Sprengel Hannover, KK Neustadt-Wunstorf | Patrozinium: Kein mittelalterliches Patrozinium bekannt1 | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte
Kapelle, Bauinschrift M CCCCC VIII

Kapelle, Bauinschrift M CCCCC VIII (1508), 2021, Foto: Wolfram Kändler, CC BY-SA 3.0 de

Gümmer entstand vermutlich im frühen 12. Jh. als Rodungssiedlung, angelegt von den Herren von Mandelsloh.2 Schriftlich ist das Dorf erstmals in einer undatierten Urkunde des Mindener Bf. Thietmar (amt. 1185–1206) erwähnt: Die Urkunde verzeichnet die Güter, die Mechthild von Ricklingen dem Bistum Minden übertragen hatte, darunter neun Hufen in Gummere.3 1251 ist das Dorf als villa Gummere belegt.4 Um 1310/20 war villam dictam gummere (das Dorf genannt Gümmer) als Lehen der Mindener Bischöfe im Besitz Heinrichs von Hodenberg.5 Später zählte Gümmer zum Amt Blumenau im welfischen Teilfsm. Calenberg (1495: Fsm. Calenberg-Göttingen, 1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover). Von 1810 bis 1813/14 gehörte Gümmer zum Kanton Wunstorf im Distrikt Hannover des Allerdepartements im französischen Satellitenkgr. Westphalen. Danach war das Dorf, nun im Kgr. Hannover, zunächst wieder Teil des Amtes Blumenau und kam 1859 zum Amt Linden. Mit der Annexion des Kgr. Hannover wurde Gümmer 1866 preußisch. Bei Einführung der Kreisverfassung kam der Ort 1885 zum Kr. Linden (1886 Lkr. Linden, 1932 Lkr. Hannover, 2001 Region Hannover). 1974 wurde Gümmer nach Seelze eingemeindet (1977: Stadt Seelze). Das ursprünglich landwirtschaftlich geprägte Dorf entwickelte sich seit der Mitte des 20. Jh. zu einer Wohn- und Schlafgemeinde, deren werktätige Bevölkerung zur Arbeit pendelt, überwiegend nach Hannover. Der Bau neuer Wohngebiete Ende der 1970er und Ende der 1980er Jahre ließ die Einwohnerzahl wachsen. Um 1812 lebten knapp 180 Menschen in Gümmer, 1925 rund 460, 1946 etwa 850 und 2019 gut 2.100.

Kapelle, Blick von Südosten

Kapelle, Blick von Südosten, 2021, Foto: Wolfram Kändler, CC BY-SA 3.0 de

Ältestes Zeugnis der Gümmeraner Kirchengeschichte ist die Glocke im Dachreiter der Kapelle, die wohl aus der Zeit um 1300 stammt. Schriftlich ist eine Kirche in Gümmer erstmals in der zweiten Hälfte des 14. Jh. nachweisbar: In einer Fehde im Kontext des Lüneburger Erbfolgekriegs brannte Hzg. Albrecht von Sachsen-Wittenberg, Fs. von Lüneburg, dat dorp to gummere kerken vnde kerchoff nieder, wie sich Dietrich von Mandelsloh 1385 beklagte (das Dorf Gümmer mit Kirche und Kirchhof).6 Möglicherweise handelte es sich bei der Kirche um einen Holzbau. Der bis heute erhaltene Kapellenbau trägt als Bauinschrift die Jahreszahl 1508. Das Dorf war anscheinend nach Seelze eingepfarrt, wie die Protokolle der reformatorischen Kirchenvisitation 1542/43 nahelegen: Darin ist die Capella zu Gummer unter der Pfarrkirche Seelze eingeordnet.7

Kapelle, Blick von Nordosten

Kapelle, Blick von Nordosten, 2021, Foto: Wolfram Kändler, CC BY-SA 3.0 de

Vermutlich wechselte Gümmer zusammen mit der Muttergemeinde Seelze zur luth. Lehre, als Hzgn. Elisabeth von Calenberg-Göttingen die Reformation im gesamten Fsm. Calenberg einführte: 1542 setzte sie die von Antonius Corvinus verfasste Kirchenordnung in Kraft und 1542/43 folgte die Visitation der Gemeinden, Stifte und Klöster im Fsm. Calenberg.8 Das Seelzer Pfarramt hatte seinerzeit P. Berend Rodewald inne (amt. 1538–1563), der den Konfessionswechsel wohl zusammen mit seiner Gemeinde vollzog. Nachdem Elisabeths nunmehr volljähriger Sohn 1545 als Erich II. die Regierungsgeschäfte im Fsm. Calenberg übernommen hatte, wechselte er 1547 zum kath. Glauben. Die Calenbergischen Stände widersetzten sich jedoch seinen Rekatholisierungsbestrebungen und konnten 1553/55 die Beibehaltung der luth. Lehre durchsetzten. Nach dem Tod Erichs II. fiel das Fsm. Calenberg 1584 an Braunschweig-Wolfenbüttel und Hzg. Julius führte seine 1569 aufgestellte KO auch hier ein.9 1588 ließ er die calenbergischen Gemeinden visitieren; den Protokollen ist zu entnehmen, dass der Seelzer P. Heinrich Rißmann (amt. 1574–1592) zweimal im Jahr in der Gümmeraner Kapelle predigte (Fastenzeit, Herbst).10 Eine eigene Schule erhielt das Dorf 1679 (neues Schulhaus 1782).

450jähriges Jubiläum der Kirche, 1. April 1958

450jähriges Jubiläum der Kirche, 1. April 1958

Vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde erwogen, die KapG Gümmer von Seelze zu trennen und mit dem näher gelegenen Schloß Ricklingen zu verbinden; dagegen sprach jedoch „die Trennung durch die Leine“.11 Seit 1955 lag die seelsorgerliche Versorgung Gümmers in den Händen des Dedenser P. Hermann Ziegenmeier (amt. 1955–1977). Zum 1. April 1958 erhob das Landeskirchenamt die KapG Gümmer zu einer KG und verband die neue Gemeinde pfarramtlich mit der KG Dedensen.12 Beide Gemeinden haben einen eigenen KV, teilen sich jedoch eine Pfarrstelle. 1992 erwarb die KG Gümmer das Fachwerkhaus neben der Kapelle und baute es zu einem Gemeindehaus um.
Zusammen mit den KG Dedensen, Idensen, Kolenfeld, Luthe, Munzel-Landringhausen und Schloß Ricklingen gründete die Gemeinde Gümmer zum 1. Januar 2018 den KGV Region Südland. Zur Erfüllung ihrer gemeindlichen Aufgaben wollen die Gemeinden und Pfarrämter auf inhaltlicher, personeller und finanzieller Ebene eng zusammenarbeiten.13 In den Bereichen Jugendarbeit, Kirchenmusik und Diakonie unterstützt die Stiftung „Zukunft mit Kirche“ die Arbeit der Gemeinden sowohl im KGV Region Südland als auch im KGV Bokeloh und Wunstorf (Corvinus-, St.-Johannes- und Stiftsgemeinde Wunstorf).14

Aufsichtsbezirk

Mit Errichtung der KG zum KK Wunstorf, seit 1. Januar 2001 KK Neustadt-Wunstorf.15

Kirchenbau
Kirche, Blick zum Altar, um 1960

Kirche, Blick zum Altar, um 1960

Kleiner, spätgotischer Bau aus zwei Langhausjochen und einem Chorjoch mit dreiseitigem Ostschluss, erbaut 1508 (Bauinschrift über Nordeingang). Steiles Dach mit Walm im Osten und Krüppelwalm im Westen. Verputztes Bruchsteinmauerwerk (weiß), gemauerte Strebepfeiler (rot) an Schiff und Chor; am Langhaus ein spitzbogiges und ein rechteckiges Sprossenfenster nach Süden, nach Norden spitzbogiges Portal mit Inschriftenstein „M CCCCC VIII“ und ein spitzbogiges Sprossenfenster; an Südseite des Chors ein spitzbogiges Sprossenfenster, am Chorschluss drei spitzbogige Fenster, östliches gekuppelt. Im Innern Kreuzrippengewölbe im Schiff und im Chor, Westempore mit Inschrift: „Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn“; zehn gemalte Weihekreuze an den Wänden. 1949 Dachreparatur. 1973/74 Sanierung (u. a. Stahlbetonanker; neuer, leichterer Dachstuhl; neuer Außenputz). 1980er Außenanstrich (Wände weiß, Strebepfeiler rot). 2007 Innenrenovierung (zehn Weihekreuze entdeckt, gesichert und überstrichen, Kopien der Weihekreuze auf neuem Anstrich angebracht).16

Dachreiter

Dachreiter, 2021, Foto: Wolfram Kändler, CC BY-SA 3.0 de

Turm

Über dem westlichen Dachfirst ein vierseitiger, holzverkleideter Dachreiter mit überkragendem Pyramidendach, bekrönt mit Uhrschlagglocke und Wetterhahn; Uhrziffernblatt nach Süden.

Fenster

Im Chor figürliches Altarfenster (1958, Hans Matschinski, Braunschweig), Frauen und Engel am leeren Grab; Fenster gestiftet von Maurermeister August Borges sen. (Gümmer). Im Chor links und rechts des Altars zwei figürliche Buntglasfenster (2008, Helge Michael Breig, Hannover), Christi Geburt, Inschrift: „Luk 2,6–7“ und Pfingstwunder, Inschrift: „Apg 2,2–4“.

Ausstattung

Schlichter Blockaltar, mittelalterliche Mensa mit Weihekreuzen. – Niedrige, fünfseitige Holzkanzel; bis 1949/50 oberhalb des Altars angebracht.17 – Taufständer aus Eichenholz (um 1900).

Kirche, Blick zur Orgel, nach 1958

Kirche, Blick zur Orgel, nach 1958

Orgel

1957 kleines Harmonium vorhanden. 1958 Orgelneubau, ausgeführt von Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven), 5 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 2016 Orgelneubau, ausgeführt von Firma Orgelbau Sándor Péter (Sânsimion), 7 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Eine LG, b’’ (Bronze, Gj. 13. Jh.), Zuckerhutglocke, ohne Inschrift; 2006 restauriert (Glockenschweißwerk Lachenmeyer, Nördlingen; Schlagrand verstärkt, Krone erneuert). Eine SG, b’’ (Bronze, um 1900).

Weitere kirchliche Gebäude

Gemeindehaus (Bj. 1781, Fachwerkbau, 1992 erworben, 1994 umgebaut, 2002 ausgebaut).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof am östlichen Ortsrand, angelegt 1860 (vorher Bestattungen in Seelze), FKap (Bj. 1965).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 10220 (Pfarroffizialsachen); D 42 (EphA Wunstorf); S 09 rep. Nr. 1185 (Presseausschnittsammlung).

Literatur & Links

A: Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf, S. 12; Aust/Benne u. a., Kirchen, Klöster, Kapellen, S. 271–272; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 575; Hannig, Denkmaltopographie Lkr. Hannover, S. 254; Wolff, KD Lkr. Hannover und Linden, S. 80–81.
B: Festschrift der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Gümmer. 500 Jahre Kirche „mittendrin“. 1508–2008, hrsg. vom Kirchenvorstand der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Gümmer, Gümmer 2008; Jürgen Gertz: Ländliche Ordnung und Neuordnung im Hannoverschen am Beispiel der Gemeinde Gümmer Stadt Seelze vormals Amt Blumenau, [Göttingen um 2010].

Internet: Bildindex für Kunst- und Architektur: Kruzifix

Weitere Bilder

Fußnoten

  1. Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 206.
  2. Hannig, Denkmaltopographie Lkr. Hannover, S. 254. Siehe zur Ortsgeschichte auch https://www.seelze.de/wissenswert/stadtgeschichte/geschichte-der-stadtteile/ortsgeschichte-guemmer, 30.03.2021.
  3. Westfälisches UB VI, Nr. 2.
  4. Cal. UB VI, Marienwerder, Nr. 34.
  5. Kemkes/Wolf, Lehnregister, S. 16 [GWLB vorgemerkt]; Sudendorf, UB I, Nr. 184 (23).
  6. Westfälisches UB VI, Nr. 118 (S. 132); Holscher, Bisthum Minden, S. 216.
  7. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 406.
  8. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 708 ff.; Butt, S. 47 ff.
  9. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 83 ff.
  10. Kayser, General-Kirchenvisitation II, S. 49; Festschrift, S. 32 f.
  11. Festschrift, S. 37.
  12. KABl. 1958, S. 92.
  13. KABl. 2017, S. 183 ff.
  14. KABl. 1953, S. 136.
  15. KABl. 2001, S. 140 f.
  16. Festschrift, S. 42. Auf der Empore sind zudem Reste einer Rankenmalerei des 19. Jh. zu sehen.
  17. Abb.: Festschrift, S. 41.