Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Leine-Solling | Patrozinium: Alexander1 | KO: Lüneburger KO von 1643

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Orts- und Kirchengeschichte

Einbeck erscheint in einer Urkunde Ks. Friedrichs I. aus dem Jahr 1158, die auf die Belehnung des Gf. Udo von Katlenburg mit einem praedium illorum in loco qui Einbike vocatur durch Konrad II. Bezug nimmt. Durch die Beteiligung Konrads lässt sich das Ereignis auf die Jahre zwischen 1024 und 1039 eingrenzen.2 Der Ort war nicht nur Herrschaftsmittelpunkt der Katlenburger Gft., sondern schon im Mittelalter administratives und wirtschaftliches Zentrum der gesamten Region zwischen Solling und Leine. Die Lage an der Kreuzung zweier wichtiger Handelsstraßen begünstigte seinen Aufstieg zum Marktort und die bald nach 1208 erfolgte Verleihung der Stadtrechte. Nach dem Übergang in den Besitz der Welfen wurde Einbeck zur bedeutendste Stadt des Fsm. Grubenhagen.
Die Münsterkirche St. Alexandri im nördlichen Bereich des mittelalterlichen Stadtzentrums ist die älteste Kirche der Stadt. Das zugehörige Säkularkanonikerstift wurde um 1180/82 (die Gründungsurkunde ist nicht überliefert) von Gf. Dietrich II. von Katlenburg († 1185), einem Enkel des Gf. Udo, und seiner Frau Gertrud gegründet, und war damit die zweitälteste Stiftsgründung im mainzischen Leinegebiet. Seine Aufgabe war neben der Pflege des Familiengedächtnisses und der Versorgung nachgeborener Söhne des lokalen Adels die Ausbildung von Kanonikern für die zunehmende Verschriftlichung von Rechtsakten und anderen administrativen Geschäften der Katlenburger Gf. Im späten 13. Jh. verfügte das Stift über bis zu achtzehn Kanonikerstellen. Das Stiftskapitel war bis zur Fertigstellung der ersten Stiftsgebäude und der Stiftskirche (1108) in einem dem Gf. gehörigen Gutshof untergebracht.
Nach dem Tod Dietrichs heiratete Gertrud den Gf. Heinrich den Reichen von Northeim. Beider Tochter Richenza wurde später mit Ks. Lothar III. von Supplinburg verheiratet und war die Großmutter Heinrichs des Löwen. Gertrud und Richenza förderten den weiteren Ausbau des Stifts ebenso wie die Hzg. von Braunschweig und Lüneburg als Erben der Katlenburger Gf. Zu den bedeutendsten Stiftungen Richenzas gehört eine Heilig-Blut-Reliquie, dank derer sich Einbeck bald zu einem bevorzugten Wallfahrtsort entwickelte. Durch einen von Papst Gelasius II. gewährten vierzigtägigen Ablass nahm das Ansehen des Stifts und der Wallfahrt noch erheblich zu. Weitere Ablässe folgten 1290 und 1313.
Vor der Reformation verfügte die Kirche über bis zu 22 Altarstiftungen. Die Edelherren Borchard und Luthard von Meinersen schenkten dem Altar des heiligen Blutes 1306 einen Hof und drei Hufen in Hallensen.3 1337 bestätigt Hzg. Ernst eine durch den Bürger Dietrich von Nanexen gestiftete Vikarie.4 Eine weitere Vikarie wurde vor 1349 durch M. Ubertus dotiert.5 1379 bezeugen Dechant und Stiftskapitel eine Schenkung des Vikars Wasmodus am Altar S. Nicolai in der Krypta der Kirche.6 1474 stiftete Heinrich Körner eine Kommende am Altar der Heiligen Dreifaltigkeit, 1486 der Vikar Johann Trendelburg und der Priester Hermann Hilder eine Kommende am Altar der heiligen Jungfrau. Zu den letzten vorref. Altarstiftungen dürfte die Vikarie des Altars der 11.000 Jungfrauen gehören, deren Vikarie 1492 durch den Stifter Johann Meynbolt dem Sangmeister und Kanonikus Johann Cordewan übertragen wurde.7 Aus dem Jahr 1495 ist auch ein St.-Annen-Altar bezeugt.8
Mit Egwardis praepositus de Embeka wird 1134 erstmals ein Propst des Alexanderstifts erwähnt. Propst Ekkehard († 1165) war langjähriger Vertrauter der sächsischen Kg. und zwischen 1132 und 1137 Leiter der Kanzlei Ks. Lothars von Supplinburg. Die Vogteirechte und das Recht zu Propstwahl blieben in der Familie des Stifters und fielen über Lothar von Sachsen und Heinrich den Löwen ebenfalls an das Welfenhaus. Seit dem 13. Jh. wurde das Amt des Propstes häufig durch nachgeborene Söhne der Hzg. von Braunschweig-Grubenhagen übernommen. Letzter Propst vor der Durchführung der Reformation war Gf. Franz von Waldeck (amt. 1523–1530). Das monastische Leben der Stiftsherren war (wie in anderen Stiften auch) schon Mitte des 13. Jh. aufgegeben worden. Die Stiftsgüter wurden an die damals noch zwölf Kanoniker aufgeteilt. Die Seelsorge an der Kirche nahmen bis ins 14. Jh. nicht fest angestellte Priester wahr, sondern ein wöchentlich wechselnder Hebdomadar aus den Reihen der mit der Priesterweihe versehenen Kanoniker. Das Verfahren ist 1329 erstmals belegt. Erst 1407 wird mit Johannes Schilling, plebanus apud sanctum Alexandrum in Einbeck ein Pfarrer genannt. 1444 erscheint her Johannes Megideborge […] sunte Alexanders […] kerken bynnen Embeke, unse rechte perner. An vorref. Geistlichen sind außerdem nachgewiesen: Johannes (um 1336), Hermann Mulner (1383), Wasmod von Ellenbrinkhusen (ständiger Vikar der Kirche St. Alexandri, 1386)9; Heinrich Giler (1454); Bertold (Vizepleban, 1469).
Innerhalb des Pfarrsprengels lag außerhalb der Stadtmauern zwischen dem Altendorfer Tor und der Ilme das Leprosenhaus St. Bartholomäi (Mitte 15. Jh. erstmals belegt) mit der heute noch erhaltenen spätgotischen Kapelle.10 St. Bartholomäi verfügte über eigene Pfarrechte. 1494 wird erstmals ein parher to sunte Bartolomes genannt. An das Alexanderstift war eine Lateinschule (Stiftsschule) angeschlossen, die 1324 mit einem herzoglichen Privileg ausgestattet wurde und enge Verbindungen zur 1392 eröffneten Universität Erfurt unterhielt. Die Schule diente in erster Linie der Ausbildung des geistlichen Nachwuchses, wurde aber auch von Angehörigen der Einbecker Bürger- und Patrizierfamilien besucht. Die Stiftsschule blieb bis zur Gründung der Ratsschule (1532) die einzige Schule in Einbeck und gehörte zu den bedeutendsten Schulen in Norddeutschland (1847 aufgehoben).11
Die Einführung der Reformation in Einbeck erfolgte schrittweise. 1522 ist die Teilnahme von Bürgern in Einbeck an den ev. GD des P. Ebbrecht in den westlich der Stadt gelegenen Dörfern Hullersen und Kohnsen belegt, der allerdings auf Veranlassung der Stiftsherren zunächst gefangengesetzt und seiner Pfarre entsetzt wurde. In der Stadt selbst war es der Augustinerorden, der sich als erstes der neuen Lehre öffnete. Der Augustinermönch Johann Dornwelle hielt 1524 die ersten ev. Predigten in der Marktkirche. Ihm folgte der Augustiner Ernst Bauermeister. Für den nördlichen Stadtteil wurde die Kirche des Augustinerklosters vorübergehend zur Pfarrkirche. Die Mönche beriefen 1525 den Prior des Augustinerklosters Herford, Gottschalk Kropp (Kroppius), zum Prediger. Auf Betreiben der Stiftsherren wurden Kroppius, Dornwelle und Bauermeister 1525 aus der Stadt vertrieben.
Philipp I. von Braunschweig-Grubenhagen, der sich 1526 im Torgauer Bund zur luth. Partei gestellt hatte, setzte (wohl mit Rücksicht auf seine altgläubigen Nachbarn Erich I. von Calenberg und Heinrich der Jüngere in Wolfenbüttel sowie wegen des Widerstands der Stifte in Einbeck) die Einführung des neuen Bekenntnisses in seinem Land nicht aktiv um. In dem Konflikt zwischen den Stiften und der Stadt verhielt er sich zunächst abwartend, vermittelte aber einen Vergleich zwischen den beiden Stiften St. Alexandri und St. Marien einerseits und dem Stadtrat und den Gilden andererseits, durch den die Einführung der Reformation an den beiden Stadtkirchen am 19. November 1529 bestätigt wurde.12 St. Alexandri wurde dafür entschädigt und blieb zunächst bei der alten Lehre. Durch das Verbot der Neuaufnahme von Novizen wurde das Ende aber schon vorweggenommen. Den Bürgern wurde freigestellt, welche Kirche sie besuchen wollten. Auch als die Stadt Einbeck 1532 in den Schmalkaldischen Bund aufgenommen wurde, blieb der konfessionelle Unterschied bestehen. Unruhen in der Stadt führten 1537 auf Vermittlung des Schmalkaldischen Bundes zu einem Abkommen über die Einführung der Reformation auch in den beiden Stiftern. Durchgeführt wurde sie durch Nikolaus Amsdorf. Auf Empfehlung von Ernst Bauermeister, der inzwischen zum grubenhagenschen Hofprediger in Katlenburg ernannt worden war, wurde M. Nicolaus Mey (amt. 1534–1539) zum ersten luth. Geistlicher an St. Alexandri ernannt. Der Entwurf einer Stiftsordnung durch Fridericus Myconius kam wohl nur ansatzweise zu Umsetzung. 1543 bestätigte Hzg. Philipp I. die KO für das Fsm. Grubenhagen auch für die beiden Stifter und setzte das luth. Bekenntnis damit endgültig durch. Mit Erlass der Braunschweiger Klosterordnung (1545) zog der Landesherr das Propsteivermögen ein. Das Stift wurde einem Stiftssenior übertragen. Die Kirche verlor ihre Funktion als Wallfahrtsort und Ausbildungsstätte für Priester. Sie blieb aber ein wichtiges geistliches Zentrum für die Region. Mit der Reformation wurden auch die Nebenaltäre beseitigt. Die damit verbundenen Vikarien wurden bis auf fünf aufgehoben. Den Versuch der Rekatholisierung während des Dreißigjährigen Krieges (1630) wiesen die Kanoniker zurück. Die Reliquie der Heilig-Blut-Kapelle wurde 1675 durch den damaligen Stiftssenior Johann Egeling dem Patron des Stifts, Hzg. Johann Friedrich, übergeben.
Bedeutende P. an St. Alexandri waren M. Martin Chilian Stisser (amt. 1671–1704), nachher GSup. der Generaldiözese Grubenhagen; M. Heinrich Philipp Guden (amt. 1704–1710) war ab 1707 auch Sup. in Einbeck, 1710 Sup. in Zellerfeld, 1722 GSup. für die Generaldiözese Göttingen sowie Erster Prof. am dortigen Gymnasium und Zweiter Prediger an St. Johannis, Konsistorial- und Kirchenrat, 1734 Sup. in Ronnenberg unter Beibehaltung der General-Suptur., 1736 General- und Spezial-Sup. sowie Hofprediger und P. primus an der Stadtkirche in Celle. Er verfasste zahlreiche theologische und historische Veröffentlichungen († 1742). Christian Bernhard Kayser (amt. 1774–1778), machte sich als Philologe einen Namen. Von ihm stammen mehrere Übersetzungen von Werken aus dem Englischen.
Mit dem „Gesetz über die Aufhebung der noch vorhandenen Mannsstifter“ vom 24. Januar 1850 wurde das Stift St. Alexandri als eines der letzten im Land mit Wirkung vom 1. Juli 1863 aufgelöst. Rechte, Verbindlichkeiten und Vermögen gingen an den Allgemeinen Hannoverschen Klosterfonds über. Die Klosterkammer ist noch heute Eigentümer des KGb. Zum Zeitpunkt der Auflösung wurden noch zehn Kanoniker und drei Vikare als Pfründeninhaber geführt, darunter nur einer mit theologischer Vorbildung.13
In der NS-Zeit stand die Gemeinde im Spannungsfeld der Auseinandersetzungen zwischen DC und BK. Während Sup. Wendebourg und die drei unter ihm angestellten Pfarrkollaboratoren der BK angehörten, setzte sich der KV ausschließlich aus DC-Mitgliedern zusammen. Ab Mai 1933 fanden (jedoch mit nachlassendem Interesse) regelmäßige DC-Veranstaltungen statt. Wendebourg initiierte BK-Versammlungen, die teilweise eine starke Resonanz hervorriefen. Größere BK-GD fanden 1934 und 1938 mit Lbf. Marahrens statt. 1938 schieden mehrere KV-Mitglieder durch Austritt aus und wurden durch berufene Mitglieder ersetzt. – Ein ev. Männer- und Jünglingsverein wurde schon 1933 durch den Vorstand in die Ortsgruppe der DC überführt und damit praktisch aufgelöst. Die ev. Volksschule wurde zum 1. August 1939 in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt.
Die kirchengemeindlichen Aktivitäten an St. Alexandri werden heute durch den Förderverein Kirchenmusik St. Alexandri e. V. (gegründet 1997) und die St.-Alexandri-Stiftung (2002) unterstützt. 2009 wurde auf Initiative der KG St. Alexandri, St. Jacobi, St. Marien und des Diakonischen Werks Leine-Solling die Diakoniestiftung „Nächstenliebe in Einbeck“ ins Leben gerufen.
Am 1. Januar 2009 wurde die St.-Alexandri-KG Teil des Ev.-luth. KG-Verbandes Einbeck.14 Mit dem 1. Januar 2014 wurden die KG St. Alexandri, St. Jacobi, St. Marien und St. Nicolai in Einbeck zur Ev.-luth. KG Einbeck zusammengeschlossen.15

Pfarrstellen

I: Vorref., 1. Januar 2001 aufgehoben und neu errichtet aus zwei.16 – II: 1. November 195317 (seit Februar 1909 ständige Pfarrkollaboratur)18; ab 1. Januar 2001 I und neu aus III. – III: 1. Juli 196419; ab 1. Januar 2001 II.

Umfang

Zum Pfarrsprengel von St. Alexandri gehörten auch die Stadtmauer und der außerhalb der Mauern gelegenen Stadtbereich. Die Zugehörigkeit der Dörfer Kuventhal und Andershausen ist seit der Reformationszeit belegt. Durch einen Vergleich Hzg. Julius wurde 1599 festgesetzt, dass die Warttürme der Stadt dem Pfarrsprengel von Alexandri zugehörig sind. 1788 beanspruchte Alexandri das Pfarrecht über den gesamten Bereich zwischen der Stadtmauer und den Landwehren. 1894 beklagte sich der KV von St. Marien darüber, dass die Alexandri-KG sämtliche neu gebauten Häuser außerhalb der Stadtmauer und auf dem ehemaligen Stadtgraben an sich gezogen habe und forderte eine Neuabgrenzung der Pfarrbezirke.20 Die Verhandlungen zogen sich über mehr als 15 Jahre hin. Mit dem 1. Juni 1910 wurde der außerhalb des hohen Walls gelegene Bezirk von Tiedexer Tor bis zum Hullerser Tor aus der Alexandri-KG in die Jacobi-KG und vom Hullerser Tor (ausschließlich) bis zur Altendorfer Chaussee (ausschließlich) in die St.-Marien-KG umgepfarrt.21 Bereits zum 1. April 1910 war der zur politischen Gemeinde Volksen gehörige Leineturm aus der KG St. Alexandri in die KG Negenborn umgepfarrt worden.22 Innerhalb der Stadt wurden die Pfarrsprengel mit dem 1. Oktober 1952 neu abgegrenzt.23

Aufsichtsbezirk

Einbeck unterstand ursprünglich dem Archidiakonat Nörten des Ebm. Mainz. Seit spätestens 1269 war das Alexanderstift von der Jurisdiktion des dortigen Archidiakons eximiert und verfügte der Stiftspropst selbst über die archidiakonalen Rechte für St. Alexandri und die inkorporierten Stadtkirchen.24 Zum Sprengel der Propstei gehörten die Kirchen der Stadt Einbeck einschließlich der Neustädter Kirche sowie die 1476 dem Stift inkorporierten Pfarrkirchen von Odagsen und Negenborn. Ab 1462 muss auch die Pfarrkirche in Markoldendorf dem Propst des Alexanderstifts unterstanden haben. – Das mit der Propstei von St. Alexandri verbundene geistliche Gericht (Offizial-Gericht) verlor seit der Reformation immer mehr an Ansehen. Seit 1545 wurden die geistlichen Angelegenheiten zunächst vom Hzg. von Grubenhagen und seinen Räten geleitet. Seit 1587 bestand das Konsistorium in Herzberg. – Als landesherrliche Patronatspfarre unterstand St. Alexandri nicht dem Einbecker Stadt-Ministerium. Von 1543 bis 1554 war mit der Pfarrstelle von St. Alexandri die Suptur. der Insp. Einbeck (im Wesentlichen für die Ämter Rotenkirchen und Salzderhelden) verbunden. 1554 wurde die Suptur. nach Herzberg verlegt, 1707 kehrte sie nach Einbeck zurück. 1905 umfasste die Insp. außer Einbeck die Gemeinden Avendshausen, Dassensen, Wellersen, Hullersen, Iber, Negenborn, Odagsen, Salzderhelden und Stöckheim; bis 1707 auch Ebergötzen und Landolfshausen. Zum 1. Oktober 1936 wurden die Aufsichtsbezirke Einbeck und Markoldendorf zum KK Einbeck vereinigt.25 Der KK Einbeck ging am 1. Januar 2001 im neuen KK Leine-Solling mit Sitz in Northeim auf.

Patronat

Das Patronat lag ursprünglich bei den Gf. von Katlenburg als Stiftern und fiel später im Erbgang an die Welfen. Aus dem Kontext einer Urkunde von 1213 ist zu entnehmen, dass schon Heinrich der Löwe die Patronatsrechte wahrnahm. Explizit erwähnt werden sie erstmals 1224 für Hzg. Heinrich den Älteren – 1476 wird der Hzg. von Braunschweig-(Grubenhagen) als Patron mit dem Kollationsrecht für die Propstei bezeichnet.26 Der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Das älteste KGb, eine dreischiffige, vermutlich durch eine Balkendecke geschlossene, romanische Basilika mit östlichem Querhaus und einem querrechteckigen Westriegel mit zwei flankierenden Rundtürmen, wurde 1108 vollendet. Der Ursprungsbau wurde 1975/76 archäologisch nachgewiesen. Da der vorhandene Bau wegen des zunehmenden Pilgerstroms den Bedürfnissen nicht mehr genügt begann wohl bald nach Gründung des Fsm. Grubenhagen (1285) der Umbau zur heutigen dreischiffigen, kreuzförmigen, gotischen Hallenkirche zu vier Jochen mit Querschiff und Hochchor. Die romanische Krypta unter der Vierung blieb erhalten. Der hohe Chor wurde vor 1313 vollendet, der übrige Bau bis Anfang des 16. Jh. Das Außenmauerwerk besteht aus rotem Buntsandstein. Als Erbauer wird der Einbecker Baumeister Hans Molderam genannt.27 Bis zur Reformation wurden der Kirche mehrere Kapellen angebaut (1360/80 Kapelle des heiligen Blutes/Taufkapelle südlich des Chors; St.-Thomas-Kapelle am nördlichen Seitenschiff; Johannis-Kapelle; St.-Anna-Kapelle). Bei einem verheerenden Stadtbrand am 26. Juli 1540 wurde die Stiftskirche schwer beschädigt und dabei auch die beiden provisorischen Glockenstühle auf dem Turmfundament zerstört.28 Umfassende Sanierungen/Restaurierungen 1858/58, 1863/66 (unter der Leitung von Oskar Heinrich Wilsdorff, Nienburg) und 1974/78.

Fenster

Neuverglasung der Apsis 1855/58. In der Krypta: Acht Buntglasfenster zur Schöpfung von Günter Wilhelms, Einbeck (um 1979).29

Turm

Die unteren Turmgeschosse wurden um 1500 errichtet. Die geplante Doppelturmfassade kam aber nicht zur Ausführung. Stattdessen wurde dem Westbau ein niedriges Oktogon mit barocker Schieferhaube und offener Laterne aufgesetzt (1735, von Baumeister Bähre, Lauterberg).

Grablege

Die Kirche ist letzte Ruhestätte des 1153 in Einbeck verstorbenen abgesetzten Mainzer Ebf. und Erzkanzlers des Heiligen Römischen Reiches Heinrich I.30 Sie war ferner Grablege des Stifters Dietrich II. von Katlenburg und bis zur Teilung des Grubenhagener Landes 1481 für mehrere Angehörige des Hauses Braunschweig-Grubenhagen, darunter Heinrich der Wunderliche († 1322).

Ausstattung

Die Innenausstattung wurde in den Jahren 1779–81 dem barocken Zeitgeschmack angepasst (u. a. Einbau eines Kanzelaltars), die barocken Einbauten jedoch 1863–66 wieder beseitigt. An ihrer Stelle erhielt die Kirche einheitliche gotisierende Ausstattung (Hochaltar, Kanzel, Lesepult, Gestühl, Empore und Orgelprospekt) nach Entwurf von O. H. Wilsdorff mit Bildhauerarbeiten von Friedrich Küsthardt. Der Gemeindealtar vor der Chortreppe und der Altar vor der Krypta stammen von G. Wilhelms (1977). – Von den mittelalterlichen Altären ist in der Kirche noch ein flügelloser Marienaltar eines unbekannten Meisters mit der Darstellung einer Mondsichelmadonna im Strahlenkranz und der Heiligen Vitus und Erasmus erhalten (um 1500). Ein zweiflügeliger Muttergottesaltar aus der Stiftskirche, von Hans Raphon und Barthel Kastrop (um 1510), befindet sich jetzt im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover (Inv.-Nr.: PAM 846); ein weiterer Dreiflügelaltar (von Lucas Cranach dem Älteren) kam 1675 in die Schlosskapelle nach Hannover und ist jetzt in der dortigen Kreuzkirche. – Achteckiges Bronzetaufbecken (in der Heilig-Blut-Kapelle) auf einem Mittelfuß und vier Löwen als Trägerfiguren, gestiftet 1427 durch den Kanoniker Degenhard Ree. Vermutlich als Gießer wird inschriftlich Hennyngus Regnerus genannt. Das Becken zeigt auf der Wandung figürliche Reliefs mit dem Stifter vor dem Apostel Thomas, Johannes dem Täufer, Maria mit dem Kinde, Christus, dem Evangelisten Johannes, dem Apostel Petrus, der heiligen Felicitas und dem heiligen Alexander. – Gotisches Sakramentshäuschen (in der Heilig-Blut-Kapelle). – Bedeutendes zweiteiliges, frühgotisches Chorgestühl aus Eiche, das älteste datierte Chorgestühl Deutschlands (1288 gestiftet von Hzg. Heinrich I., Fs. von Braunschweig-Grubenhagen). – Gotischer Radleuchter aus Messing, mit Figuren der zwölf Apostel und zwölf Propheten, gestiftet durch den Kanonikus Degenhard Ree (dat. 1420).31 – Friedensleuchter/Weltkugelleuchter (1991). – Mehrere Epitaphien für Stiftsangehörige und Angehörige von Einbecker Patrizierfamilien, darunter Epitaphien für Dietrich Raven († 1570), Christoffel Wagenschive († 1573) und Katharina Lomans († 1573), geschaffen durch den Hildesheimer Bildhauermeister Ebbert Wolf den Älteren32; weitere Epitaphien für die Kanoniker Hildebrand von Uslar († 1557) und Andreas Meinberg († 1605). – Grabplatten aus Bronzeguss für Propst Johannes von Braunschweig-Lüneburg († 1367) und den Kanoniker Otto Ernst († 1495).

Orgel

Vermutlich besaß die Stiftskirche schon im Spätmittelalter oder in der Renaissancezeit eine Orgel, die beim Brand von 1540 zerstört wurde. Die Frühgeschichte ist jedoch nur unzureichend erforscht. Nach Ihlemann erhielten die Einbecker Stadtkirchen zwischen 1590 und 1600 Orgeln von Johann Friedemann, einem Kanoniker am Dom zu Braunschweig.33 Das erste sicher belegte Instrument wurde 1732/40 von Christian Vater (Hannover) erbaut; 33 II/P (HW, RP). Um 1844/45 Umbau und Einbau eines dritten Manuals (BW) mit nur einem Reg.; Verlegung des RP hinter das Hauptwerk. 1865/66 Neubau im Zuge der neugotischen Umgestaltung des Kirchenraums durch Carl Giesecke (Göttingen), 42 III/P (HW, OW, SchwW), mechanische Traktur, Kegellade. Das Pfeifenmaterial der Vater-Orgel wurde teilweise übernommen. 1934/35 Erneuerung von Traktur und Regierwerk (elektrisch) durch Firma Faber & Söhne (Salzhemmendorf).34 1984 Neubau hinter dem neugotischen Prospekt als Kombination aus Pfeifenorgel und Elektronik (26 Pfeifen-, 37 Elektronik-Reg.), III/P (HW, OW, SchwW) mit fünf älteren Reg. von Giesecke und einem Reg. von C. Vater. Die Ausführung übernahmen die Firmen Walcker (Murrhardt) [Pfeifenwerk] und Ahlborn-Lipp (Ditzingen) [Elektronik]. 2008 Neubau im vorhandenen neugotischen Gehäuse durch Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen), 37 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen; eingeweiht am 1. Juni 2008.

Geläut

Drei LG, I: c’ (Bronze, Gj. 1699, C. L. Meier, Hannover, ursprünglich cis’); II: es’ (Bronze, Gj. 1928, F. Otto, Bremen-Hemelingen, früher in der Servatiuskirche in Duderstadt, 1957 von dort erworben); III: f’ (Bronze, Gj. 1958, Gebrüder Rincker, Sinn). – Zwei SG, I: g’ (Bronze, Gj. 1601, Friedrich Bilefeldt, früher als LG in Gebrauch); II: g’’ (Bronze, um 1280). – Früherer Bestand: 1329 werden die Glöckner von St. Alexandri urkundlich erwähnt35, Glocken waren demnach damals schon vorhanden. Beim Stadtbrand von 1540 wurde die kleinere Glocke zerstört, die große blieb trotz Sturz aus dem Turm unbeschädigt.36 Weiterer Bestand unklar. Zwei Glocken wurden im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgeliefert und 1925 durch einen Neuguss der Firma Schilling & Söhne (Apolda) ersetzt. – Viertelstundenschlagglocke in g’’, 13. Jh., blieb in den Kriegen erhalten; Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die KG als Geschenk eines Gemeindeglieds eine Gussstahlglocke in es’’ (J. F. Weule, Bockenem), die als Stundenglocke genutzt, vor 1959 aber wieder außer Betrieb genommen wurde.37

Weitere kirchliche Gebäude

Suptur.-Gebäude (Pfarrhaus), 1738 errichtet, 1993 saniert (Denkmalschutz). – Organistenhaus am Stiftsplatz 2 und Kantorenhaus am Stiftsplatz 3 (beide Bj. 1904, 2015 verkauft).

Friedhof

Der Friedhof (Kirchhof) der Stiftskirche St. Alexandri wird 1313 urkundlich erwähnt. Zum Stift gehörte noch ein zweiter Begräbnisplatz, auf dem vorzugsweise die städtischen Eliten von Einbeck beigesetzt wurden38 (beide aufgelassen). Die Stadt Einbeck hat seit 1908 einen Zentralfriedhof in kommunaler Trägerschaft.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 2759–2801 (Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 200–203 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 2069–2091 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 559–564 (Visitationen, auch Generalvisitation und Visitation der Insp.); B 18 Nr. 88 (Orgelsachverständiger); D 45 b (EphA Einbeck); N 48 II Nr. 481 (Orgel); S 1 H III Nr. 411 (Kirchenkampfdokumentation).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 429–431; Drawe, Klein-Archidiakonat Einbeck; Gmelin, Tafelmalerei, Kat.-Nr. 188; Heege, Einbeck; Heege, Einbecks Kirchengebäude; Heutger, Konvente, S. 83–99; Niklaus, KK Einbeck, S. 11–23; Schloemer, Einbecks älteste KO; Wedekind, Inspektion Einbeck, S. 1–20.
B: Das Chorgestühl in St. Alexandri zu Einbeck, [Einbeck 1979]; Fritz Arens: Das Grab des Erzbischofs Heinrich I. von Mainz in Einbeck, in: Einbecker Jahrbuch 35 (1984), S. 59–61; Elke Heege: Ev.-luth. Münsterkirche St. Alexandri Einbeck, [Regensburg 2000]; Martin Hillebrand: Die neue Orgel der St.-Alexandri-Kirche zu Einbeck, in: Hillebrandorgel in der Münsterkirche St. Alexandri Einbeck, [Hannover 2008], S. 37–45; Franz Hofmann: Die ehemalige Stiftskirche St. Alexandri in Einbeck, [München, Berlin 1979]; Horst Hülse: Der Radleuchter in der Stiftskirche St. Alexandri in Einbeck, in: Einbecker Jahrbuch 32 (1981), S. 56–80; Friedrich Anton Klinkhardt: Geschichte des Alexanderstiftes in Einbeck bis zur Kirchentrennung, in: Vaterländisches Archiv für hannoversch-braunschweigische Geschichte 1834, S. 28–66; Rudolf Lindemann: Der Radleuchter der Stiftskirche St. Alexandri in Einbeck, in: Einbecker Jahrbuch 33 (1982), S. 72–79; Rudolf Lindemann: Vier Epitaphe des Ebbert Wolf d. Ä. in Einbeck, Einbecker Jahrbuch 41 (1991), S. 127–150; Wolfgang Petke: Von der Ecclesia Embicensis zum evangelischen Mannstift: Das Stift St. Alexandri in Einbeck, in: JbGNK 98 (2000), S. 55–88; H. J. Pulmer: Die Kryptafenster von Günter Wilhelms in der St. Alexandrikirche (Münster) von Einbeck, in: Einbecker Jahrbuch 33 (1982), S. 80–88; Helge Steenweg: … dat Eymbeck in den hethen kolen stünde … Der Brand Einbecks im Jahre 1540, in: Einbecker Jahrbuch 39 (1988), S. 5–25; Harald Vogel: Der Orgelbau in Einbeck, in: Hillebrandorgel in der Münsterkirche St. Alexandri Einbeck, [Hannover 2008], S. 17–35; Klaus Günther Ziegahn: Die Baugeschichte der Stiftskirche St. Alexandri in Einbeck (= Studien zur Einbecker Geschichte 1), Einbeck 1963.

GND

2126565-3, Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Alexandri (Einbeck)


Fußnoten

  1. Alexander von Rom, Märtyrer, erstmals nachgewiesen anhand eines Siegels um 1213; vgl. Heege, Einbeck, S. 19.
  2. Casemir/Menzel/Ohainski, Ortsnamen Lkr. Northeim, S. 116.
  3. Urkundenauszüge Einbeck, Nr. 102.
  4. Urkundenauszüge Einbeck, Nr. 188 a.
  5. Urkundenauszüge Einbeck, Nr. 266 a.
  6. Urkundenauszüge Einbeck, Nr. 365.
  7. Urkundenauszüge Einbeck, S. 362.
  8. Urkundenauszüge Einbeck, Nr. 1959.
  9. Urkundenauszüge Einbeck, Nr. 400.
  10. Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 432.
  11. Niklaus, KK Einbeck, S. 140–150.
  12. Krumwiede, Reformation und Kirchenregiment, S. 37.
  13. Petke, S. 87 f.
  14. KABl. 2009, S. 124.
  15. KABl. 2014, S. 68–72.
  16. KABl. 2001, S. 25.
  17. KABl. 1953, S. 169.
  18. KABl. 1909, S. 16.
  19. KABl. 1964, S. 116.
  20. LkAH, D 45b, Spec. Geistl. Ministerium, A 102 (KV St. Marien an die Kirchenkommission in Einbeck, 03.12.1894).
  21. LkAH, D 45b, Spec. Geistl. Ministerium, A 102 (Umpfarrungsurkunde).
  22. LkAH, D 45b, Spec. Geistl. Ministerium, A 102 (Umpfarrungsurkunde).
  23. KABl. 1952, S. 142.
  24. Petke, S. 67.
  25. KABl. 1936, S. 61.
  26. Drawe, Klein-Archidiakonat Einbeck, S. 48 f.
  27. Klinkhardt, S. 45.
  28. Steenweg, S. 8 f.
  29. Pulmer, S. 80–88.
  30. Arens, S. 59–61.
  31. Hülse, S. 56–80; Lindemann, Radleuchter, S. 72–79.
  32. Lindemann, Vier Epitaphe, S. 127–150.
  33. Ihlemann, Orgelbauer Einbeck, S. 91.
  34. LkAH, BN 48 II Nr. 481 (Bericht über die Orgel in der Münsterkirche zu Einbeck von Hans Klotz, 19.01.1969; Gutachten von Chr. Mahrenholz, 08.08.1974,).
  35. Urkundenauszüge Einbeck, Nr. 151.
  36. Steenweg, S. 9.
  37. Hardege, Glockenneuerwerbungen, S. 45; LkAH, B 2 G 9 B/Einbeck, Alexandri.
  38. Ziegahn, S. 7.