Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Alfeld | Patrozinium: Katharina | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Als früheste schriftliche Erwähnung Harys gilt die Urkunde über die Gründung des Klosters Derneburg aus dem Jahre 1143. In ihrer Zeugenliste erscheinen Waltherus de Herrigen sowie Lodewigus de Herrigen et filius eius Conradus.1 Allerdings lässt sich hier, genauso wie bei anderen Urkunden, nicht mit letzter Sicherheit entscheiden, ob sich Herrigen auf Hary im Ambergau oder auf das heutige Ostharingen bei Liebenburg bezieht.2 Nur vereinzelt ist explizit von Haringhe up dem Amberga (1358) die Rede.3 1151 besaß das Hildesheimer Moritzstift Land in Heringe, 1225 auch das Kloster Lamspringe.4 Hary zählte zum hildesheimischen Amt Wohldenberg, das nach 1275 aus dem Gebiet der Grafen von Wohldenberg hervorgegangen war.5 Nach Ende der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) fiel das Amt Wohldenberg mit Hary an das welfische Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel und wurde 1643 mit der Restitution des Großen Stifts wieder hildesheimisch. Nach den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses kam das Gebiet des Hochstifts 1803 an Preußen. In der Zeit des französischen Satellitenkgr. Westphalen (1807-1813) gehörte Hary zum Kanton Bockenem im Distrikt Goslar des Departements Oker. Danach kam das Dorf, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Wohldenberg, das 1852/59 im Amt Bockenem aufging. Nach der Annexion Hannovers 1866 wieder preußisch, gehörte Hary seit 1885 zum Kr. Marienburg (1946 Lkr. Hildesheim-Marienburg, 1977 Lkr. Hildesheim). Das Dorf wurde 1974 nach Bockenem eingemeindet. Hary, ebenso wie die Nachbardörfer Störy und Bönnien, blieb lange landwirtschaftlich geprägt; noch 1968 resümierte der Sup., trotz „industriell tätiger Bevölkerung“ und „Vertriebenenzuzug“ sei die „maßgebende Schicht in den Dörfern“ noch immer „die bäuerliche“.6 Ein Wandel trat in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre ein.7 Hary hatte 1810 etwa 370 Einwohner, 1848 gut 500, 1939 noch 330 und 2011 knapp 370.8

Kirche, Ansicht von Südwesten, Zeichnung von Herbert van Dam, 1952

Kirche, Ansicht von Südwesten, Zeichnung von Herbert van Dam, 1952

Aussagen zur frühen Kirchengeschichte des Dorfes stehen ebenfalls unter dem Vorbehalt, dass die Quellen nicht klar zwischen Hary und Ostharingen unterscheiden. So war der 1259 in der Zeugenliste einer Ringelheimer Urkunde genannte Geistliche Johannes plebanus de Haringe wohl eher in Ostharingen beheimatet als in Hary.9 1323 gehört der Pleban Bernhard in Hary zu den Stiftern des Kalands in Bockenem.10 Nach Hary gehören vermutlich auch die 1338 und 1352 erwähnten Priester in Haringhe, deren Namen jedoch nicht überliefert sind.11 Ein weiterer namentlich bekannter Geistlicher ist der 1372 genannte Sanderus plebano in Haringen.12 Seit 1523 gehörte Hary zum Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel und erlebte somit eine erste Einführung der luth. Lehre, nachdem die Truppen des Schmalkaldischen Bundes Hzg. Heinrich den Jüngeren 1542 vertrieben hatten. Lgf. Philipp von Hessen und Kfs. Johann Friedrich von Sachsen setzten eine Statthalterregierung ein, die in dem besetzten Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel die Reformation ausrief. Johannes Bugenhagen, Martin Görlitz und Antonius Corvinus visitierten im gleichen Jahr die Gemeinden des Fsm., um die einzelnen Pfarrer zu begutachten; 1543 erschien die Christlike kerken-ordening im lande Brunschwig, Wulffenbüttels deles, die Corvinus und Görlitz verfasst hatten; 1544 fand eine weitere Generalvisitation statt.13 In diesen Jahren war P. Volckmar Robinn für Hary zuständig, der gleichzeitig auch Pfarrer in Groß Ilde war. Er sei „papistisch“ gesinnt, daher entließen ihn die Visitatoren 1544. Weiter heißt es: „Die von Hary begehren einen eigenen Pfarrer.14 1547 konnte der kath. Hzg. Heinrich der Jüngere nach Wolfenbüttel zurückkehren und suchte sein Fsm. zu rekatholisieren. Heinrichs Sohn und Nachfolger Hzg. Julius, der 1568 die Regierung übernahm, führte im gleichen Jahr erneut die luth. Lehre im Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel ein, ordnete wiederum eine Visitation an und erließ 1569 die später sogenannte Calenberger Kirchenordnung.15 1568 war P. Hermannus Becker Pfarrer in Bültum und Hary, er sei „noch papistisch“16 befanden die Visitatoren und außerdem ein alter Mann, der auf ihre Prüfungsfragen „gar nahend nichts“17 geantwortet habe. Überdies versah er den Pfarrdienst in Hary nicht selbst, sondern hatte diese Aufgabe dem mercenarius P. Johannes Busse übertragen, der auch für die Gemeinde in Bönnien zuständig war.18 Zwischen 1600 und 1625 etablierte sich dann endgültig die pfarramtliche Verbindung der drei Gemeinden Hary, Störy und Bönnien. Seit P. Nikolaus Panzerbitter (amt. 1626/27-1642) lässt sich diese Verbindung kontinuierlich belegen, Pfarrsitz war durchgehend Hary.19 Die ältesten überlieferten Kirchenrechnungen stammen aus dem Jahr 1625, die Kirchenbücher setzen 1634 ein, eine Schule lässt sich seit 1614 nachweisen.20 Mit der Restitution des Großen Stiftes wurde das luth. Hary 1643 wieder hildesheimisch und hatte mit dem Bf. von Hildesheim nun einen kath. Landesherrn.

Kirche, Ansicht von Westen

Kirche, Ansicht von Westen

Im 18. Jh. war die Pfarrstelle über drei Generationen in der Hand der Familie Beuermann: auf P. Joachim Melchior Beuermann (amt. 1701-1748), folgte sein Sohn P. Joachim Ludolf Beuermann (amt. 1748-1789), dem wiederum sein Sohn Dietrich Julius Beuermann (amt. 1790-1821) folgte. Nacheinander ließen die Beuermanns die Kirchen der drei Gemeinden erneuern: 1722 in Störy, 1753/54 in Hary und 1801 in Bönnien. Im Kirchenbuch ist eine Beschreibung des Einweihungsgottesdienstes der neuen Kirche in Hary am 13. Januar 1754 überliefert. Die Kirche erhielt einen Kanzelaltar und einen Taufengel.21 Nach der Renovierung 1853/54 ließ die Kirchengemeinde eine neue Orgel anfertigen (1857). Als Preußen das Kgr. Hannover im „Sturmjahr“22 1866 annektierte, beschrieb P. Ludwig Grote (amt. 1863-1867) den preußischen Einmarsch als eine Strafe Gottes. 1867 suspendierte der preußische Generalgouverneur den sogenannten „Welfenpastor“ wegen dieser und anderer Äußerungen. Im Vorwort zu seinem im selben Jahr publizierten Büchlein „Zwei angefochtene Predigten“ schrieb P. Grote, die königliche Regierung könne „rückhaltlose Ergebenheit“ zwar von ihren „unirten Hoftheologen“ erwarten, nicht aber von „echten Lutheranern“.23
1933 stellte die Kirchengemeinde eine Gemeindeschwester an und richtete eine Schwesternstation ein, die Anfang der 1990er Jahre in der Diakonie- und Sozialstation Bockenem aufging, deren Mitträger die Gemeinde bis 1993 war. 1973 gründete die Gemeinde einen Kinderspielkreis, der seit 2013 den Namen Ev.-luth. St. Katharinen Kinderspielkreis trägt. Das Gebiet der KG Hary hatte sich zum 1. Januar 1972 vergrößert, als das Landeskirchenamt die KG Bönnien und Störy aufhob und ihre Mitglieder nach Hary einpfarrte.24 Von 1997 bis 2001 war Hary pfarramtlich mit Bockenem und Königsdahlum verbunden und 1999 wandelte das Landeskirchenamt die Pfarrstelle Hary (dritte Pfarrstelle des gemeinsamen Pfarramtes) von einer vollen in eine halbe um.25 Von 2001 bis 2007 war Hary pfarramtlich mit Bültum, Ilde, Nette und Upstedt verbunden (insgesamt eine Pfarrstelle).26 Eine weitere Umstrukturierung erfuhr die Region 2007: Hary, Bültum und Ilde fusionierten zum 1. Juli zur neuen Ev.-luth. KG Hary in Bockenem; gleichzeitig schlossen sich Nette und Upstedt zur KG Nette-Upstedt zusammen. Die pfarramtliche Verbindung der vormals fünf Gemeinden ging auf die beiden neuen Gemeinden über. Sie bilden seitdem den Kirchengemeindeverband Ambergau.27

Umfang

Hary, Bönnien (seit 1972), Störy (seit 1972).

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Bockenem der Diözese Hildesheim. – Um 1544 Insp. Bockenem. 1570 zur neuen Insp. Baddeckenstedt. Seit etwa 1650 Insp. der Ämter Wohldenberg und Bilderlahe (ohne festen Sitz der Suptur).28 1807 Insp. Bockenem, Sitz der Suptur bis 1817 in Nette, dann in Sehlde. 1833 zur neu organisierten Insp. (1924: KK) Bockenem. Zum 1. April 1976 fusionierte dieser mit KK Hoheneggelsen, zum 1. Januar 1978 umbenannt in KK BockenemHoheneggelsen.29 1. Januar 2005 KK Hildesheimer Land.30

Patronat

Der Bf. von Hildesheim bzw. der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Rechteckige, barocke Saalkirche, erbaut 1753/54. Satteldach, flachbogige Fenster, Wände verputzt. Im Innern flachgewölbte Decke und u-förmige Empore. Renovierung 1853/54, Erneuerung Innenraum 1936, Sanierung 1986/87.

Turm

Verschieferter Turm mit achteckig ausgezogenem Turmhelm, erbaut wohl 1609. Unterbau des Turms niedriger und älter als Kirchenschiff; Turmbekrönung mit Kugel und Wetterfahne von 1925, Turmuhr von 1907 (Firma Weule, Bockenem), Ziffernblätter nach Osten und Süden.

Ausstattung

Barocker Kanzelaltar (1753/54, Werkstatt Bartels, Hildesheim, renoviert 1855), Predella mit Abendmahlsbild, an Kanzelwandungen und neben der Kanzel Figuren Christi und der vier Evangelisten, Kanzel flankiert von korinthischen Säulen und zwei Figuren (Mose und Johannes der Täufer), zwei Engel halten Schalldeckel, in Bekrönung symbolisieren drei allegorische Figuren die Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung (möglicherweise älter als Altar). – Sandsteintaufe (1645), zeitweise als Blumenkübel im Pfarrgarten, seit 1954 wieder in Kirche (neuer Fuß), Inschrift u. a.: „lasset Die kindlein zu mir kommen vnd wehret Jhnen nicht den Solcher ist das Reich Gottes“ und „H[err] H[einrich] Schmoie Past[or]“.31

Kirche, Blick zur Orgel

Kirche, Blick zur Orgel

Orgel

Ältere Orgel 1857 durch einen Neubau der Firma Euler (Gottsbüren) ersetzt, 13 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1868 Reparatur und Umbau, ausgeführt von Ferdinand Bentroth (Seesen), 14 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1902 Instandsetzung durch August Schaper. 1917 Ausbau der Prospektpfeifen. 1935 Änderung der Disposition und Einbau neuer Prospektpfeifen, ausgeführt von P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 14 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1967 Neubau von Emil Hammer (Hannover) hinter dem älteren Prospekt, 14 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen (Opus 1519A).32 2000 Renovierung durch Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen).

Geläut

Zwei LG, I: aʼ, Inschrift: „Gott rufet noch. 1981“; II: cʼʼ, Inschrift: „Laßt uns zum Herrn gehen. 1981“ (beide Bronze, Gj. 1981, Glockengießerei Heidelberg). – Früherer Bestand: Eine LG, Inschrift: „Anno d[omi]ni m cccc lxxxi Katerina in hari“ (Bronze, Gj. 1481), 1919 eingeschmolzen, da sie „keinen besonders schönen Klang hat“.33 Eine LG, 1784 als geborsten erwähnt.34 Eine LG, Inschrift „Durchs Feuer ich flos – Heinrich Albrecht Bock mich gos“ (Bronze, Gj. 1799, Heinrich Albrecht Bock, Einbeck), 1918 zu Kriegszwecken abgegeben und nach Kriegsende eingeschmolzen, da beschädigt. Zwei LG, I: aʼ; II: cisʼ (beide Eisen, Gj. 1919, Ulrich & Weule, Bockenem), 1981 mit heutigen LG ersetzt.35

Seit 1972 zudem Christuskirche in Bönnien und Heilig-Geist-Kirche in Störy.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1840, zweigeschossiger Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach).

Friedhof

Alter Friedhof rund um die Kirche, neuer Friedhof am nordwestlichen Ortsrand im Eigentum der KG.
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH): A 1 Nr. 4848-4857 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 3360-3365 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 952-956 (Visitationen); B 18 Nr. 37 (Orgelsachverständiger); D 44 (EphA Bockenem); S 11a Nr. 7080 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Blume, Beiträge, S. 115-116; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 652; Günther, Ambergau, S. 477-479; Meyer, Pastoren I, S. 467-468; Pape, Schaper, S. 436-438; Pape/Schloetmann, Hammer, S. 173; Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 72-74.
B: Hermann Amling u. a.: Dorfchronik von Hary, Störy, Bönnien, Bockenem 1989; Ludwig Grote: Zwei angefochtene Predigten aus dem Jahre 1866, Hary 1867; Heinz Krusch: 250 Jahre Evangelisch-Lutherische St. Katharinen-Kirche Hary. 1754-2004, Bockenem 2004; Carl Langen: Ludwig Grote, ein deutscher Volksmann. Ein Lebens- und Zeitbild, Hannover 1912.

GND

16012463-3, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde (Hary), 7689742-4, Sankt Katharinen (Hary).


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 231.
  2. Amling u. a., S. 208.
  3. UB HS Hildesheim V, Nr. 785.
  4. UB HS Hildesheim I, Nr. 275 und ebd. II, Nr. 119.
  5. Petke, Grafen von Wöltingerode-Wohldenberg, S. 468 ff.
  6. LkAH, L 5h, unverz., Hary, Visitation 1967.
  7. LkAH, L 5h, unverz., Hary, Visitation 1991.
  8. Amling u. a., S. 9
  9. UB HS Hildesheim II, Nr. 1115.
  10. Buchholz, Bockenem, S. 47. Weitere Stifter kamen u. a. aus Nette, Bönnien und Störy.
  11. UB HS Hildesheim IV, Nr. 1444 und ebd. V, Nr. 471.
  12. UB S Hildesheim II, Nr. 350.
  13. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 4 und 22 ff.; Butt, Herrschaft, S. 42 ff.
  14. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 193, Anm. 365.
  15. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 5 und 83 ff.
  16. Spanuth, Examensprotokolle, S. 199.
  17. Spanuth, Quellen, S. 283.
  18. Spanuth, Quellen, S. 283.
  19. Amling u. a., S. 59 f.
  20. Amling u. a., S. 48.
  21. Amling u. a., S. 69 f.
  22. Grote, S. 3.
  23. Grote, S. 6. Vgl. auch Miquel, Protestantische Publizistik, S. 91 ff.; Amling u. a., S. 74 ff.
  24. KABl. 1972, S. 3.
  25. KABl. 1997, S. 138, ebd. 1999, S. 203, ebd. 2001, S. 64.
  26. KABl. 2001, S. 64; ebd. 2007, S. 181.
  27. KABl. 2007, S. 181 f.
  28. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  29. KABl. 1977, S. 36 und 145.
  30. KABl. 2005, S. 5 ff.
  31. DI 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 410 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di088g016k0041005.
  32. Pape/Schloetmann, Hammer, S. 173.
  33. Zit. bei Amling u. a., S. 87, Anm. 52. DI 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 43† (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di088g016k0004304.
  34. Amling u. a., S. 81.
  35. LkAH, L 5h, unverz., Hary, Visitation 1979.