Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Münden | Patrozinium: kein mittelalterliches Patrozinium bekannt1 | KO: Calenberger KO von 1569
Orts- und Kirchengeschichte
Schriftlich ist das Dorf im Grenzgebiet zwischen Niedersachsen, Hessen und Thüringen erstmals als Ludulfinhusun im Verzeichnis der Schenkungen (Traditionen) an das Kloster Corvey erwähnt; der Eintrag lässt sich auf die Zeit um 1016/20 datieren.2 1032 schenkte Ks. Konrad II. († 1039) der Bischofskirche Paderborn Güter in Liudulueshusun.3 Im Jahr 1369 verkauften Hans und Tile von Ludolfshausen das gesamte Dorf an die Familie von Hanstein.4 Gut ein Jahrhundert später lag Ludolfshausen wüst (1477: wosteninge to Ludolfshusen); wahrscheinlich hatten die Einwohner das Dorf Anfang des 15. Jh. verlassen.5 Um 1545 begann die erfolgreiche Wiederbesiedelung. Die Landesherrschaft über Ludolfshausen beanspruchte der Ebf. von Mainz. Anfang des 17. Jh. nahmen die welfischen Hzg. zu Braunschweig-Lüneburg landesherrliche Rechte war und verdrängten die mainzischen Ansprüche (1605/13).6 Ludolfshausen zählte seither zum Amt Friedland im welfischen Teilfsm. Calenberg-Göttingen („Kernlande Hannover“, 1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover). In französischer Zeit gehörte der Ort von 1807 bis 1813/14 zum Kgr. Westphalen (Kanton Bremke, Distrikt Göttingen, Leine-Departement). Ab 1815 zählte Ludolfshausen, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Friedland, das 1859 im Amt Reinhausen aufging. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Ludolfshausen 1866 an das Kgr. Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam der Ort zum Lkr. Göttingen (neugebildet 1973 und 2016). 1973 wurde Ludolfshausen nach Friedland eingemeindet. Um 1810 lebten knapp 140 Menschen in Ludolfshausen und 2023 gut 60.
Im Jahr 1477 verpfändete Ritter Werner von Hanstein die wosteninge to Ludolfeshusen myt alle orer tobehoringe an das Kloster Reinhausen. Die Kirche des verlassenen Dorfes ließ das Kloster abbrechen und in Niedergandern wieder aufbauen. Die Bewirtschaftung der Ländereien gab das Kloster bald auf, so dass „um 1530 eine große dichte Holzung das Land bedeckte“.7
Die Siedlerfamilien, die sich in nachref. Zeit, ab Mitte des 16. Jh. in Ludolfshausen niederließen und das Dorf wiederaufbauten, besuchten die Kirche im benachbarten Reiffenhausen. Angeblich 1562 errichteten sie in Ludolfshausen ein Kapellengebäude.8 Zur Zeit der Generalvisitation 1588 war P. Johannes Kurtz (amt. 1565–1597) Pfarrer in Reiffenhausen. Ludolfshausen ist im Visitationsprotokoll als filia (Tochtergemeinde) aufgeführt. P. Kurtz predigte „Sonntags zuweilen einmal an beiden Orten, zuweilen zweimal“.9 Das Patronat über die Ludolfshäuser Kirche lag bei der Familie von Hanstein.
Bei der Visitation 1652 versammelten sich die Gemeinden Reckershausen, Niedergandern, Reiffenhausen, Lichtenhagen und Ludolfshausen bei der „Feldkirche Hottenrode“. Die Visitatoren waren erfreut über die Kenntnisse der Gemeindeglieder: „Alte und Junge bestanden so wohl, daß einer seine Lust daran sahe“.10 Überdies notierten sie: „Die Ludolfshäuser Kirche ist ganz über einen Haufen gefallen; man muß unter freiem Himmel oder in einer Stube predigen. Die Gemeinde ist arm. Es soll eine Collecte für sie beantragt werden“. Noch ein weiteres Jahrzehnt lang fanden die Gottesdienste in einem „Bawrhause“ statt. 1662 errichtete die Gemeinde eine neue Kirche. Wegen mangelnder Mittel kam sie jedoch zunächst nicht über den Rohbau hinaus („bloß in Dach & Fach gebracht“) und noch 1672 fehlte die Inneneinrichtung.11
Anfang des 20. Jh. fand in der Kirche Ludolfshausen alle zwei Wochen ein Gottesdienst statt. Die Zahl der Gemeindeglieder lag bei 130 (1909).12 Aufgrund des Zuzugs Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg diese Zahl deutlich an und erreichte 1951 fast 220.13 Mitte der 1990er Jahre war Ludolfshausen mit etwa 65 Gemeindegliedern die kleinste KG im KK Göttingen-Süd. Sie sei „geprägt durch eine enge Bindung an ihr Gotteshaus. Alle passen hinein und Weihnachten ist sie um 100 Prozent überfüllt. […] Viele Familien halten sich noch an alte Traditionen. Rechts sitzen die Frauen, links die Männer“, schrieb P. Hans-Gerhard Isermeyer (amt. 1988–1994) im Jahr 1997.14
2009 schlossen sich die drei Gemeinden Lichtenhagen, Ludolfshausen und Reiffenhausen dem verbundenen Pfarramt Friedland, Ballenhausen, Deiderode, Elkershausen, Groß Schneen, Klein Schneen, Niedergandern-Hottenrode und Reckershausen an.15 Als letzte Kirchengemeinde im Gebiet der politischen Gemeinde Friedland schloss sich 2011 auch Niedernjesa-Stockhausen dem verbundenen Pfarramt Friedland an.
Im Jahr 2021 erhielten die Gemeinden der Region Friedland-Obernjesa Fördermittel aus dem Programm der Bundesregierung „Kirchturmdenken. Sakralbauten in ländlichen Räumen“. Zusammen mit der Hildesheimer Hochschule für angewandte Künste (HAWK) veranstalteten sie Zukunftswerkstätten zur erweiterten Nutzung von Dorfkirchen. In Ludolfshausen ging es um kirchliche Friedhöfe und Kolumbariumskirchen.16
Zum 1. Januar 2022 fusionierten die drei Gemeinden Lichtenhagen, Ludolfshausen und Reiffenhausen und gründeten gemeinsam die „Ev.-luth. Franziskus-KG Reiffenhausen“.17
Umfang
Ludolfshausen.
Aufsichtsbezirk
Archidiakonat Nörten der Erzdiözese Mainz (sedes Sieboldshausen).18 – 1588 zur Insp. Dransfeld, seit Verlegung des Superintendentursitzes 1636/37 Insp. Göttingen (Sitz an St. Johannis in Göttingen), bei deren Teilung 1796/97 zur neuen Insp. Göttingen Erster Teil, 1802 zur neuen Insp. Göttingen Dritter Teil. 1924 zum KK Göttingen III, 1937 zum KK Göttingen-Süd.19 Ab 1. Januar 2001 KK Göttingen.20 Seit 1. Januar 2023 KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Münden.21
Patronat
1588 und um 1600 Familie von Hanstein.22
Kirchenbau
Kleiner Saalbau mit halbrundem Ostschluss, erbaut 1662.23 Satteldach, nach Osten abgewalmt (ziegelgedeckt). Westteil Fachwerk mit verputzter Ausfachung, Ostteil massiv erneuert und verputzt, Sandsteinsockel. An den Längsseiten je drei hochliegende Rechteckfenster, unter dem westlichen jeweils ein weiteres, kleines Rechteckfenster. Im Westen der Nordseite Rechteckportal, nach Westen Portal mit Vordach. Im Innern flache Balkendecke, Westempore; Westteil abgetrennt. 1911 Renovierung. Erste Hälfte 1930er Jahre Innenrenovierung, u. a. neuer Putz, neue Farbgestaltung.24 1958/59 Fachwerkaußenwände größtenteils massiv erneuert (vorher Fachwerk mit Bruchsteinausfachung25).
Fenster
Nach Osten figürliches Buntglasfenster (20. Jh.), Auferstehungsszene, Christus mit Siegesfahne.
Turm
Über dem Westgiebel vierseitiger, dachreiterartiger Turm mit Ziegelbehang. Schieferhaube mit vierseitigem Ansatz, achtseitiger, geschlossener Laterne, bekrönt mit Kugel und Wetterfahne. An der Laterne vier rechteckige Schallfenster.
Vorgängerbau
Im 15. Jh. soll das Kloster Reinhausen die Kirche in Ludolfshausen abgebrochen und in Niedergandern wieder aufgebaut haben. Angeblich 1562 errichteten die Ludolfshäuser Neusiedler eine Kapelle.26 Laut Visitationsprotokoll 1652 war das Kirchengebäude in Ludolfshausen „ganz über einen Haufen gefallen“.27
Ausstattung
Kastenförmiger Holzaltar, farbig gefasst. – Leicht erhöhte, hölzerne Kanzel, farbig gefasst. – Hölzerner Taufständer (20. Jh.), ungefasst.
Orgel
1809 Schriftwechsel wegen Besoldung eines Organisten.28 1853/54 Orgelneubau, ausgeführt von Carl Heyder (Heiligenstadt), vielleicht 5 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen (Opus 19). Zustand 1926: 6 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1926 Instandsetzung, Wigand Helfenbein (Gotha). 1933/34 Reparatur, Paul Ott (Göttingen). Zustand 1944, 1956 und 1960: 7 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen.29 Um 1962 Orgel abgebaut. 1962 Orgelneubau, ausgeführt von Rudolf Janke (Bovenden), 4 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen (Opus 18).
Geläut
Eine LG, d’’’ (Bronze, Gj. 16. Jh.), Inschriften: „Hermen Kolman bin ick genandt deser Klochken bin ick volbekant“ und „T. S.“.30
Friedhof
Friedhof bei der Kirche Ludolfshausen.
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
A 1 Nr. 9346 (Pfarroffizialsachen); E 5 Nr. 696 (Konsistorialbaumeister); S 9 Rep Nr. 1038 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 7815 (Findbuch PfA); S 11a Nr. 8140 (Findbuch EphA).
Literatur & Links
A: Bielefeld, Orgeln im Umland, S. 120–121; Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 258–259; Eichenberg, KK Göttingen-Süd, S. 86–90; Franz, Maybaum & Tinney, Räume, S. 162–177; Ide & Maloku, Coworking-Spaces, S. 52–53 und S. 96–97; Kühlhorn, Wüstungen II, Nr. 226; Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Duderstadt, S. 227–229; Mithoff, Kunstdenkmale II, S. 125.
B: Trauregister aus den Kirchenbüchern Südniedersachsens. Teil 19: 1801–1850. Göttingen Ost: Ballenhausen, Groß Schneen, Lichtenhagen, Ludolfshausen, Niedernjesa, Reckershausen, Reiffenhausen, Stockhausen, hrsg. von der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Göttingen e. V., Norderstedt 2019; August de Haas: Erneuerte Kirchen. Ein Beitrag zur Frage nach der Form in der Kirche aus einer Dorfgemeinde (= Kämpfende Kirche. Flugschriften christlicher Deutscher 32), Potsdam 1936; Heinrich Lücke: Streitige Ortschaften an der eichsfeldisch-hannoverschen Grenze: Ludolfshausen, in: Unser Eichsfeld 23 (1928), S. 263–274.
Internet: Bildindex der Kunst & Architektur: Kirche; Denkmalatlas Niedersachsen: Kapelle; 3d-raeume.de: 3-D-Modell der Kirche.
Fußnoten
- Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 172.
- Mönchslisten I, § 531 (zur Datierung: S. 75 ff.); Mönchslisten II, S. 293; Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 54. Für weitere Belege und zur Bedeutung des Ortsnamens vgl. Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 258 f.
- MGH DD Ko II 177 [Digitalisat].
- Kühlhorn, Wüstungen II, S. 389.
- UB Reinhausen, Nr. 337; Kühlhorn, Wüstungen II, S. 390.
- Wolters, Amt Friedland, S. 29; Lücke, S. 268 ff.
- Kühlhorn, Wüstungen II, S. 389.
- Kühlhorn, Wüstungen II, S. 389 f.
- Kayser, General-Kirchenvisitation I, S. 148.
- Dies und das folgende Zitat: Kayser, Generalvisitation Gesenius, S. 190 f.
- NLA HA Cal. Br. 2 Nr. 902 [Digitalisat, Aufnahme 7]: „… daß die alte Kirche zu Ludolfshausen schon vor vielen Jahren gantz eingefallen, und dahero der Gottesdienst in einem Bawrhause etzliche Jahre verrichtet werden müßen, biß Anno 1662 ein Kirchen Gebawde auß der Kirchen gantz geringen Mittel wieder ist gebawet worden, welches aber wegen Mangel benöttigter bawkosten nurtt bloß in Dach & Fach gebracht werden können, wan aber die Bewohner wegen Ihrer Kundbahren Armuth und ob handenen Beschwerungen darzu nichts contributiren können, Als dan dieser angefangener Kirchenbaw ohn Beystewer guthhertziger Leuhte weiter nicht fortgesetzet worden…“.
- Ahlers, Pfarrbuch 1909, S. 325.
- LkAH, S 1 H III, Nr. 414, Bl. 26; LkAH, L 5c, unverz., Reiffenhausen, Visitation 1951.
- Eichenberg, KK Göttingen-Süd, S. 89.
- KABl. 2009, S. 11.
- Franz, Maybaum & Tinney, Räume, S. 163 ff. Siehe auch Ide & Maloku, Coworking-Spaces.
- KABl. 2022, S. 12 f.
- Bruns, Archidiakonat Nörten, S. 168.
- KABl. 1924, S. 86; KABl. 1937, S. 135.
- KABl. 2000, S. 150 f.
- KABl. 2022, S. 189 ff.
- Kayser, General-Kirchenvisitation I, S. 148; LAW, V 231, Nachrichtungsbuch von allen Pfarren im Fürstenthumb Braunschweig…, S. 57.
- NLA HA Cal. Br. 2 Nr. 902, Aufnahme 7.
- Haas, S. 13 f.
- Abb.: Bildindex der Kunst & Architektur, Aufnahme-Nr. mi04700d04.
- Kühlhorn Wüstungen II, S. 389 f.
- Kayser, Generalvisitation Gesenius, S. 190.
- Bielefeld, Orgeln im Umland, S. 120.
- LKA, G 9 B/Ludolfshausen Bd. I, Bl. 1v, Bl. 7 und Bl. 38 (1960 zwei Register – Zimbel 2fach im Manual und Dulzian 8’ im Pedal – als „später eingebaut“ bezeichnet.
- DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 256 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0025603, 14.08.2009.