Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Alfeld | Patrozinium: Martin Luther | KO: Calenberger KO von 1569

Karte wird geladen, bitte warten...
Orts- und Kirchengeschichte

Das Dorf, heute Ortsteil der Gemeinde Holle, ist wahrscheinlich als Suthere bzw. als Suthre in zwei im 12. Jh. gefälschten und auf das Jahr 1022 datierten Urkunden erstmals erwähnt, mit denen angeblich Bf. Bernward von Hildesheim bzw. Ks. Heinrich II. die Besitzungen des Hildesheimer Michaelisklosters bestätigten.1 Die Zuordnung von Urkundenbelegen zu Sottrum ist allerdings schwierig, da die mittelalterlichen Quellenbegriffe sich jeweils auch auf Orte wie Söhre, Soßmar, Sorsum oder Söder beziehen können. Mitunter findet sich die Bezeichnung Sutherum apud Woldenberge.2 Sottrum gehörte zum Gebiet der Grafen von Wohldenberg, das in der zweiten Hälfte des 13. Jh. an die Hildesheimer Bischöfe kam.3 Die Wohldenberger besaßen ursprünglich auch den größten Teil des Landes in Sottrum, seit dem 13. Jh. entwickelte sich jedoch das 1209 in Holle gegründete und 1213 nach Derneburg verlegte Augustinerinnenkloster zum maßgeblichen Grundbesitzer des Dorfes (seit 1443 Zisterzienserinnen). 1318 ist ein Klosterhof in Sottrum belegt (curia Sutherum)4, 1337 ein Bruder Konrad als Verwalter des Hofs in Sosserum.5 Bereits seit 1246/86 besaß das Kloster den Zehnten aus Sottrum.6 Das Dorf zählte zum hildesheimischen Amt Wohldenberg, die Frage der Gerichtsbarkeit war jedoch zeitweise zwischen Kloster und Amt umstritten. Nach Ende der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) kam Sottrum an das welfische Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel. Seit der Restitution des Großen Stiftes 1643 gehörte es wieder zum Hochstift Hildesheim, dessen Gebiete aufgrund der Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses 1803 an Preußen fielen. In der Zeit des französischen Satellitenkgr. Westphalen (1807-1813) gehörte Sottrum zum Kanton Salzdetfurth im Distrikt Hildesheim des Departements Oker. Danach kam das Dorf, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Wohldenberg, das 1852/59 im Amt Bockenem aufging. Nach der Annexion Hannovers 1866 wieder preußisch, gehörte Sottrum seit 1885 zum Kr. Marienburg (1946 Lkr. Hildesheim-Marienburg, 1977 Lkr. Hildesheim). 1974 wurde der Ort nach Holle eingemeindet. Neben der Landwirtschaft entwickelte sich die 1870 gegründete Ziegelei zum Haupterwerbszweig des Dorfes (1972 geschlossen, zeitweise 100 Angestellte). Im Jahr 1813 hatte Sottrum gut 400 Einwohner, 2017 etwa 830. Zur ev. Gemeinde Sottrum gehören auch die Lutheraner im mehrheitlich kath. Henneckenrode.

Orgel

Orgel

Ältestes Zeugnis der Sottrumer Kirchengeschichte ist die Kirche selbst, die im 11. oder 12. Jahrhundert erbaut wurde. An den Wänden des Kirchenschiffs finden sich zudem Reste frühgotischer Malereien. Die Kirche war dem Kloster Derneburg inkorporiert; Urkunden zu dieser Übertragung sind jedoch nicht überliefert. Das Basler Konzil ließ die Frage 1436 untersuchen und erkannte die Rechte des Klosters anscheinend an.7 Nach Ende der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) gehörte Sottrum zum Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel und Kloster Derneburg zum Fsm. Calenberg. In Braunschweig-Wolfenbüttel führte nach der Vertreibung Hzg. Heinrichs des Jüngeren die Statthalterregierung des Schmalkaldischen Bundes 1542 die Reformation ein; auf Betreiben der Hzgn. Elisabeth von Calenberg-Göttingen übernahm Calenberg die luth. Lehre im gleichen Jahr.8 In den Protokollen der Kirchenvisitation 1542 heißt es zu Sottrum: „Die pfar wirt durch das Closter Derneborch cauirt, haben keinen pfarner.“9 Ein Jahr später erklärte Antonius Corvinus bei der Visitation des Klosters, er wolle für „die Kirche zu Sotrem hie an das Closter gehorigk […] einen fromen geschickten gsellen“ als Prediger entsenden, das Kloster solle für „essen und trincken und daneben eine zimliche besoldung“ sorgen.10 Diese Pläne wurden nicht verwirklicht; 1545 übernahm in Calenberg Elisabeths kath. Sohn Erich II. die Regierung, 1547 kehrte Heinrich der Jüngere nach Wolfenbüttel zurück und suchte sein Fsm. zu rekatholisieren. In Calenberg setzten die Stände 1553/55 die Beibehaltung der Lehre Luthers durch und als Hzg. Julius 1568 die Regierung in Braunschweig-Wolfenbüttel übernahm, führte er erneut die Reformation ein. Sottrum erhielt jedoch nach der Reformation keinen eigenen Pfarrer. Die Versorgung des Dorfes oblag zeitweise dem Pfarrer von Holle (bis 1620), zeitweise dem in Heersum (bis 1652), dann demjenigen in Hackenstedt (bis 1717) und in Binder (bis 1730).11 Seit 1730 ist Sottrum pfarramtlich wieder mit Hackenstedt verbunden (mater combinata). Seit der Restitution des Großen Stifts (1643) hatte das mehrheitlich luth. Sottrum mit dem Hildesheimer Bf. einen kath. Landesherrn. Das Kloster Derneburg, bis 1643 ev. Damenstift, war seit 1651 ebenfalls wieder kath., hier lebten nun Zisterziensermönche.12
Einige Jahre nach der Kirche in Hackenstedt erfuhr auch die Sottrumer Kirche eine Neugestaltung: Sie erhielt neue Fenster, einen Kanzelaltar und einen Taufengel. Nach der Säkularisation des Klosters Derneburg 1803 und dem Abbruch der Kirche 1812 fehlte der kath. Bevölkerung Sottrums eine Pfarrkirche. 1817 erhielt das Dorf mit St. Andreas daher ein zweites, kath. Gotteshaus. 1925 setzte sich die Dorfbevölkerung aus etwa einem Viertel Katholiken und etwa drei Vierteln Lutheraner zusammen. Dieses Verhältnis änderte sich vorübergehend nach Ende des Zweiten Weltkriegs und 1949 attestierte der Visitator in Sottrum einen gewissen „Wetteifer mit der fast in gleicher Zahl bestehenden katholischen Gemeinde“.13 Ökumenische Veranstaltungen verbesserten in den folgenden Jahren die zeitweise angespannten Beziehungen zwischen ev. und kath. Dorfbevölkerung. Mit finanzieller Unterstützung der Landeskirche konnte die Gemeinde 1955 das Martin-Luther-Gemeindehaus errichten. Bibelkreis, Kirchenchor, Jugendgruppen und Frauenhilfe (seit 1930, laut Sup. die „Seele der Gemeinde“) hatten sich bislang im Wohnzimmer eines Kirchenvorstehers getroffen.14
Zum 1. Januar 1974 schlossen sich die seit fast 250 Jahren pfarramtlich verbundenen Kirchengemeinden Hackenstedt und Sottrum zu einer gemeinsamen Kirchengemeinde zusammen, die zunächst den Namen Hackenstedt führte und seit 1992 Hackenstedt-Sottrum heißt.15

Umfang

Die Dörfer Sottrum und Henneckenrode (seit 1814)16, sowie der Bahnhof Wohldenberg (seit 1906, vorher KapG Sillium).17

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Holle der Diözese Hildesheim; Pfarrkirche vor 1436 dem Kloster Derneburg inkorporiert. – Um 1544 Insp. Bockenem. Um 1570 zur neuen Insp. Baddeckenstedt. Seit etwa 1650 Insp. der Ämter Wohldenberg und Bilderlahe (ohne festen Superintendentursitz).18 1807 Insp. Bockenem, Sitz der Suptur bis 1817 in Nette, dann Sehlde.19 1834 zur neuen Insp. (1924: KK) Sehlde; mit Aufhebung des KK Sehlde am 1. April 1943 in den KK Bockenem eingegliedert.20

Patronat

Kirche vor 1436 dem Kloster Derneburg inkorporiert.

Kirchenbau

Rechteckiger Saalbau aus Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung, vielleicht 11./12. Jh., mehrfach erweitert, erneuert in der zweiten Hälfte des 18. Jh. Satteldach, Rechteckfenster (18. Jh.), spitzbogige Sakristeitür im Osten, rechteckige Tür im Süden; Strebepfeiler an Nordseite und an Ecken des Ostgiebels. Im Innern flache, bemalte Bretterdecke mit Voute (Ranken und Bandelwerk, in der Mitte in hebräischen Buchstaben das Wort „Jahwe“), Reste mittelalterlicher Wandmalerei (Fries mit Heiligenfiguren unter Wimpergen, an Südwand freigelegt), Westempore. Renovierung 1925 (Deckengemälde instandgesetzt, Totenkronen entfernt)21, Renovierung 1962. Instandsetzung 1980. 2008/09 Dachsanierung und Restaurierung Deckengemälde (Förderung Wenger Stiftung).

Turm

Querrechteckiger Westturm mit Satteldach, errichtet wohl im 11./12. Jh. Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung, schießschartenartige Lichtschlitze, rundbogige Schallfenster, im Westen gekuppelt. Südliches Giebelkreuz mit Jahreszahl 1602. Nach Westen Gaube mit Uhrschlagglocke; Turmuhr von 1872 (Weule, Bockenem).

Ausstattung

Altarretabel, ehemaliger Kanzelaltar (1745, vielleicht Werkstatt Ernst Dietrich Bartels, Hildesheim), zweigeschossiger, architektonischer Aufbau, Mittelfeld mit Kruzifix (seit 1962, zuvor mit Bild, ursprünglich mit Kanzel), flankiert von zwei gedrehten Säulen sowie Petrus und Paulus; darüber Christus mit Siegesfahne, flankiert von Moses und Johannes dem Täufer, seitliche Scherwände mit Durchgängen; restauriert 2001. – Hölzerner, bemalter Taufengel mit muschelförmiger Taufschale (1749, restauriert 1997).22 – Lesepult auf Altar (1718). – Kronleuchter (Messing, 1787).

Orgel

1734 Orgel vorhanden, 1830 repariert. 1878 Neubau von August Schaper 9 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen.23 Prospektpfeifen 1917 zu Kriegszwecken abgegeben, 1926 ersetzt. 1935 Umdisponierung, ausgeführt von Furtwängler & Hammer (Hannover), 12 II/P mechanische Traktur, Schleifladen.24 Neubau 1974, ausgeführt von Albrecht Frerichs (Göttingen), 7 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Prospekt von Schaper ist erhalten.

Geläut

Zwei LG, I: fis’, Inschrift: „Anno D[omi]ni m ccccc xxvi vivos voco defvnctos plango demones fvgo fvlgvra frango vocor maria“, Im Jahr des Herrn 1526. Ich rufe die Lebenden, ich betrauere die Toten, ich vertreibe die Dämonen, ich breche die Blitze, ich heiße Maria, Bilder: St. Dionysius sowie Maria mit Kind, darunter Gießerzeichen (Bronze, Gj. 1526, Brant Helmes);25 II: gis’, Bild: Kruzifix, (Bronze, Gj. 1797, Christoph August Becker, Hildesheim), sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg abgegeben, jeweils nach Kriegsende zurück erhalten.26 Eine SG, gis’’ (Eisen, Gj. 1919, Firma Weule, Bockenem). – Früherer Bestand: Das Verzeichnis „Was von Anno [15]42 biß wider Anno 47 von Sachsen und Hessen an Klocken ist genohmen worden“ nennt eine Glocke aus Sottrum.27 Ein SG (Bronze, Becker, Hildesheim), im Ersten Weltkrieg zu Kriegszwecken abgegeben.28

Weitere kirchliche Gebäude

Gemeindehaus Martin-Luther (Bj. 1955, eingeschossiger Massivbau).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof neben der kath. Kirche, FKap (Bj. 1967, finanziert von ev. und kath. Kirche sowie von politischer Gemeinde).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

D 44 (EphA Bockenem); S 11a Nr. 7076 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Blume, Beiträge, S. 156-158; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 1213; Günther, Ambergau, S. 541-543; Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 174-178.
B: Fritz Garbe: Rings um den Königsberg. Geschichte der Kirchengemeinden Hackenstedt, Henneckenrode und Sottrum, Hildesheim 1954.


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 67; ebd., Nr. 69.
  2. UB HS Hildesheim III, Nr. 560.
  3. Petke, Grafen von Wöltingerode-Wohldenberg, S. 468 ff.
  4. UB HS Hildesheim IV, Nr. 432.
  5. UB HS Hildesheim IV, Nr. 1422.
  6. UB HS Hildesheim II, Nr. 756, ebd. III, Nr. 757.
  7. Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 175.
  8. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1 S. 4 ff. und 702 ff.; Butt, Herrschaft, S. 42 ff. und 47 ff.
  9. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 193.
  10. Alle Zitate: Kayser, Kirchenvisitationen, S. 382.
  11. Meyer, Pastoren I, S. 381; Günther, Ambergau, S. 543.
  12. Dolle, Klosterbuch I, S. 324 f.
  13. LkAH, L 5h, unverz., Hackenstedt-Sottrum, Visitation 1949.
  14. LkAH, B 2 G 9/Sottrum, KK Bockenem Bd. I, Bl. 32 (Zitat) und 37.
  15. KABl. 1974, S. 23.
  16. Garbe, S. 20 f.
  17. KABl. 1906, S. 11.
  18. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  19. LkAH, A 6 Nr. 7263.
  20. KABl. 1943, S. 23.
  21. Garbe, S. 17.
  22. Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 272, Nr. 79.
  23. Pape, Schaper S. 285.
  24. LkAH, L 5h, unverz., Hackenstedt, Visitation 1940.
  25. DI 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 133 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di088g016k0013303.
  26. Garbe, S. 15.
  27. Zit. in Heersum, S. 83.
  28. Garbe, S. 15.