Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheim-Sarstedt | Patrozinium: Nikolaus | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Bolzum ist seit dem 13. Jh. urkundlich belegt. Mit der Herausbildung der Territorialherrschaft kam es unter stiftshildesheimische Landeshoheit (Amt Ruthe, 1523-1643 calenbergisch). Seit dem Mittelalter war es Sitz eines Edelhofs, der sich zunächst im Besitz der Familie von Bolthessem (Bolzum), später anderer Adelsgeschlechter (von Haus, von Münchhausen) befand und nach Erwerb durch den Fbf. in eine landesherrliche Domäne umgewandelt wurde. Die ursprünglich rein landwirtschaftlich geprägte Gemeinde wuchs nach dem Beginn des Kalibergbaus (Kaliwerk Friedrichshall in Sehnde, 1905) durch den Zuzug von Bergarbeitern stark an. Auch der Bau des Mittellandkanals und des Hildesheimer Stichkanals sorgten in den 1920er Jahren für einen vorübergehenden Anstieg. Seit 1974 ist Bolzum Ortsteil der Stadt Sehnde.

Kirche, Ansicht von Nordwesten

Kirche, Ansicht von Nordwesten

Kirchlich war Bolzum ursprünglich der Pfarre in Lühnde zugeordnet. Seit dem 13. Jh. hat es eine eigene Pfarrkirche. Schon 1256 wird ein dominus Bertrammus de Boltessen als sacerdos genannt.1 Die Gründung der heutigen Kirche wird der Überlieferung nach dem Bauern Lule Dickewolt († 1302) zugeschrieben, der auf dem Weg zur Messe in Lühnde verunglückte und daraufhin die Errichtung eines eigenen Gotteshauses gelobte.2 Der 1277 begonnene Bau wurde am 27. September 1282 dem heiligen Nikolaus geweiht. Nach Dickewolts Tod wurde aus seinem Erbe die Pfarrstelle dotiert. 1279 ernannte der Bf. von Hildesheim seinen Kapellan Jürgen Feuerhacke zum Geistlichen in Bolzum und belehnte ihn mit einem Meierhof.3 1321 war her Dideric van Herbergen, Pleban to Boltensen. Seit wann in Bolzum und den umliegenden Gemeinden luth. gepredigt wurde, ist nicht bekannt. Mit der Visitation von 1543 wurde die Reformation wohl offiziell eingeführt. Erster luth. Pfarrer wird Ludolf Meier (Meiger) gewesen sein, der im gleichen Jahr als Prediger in Bolzum belegt ist.4

Kirche, Blick zum Altar (ohne Altarschranken)

Kirche, Blick zum Altar (ohne Altarschranken)

In der Zeit des Nationalsozialismus war P. Wilhelm Knopp (im November 1933 nach Bolzum zwangsversetzt) zwar ein scharfer Gegner des Regimes, aber kein Mitglied der BK, deren Haltung ihm nicht entschieden genug war. Mit dieser Auffassung war er im Dorf weitgehend isoliert. 1938 verweigerte P. Knopp die wegen der Reichstagswahl geforderte Verlegung des Konfirmationstermins. Seine GD wurden regelmäßig durch die Partei überwacht, er selbst wiederholt durch die Polizei verhört. Als kirchliche Gruppen bestanden nur ein Kirchenchor sowie Frauenhilfe und Jungmädchenbund, die ihre Tätigkeit unter dem Druck konkurrierender Angebote der NS-Bewegung einstellen mussten. Die beiden Bekenntnisschulen wurden 1939 zu einer Gemeinschaftsschule vereinigt.
Seit dem 1. Januar 1976 war Bolzum mit den KG Müllingen, Wirringen und Wehmingen pfarramtlich verbunden (mit Pfarrsitz in Bolzum). Mit dem 1. Juli 1978 wurde der Verbund um die KG Wassel erweitert.5 Am 1. März 1988 schieden die KG Wirringen, Müllingen und Wassel wieder aus. Verbunden blieben jedoch die KG Bolzum und Wehmingen. Die bisherige zweite Pfarrstelle der KG Bolzum wurde Pfarrstelle der KG Wirringen.6 Zum 1. November 2004 wurden die KG Bolzum, Müllingen, Wassel, Wehmingen und Wirringen erneut pfarramtlich verbunden und die Pfarrstelle der KG Bolzum und Wehmingen erste Pfarrstelle der fünf pfarramtlich verbundenen KG.7 Während Wirringen, Müllingen und Wassel 2006 zu einer KG fusionierten und 2012 zu den Mitgründern der KG Sarstedt-Land zählten, blieben Wehmingen und Bolzum eigenständig, sind jedoch weiterhin pfarramtlich verbunden.

Umfang

Das Dorf Bolzum. Die ursprünglich ebenfalls zu Bolzum gehörigen Bewohner der Siedlung nördlich der Straße Wassel-Sehnde (Klein Bolzum) wurden mit dem 1. Oktober 1951 aus der KG Bolzum in die KG Sehnde umgepfarrt.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Lühnde der Diözese Hildesheim. – Nach der Reformation unterstand Bolzum der Insp. der Ämter Ruthe, Steinbrück und Steuerwald (ohne festen Superintendentursitz).8 Ab 1812 zur Insp. (1924: KK) Sarstedt und mit Aufhebung des KK Sarstedt zum 1. Oktober 1941 in den KK Hildesheim eingegliedert. 1. Mai 1957 zum wiedererrichteten KK Sarstedt (1. Januar 1999 Zusammenschluss der KK Hildesheim und Sarstedt zum KK Hildesheim-Sarstedt).

Patronat

Ursprünglich der Bf. von Hildesheim, später die Inhaber des Edelhofs in Bolzum: 1481 die von Bolzum/Boltzem, 1543 Christopher von Haus, 1590 oder 1603 an Statius von Münchhausen, Ende 17./Anfang 18. Jh. von Frentz. Ab 1803 der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, vor 1938

Kirche, Grundriss, vor 1938

Verputzter spätromanischer Bruchsteinsaal mit Voutendecke. Die ältesten Teile stammen von einer Wehrkirche, die vermutlich am Platz einer älteren Kapelle errichtet wurde. Das Schiff wurde 1609 unter Statius von Münchhausen als Eigentümer des Bolzumer Edelhofs und Inhaber des Kirchenpatronats erweitert (u. a. Anbau für die Patronatsprieche im Nordosten). Um 1700 barocke Ausgestaltung des Chorraums. Grundlegende Erneuerung und Umgestaltung 1557/79. Weitere Renovierungen 1882 (Erneuerung des Gestühls; Anbau eines Windfangs vor dem Haupteingang), 1932 (Innenrenovierung), 1957 (Neuvermalung durch den Kirchenmaler Gotta) und 1971 (Entfernung der Nord- und Südempore, Neugestaltung des Chorraums). Sanierung 2013-16.

Turm

Dachreiterartiger verschieferter Westturm über dem Giebel.

Ausstattung

Barocker Kanzelaltar (1722/29) aus der Werkstatt von Ernst Dietrich Bartels (Hildesheim); die Kanzel von 1698 mit den vier Evangelisten und Christus mit der Weltkugel, ursprünglich an der Südwand, wurde 1846 in den Altar eingefügt. Als Figuren beiderseits der Kanzel angeblich Petrus und Paulus (ohne Attribute), darüber Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist. Auf dem Schalldeckel drei Engel. – 1720 stiftet Dorothea Elisabeth Noren einen Taufengel (von H. E. Bartels, Hildesheim, nicht mehr vorhanden) Die 1591 durch den damaligen Gutsbesitzer Hermann von Haus beschaffte Renaissancetaufe wurde später entfernt und steht heute in der kath. Kirche von Bolzum. – Barocker Kronleuchter (1698). – An der Patronatsprieche 16 Wappentafeln.

Orgel, 1974

Orgel, 1974

Orgel

Um 1719/23 Neubau durch den Orgelbauer Müller (Hildesheim); barocker Prospekt von Bartels (Hildesheim) mit Figuren der heilige Cäcilia und Kg. David. 1879/80 Neubau durch P. Furtwängler & Söhne (Elze), 8 I/P, mechanische Traktur, Kegelladen. 1977 Instandsetzung durch Firma Schmidt & Thiemann (Hannover). 1982 Neubau des Werks hinter dem Furtwängler-Prospekt durch Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen), 8 (9) I/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Drei LG, I: f’ (Stahl, Gj. 1951, Bochumer Verein); II: as’ (Stahl, Gj. 1951, Bochumer Verein); III: b’ (Bronze, Gj. 1933, M & O Ohlsson, Lübeck). – Eine SG in g’’ (Bronze, Gj. wohl 1885).

Weitere kirchliche Gebäude

Gemeindehaus (Bj. 1962).

Friedhof

Eigentum der KG. Neuer Friedhof am östlichen Ortsrand, 1929 in Benutzung genommen. FKap (Bj. 1950).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 1285-1302 (Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 804 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 1028-1937 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 282-288 (Visitationen); D 46 (EphA Sarstedt).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 243; Krumm, Denkmaltopographie Region Hannover, S. 419 f.
B: Kirchenvorstand der Evangelisch-lutherischen St. Nicolai-Kirchengemeinde Bolzum (Hg.): Festschrift zur 700-Jahr-Feier der St. Nicolai-Kirche zu Bolzum, 1982; Theodor Gründler: Die Geschichte von St. Nikolai zu Bolzum, Ms. in der Presseausschnittsammlung des LkAH.


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim II, Nr. 1006.
  2. Gerstenberg, Beiträge II, S. 183.
  3. Vgl. auch Ahlhaus, Patronat, S. 90, Anm. 16.
  4. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 436.
  5. KABl. 1978, S. 82.
  6. KABl. 1988, S. 15 f.
  7. KABl. 2004, S. 193.
  8. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.