Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheim-Sarstedt | Patrozinium: – | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Das Dorf Wassel, heute Ortsteil von Sehnde, ist zunächst mit der Grafenfamilie von Wassel fassbar, aus der im 12. Jh. mehrere Vicedomini von Hildesheim kamen und die in männlicher Linie bereits 1175/78 ausstarb.1 Hermann von Wassel war von 1161 bis 1170 Bf. von Hildesheim2, seine Nichte Adelheid comitissa de Wasle3 wird um 1183 genannt. Der Ort selbst erscheint erst 1312 in einer Urkunde des Hildesheimer Bf. Heinrich, mit der er den halben Zehnten von Wasle einer Vikarie im Dom übertrug.4 Das Dorf lag im Grenzbereich zwischen dem Einflussbereich der Hildesheimer Bischöfe und dem der welfischen Herzöge.5 Die Burg Koldingen, später Mittelpunkt des gleichnamigen Amtes, mussten die Welfen 1372 an Bf. Gerhard verpfänden, 1380 gaben sie ihre Ansprüche an der Burg zugunsten des Hochstifts auf. Nach Ende der Hildesheimer Stiftsfehde (1519–1523) kam das Amt Koldingen, zu dem Wassel zählte, an das welfische Teilfsm. Calenberg. Vereinigt mit dem AmtRuthewird es in den Quellen später auch als Amt Lauenburg bezeichnet. Bei der Restitution des Großen Stifts 1643 blieben das alte Amt Koldingen, und damit auch das Dorf Wassel, welfisch. Von 1810 bis 1813 gehörte der Ort zum Kanton Ilten im Distrikt Hannover des Departements Aller im Kgr. Westphalen. Danach kam der Ort wieder zum Amt Koldingen (nun im Kgr. Hannover) das 1824 im neuen Amt Hannover aufging. Mit der Annexion des Kgr. Hannover wurde Müllingen 1866 preußisch und kam 1885 zum neuen Lkr. Hannover (seit 2001 Region). 1974 wurde das Dorf nach Sehnde (seit 1997 Stadt) eingemeindet. Wassel war bis Anfang des 20. Jh. landwirtschaftlich geprägt dann kam der Kalibergbau im benachbarten Sehnde als wichtiger Erwerbszweig hinzu; 1937 setzte sich die Gemeinde zu einer Hälfte aus Arbeitern und zur anderen aus Bauern und Handwerkern zusammen.6 1813 hatte das Dorf rund 280 Einwohner, 1909 knapp 400 und 1951 gut 870; 1951 lag die Bevölkerungszahl bei etwa 500, 2015 bei gut 670.

Kirche, Ansicht von Südosten, 1899

Kirche, Ansicht von Südosten, 1899

Kirchlich gehört Wassel wahrscheinlich ursprünglich zum Kirchspiel Lühnde. Dies lässt sich vermuten, da das Patronat über die Wasseler Kirche zunächst beim Hildesheimer Sültekloster lag, das auch das Patronat über Lühnde und über die aus dem Kirchspiel Lühnde hervorgegangenen Kirchen besaß.7 Das Kirchengebäude geht vermutlich auf die Mitte des 13. Jh. zurück, ein Patrozinium oder Namen vorref. Geistlicher sind nicht bekannt. Zur Zeit der Reformation gehörte Wassel zum welfischen Fsm. Calenberg, wo die 1538 zum Luthertum übergetretene und seit 1540 als Vormund ihres minderjährigen Sohnes Erich regierende Elisabeth von Calenberg-Göttingen den neuen Glauben einführte. 1542 setzte sie die von Antonius Corvinus verfasste Kirchenordnung in Kraft.8 In den Protokollen der Kirchenvisitation von 1542 wird mit P. Jürgen Lohman (amt. 1542) der erste luth. Pfarrer von Wassel genannt.9 Elisabeths Sohn übernahm 1545 als Erich II. die Regierung in Calenberg und trat 1547 zum Katholizismus über. Eine völlige Rekatholisierung des Fsm. scheiterte jedoch an den Ständen, die 1553/55 die Beibehaltung der Lehre Luthers durchsetzten. Nach Erichs Tod fiel Calenberg 1584 an Braunschweig-Wolfenbüttel und Hzg. Julius führte seine 1569 aufgestellte KO auch hier ein.10 Von 1644 bis 1653 war der Wasseler P. Bodo Schrader (amt. 1636-1672) auch für die Gemeinde in Müllingen zuständig. Erst 1782 konnte die Gemeinde das Anfang des 18. Jh. niedergebrannte Pfarrhaus durch einen Neubau ersetzen. Um das Vorhaben zu finanzieren, blieb die Pfarrstelle von 1777 bis 1782 unbesetzt.11 1813 erhielt die Kirche eine neue Glocke; ihre Inschrift nennt zu einen P. Karl Christian Rudow (amt. 1811-1816), der als Pfarrkollaborator (Hilfspfarrer) den Ortspfarrer P. Johann Heinrich Vogel (amt. 1799-1815) unterstützte. Zum anderen ist Maire Caspar Busche genannt, der französische Titel des Bürgermeisters rührt daher, das Wassel seinerzeit zum französischen Satellitenstaat Kgr. Westphalen gehörte.

Kanzelaltar, um 1960

Kanzelaltar, um 1960

Während der NS-Zeit war mit P. Hugo Möller (amt. 1931-1940), ein Mitglied der NSDAP und Anhänger der DC, Pfarrer in Wassel und Müllingen. P. Möller gelte, so heißt es im Visitationsbericht von 1937, in der NSDAP als „Pastor, wie er sein müßte.“ Er sei sehr engagiert in der NS-Volkswohlfahrt und habe „infolge seiner kirchenpolitischen Einstellung“ wenig Kontakt mit seinen Amtsbrüdern im KK. Allerdings sei er kirchenpolitisch in der Gemeinde nicht aktiv.12 Sei Nachfolger P. Otto Borcherding (amt. 1942-1947) gehörte nach eigenen Angaben zur BK, kam jedoch erst 1945 nach Wassel, da er zunächst Soldat und dann in Kriegsgefangenschaft war. Der Ostgeistliche P. Rudolf Gustav Kreusel (amt. 1947-1974) war wie seine Vorgänger wiederum für Wassel und Müllingen zuständig.1978 wechselte Wassel in den KK Sarstedt und schloss sich den pfarramtlich verbunden Gemeinden Bolzum, Müllingen, Wehmingen und Wirringen an. Das gemeinsame Pfarramt umfasste zwei Stellen, ein Pfarrer war für Wassel, Müllingen und Wirringen zuständig. Der seit 1982 in den drei Gemeinden tätige Pfarrer war vom evangelikalen Jugendverband „Entschieden für Christus“ geprägt und war zeitweise in der freikirchlichen Rothenburger Zeltmission aktiv. Auseinandersetzungen in den Gemeinden und mit dem Sup. führten in der ersten Hälfte der 1990er Jahre zu seiner Versetzung. 1988 löste das Landeskirchenamt die pfarramtliche Verbindung der fünf Gemeinden auf und bildete mit Wirringen, Müllingen und Wassel einerseits sowie Wehmingen und Bolzum andererseits zwei neue Verbünde.13 Der Strukturausschuss des KK empfahl 1995 die Aufhebung der Pfarrstelle für Wirringen, Müllingen und Wassel und der Kirchenkreistag fällte einen entsprechenden Beschluss. Der Widerspruch in den Gemeinden und ihr Engagement, das in der Gründung eines Fördervereins zur Mitfinanzierung der Pfarrstelle mündete (Lasst die Kirche im Dorf e. V.), ließen den Kirchenkreistag 1997 seinen Beschluss revidieren: Die drei Dörfer behielten eine halbe Pfarrstelle. Im Jahr 2004 stellte das Landeskirchenamt die 1988 aufgelöste pfarramtliche Verbindung wieder her.14 2006 schließlich fusionierten die drei Gemeinden zur Ev.-luth. Trinitatis-Kirchengemeinde Wirringen-Müllingen-Wassel.15

Umfang

Das Dorf Wassel.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Lühnde des Bistums Hildesheim.16 – 1542 dem LSup. des Fsm. Calenberg unterstellt. Ab 1588 zur kurzlebigen Insp. Lühnde, seit etwa 1592 Insp. Pattensen, deren Sitz 1642 nach Hannover verlegt und Neubegründung der Insp. Hannover Neustadt. 1794 zur wiederbegründeten Insp. (1924 KK) Pattensen, 1972 umbenannt in KK Laatzen-Pattensen.17 Zum 1. Juli 1978 Wechsel in den KK Sarstedt18, seit 1. Januar 1999 KK Hildesheim-Sarstedt.19

Patronat

Zunächst das Sültekloster in Hildesheim, 1543 und noch 1642 war die Familie von Rautenberg) mit dem Patronatsrecht belehnt.20 Später der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1899

Kirche, Grundriss, 1899

Rechteckiger Bruchsteinbau mit Eckquaderung und eingezogenem, etwas niedrigerem Rechteckchor, erbaut spätestens Mitte 13. Jh. Satteldach, an den Längsseiten von Schiff und Chor flachbogige Fenster (1786); spätere Anbauten östlich des Chors. Im Innern Balkendecke, Westempore (Ende 18. Jh., 1994 umgestaltet). 1935 Neuausmalung. 1988-98 grundlegende Sanierung.

Turm

Westlicher Turm aus Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung und querrechteckigem Grundriss in gleicher Breite wie Kirchenschiff, ebenfalls 13. Jh. Kleiner Fachwerkvorbau mit Satteldach im Westen (1990er Jahre), oberhalb kleines Rundfenster, flachbogige Fenster an den Seiten (1786, Datierung an Türsturz im Westen); leicht zurückspringendes verschiefertes Fachwerkglockengeschoss mit Uhrziffernblatt nach Westen, verschieferter Turmhelm mit querrechteckigem Ansatz und schmaler, hoch ausgezogener achteckiger Spitze, bekrönt mit Wetterhahn. Zwei rundbogige Durchgänge zwischen Turmhalle und Kirchenschiff. Turmuhr 1793 nachgewiesen.21 1999 Turm neu gedeckt.

Ausstattung

Schlichte Kanzelaltarwand mit zwei seitlichen Durchgängen (Ende 18. Jh.). – Achtseitige Taufe aus Kupfer (vielleicht Anfang des 20. Jh.), bis 1999 auch im benachbarten Wirringen benutzt und jeweils zwischen den beiden Kirchen hin und her transportiert, seit 1999 in Wassel. – Grabstein Henning Borchers und seiner Ehefrau Catharina Elisabeth Hennings († 1749) mit Darstellung der Eheleute und ihrer sechs Söhne und sechs Töchter.

Kirche, Blick zur Orgel, vor 1969 (?)

Kirche, Blick zur Orgel, vor 1969 (?)

Orgel

Um 1770 Neubau einer Orgel 7 I/P, 1840 nach Eddesse abgegeben. 1840 Neubau einer Orgel 8 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen, ausgeführt von Ernst Wilhelm Meyer & Söhne (Hannover), aufgestellt auf der Westempore, seitlich an der Südwand, seitenspielig. 1902 Änderung der Disposition durch August Schaper (Hildesheim), 8 I/P. 1917 Prospektpfeifen zu Rüstungszwecken abgegeben, 1928 mit Zinkpfeifen ersetzt. 1933 Instandsetzung und Dispositionsänderung durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover). 1956 Umbau durch die Hildesheimer Orgelbauwerkstatt. 1969/70 Umbau, vorgenommen von Ludwig Hoffmann (Betheln), 8 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen; Orgel leicht versetzt, hinterspielig. 1990 Abbau und Einlagerung. 1994 Wiederaufbau, Orgelbaufirma Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen). Seit 1969 unter Denkmalschutz, wegen Veränderungen 1969/70 seit 1990 nur noch Prospekt, Gehäuse und vier Reg. unter Denkmalschutz.22

Geläut

Zwei LG, I: c’’ (Bronze, Gj. 1965); II: d’’, Inschrift: „Herr Pastor Rudow / Maire Caspar Busche“ (Bronze, Gj. 1813, Christoph August Becker, Hildesheim).

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1780, Fachwerkbau).

Friedhof

Alter Friedhof rund um die Kirche. Neuer Friedhof in kommunaler Trägerschaft am Westrand des Dorfes. FKap (Bj. 1972).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 11392-11413 (Pfarroffizialsachen); A 9 Nr. 2375-2378 (Visitationen); A 6 Nr. 8426-8436 (Pfarrbestallungsakten); D 13 (EphA Laatzen-Pattensen); D 46 (EphA Sarstedt); L 5a Nr. 274 (Visitationen); S 11a Nr. 7282 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 1334; Goedeke, Erbregister Ruthe/Koldingen, bes. S. 89-93; Fraatz, Inspektion Pattensen, S. 35-38; Meyer, Pastoren II, S. 480-481; Ohainski/Udolph, Ortsnamen Hannover, S. 462-463; Pape, Palandt, S. 237-240; Pape, Schaper, S. 236; Wolff, KD Lkr. Hannover und Linden, S. 39-41.

GND

1154322106, Kirche Wassel (Sehnde-Wassel)


Fußnoten

  1. Petke, Kanzlei, S. 398 ff.
  2. Goetting, Bistum Hildesheim 3, S. 400.
  3. Cal. UB III, Loccum, Nr. 8.
  4. UB HS Hildesheim IV, Nr. 146.
  5. Goedeke, Erbregister Ruthe/Koldingen, S. 1 f.
  6. LkAH, L 5a, Nr. 274, Visitation 1937.
  7. Lüntzel, Ältere Diöcese Hildesheim, S. 227.
  8. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 708 ff.
  9. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 436.
  10. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 83 ff.
  11. Fraatz, Inspektion Pattensen, S. 37.
  12. Beide Zitate: LkAH, L 5a, Nr. 274, Visitation 1937.
  13. KABl. 1988, S. 15 f.
  14. KABl. 2004, S. 193.
  15. KABl. 2006, S. 87 ff.
  16. Kleinau, Neuer Text, S. 88.
  17. KABl. 1972, S. 2.
  18. KABl. 1978, S. 82.
  19. KABl. 1998, S. 211 f.
  20. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 436, Anm. 904; Kayser, General-Kirchenvisitation II, S. 24, Anm. 1.
  21. LkAH, A 1 Nr. 11402.
  22. LkAH, B 2 G 9 B/Wassel Bd. I, Bl. 70 und ebd. Bl. 118.