Frühere Gemeinde | Sprengel Lüneburg, KK Soltau | Patrozinium: Laurentius | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

Das sechs Kilometer nördlich von Hermannsburg am Wasserlauf der Örtze gelegene Kirchdorf wird zum ersten Mal in zwei im 12. Jh. gefälschten und auf das Jahr 1022 datierten Urkunden als Mutha in pago Muthiwide erwähnt.1 Bei den Urkunden handelt es sich um Besitz- und Privilegienbestätigungen für das Hildesheimer Michaeliskloster, angeblich ausgestellt von Bf. Bernward von Hildesheim bzw. von Ks. Heinrich II. Müden gehörte bis ins 19. Jh. zur Amtsvogtei Hermannsburg des welfischen Teilfsm. Lüneburg bzw. des Kgr. Hannover (ab 1815) und kam um 1840 mit seinen Nachbarn unter die Aufsicht der Amtsvogtei Bergen, mit der die Vogtei in Hermannsburg vereinigt wurde.2 Während des kurzlebigen napoleonischen Satelliten-Kgr. Westphalen war Müden von 1807 bis 1813 Teil des Kantons Bergen im Distrikt Celle des Departements Aller gewesen. Nach der Annexion des Kgr. Hannover durch Preußen im Jahr 1866 kam Müden 1885 mit der Einführung der Kreisverfassung zum Lkr. Celle.3 Zum 1. Januar 1973 schloss sich Müden mit den Nachbarorten Faßberg, Poitzen und Schmarbeck zur neuen Samtgemeinde Faßberg zusammen, die zum 1. Januar 1977 in die Einheitsgemeinde Faßberg umgewandelt wurde.4 Lange Zeit spielten Land- und Forstwirtschaft eine zentrale Rolle für den Ort ebenso wie die Nutzung der Örtze für Fischerei und Holzflößerei.5 Anfang des 20. Jh. brachte das Aufkommen des Fremdenverkehrs einen Aufschwung, der „aus Bauern Hoteliers“ werden ließ, befördert nicht zuletzt durch den Anschluss an die Kleinbahn Celle–Soltau im Jahre 1910.6 In der zweiten Hälfte des 20. Jh. entwickelte sich der Tourismus zum „tragenden wirtschaftlichen Potential der Gemeinde“ (1950: 30.500 Übernachtungen, 1987: 136.000, 2001: 180.000) .7 Im Jahr 1821 lebten etwa 330 Menschen in Müden, 1890 rund 580, 1928 gut 820, 1946 fast 1.750 und 2000 rund 2.140.

Kirche, Ansicht von Südosten, um 1952

Kirche, Ansicht von Südosten, um 1952

Kirchlich gehörte Müden im Mittelalter zunächst zum Kirchspiel Hermannsburg, aus dem es 1444 ausschied.8 Über die Frühzeit der Müdener Kirche liegt vieles im Dunkel, ist urkundlich nur schwer fassbar und eher legendarischer überliefert.9 So berichtet der Gründer der Hermannsburger Mission und dortige Pastor Louis Harms über eine Chronik, die er in der Ratsbibliothek in Lüneburg gefunden habe. Diese Chronik erzähle von der Bekehrung und Taufe eines in Müden ansässigen Thor-Priesters namens Heinricus durch den heiligen Landolf: „Im Jahre 866 n. Chr. ist Heinricus, Priester des Thor, auf der heiligen Insel der Oertze, nahe dem Zusammenfluß von Wietze und Oertze von dem heiligen Landolf bekehrt und getauft worden, nachdem der Altar des Thor auf der Insel durch einen Blitzschlag getroffen und zerstört war. An Stelle des Thor-Altars ist ein Heiligtum des Herrn Jesu erbaut worden.“10 Als weitere wichtige Nachricht über die Existenz eines Gotteshauses in Müden bringt Harms einen Eintrag aus dem in derselben Lüneburger Chronik vorgefundenen Chronicon Hermannsburgense, in dem über die Einweihung einer Kapelle in Müden berichtet wird: „Im Jahre 1217 n. Chr., dem vorletzten Jahre in der Regierung des römischen Kaisers Otto IV., wurde die neue Kapelle im Dorfe am Zusammenfluß von Oertze und Wietze eingeweiht. Die Weihe vollzog der Hermannsburger Pfarrer Ditgram. Stifter war der Herr von Hasselhorst, der von tödlicher Krankheit genesen war. Tag der Weihe war der Tag des heiligen Märtyrers Laurentius, dem die Kapelle gewidmet wurde.“ 11 In der Fortsetzung ihres Berichts erwähnt die genannte Chronik auch die Verselbständigung der Kirche in Müden als eigenes Kirchspiel, also die Trennung von der Hermannsburger Parochie, die im Jahr 1444 stattgefunden hat, und nennt den ersten örtlichen Priester, der vom Hermannsburger Pfarrer eingesetzt wurde: „De erste sunner [selbständige] Preester in Müden hadd heeten Dirk Ohlde un is von Lauenrod insett.“12 Der betreffende Pfarrer Lauenrod wird nach Louis Harms in einer weiteren, ebenfalls verlorenen lateinischen Urkunde genannt, die gleichfalls von der Verselbständigung Müdens als eigene Pfarre spricht: „Die Kapelle am Zusammenfluß von Oertze und Wietze, im Jahre 1185 errichtet, durch Kapläne, die der Hermannsburger Pfarrer an Sonntagen und an den Festen der Apostel entsandte, verwaltet, ist in diesem Jahre 1444 n. Chr. aus der Hermannsburger Parochie ausgeschieden. Am Osterfeste dieses Jahres habe ich, Magnus Lauenrod, Pfarrer zu Hermannsburg, meinen Kaplan Gerold als Pfarrer der Müdener Kirche feierlich eingesetzt und ihm drei Höfe, Meyer genannt, nämlich zwei in Müden und einen in Baven, abgegeben unter Zustimmung meines gnädigsten Patrons, des Herrn Bischofs zu Minden. Für diese Wohltat ist mir von der Müdener Kirche die Summe von 50 guten Rheinischen Gulden ausgezahlt worden. L.F. Magnus Lauenrod, Pfarrer, im Jahre 1444 an den Iden des April [13. April].“ 13 Die Berichte von Louis Harms über Landolf sind wohl am wenigsten historisch gesichert, „da sie durch keine gleichzeitigen oder späteren urkundlichen Überlieferungen verbürgt werden.“14 Die Frage, ob das in der Lüneburger Chronik erwähnte „Heiligtum auf der Oertze-Insel“ durch den Neubau einer Kapelle im Jahr 1185 ersetzt wurde, an deren Stelle dann 1217 die Laurentiuskapelle trat, kann letztlich nicht sicher entschieden werden.15 Sicher ist dagegen wohl das Jahr 1444 als Gründungsjahr des selbständigen Kirchspiels Müden an der Örtze.16 Schon vier Jahre zuvor wurde als Beginn des Prozesses der Verselbständigung die Müdener Kapelle zur Pfarrkirche erhoben, die jedoch zunächst noch unter der Aufsicht des Hermannsburger Pfarrers blieb.17
Die Einführung der Reformation im Fsm. Lüneburg erlebte Müden wie die allermeisten Dörfer und Städte im Land als „Reformation von oben“, d. h. auf Initiative des Landesherrn Hzg. Ernst I.18 Nachdem er 1527 mit der Vorlage des sogenannten Artikelbuches erste Maßnahmen zur Neuordnung des kirchlichen Lebens im Sinne der Reformation angestoßen hatte, folgten im Zuge der Visitationen von 1529 eine Predigtinstruktion des Herzogs und 1543 schließlich als letzte Maßnahme zu seinen Lebzeiten eine Ordnung betreffend die Einkommen der Pfarrer und zu Ehe- und Familiensachen.19 Zugleich sorgte der von Hzg. Ernst I. nach Celle geholte Reformator Urbanus Rhegius als Generalsuperintendent (amt. 1531–1541) neben dem Aufbau von Strukturen auch für eine inhaltliche Festigung der ev. Landeskirche, u. a. durch seine Schrift „Wie man fürsichtiglich und ohne Ärgernis reden soll von den fürnemesten Artikeln christlicher Lehre“ (1536).20 Vermutlich im Frühjahr des Jahres 1530 ging Müden mit seinem nun ersten ev. P. Bernd Callein zum neuen Glauben über.21 Neben P. Callein ist 1534 Jakob Raphorn als Küster belegt.22 Für die folgenden Jahrzehnte sind zwei Pfarrer bekannt: P. Johann Breiger (amt. 1570–1597) und P. Johannes Bökel (amt. 1600–1634).23 Im 17. Jh. erlebte die Kirchengemeinde die Beschaffung einer Turmuhr (vermutlich um 1607), 1618 den ersten Umguss der großen Glocke und wegen der darauf folgenden Finanzprobleme die Verpachtung des der Kirche zustehenden Waagrechts an die Besitzer des Mattenshofes (bis 1839, da dann das Waaghaus abbrannte und damit auch das Privileg erlosch).24 1648 wurde die große Glocke erneut umgegossen.25 In den Jahren 1641 und 1642 erreichten die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges das kleine Heidedorf, als Söldner jeweils das Abendmahlsgerät raubten und neben der Verwüstung des Pfarrhauses offenbar auch der Raub der Glocken versucht wurde, der aber nicht gelang.26 Wahrscheinlich ist in den Wirren des Krieges irgendwann zwischen 1618 und 1638 auch der Deckel des bronzenen Taufkessels von 1473 abhandengekommen.27

Kirche, Ansicht von Südwesten, 1930

Kirche, Ansicht von Südwesten, 1930

Im 18. Jh. erhielt die Kirche im Jahr 1720 ihre erste Orgel und entstand 1749 ein völlig neues Pfarrhaus, das den alten Bau von 1574 ersetzte.28 Im 19. Jh. beschäftigte besonders der schlechte Bauzustand der Kirche die Gemeinde. 1815 stellte man gravierende Schäden am Mauerwerk der Kirche fest und 1843 beurteilte eine weitere Untersuchung ihren Zustand als „sehr bedenklich“.29 Um die Mauern und das Gewölbe zu stabilisieren, entschieden sich die Verantwortlichen, an der Nord- und Südseite starke Backsteinpfeiler anzubringen.30 Im Jahr 1851 wurde ein neuer Friedhof angelegt und 1852 eingeweiht.31 Im Jahr 1864 erhielt die Kirche eine neue Orgel. Diese Maßnahme fiel in die Amtszeit von P. Theodor Harms (amt. 1857–866), des Bruders des Hermannsburger Pastoren, Erweckungspredigers und Missionsgründers Louis Harms, dessen Nachfolger in Hermannsburg er 1866 wurde.32 P. Theodor Harms veranlasste noch weitere Umgestaltungen in und an der Müdener Kirche, etwa an Altar, Emporen oder den Bau einer Sakristei, die wohl auch seiner theologischen Prägung geschuldet waren, wenn er etwa die Platzierung der Kanzel über dem Altar für unlutherisch hielt.33
Ein weiterer erwähnenswerter Pastor des 19. Jh. ist P. Friedrich Speckmann (amt. 1876–1883), der in seinen zwischen 1891 und 1909 niedergeschriebenen und erst 2006 veröffentlichten Lebenserinnerungen ein Kapitel seiner Zeit in Müden widmet.34 P. Speckmann vertrat wie P. Theodor Harms eine strenge Erweckungstheologie.
Im 20. Jh. erlebte die Gemeinde umfassende Renovierungsarbeiten an der Kirche in den Jahren 1908 und 1911 mit der Stiftung neuer Glasfenster im Chor.35 1966/67 folgte eine weitere durchgreifende Renovierung.36 Der Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen nach 1945 brachte für die Kirchengemeinde Zuwachs und eine Veränderung der Mitgliederstruktur. Als zum Ende des letzten Jahrhunderts die Mitgliederzahl auch der ev. KG in Müden zurückging, kam es im Rahmen der anstehenden Sparmaßnahmen zu einer Reduzierung des Umfangs der Pfarrstelle auf Dreiviertel einer vollen Stelle (ab 1. August 2002).37 Um die Folgen der Einsparungen aufzufangen und Mittel für die Gemeindearbeit zu gewinnen, wurde im Jahr 2003 die St. Laurentius-Stiftung gegründet. Im Lauf der weiteren Entwicklung kam es zunächst zur pfarramtlichen Verbindung mit der KG Faßberg sowie zur Bildung eines KG-Verbandes und schließlich zum 1. Januar 2013 zur Zusammenlegung der KG Faßberg und Müden/Örtze zur neuen St. Laurentius KG Faßberg-Müden.38

Umfang

Die Orte, Wohnplätze und Höfe Müden/Örtze, Alten- und Neuen-Sothrieth, Hankenbostel, Haußelhof, Gerdehaus, Poitzen, Schmarbeck, Velligsen, Willighausen und Winterhoff.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Ahlden der Diözese Minden.39 – Mit der Einführung der Reformation im Fsm. Lüneburg ab 1531 zur Insp. Celle. Zwischen 1803 und 1810 bei der neu errichteten Insp. Beedenbostel mit Suptur. in Celle-Neuenhäusen. Von 1810 bis 1874 gehörte die KG zur Insp. Winsen/Aller. Die folgenden Jahre war sie Teil des Aufsichtsbezirks Bergen-Soltau. Seit 1924 KK Soltau.

Patronat

Der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Ansicht von Südosten, nach 1967

Kirche, Ansicht von Südosten, nach 1967

Ziegelbau mit Findlingsfundament, polygonalem Chorschluss und Sakristeianbau an der Nordseite, älteste Bauteile aus dem 14. Jh.40 Walmdach, über dem Chor Wetterfahne mit Jahreszahl 1444. Gemauerte Stützpfeiler an Schiff und Chor, am Schiff geböscht, unregelmäßig verteilt und unterschiedlich dimensioniert. Flachbogige Fenster am Schiff; am Chor breite, spitzbogige Nischen mit je drei gestaffelten Spitzbogenfenstern; am Schiff flachbogige Türen in Spitzbogennischen; im östlichen Joch auf beiden Seiten je vier segmentbogige Blendarkaden. Im Innern Sterngewölbe in Schiff und Chor, Schlusssteine aus Sandstein mit mehrblätterigen Blütenornamenten, kleine Ziersteine mit verschiedenartigen Stern- und Rosettenmustern an den Schnittpunkten der Rippen; u-förmige Empore auf einfach profilierten Holzstützen. Im Chorraum mittelalterliche Ausmalung (Mitte 15. Jh.), in der Mitte Christus als Weltenrichter, links Zug der Seligen, rechts Höllendarstellung; Ausmalung 1911 freigelegt und von Reinhold Ebeling (Hannover) überformt.41 Reste ornamentaler Gewölbemalerei im Schiff. Wohl um 1440/44 Chor errichtet und Schiff eingewölbt, spitzbogigen Fenster und Türen, Mauern mit Ziegelmauerwerk verstärkt. Im 18. Jh. flachbogige Fenster eingebaut. Um 1840 Stützpfeiler errichtet. 1860 östlich des Chors Sakristei angebaut. 1911 grundlegende Renovierung (Außenputz von 1850 entfernt, vier durch Einbauten des 18. Jh. verdeckte Chorfenster freigelegt, im Inneren Malereien im Chorgewölbe freigelegt und erneuert, neue Chorfenster).42 1966/67 Renovierung (östliches Chorfenster geöffnet, Sakristei abgebrochen, neue Sakristei an der Nordseite erbaut).

Fenster

Chorfenster mit Figuren der Evangelisten (1911), von Gemeindegliedern aus den Ohe-Höfen gestiftet.43

Turm

Freistehender Glockenturm vor der Westwand der Kirche als verbretterter Fachwerkbau auf quadratischem Grundriss mit Pyramidendach und im Inneren durch Andreaskreuze verstärkter Ständerkonstruktion.44 Vom zweiten Turmgeschoss aus brückenförmigen Fachwerksteg mit Schmetterlingsdach und Bretterverkleidung hin zum Dachboden des Kirchenschiffs. An der Wandfläche des zweiten Geschosses die Ziffernblätter der Uhr in Form einer quadratischen, auf die Spitze gestellten Holztafel, gerahmt mit volutenartigem Ornament. Der Turm hat bis zur äußersten Spitze eine Höhe von 24 Metern und war ursprünglich mit Findlingen fundamentiert, wurde später aber mit Rücksicht auf die das Uhrwerk bedrohenden Schwankungen beim Läuten untermauert.45 1616 Neubefestigung der Kupferbedeckung des Turmdaches (Kirchenrechnung).46 1729 Kupferbedeckung vollständig erneuert (Wetterfahne mit Jahreszahl 1729 steht wohl damit im Zusammenhang). 1840 Kupferbedeckung durch Eichenholzschindeln ersetzt.47 1906 Schieferbedachung.48

Kirche, Blick in den Chorraum

Kirche, Blick in den Chorraum

Ausstattung

Kanzelaltar (1788, Kanzelkorb 1649), Kanzelkorb vor Kielbogenrahmung, flankiert von zwei schlanken, leicht gebauchten Säulen mit gotisierenden Kapitellen, darüber je eine Fiale, zwischen den Fialen Holzwand mit Stabwerk und Zinnenbekrönung; polygoner Kanzelkorb mit toskanischen Ecksäulchen, an den Wandungen Gemälde der Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas in rundbogigen Füllungen (Johannes bei Versetzung der Kanzel verloren); Altar mit Holzverkleidung und seitlichen Schranken. Altar ursprünglich bekrönt mit Figur Christi im Strahlenkranz (stammt vom Schalldeckel der Kanzel), 1966 abgegeben an Kirche in Pattensen (Leine) als Orgelbekrönung. Kanzel 1860 bis 1908 vom Altar getrennt und an Südwand angebracht, stattdessen Altarbild.49 – Ehemaliges Altarbild (18. Jh.), Geißelung Christi mit Inschrift „Kein Mensch, ein Wurm bin ich groß Spott mein Angesicht verhüllet hat. Die Sünder schmieden den ganzen Tag auf ein Ricken schlag auf schlag“, um 1860 von P. Theodor Harms erworben, diente bis 1908 -als Altarbild, jetzt oberhalb der Südempore. – Bronzener Taufkessel (1473, Hinrich Klinghe, Bremen), drei im Halbrelief gestaltete Diakone als Träger des runden Kessels, Wandung nach oben konisch erweitert, Wandung verziert mit Reliefs: Taufe Jesu, gegenüber Kreuzigung, dazwischen unter kielbogigen Baldachinen jeweils sechs Apostel mit ihren Attributen, an der Stelle des Judas Ischarioth steht St. Laurentius, der Schutzheilige der Kirche, mit Palmenzweig in der einen Hand und Rost in der anderen; am Rand des Kessels zwei gegenüberliegende Knäufe mit Maskenprofil; am oberen Rande Inschrift: „s. maria s. anna s. katerina s. margreta s. dorotea s. gertrud s. ursela s. barbra s. maria s. magdalena. hinrich klinghe de mi ghegaten hat, God geve sele rad“; am unteren Rand Inschrift: „an mi schal me de salicheit entfanghen, anno d[domini] MCCCCLXXIII“ (An mir soll man die Seligkeit empfangen, im Jahr des Herrn 1473); ursprünglicher Deckel im 17. Jh. verloren, 1860 durch Holzdeckel ersetzt.50 Vergleichbare Taufkessel von Hinrich Klinghe in Zeven (1469), Pilsum (1469), Bramstedt (1469) Esens (1474), Uttum (1474) und auf Pellworm (1475). – Kruzifix, Dreinagel-Typus, Rundmedaillons an den vier Enden des Kreuzes mit Darstellungen der vier Evangelisten als Mensch (Matthäus), Löwe (Markus), Stier (Lukas) und Adler (Johannes); 1911 restauriert.51

Orgel

Orgel

Orgel

Ihre erste Orgel erhielt die Müdener St. Laurentius-Kirche wohl um das Jahr 1720.52 Dieses Instrument hat teilweise der damalige Küster und Organist Johann Hestermann gebaut, einige Teile fertigte auch der Orgelbauer Christian Vater (Hannover) an; zunächst zwei Register, 1739 kam ein drittes hinzu, detaillierte Dispositionsangaben nicht bekannt; Instrument aufgestellt nahe des Altars; 1857 als „alt und sehr krank“ beschrieben (Rechnungsbuch).53 Im Jahr 1864 erhielt die Kirche eine neue Orgel aus der Werkstatt des Hannoveraner Hof-Orgelbauers Eduard Meyer, 15 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen (Rechnungsbuch 1864: Orgel hat „einen sehr schönen und hinreichend starken Klang“); gotisierender Orgelprospekt mit zwei von Maßwerk überfangenen Seitentürmen und steiler geführtem Mittelturm.54 1901 Umbau der Orgel, ausgeführt von Furtwängler & Hammer (Hannover), weitere Umbauten 1913/14 und 1942 durch Hammer (Hannover). 1969/70 Umbau durch Schmidt & Thiemann (Hannover), 17 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 2004 Einbau einer MIDI-Koppel.

Geläut

Zwei LG, I: esʼ (Bronze, Gj. 1648, Paul Voss), Inschrift: „Exhilero vivos, plango mortuos, festa quoque colo. Anno 1648. H. Heino Bolschenius Pastor, Johannes Tunnerman custos, Moritz Bokelman, Hans Winkel Juraten v. Muden. M. Paul Vos hat mich gegossen.“ (Ich erfreue die Lebenden, beklage die Toten, auch verschönere ich die Festtage), Krone mit viereckigen Ohren und Flachbandornament, Inschrift am Hals oben von gotischer Blattreihe, unten von in Blattspitzen auslaufenden Bogenfries eingefasst, zwischen Schlagrand und Hals drei kräftige Riemchen, am Bord gedrehtes Band55; II: gʼ (Bronze, Gj. 1775, Umguss durch Johann Meyer, Celle) Inschriften: „Soli Deo Gloria“ (Gott allein die Ehre), „I. Cor: XII V. I et Gal: V. V. VI. Ich bin ein thönend Erz. So ist des Christen Hertz das leer von Liebes Flammen, drum ruf ich euch zusammen. Kommt Christen! Hört was Glaub und Liebe sey und stimmt dem Wort des wahren Gottes bey, wer Glaub und Liebe wird verbinden, der wird des Glaubens End die Seligkeit auch finden“ und „Als Herr F. C. Mölling Amtsvogt zu Hermannsburg, Herr C. D. Kühne Pastor loci waren, hat mich umgegossen Johann Meyer in Celle herrschaftl. Stück und privilegierter Glocken Gieser. M. D. C. C. LXXV“, Inschrift am Hals unten von Rankenfries mit Putten, oben von Akanthusreihe gesäumt. Beide Glocken überstanden unbeschädigt die Ablieferung zu Kriegszwecken sowohl im Ersten Weltkrieg (1917, die kleine LG) wie im Zweiten Weltkrieg (große LG) und kehrten wohlbehalten nach Müden zurück. – Früherer Bestand: Nachrichten über die ersten Glocken gibt es nicht; für das Jahr 1618 wird vom Umguss einer geborstenen Glocke berichtet.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1968). – Gemeindehaus (Bj. 1969/70).

Friedhof

Im Eigentum der KG, ursprünglich um die Kirche herum. 1852 Neuanlage an der Sandstraße. Ab 1953 wieder Neuanlage eines Friedhofs am Wietzer Berg, FKap (Bj. 1956).

Liste der Pastoren (bis 1940)
Kirche, Blick zum Altar

Kirche, Blick zum Altar

1534 Bernd Callein. – 1570–1597 Johann Breiger. – 1600–1634 Johannes Bökel. – 1634–1671 Heino Bölschen. – 1671–1703 Johannes Bölsche. – 1703–1713 Johann Arnold Schmidt. – 1714–1733 Johann Anthon Mindemann. – 1734–1770 Bernhard Heinrich Streve. – 1770–1800 Christian David Kühne. – 1800–1834 Georg Ludwig Schwenke. – 1835–1857 Johann Gottlieb Schneider. – 1857–1866 Carl Friedrich Theodor Harms. – 1866–1876 Christian Bogislaus Rudolf Lohmann. – 1876–1883 Friedrich Speckmann. – 1884–1890 Carl Robert Gustav Adolf Crome. – 1891–1901 Julius Georg Wilhelm Otto August Evers. – 1901–1907 Johann Dietrich Müller. – 1908–1949 Heinrich Wilhelm Karl Kretzmeyer.
Angaben nach: Meyer, Pastoren II, S. 153–154

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 8018–8033 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 5642–5652 (Pfarrbestellungsakten); A 9 Nr. 1596–1600 (Visitationen); S 9 rep Nr. 1729 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 7337 (Findbuch PfA).

Literatur & Links

A: Bühring/Maier, KD Lkr. Celle; S. 251–258; Gädtke, Kirchspiele, S. 52–56; Kayser, Kirchenvisitationen, S. 472–473; Holscher, Bisthum Minden, S. 278; Lindemeier, Restaurierungsgeschichte, Bildband, S. 216–219; Manecke, Beschreibungen II, S. 351–355; Meyer, Pastoren II, S. 153–154; Mithoff, Kunstdenkmale IV, S. 217–218; Salfeld, Pfründenregister, S. 100; Zimmermann, Denkmaltopographie Lkr. Celle, S. 132–137.
B: Konrad Gebhardt: Aus dem Archiv. Nr. 1–5/Gesamtausgabe, CD-ROM, Müden/Örtze 2008; Konrad Gebhardt: Die sechs Orgeln der St. Laurentius-Kirchengemeinde in Müden/Örtze, Müden/Örtze 2008; Konrad Gebhardt: Festschrift zum 150jährigen Jubiläum der Meyer Orgel in der St. Laurentius-Kirche zu Müden/Örtze, Müden/Örtze 2014; Achim Gercke: Hermannsburg. Die Geschichte eines Kirchspiels, Adensen 1965; Christoph M. Glombek: Chronik der Gemeinde Faßberg mit den Ortschaften Müden/Örtze, Poitzen und Schmarbeck, Faßberg 2002; Martin Heinecker & Heiner Wajemann (Hg.): Als Hirte in der Heide. Die Lebenserinnerungen von Pastor Friedrich Speckmann nach seinen Aufzeichnungen vom 21. Juli 1891 bis zum 9.8.1909, Hermannsburg 2007, bes. S. 119–143; Hinrich Hesse: Die Laurentiuskirche zu Müden a. d. Oertze. Darstellung ihrer Baugeschichte und Sehenswürdigkeiten, Hermannsburg 1954.
Internet: Familienkunde Niedersachsen: Pastorenliste (.pdf); Bildindex der Kunst & Architektur: Kirche, Kirche, Glockenturm, Gewölbe, Gewölbemalerei, Kanzel, Glocke


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim, Nr. 67 und 69. Vgl. auch Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 249; Glombek, S. 31 f.
  2. Gercke, Hermannsburg, S. 27.
  3. Helmke, Speicher, S. 201.
  4. Glombek, S. 149 ff. und 332 ff.
  5. Manecke, Beschreibungen, S. 355; Helmke, Speicher, S. 332; Glombek, S. 96.
  6. Glombek, S. 72 f.; Zum Bahnbau vgl. ebd., S. 94 ff.
  7. Glombek, S. 147, vgl. auch ebd., S. 113.
  8. Gercke, Hermannsburg, S. 37; Glombek, S. 36, Kayser, Kirchenvisitationen, S. 472 f.
  9. Vgl. Glombek, S. 41.
  10. Hesse, S. 3, bietet Beleg und Text der betreffenden Stelle in deutscher Übersetzung. Die lateinische Chronik soll den Titel Gesta Landolfi apostolus Sahsonum qui ad Horzae ripas habitant getragen haben, jedoch schon um 1840 nach England verkauft worden und nicht mehr auffindbar sein, so berichten Louis Harms und sein Bruder Theodor, Pastor in Müden (amt. 1857–1866), siehe Hesse, S. 15.
  11. Hesse, S. 3, bietet wiederum Beleg und Text der betreffenden Stelle in deutscher Übersetzung. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 472, Anm. 999 (lateinischer Text).
  12. Hesse, S. 3 und S. 15. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 472 f., Anm. 999.
  13. Hesse, S. 3 f. bietet Beleg und deutsche Übersetzung. Lenthe, Archiv VII, S. 391, Anm. (lateinischer Text).
  14. Hesse, S. 4; siehe auch Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 249 und Gercke, Hermannsburg, S. 37.
  15. Hesse, S. 4. Glombek, S. 41 nimmt allein 1217 als Baujahr an; Gercke, Hermannsburg, S. 37 spricht sich für 1185 als alleiniges Datum aus und bezweifelt die Richtigkeit der Jahresangabe 1217.
  16. Vgl. Hesse, S. 4; Kayser, Kirchenvisitationen, S. 472 f.; Mithoff, Kunstdenkmale IV, S. 217.
  17. Glombek, S. 39 f.;Gercke, Hermannsburg, S. 17 und 37; Gebhardt, Archiv, bietet eine Abschrift der niederdeutschen Urkunde vom 14. Februar 1440 (NLA HA Cop. Nr. 19, alte Signatur Cop. IX Nr. 92 Nr. 268).
  18. Zum Ganzen siehe Busch, Anfänge, S. 30 ff.; Krumwiede, Kirchengeschichte, S. 130 ff.; Otte, Einführung Reformation, S. 8 ff., besonders S. 11 ff.
  19. Siehe dazu Bock, Lasst aber alles, S. 60 ff.
  20. Bock, Lasst aber alles, S. 62 f.
  21. Glombek, S. 55.
  22. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 473; Salfeld, Pfründenregister, S. 100; zur Zeit der Reformation in Müden siehe auch Glombek, S. 51 ff.
  23. Meyer, Pastoren II, S. 154.
  24. Glombek, S. 45 f.
  25. Hesse, S. 6 f.
  26. Glombek, S. 58.
  27. Glombek, S. 42 f.
  28. Glombek, S. 44.
  29. Glombek, S. 47.
  30. Hesse, S. 5.
  31. Hesse, S. 8; Glombek, S. 48.
  32. Hesse, S. 14; siehe auch Gercke, Hermannsburg, S. 34 ff.
  33. Siehe zum Ganzen Hesse, S. 5 und 11 ff.; Glombek, S. 43.
  34. Speckmann, Hirte, S. 119 ff. Speckmanns Sohn Diedrich (1872–1938), der einen Teil seiner Kindheit in Müden verbracht hatte, wurde nach einigen Jahren im Pfarramt ein im ersten Drittel des 20. Jh. erfolgreicher Schriftsteller, dessen Themen und Figuren um Heide und Moor kreisen, vgl. dazu Glombek, S. 82 ff.
  35. Hesse, S. 5 f und 13 f.
  36. Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 253.
  37. KABl 2002, S. 91.
  38. KABl 2009, S. 71; KABl 2013, S. 64 f.
  39. Holscher, Bisthum Minden, S. 278.
  40. Siehe zum Ganzen Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 253 f.; Zimmermann, Denkmaltopographie Lkr. Celle, S. 133; Hesse, S. 4 ff.; Glombek, S. 43 ff.
  41. Lindemeier, Restaurierungsgeschichte, Bildband, S. 218, vermutet, „dass Ebeling sich bei der Restaurierung am fragmentarischen Bestand orientierte, die Malerei aber vollständig übermalte, ohne den feineren maltechnischen Aufbau zu rekonstruieren bzw. neu anzulegen“. Vgl. auch Hesse, S. 10; Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 257.
  42. Glombek, S. 47 f.
  43. Vgl. Hesse, S. 14; Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 257.
  44. Zimmermann, Denkmaltopographie, S. 133; Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 256.
  45. Hesse, S. 6.
  46. Hesse, S. 6; Glombek, S. 46.
  47. Glombek, S. 46; Hesse, S. 6.
  48. Glombek, S. 46; Hesse, S. 6.
  49. Siehe zum Ganzen Hesse, S. 12 f.; außerdem Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 256 f.
  50. Vgl. Hesse, S. 10 f.; Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 257.
  51. Vgl. Hesse, S. 13 f.; Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 257.
  52. Zum Folgenden: Gebhard, Festschrift, S. 5 f.; Gebhardt, Orgeln, S. 9 ff.
  53. Zit. bei Gebhardt, Orgeln, S. 12.
  54. Zit. bei Gebhardt, Orgeln, S. 14.
  55. Übersetzung der Inschrift bei Hesse, S. 6 f., vgl. zum Folgenden ebd. Siehe auch Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 257 f.