Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Elze | Patrozinium: Georg | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Schriftlich wird das Dorf erstmals im Jahr 1025 erwähnt: Kg. Konrad II. bestätigte urkundlich, dass er dem Mindener Bf. Sigebert das Landgut Kemmiun geschenkt habe.1 Das Landgut kam später in den Besitz der Hildesheimer Bischöfe. Im 12. Jh. ist eine Familie von Kemme urkundlich nachgewiesen, ebenso im 13. und 14. Jh., allerdings ist unklar, ob es sich um eine oder um zwei Familien handelt.2 Zu den Grundbesitzern in Kemme zählten u. a. auch das Domstift Hildesheim und besonders das Hildesheimer Heiligkreuzstift. Im Jahr 1377 belehnte Bf. Gerhard von Hildesheim die Familie von Cramm mit dem Gut Kemme und mit weiteren Rechten im Dorf.3 Kemme gehörte zum Amt Steuerwald des Hochstifts Hildesheim (1523 Kleines Stift) und fiel aufgrund der Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 mit dem gesamten Stiftsgebiet an Preußen. Zur Zeit des französischen Satellitenkgr. Westphalen (1807-1813) gehörte Kemme zum Kanton Ottbergen im Distrikt Hildesheim des Departements Oker. Danach kam das Dorf 1815, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Steuerwald (1823 Amt Steuerwald-Marienburg, 1844 aufgegangen in Amt Hildesheim, 1852 geteilt und wieder Amt Marienburg). Nach der Annexion von 1866 wieder preußisch kam Kemme 1885 zum neuen Lkr. Marienburg (1946 Lkr. Hildesheim-Marienburg, 1977 Lkr. Hildesheim). 1974 wurde der Ort nach Schellerten eingemeindet. Kemme und die überwiegend kath. Dörfer Dinklar, Bettmar und Einum, die ebenfalls zum Kirchspiel gehören, sind eher ländlich strukturiert. Um 1810 hatte Kemme gut 300 Einwohner, 2009 gut 470.

Kirche, Ansicht von Süden, vor 1957

Kirche, Ansicht von Süden, vor 1957

Zur vorref. Kirchengeschichte Kemmes ist nur wenig bekannt. Aus dem Jahr 1376 ist eine Urkunde überliefert, in deren Zeugenliste dominus magister Thidericus de Cramme plebanus in Kemme genannt ist.4 Ein Jahr später übertrug der Hildesheimer Bf. Gerhard diesem Thidericus de Cramme neben Gütern in Kemme auch das Patronat über die Kirche.5 Das Patronat blieb bis 1951 im Besitz der Familie von Cramm, wobei es zeitweise zwischen verschiedenen Zweigen der Familie umstritten war. Mit Balduin Cramer ist 1382 noch ein vorref. Geistlicher in Kemme nachweisbar.6
Zur Zeit der Reformation gehörte Kemme zwar mit dem Amt Steuerwald zum Hochstift Hildesheim. Dennoch hielt die luth. Lehre auch hier Einzug: Zum einen hatte Hildesheim von 1551 bis 1556 einen prot. Bf. und zum anderen waren das Amt und seine Dörfer seit 1556 an den prot. Hzg. Adolf von Schleswig-Holstein verpfändet. Im Jahr 1561 erließ Hzg. Adolf eine Kirchenordnunge in baiden gerichten, Steurwoldt und Peine.7 Der erste ev. Geistliche war um 1570 P. Lorenz. Als der Hildesheimer Bf. Burchard von Oberg das Amt Steuerwald 1564 wieder einlösen konnte und sich bemühte, das Gebiet zu rekatholisieren, blieb er in Kemme erfolglos. Auf Betreiben der Patronatsherren von Cramm und unter dem Schutz der Braunschweiger Herzöge behielt das Dorf die luth. Lehre bei. Im Dezember 1600 entsandte der Hzg. Truppen nach Kemme, damit der braunschweigische Amtmann von Steinbrück den neuen luth. Geistliche P. Johann Schwartzenstein (amt. 1600-1653) in sein Amt einführen konnte. Der stifthildesheimische Amtmann von Steuerwald, dem Kemme eigentlich unterstand, hatte die Kirche zuvor verschließen lassen. Dem Hildesheimer Bf. gelang es auch in den folgenden Jahren nicht, seine landesherrlichen Ansprüche durchzusetzen. Zwar musste P. Schwartzenstein sowohl 1604 als auch 1628 aus Kemme fliehen, er konnte jedoch beide Male zurückkehren und seit 1653 ist die Reihe der luth. Prediger ohne Unterbrechung.8 Erfolgreicher war die Rekatholisierung im benachbarten Dinklar, wo seit Ende des 16. wieder kath. Geistliche wirkten.9 Die Kemmer Pfarrer waren seitdem auch für die wenigen ev. Einwohner des Ortes zuständig, genauso wie für jene aus Einum und Bettmar.

Kirche, Blick zum Altar, vor 1957

Kirche, Blick zum Altar, vor 1957

Mitte des 18. Jh. erhielt Kemme ein neues Pfarrhaus und war an der Wende von 18. zum 19. Jh. für einige Jahre Sitz einer Suptur.: Der Ortspastor Johann Christian Bosse (amt. 1796-1812) war gleichzeitig der letzte Sup. der Insp. der Ämter Ruthe, Steinbrück und Steuerwald. In der ersten Hälfte des 19. Jh. stritten Patron und Gemeinde darüber, wer die Baulasten für den Erhalt der geistlichen Gebäude in Kemme zu tragen habe.10 In die lange Amtszeit P. Adolf Lohmanns (amt. 1888-1927) fiel der Neubau des Kirchenschiffs. Die Pläne hatte der Hildesheimer Architekt Werner Söchtig (1859-1907) gezeichnet, der gleichzeitig auch den Kirchenneubau in Groß Escherde und die Kirchenerweiterung in Söhlde betreute und später auch die Hildesheimer Christuskirche (Hildesheim, Christus) baute. Auf P. Lohmann folgten mehrere Jahrzehnte, während derer die Pfarrer jeweils nur wenige Jahre in Kemme blieben oder die Pfarrstelle vakant war. Während des Zweiten Weltkriegs musste die Gemeinde 1942 eine Läuteglocke und beide Schlagglocken zu Kriegszwecken abgegeben, erhielt jedoch alle drei Glocken 1947 zurück. Den „Erntekindergarten der NSV“, der 1941 im Pfarrhaus untergebracht war, unterhielt die Kirchengemeinde noch bis 1948 weiter.11 Nach der Einschätzung P. Paul Neumanns (amt. 1945-1954) scheiterte die Wiedereinrichtung des Kindergartens „an der Raumfrage, aber auch an dem geringen Interesse der Kirchenvorsteher und der eingesessenen Bevölkerung, da es sich bei den Kindern in der Hauptsache um Flüchtlingskinder handelte.“12
Der Zuzug und die Einquartierung Geflüchteter und Ausgebombter hatte die Gemeinde in den Nachkriegsjahren stark wachsen lassen: Zählte sie in den 1930er Jahren noch etwa 360 Gemeindeglieder waren es 1948 etwa 1.600, bis 1958 sank ihre Zahl wieder auf knapp 900 ab.13 In den bislang überwiegend kath. geprägten Dörfern Dinklar, Bettmar und Einum konnte die Gemeinde seit Kriegsende regelmäßig die kath. Kirchen für ev. Gottesdienste nutzen.
Bei der Visitation 1971 resümierte der Sup., dass Kemme über vier Jahrzehnte hinweg regelmäßig mit Vakanzen und mit Problemen zwischen Pfarramt und Gemeinde zu kämpfen gehabt habe. Die Gemeinde sei jedoch nicht zerfallen, habe vielmehr „als eine lebendige Kirchengemeinde sich bewährt“. Prägend sei für Kemme mittlerweile die Diasporasituation in den Kirchspieldörfern Einum, Dinklar und Bettmar sowie die „Begegnung mit den katholischen Christen“. Der Sup. stellte anerkennend fest: „Hier ist oekumenische Arbeit keine Schwärmerei, sondern hier ist ein sorgfältiges miteinander Denken und Reden.“14 Der Anfang der 1980er Jahre geplante Umbau der ehemaligen Pfarrscheune zu einem Gemeindehaus konnte aus finanziellen Gründen nicht verwirklicht werden. Das Gebäude diente später als Jugendscheune. Ab November 1995 war die Gemeinde Kemme pfarramtlich mit Schellerten verbunden und hatte keine eigene Pfarrstelle mehr.15 Zum 1. Januar 2004 gründeten die Gemeinden Kemme, Garmissen, Oedelum, Rautenberg, Schellerten und Wendhausen den Gemeindeverband Region Schellerten.16 Seit 2011 bilden Kemme, Schellerten und Wendhausen einen Pfarrbezirk (Sitz des Pfarramts in Schellerten).17 Das ehemalige Pfarrhaus und die Pfarrscheune musste die KG Kemme 2014 verkaufen, da die notwendige Sanierung für die Gemeinde zu teuer war. Mit dem Verkaufserlös konnte die Gemeinde 2016 den Neubau eines Gemeindehauses finanzieren.

Umfang

Das Dorf Kemme sowie die Dörfer Bettmar, Einum und Dinklar.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Hildesheim der Diözese Hildesheim. – Seit 1651 Insp. der Ämter Ruthe, Steinbrück und Steuerwald (ohne festen Sitz des Sup.).18 1812 zur neu begründeten Insp. Nettlingen, Sitz der Suptur 1924 nach Schellerten verlegt, dementsprechend KK Schellerten. 1950/52 Verlegung der Suptur nach Hoheneggelsen und Umbenennung in KK Hoheneggelsen.19 Dieser zum 1. April 1976 in den KK Bockenem eingegliedert, zum 1. Januar 1978 umbenannt in KK BockenemHoheneggelsen.20 Zum 1. Januar 2005 mit dem KK Elze-Coppenbrügge zum KK Hildesheimer Land vereinigt.21 Nach Fusion mit KK Alfeld seit 1. Januar 2011 KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Elze.22

Patronat

Vermutlich seit der zweiten Hälfte des 14. Jh. die Familie von Cramm-Oelber, als Afterlehen des Bf. von Hildesheim. Jutta Freifrau von Cramm verzichtet am 24. Juni 1958 für sich und ihre Erben zugunsten der Landeskirche auf das Patronat.23

Kirchenbau

Einschiffiger, neugotischer Backsteinbau mit eingezogenem, fünfseitigem Chor, erbaut 1891/92 nach Entwürfen des Hildesheimer Architekten Werner Söchtig. Satteldach, über dem etwas niedrigerem Chor abgewalmt; große Spitzbogenfenster, weit hervortretende Strebepfeiler. Im Innern Kreuzrippengewölbe, Backsteinornamentik, Westempore. Ursprüngliche Ausmalung (Rankenmalerei, Carl Saeger, Hildesheim) 1962 übermalt. 1987/88 renoviert. Fassadensanierung ab 2006.

Turm

Bruchsteinmauerwerk, über der Tür Jahreszahl 1574, Turm aber vermutlich älter Walmdach (First quer zum Kirchenschiff), darauf verschieferter Dachreiter mit Zeltdach. Rundbogige Schallöffnungen, spitzbogiges Portal nach Westen. Turmuhr von 1863 (Firma Weule, Bockenem).

Vorgängerbau

Bruchsteinbau, „äußerst einfach und schmucklos, ohne jeden architektonischen Charakter“24, 1890 abgerissen.

Grablege

Unter dem Chor bis Ende des 18. Jh. Erbbegräbnis der Herren von Cramm.25

Ausstattung

Altar mit Eichenholzretabel (1891, Carl Bütefisch, Hildesheim), Retabel aus drei mit Wimpergen bekrönten Nischen, in der mittleren Kruzifix, in den kleineren seitlichen Petrus und Paulus. – Taufe aus Eichenholz (1891, Carl Bütefisch, Hildesheim). – Kanzel rechts am Chorbogen, Eichenholz (1891, Carl Bütefisch, Hildesheim). – Sakramentshäuschen und Taufstein aus Vorgängerbau vor der Kirche aufgestellt.26

Orgel, 1977, Fotograf: Dawin

Orgel, 1977, Fotograf: Dawin

Orgel

Neubau vor 1798, Orgelbauer unbekannt, 6 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen (Zustand 1857). 1858 Neubau von Heinrich Schaper (Hildesheim), 15 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen; älteres Pfeifenmaterial wiederverwendet. 1870/71 Umbau, ausgeführt von Heinrich Schaper, 15 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1891/92 nach Neubau des Kirchenschiffs Umbau durch August Schaper (Hildesheim), neuer Prospekt. 1917 Ausbau der Prospektpfeifen und Abgabe zu Kriegszwecken. 1934 Einbau neuer Prospektpfeifen und Änderung der Disposition, ausgeführt von P. Furtwängler & Hammer (Hannover). 1948 und 1958 Änderung der Disposition durch Otto Dutkowski (Braunschweig), 14 II/P mechanische Traktur, Schleifladen; zudem ein Pedalregister vakant (Posaune 16’) [1996].27

Geläut

Zwei LG, I: disʼ (Bronze, Gj. 1932, Johann Jacob Radler, Hildesheim); II: fisʼ, Inschrift u. a.: „Ich rufe jedermann mit heller Stim kom kom zum Gottesdienst heran in Gottes heiligthom“ (Bronze, Gj. 1664, Heiso Meyer, Wolfenbüttel).28 Zwei SG, I: gʼʼ (Bronze, 1862); II: aʼʼ (Bronze, Gj. 1875).29 LG I und beide SG 1942 zu Kriegszwecken abgegeben, nicht eingeschmolzen und seit 1947 wieder in Kemme. – Früherer Bestand: Eine kleine LG, Inschrift: „So oft die Glocke wird geläutet, Gedenket: Der Herr rufet euch, kommt vor ihn mit dem Schluß begleitet, daß ihr den reinen Engeln gleich ihm dienen wollt mit frohen Herzen, so kann der Tod euch selbst nicht schmerzen“ (Bronze, Gj. 1770, Johann Christian Ziegner, Hannover), Umguss aus einer älteren Glocke; 1913 noch genannt.30

Weitere kirchliche Gebäude

Gemeindehaus (Bj. 2016). – Pfarrhaus (Bj. 1745) mit Pfarrscheune (Jugendscheune), 2014 verkauft.

Friedhof

Ehemaliger Friedhof hinter der Kirche (bis 1890). Neuer Friedhof zunächst Eigentum der politischen Gemeinde, 1899 der KG übertragen.31 FKap (Bj. 1956).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 6445-6455 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 4369-4373 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 1266-1268 (Visitationen); D 28 (EphA Hoheneggelsen).

Literatur

A: Blume, Beiträge, S. 126-128; Dylong, Chronik Schellerten, bes. S. 194-196; Klapprott u. a., Unbekanntes entdecken, S. 36-37; Meyer-Roscher, Streiflichter, bes. S. 135-136; Pape, Schaper, S. 98-102; Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 92-93.
B: Adolf Lohmann: Kemmer Chronik. Vortrag, gehalten auf einem Familienabend, Hildesheim [1913].


Fußnoten

  1. MGH DD K II 26.
  2. Blume, Beiträge, S. 126 f.
  3. UB HS Hildesheim VI, Nr. 280.
  4. UB HS Hildesheim VI, Nr. 207. Auf der Rückseite einer Urkunde von 1350 findet sich zudem ein nicht genau datierbarer Hinweis auf einen Pleban in Kemme, UB S Hildesheim II, Nr. 40 (Blume, Beiträge, S. 127 versteht wohl diesen Hinweis unrichtig als Beleg dafür, dass Johannes Goltsmet 1350 Pleban in Kemme war, ebenso Dylong, Chronik Schellerten, S. 195).
  5. UB HS Hildesheim VI, Nr. 280.
  6. Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 93 (ohne Beleg).
  7. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,2,1, S. 769 ff.
  8. Bertram, Bistum Hildesheim II, S. 427 f.; Lohmann, S. 5 f.
  9. Bertram, Bistum Hildesheim II, S. 416 ff.; Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 128.
  10. Lohmann, S. 8 f.
  11. LkAH, L 5h, unverz., Kemme, Visitation 1941.
  12. LkAH, S 9/Kemme (Chronik der Kirchengemeinde Kemme, 1945 bis 1954, von P. Paul Neumann, S. 6).
  13. LkAH, L 5h, unverz., Kemme, Visitation 1948 und Visitation 1958.
  14. Alle Zitate: LkAH, L 5h, unverz., Kemme, Visitation 1971.
  15. KABl. 1995, S. 148.
  16. KABl. 2004, S. 149.
  17. KABl. 2014, S. 23 ff.
  18. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  19. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 124 f.; KABl. 1952, S. 153.
  20. KABl. 1977, S. 36 und 145.
  21. KABl. 2005, S. 5 ff.
  22. KABl. 2011, S. 70 ff.
  23. LkAH, B 1 A, Nr. 11161.
  24. Lohmann, S. 10.
  25. Lohmann, S. 10.
  26. Klapprott u. a., Unbekanntes entdecken, S. 10 f.
  27. Pape, Schaper S. 98 ff.
  28. Drömann, Glocken Lkr. Hildesheim, S. 77.
  29. LkAH, L 5h, unverz., Kemme, Visitation 1983.
  30. Lohmann, S. 12.
  31. LkAH, S 9/Kemme (Chronik der Kirchengemeinde Kemme, 1945 bis 1954, von P. Paul Neumann, S. 10).