Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Alfeld | Patrozinium: Paulus | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

An der Wende vom 12. zum 13. Jh. lässt sich einige Jahre lang eine Familie de Hackenstedt urkundlich belegen: 1194 Adelheid de Hakinstide1 und 1212, als Zeuge in einer Urkunde des Hildesheimer Bf. Hartbert, Rodolfus de Havekenstede.2 Das Dorf, heute Ortsteil der Gemeinde Holle, gehörte zum Gebiet der Grafen von Wohldenberg, das in der zweiten Hälfte des 13. Jh. an die Hildesheimer Bischöfe kam.3 Als gräfliches und später bischöfliches Lehen besaß die Familie von Berckefeldt (Barkeveld) Land in Hackenstedt, seit der zweiten Hälfte des 14. Jh. auch die Ritter von Steinberg.4 Seit der ersten Hälfte des 13. Jh. erwarb das Kloster Derneburg Güter in Hackenstedt und entwickelte sich zum größten Landbesitzer des Ortes. 1318 ist ein Klosterhof in Hackenstedt belegt (curia Havekenstede)5, 1333 und 1337 wird ein frater Iohannes als rector curie in Havekenstidde6 bzw. als domestico in Havekenstede7 genannt. Bereits 1229 hatte Bf. Konrad von Hildesheim dem Kloster den Zehnten des Dorfes übertragen.8 Das Dorf zählte zum hildesheimischen Amt Wohldenberg, die Frage der Gerichtsbarkeit war jedoch zeitweise ein Streitfall zwischen Kloster und Amt. Nach Ende der Hildesheimer Stiftsfehde (1519–1523) kam Hackenstedt an das welfische Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel. Seit der Restitution des Großen Stiftes 1643 gehörte es wieder zum Hochstift Hildesheim. Die stifthildesheimischen Gebiete fielen aufgrund der Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses 1803 an Preußen. In der Zeit des französischen Satellitenkgr. Westphalen (1807–1813) gehörte Hackenstedt zum Kanton Salzdetfurth im Distrikt Hildesheim des Departements Oker. Danach kam das Dorf, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Wohldenberg, das 1852/59 im Amt Bockenem aufging. Nach der Annexion Hannovers 1866 wieder preußisch, gehörte Hackenstedt seit 1885 zum Kr. Marienburg (1946 Lkr. Hildesheim-Marienburg, 1977 Lkr. Hildesheim). 1974 wurde der Ort nach Holle eingemeindet. Das Dorf ist ländlich geprägt, in der zweiten Hälfte des 20. Jh. entstanden kleinere Neubaugebiete. 1810 hatte Hackenstedt knapp 250 Einwohner, 2017 gut 450.

Kirche, Ansicht von Nordwesten, Foto: Ulrich Ahrensmeier, Hannover, 29. März 1979

Kirche, Ansicht von Nordwesten, Foto: Ulrich Ahrensmeier, Hannover, 1979

Die Hackenstedter Kirche ist erstmals 1229 belegt, als der Hildesheimer Bf. dem Kloster Derneburg den Zehnten der ecclesie nostre sitam in Havekenstede übertrug.9 Als erster Dorfgeistlicher lässt sich 1271 Burchardus plebanus in Havekenstede nachweisen.10 Die Kirche hatten möglicherweise die Herren von Berckefeldt bauen lassen, zumindest besaßen sie das Patronat über die ecclesia in Havekenstede. Im Jahr 1334 übertrugen sie dieses Recht dem Kloster Derneburg.11 Im Nekrolog des Klosters erscheint mit Ludolfus ein weiterer Hackenstedter Pfarrer.12
Die Reformation hielt Einzug in Hackenstedt, nachdem die Truppen des Schmalkaldischen Bundes Hzg. Heinrich den Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel 1542 vertrieben hatten. Lgf. Philipp von Hessen und Kfs. Johann Friedrich von Sachsen setzten eine Statthalterregierung ein, die das besetzte Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel reformieren sollte. Johannes Bugenhagen, Martin Görlitz und Antonius Corvinus visitierten im gleichen Jahr die Gemeinden des Fsm., um die einzelnen Pfarrer zu begutachten; 1543 erschien die Christlike kerken-ordening im lande Brunschwig, Wulffenbüttels deles, die Corvinus und Görlitz verfasst hatten; 1544 fand eine weitere Generalvisitation statt.13 In Hackenstedt hatte seinerzeit P. Moritz Jakobin (amt. 1542, 1544) die Pfarre inne. Insgesamt zeigten sich die Visitatoren unzufrieden mit den Pastoren im Amt Wohldenberg: „vil ungelarte, ungeschickte und uneheliche Pfaffen“ hätten sie angetroffen, die „auch noch dem grawlichen Papstumb“ anhingen.14 1547 konnte der kath. Hzg. Heinrich der Jüngere zurückkehren und suchte sein Fsm. zu rekatholisieren. Zumindest in Hackenstedt war sein Erfolg allerdings begrenzt: 1561 heißt es, der Ortsgeistliche P. Jonas Mayland (amt. vor 1561–1599) predige „der Augsburgschen Konfession gemäß“ und reiche das Abendmahl „unter zweierlei Gestalt“. Weiter berichteten die Visitatoren dem Hzg.: „Wiewohl er hart bedroht worden, ist er gleichwohl dabei geblieben.“15 Heinrichs Sohn und Nachfolger Hzg. Julius, der 1568 die Regierung übernahm, führte im gleichen Jahr erneut die luth. Lehre im Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel ein, ließ die Gemeinden wiederum visitieren und erließ 1569 die später sogenannte Calenberger Kirchenordnung.16 Die Hackenstedter Pfarre versah noch immer P. Mayland; zwar waren seine Antworten auf die theologischen Fragen der Visitatoren mittelmäßig (Mediocriter respondit), aber er übertraf damit die meisten seiner Amtskollegen im Gebiet um Bockenem, die „mehrer theils beschwerlich zu tollerirn“ seien.17 P. Mayland versah 1568 auch die Pfarre in Henneckerode und die Schlosskapelle Wohldenberg. Bis zur Zerstörung der Burg 1641 blieben die Hackenstedter Pfarrer für die Capell aufm Woldenberge zuständig.18 Aufgrund der Restitution des Großen Stifts bekam das luth. Hackenstedt 1643 mit dem Hildesheimer Bf. einen kath. Landesherrn.

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, 1956

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, 1956

Seit 1730 sind die Gemeinden Hackenstedt und Sottrum (Holle) pfarramtlich verbunden (mater combinata). P. August Wilhelm Lasdorff (amt. 1730–1758) ließ das nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges nur notdürftig reparierte Kirchenschiff neu errichten und vergrößern. Die Kirche bekam einen barocken Kanzelaltar und einen Taufengel, einige Jahre später ein Deckengemälde. Auf P. Lasdorff gehen auch die ältesten Kirchenbücher der Gemeinde zurück (1752). Bis in die 1820er Jahre war der Hackenstedter Pfarrer auch für das Landgut Söder zuständig, danach gehörten die dortigen Lutheraner zur KG Nette. Seit 1867 hatten Sottrum (Holle) und Hackenstedt nur noch eine Pfarrkasse.19
Zum 1. Januar 1974 schlossen sich die Kirchengemeinden Hackenstedt und Sottrum (Holle) zusammen und gründeten gemeinsam eine neue Kirchengemeinde, die zunächst den Namen Hackenstedt führte und seit 1992 Hackenstedt-Sottrum heißt.20

Umfang

Das Dorf Hackenstedt, Landgut Söder (bis 1820er Jahre).

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Holle der Diözese Hildesheim. – Um 1544 Insp. Bockenem. Um 1570 zur neuen Insp. Baddeckenstedt. Seit etwa 1650 Insp. der Ämter Wohldenberg und Bilderlahe (ohne festen Superintendentursitz).21 1807 Insp. Bockenem, Sitz der Suptur bis 1817 in Nette, dann Sehlde. 1834 zur neuen Insp. (1924: KK) Sehlde; mit Aufhebung des KK Sehlde am 1. April 1943 in den KK Bockenem eingegliedert.22

Patronat

Bis 1334 die Familie von Berckefeldt (Berkefeld, Barkeveld), dann das Kloster Derneburg (bis zu seiner Aufhebung 1803). Dann der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Rechteckiger, verputzter Saalbau, errichtet 1731 (Bauinschrift). Bruchsteinmauerwerk, Satteldach mit Krüppelwalm im Osten, Rechteckfenster, in Ostwand zudem ovales Fenster, im Norden kleines Fenster mit Jahreszahl 1650. Im Innern verschaltes Tonnengewölbe, bemalt mit Dreieinigkeitsbild, Wolkenhimmel und Engeln (datiert 1751, G. E. Fabricius und E. H. Löhr), Westempore. 1831 Eingangsportal aus Südwand des Schiffes in Südwand des Turms verlegt. 1890 renoviert, dabei Deckengemälde vermutlich übertüncht. 1946 Seitenflügel der u-förmigen Empore abgebaut. 1956 renoviert, dabei Deckengemälde freigelegt und restauriert.23 Innenrenovierung 1987, dabei zwei Grabplatten im Altarraum entdeckt: Anna Magdalena Pantzerbieter († 1659), Tochter des P. Johannes Pantzerbieter (amt. 1652–1691); auf der zweiten nur Wappenfragment, möglicherweise Grab von P. August Wilhelm Lasdorff (amt. 1730–1758) und Gottfried Jacob Kocken (amt. 1754–1758). Außen- und Turmsanierung 2013/14.

Turm

Querrechteckiger, romanischer oder spätromanischer Westturm aus Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung. Satteldach mit Gauben und Dachreiter, steinerne Giebelkreuze, schießschartenartige Lichtschlitze, rundbogige Schallfenster in Giebeln, Wetterfahne mit Jahreszahl 1872, rundbogiges Portal nach Süden mit Inschrift „Hanc Augustane Confessionis aedem aedificari curavit A. W. Lasdorff, Pastor. MDCCXXXI“ (Dieses Gebäude Augsburger Konfession ließ Pastor A. W. Lasdorff bauen. 1731). Turmhalle mit rundbogiger Öffnung zum Kirchenschiff. Turmuhr 1694 erstmals erwähnt, 1871 neue Turmuhr (Firma Beyes, Hildesheim).24

Vorgängerbau

Mittelalterliches Kirchenschiff wohl während des Dreißigjährigen Kriegs beschädigt oder zerstört (1626), Mitte 17. Jh. notdürftig instandgesetzt.

Ausstattung

Kanzelaltar (1734, Johann Heinrich Fahrenholz, Bockenem), Kanzelkorb flankiert von zwei gedrehten Säulen und zwei Figuren (Johannes der Täufer, Mose), gesprengter Giebel mit zwei Engeln sowie bekrönendem Christus mit Siegesfahne; seitliche Durchgänge, restauriert 1891 und 1956. – Hölzerner, bemalter Taufengel mit muschelförmiger Taufschale (vermutlich 1734, vermutlich Johann Heinrich Fahrenholz und sein Sohn Johann Heinrich Gottfried), restauriert 1891 und 1956.25 – Hölzerner Kronleuchter. – Fenster mit vier bemalten Glasscheiben an Nordseite (1650).26

Orgel, 1978, Fotograf: Dawin

Orgel, 1978, Fotograf: Dawin

Orgel

Kirchenrechnung von 1716 nennt Positiv, 4 I, 1838 abgebaut. 1843 neues Instrument 12 I/P, gebaut vom Orgelbauer Persie (Peine).27 1905 Neubau durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 14 II/P, pneumatische Traktur, Kegelladen (Opus 546).28 Prospektpfeifen 1917 zu Kriegszwecken abgegeben. Dispositionsänderung etwa 1940, 14 II/P, ausgeführt von Orgelbauanstalt Emil Hammer (Hannover). 1980 renoviert von den Orgelbauwerkstätten Schmidt & Mappes (Hannover).

Geläut

Zwei LG, I: fisʼ (Stahl, Gj. 1955, Bochumer Verein); II: aʼ, Inschrift: „Dem Vaterland zum Opfer gab man die Glocke aus Bronze her. Nun töne jetzt und allezeit, Glocke von Stahl, zu de Herrgotts Ehr! Gegossen in Deutschlands schwerster Zeit 1923“ (Eisen, Gj. 1923, Firma Ulrich & Weule, Apolda-Bockenem). Eine SG, aʼʼʼ (Eisen). – Früherer Bestand: Das Verzeichnis „Was von Anno [15]42 biß wider Anno 47 von Sachsen und Hessen an Klocken ist genohmen worden“ nennt eine Glocke aus Hackenstedt.29 Eine LG, Inschrift „Anno dom[in]i M cccc lxxx qvarto. Katherina grata o[mn]ipotenti sum nvncupata“, Im Jahr des Herrn 1484. Katharina, dem Allmächtigen lieb, bin ich genannt (Bronze, Gj. 1484)30, 1884 geborsten. Umguss zu einer LG, Inschriften u. a.: „Bete und arbeite.“ und „Friede auf Erden“, Bilder: Luther sowie Kruzifix (Bronze, Gj. 1884, Johann Jacob Radler, Hildesheim), 1917 zu Rüstungszwecken abgegeben und 1923 ersetzt mit heutiger LG II. Eine LG, Inschrift u. a. „Dem Schicksal leih ich meine Zunge, selbst herzlos, ohne Mitgefühl verkündige ich mit meinem Schwunge des Lebens wechselvolles Spiel“, Bilder: Christus, Engel, Mond, Sterne (Bronze, Gj. 1824), im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben. Eine LG fis’ (Eisen, Gj. 1947, Firma Weule, Bockenem), etwa März 1954 gesprungen. Eine SG (Bronze), 1917 zu Kriegszwecken abgegeben.31

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. um 1750, zweigeschossiger Fachwerkbau).

Friedhof

Seit 1868 neuer kirchlicher Friedhof.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 4136–4150 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 3152–3159; A 9 Nr. 872–875 (Visitationen); D 44 (EphA Bockenem); S 11a Nr. 7076 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Blume, Beiträge, S. 112–114; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 577; Meyer, Pastoren I, S. 381–382; Pape/Schloetmann, Hammer, S. 116; Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 70–72.
B: Fritz Garbe: Rings um den Königsberg. Geschichte der Kirchengemeinden Hackenstedt, Henneckenrode und Sottrum, Hildesheim 1954; Louis Lohoff: Chronik der Gemeinde Hackenstedt, als Ms. gedruckt [Hackenstedt 1937].


Fußnoten

  1. UB Goslar I, N. 338.
  2. UB HS Hildesheim I, Nr. 654.
  3. Petke, Grafen von Wöltingerode-Wohldenberg, S. 468 ff.
  4. Blume, Beiträge, S. 113.
  5. UB HS Hildesheim IV, Nr. 432.
  6. UB HS Hildesheim IV, Nr. 1325.
  7. UB HS Hildesheim IV, Nr. 1422.
  8. UB HS Hildesheim II, Nr. 277.
  9. UB HS Hildesheim II, Nr. 277.
  10. UB HS Hildesheim III, Nr. 289.
  11. UB HS Hildesheim IV, Nr. 1355.
  12. Günther, Ambergau, S. 477.
  13. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 4 und 22 ff.; Butt, Herrschaft, S. 42 ff.
  14. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 191 und 190, Anm. 354.
  15. Alle Zitate bei Bertram, Bistum Hildesheim II, S. 264.
  16. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 5 und 83 ff.
  17. Beide Zitate: Spanuth, Quellen, S. 283 f.
  18. Nachrichtungs-Buch von allen Pfarren im Fürstenthumb Braunschweig, S. 24; Garbe, S. 19.
  19. Garbe, S. 20.
  20. KABl. 1974, S. 22 f.
  21. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  22. KABl. 1943, S. 23.
  23. LkAH, B 2 G 9/Hackenstedt Bd. I, Bl. 48.
  24. Garbe, S. 11.
  25. Aye, Kronenberg, Taufbecken, S. 246 f., Nr. 26.
  26. DI 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 435 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di088g016k0043502.
  27. Garbe, S. 14.
  28. Pape/Schloetmann, Hammer, S. 116.
  29. Zit. in Heersum, S. 83.
  30. Mithoff, Kunstdenkmale III, S. 86; DI 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 46† (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di088g016k0004605.
  31. Garbe, S. 10 f.