte die Vorhalle erneuert werden, bei der Instandsetzung der Kirche 1965/66 erfuhr auch der Innenraum eine Neugestaltung. Zum 1. Januar 1976 wechselte Müllingen in den KK Sarstedt und wurde pfarramtlich mit den Gemeinden Wirringen, Wehmingen und Bolzum verbunden.10 Einer der beiden Pfarrer des gemeinsamen Pfarramtes war für Müllingen und Wirringen zuständig und hatte gleichzeitig die Vakanzvertretung für Wassel inne, das noch bis1978 zum KK Laatzen-Pattensen gehörte, bevor es als fünfte Gemeinde zum gemeinsamen Pfarramt hinzukam. Der seit 1982 in den drei Gemeinden tätige Pfarrer war vom evangelikalen Jugendverband „Entschieden für Christus“ geprägt und war zeitweise in der freikirchlichen Rothenburger Zeltmission aktiv. Auseinandersetzungen in den Gemeinden und mit dem Sup. führten in der ersten Hälfte der 1990er Jahre zu seiner Versetzung.
1988 löste das Landeskirchenamt die pfarramtliche Verbindung der fünf Gemeinden auf und bildete mit Wirringen, Müllingen und Wassel einerseits sowie Wehmingen und Bolzum andererseits zwei neue Verbünde.11 Der Strukturausschuss des KK empfahl 1995 die Aufhebung der Pfarrstelle für Wirringen, Müllingen und Wassel und der Kirchenkreistag fällte einen entsprechenden Beschluss. Der Widerspruch in den Gemeinden und ihr Engagement, das in der Gründung eines Fördervereins zur Mitfinanzierung der Pfarrstelle mündete (Lasst die Kirche im Dorf e. V.), ließen den Kirchenkreistag 1997 seinen Beschluss revidieren: Die drei Dörfer behielten eine halbe Pfarrstelle. Im Jahr 2004 stellte das Landeskirchenamt die 1988 aufgelöste pfarramtliche Verbindung wieder her.12 2006 schließlich fusionierten die drei Gemeinden zur Ev.-luth. Trinitatis-Kirchengemeinde Wirringen-Müllingen-Wassel.13

Umfang

Das Dorf Müllingen

Aufsichtsbezirk

Bei Einrichtung der Pfarrstelle 1653 zur Insp. Neustadt Hannover. 1794 zur wiederbegründeten Insp. (1924: KK) Pattensen14, zum 1. Januar 1972 umbenannt in KK Laatzen-Pattensen.15 Zum 1. Januar 1976 Wechsel zum KK Sarstedt16, seit 1. Januar 1999 KK Hildesheim-Sarstedt.17

Patronat

Die Gemeinde nach Rücksprache mit dem Sup. Ab 1708 nur noch Hausbesitzer wahlberechtigt, ab 1884 auch Anbauer. Sup. bzw. Konsistorium schlugen Kandidaten vor.18

Kirchenbau

Rechteckiger Bruchsteinbau mit Eckquaderung und Kreuz über Ostgiebel, erbaut um 1400. Satteldach, je zwei große und zwei kleine flachbogige Fenster an Längsseiten, vermauerter spitzbogiger Türbogen im Norden; spätere Anbauten: Vorhalle im Westen (1828/1949), fünfseitige Sakristei im Osten (1903). Im Innern flaches, verputztes Holzgewölbe, Westempore. Um 1770 neue Fenster gebrochen. 1828 nördliche Tür vermauert und westliche Fachwerkvorhalle errichtet. 1859 Neugestaltung Innenraum. 1903 Sakristei. 1945 Kirche durch Luftmine beschädigt (Turm und Dach abgedeckt, Vorhalle zerstört). 1948 Dach gedeckt, 1949 Vorhalle massiv erneuert. Instandsetzung 1965/66.

Turm

Verschalter Dachreiter über Westfassade, Uhrziffernblatt nach Norden, verschieferter Turmhelm mit quadratischem Ansatz und achteckig ausgezogener Spitze, Auslegestuhl für Uhrschlagglocke nach Nordwesten.

Ausstattung

Kanzelaltarwand (1859), Kanzelkorb zwischen zwei hohen Pilastern, oberhalb des Schalldeckels gesprengter Giebel; auf den Schwerwänden ursprünglich vier Apostelfiguren (eine nach dem Ersten Weltkrieg mit Gefallenentafel ersetzt und verloren, verbliebenen drei 1966 entfernt, da, wie das Amt für Bau- und Kunstpflege urteilte, „ohne künstlerischen Wert und in ihrer Größe für den Raum viel zu schwer“19, seit 2005 wieder in der Kirche).20 – Hölzerne Taufe (1908). – Ein Grabstein des alten Friedhofs neben Kirchentür.

Orgel

Orgel

Orgel

Neubau von Philipp Furtwängler (Elze) um 1860, 9 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Orgel im Februar 1945 beschädigt (Luftmine). 1953 Neubau hinter Prospekt von 1860 und unter Verwendung alten Pfeifenmaterials, ausgeführt von Emil Hammer Orgelbau (Empelde), 8 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen, Opus 1361.

Geläut

Zwei LG, I: b’; II: des’’ (beide Bronze, Gj. 1955, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg). Eine Sg, etwa ges’’ (Bronze, Gj. 1861, Friedrich Dreyer, Linden/Hannover). – Früherer Bestand: Zwei LG (Bronze), größer 1942 zu Kriegszwecken abgegeben, kleinere 1945 beschädigt, daher klanglich schlecht und 1955 ersetzt.21 Beide LG waren Stiftungen der ortsansässigen Familie Ebeling/Gott.22

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1740, 1987 verkauft).

Friedhof

Alter Friedhof unmittelbar südlich der Kirche eingeebnet. Seit 1852 neuer kirchlicher Friedhof am westlichen Ortsrand.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 8034-8036 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 5653-5667 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 1601-1605 (Visitationen); D 13 (EphA Laatzen-Pattensen); D 46 (EphA Sarstedt); L 5a Nr. 274 (Visitationen); S 11a Nr. 7282 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Goedeke, Erbregister Ruthe/Koldingen, bes. S.74-78; Fraatz, Inspektion Pattensen, S. 32-35; Meyer, Pastoren II, S. 154-155; Pape/Schloetmann, Hammer, S. 156; Ohainski/Udolph, Ortsnamen Hannover, S. 331-333; Wolff, KD Lkr. Hannover und Linden, S. 36-37.
B: Heinz-Hermann Nolle: Geschichtliches und Geschichten aus Müllingen. Eine etwas andere Chronik [Müllingen 2006], bes. S. 97-120.


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 592.
  2. Goedeke, Erbregister Ruthe/Koldingen, S. 1 f.
  3. LkAH, L 5h, unverz., Visitation Wirringen-Müllingen 1977.
  4. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 428 f.
  5. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 429, Anm. 882; Fraatz, Inspektion Pattensen, S. 33; Wolff, KD Lkr Hannover und Linden, S. 36 f.
  6. Nolle, S. 103.
  7. KABl. 1931, S. 96.
  8. LkAH, S 1 H III Nr. 116 Bl. 16.
  9. LkAH, B 2 G 9/Müllingen Bd. I, Bl. 8.
  10. KABl. 1975, S. 7.
  11. KABl. 1988, S. 15 f.
  12. KABl. 2004, S. 193.
  13. KABl. 2006, S. 87 ff.
  14. LkAH, Best. D 13, Nr. 1.
  15. KABl. 1972, S. 2.
  16. KABl. 1975, S. 7.
  17. KABl. 1998, S. 211 f.
  18. Fraatz, Inspektion Pattensen, S. 33.
  19. LkAH, B 2 G 9/Müllingen Bd. I, Bl. 123.
  20. Nolle, S. 100 und 105 f.
  21. LkAH, B 2 G 9 B/Müllingen Bd. I, Bl. 36.
  22. Nolle, S. 100.