Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Peine | Patrozinium: Martin Luther (seit 1959) | KO: Lüneburger KO von 1643

Karte wird geladen, bitte warten...
Orts- und Kirchengeschichte

Edemissen war Besitz der Edelherren von Meinersen und kam nach deren Aussterben im 14. Jh. unter die Herrschaft der Welfen. Es war Sitz einer Gografschaft des Amts Meinersen, das im Zuge der Verwaltungsreform von 1885 aufgeteilt wurde. Seither zum Kr. Peine.
Die Kirche ist seit Ende des 13. Jh. belegt und war zu dieser Zeit wahrscheinlich Sendkirche (sedes) des Archidiakonats Sievershausen.1 Der bischöfliche Offizial gab 1295 u. a. dem plebanus ecclesiae in Edemissen die Bekanntmachung eines Bannes auf.2 Der Priester Hermannus de Edemissen, der früher als ältester Nachweis galt, wird jetzt der gleichnamigen Gemeinde bei Einbeck zugeschrieben.3 Vorref. Geistliche in Edemissen waren die Pfarrer Nicolaus (1364)4 und Nikolaus Winsen (1376/77).5 Die Einführung der Reformation erfolgte ab 1527 durch Ernst den Bekenner. Erster luth. P. war Johannes Schrader (Lüneburgisches Pfründenregister, 1534; 1543). Kapellen befanden sich schon 1534 in Blumenhagen und Abbensen (Edemissen).6
Der mittelalterliche Kirchenbau dürfte auf das 13. Jh. zurückgehen. Aus dieser Zeit ist der Turm erhalten. Die Sakristei an der Südseite des Schiffs ist inschriftlich auf das Jahr 1504 – oder nach neuerer Lesart 1204 – datiert.7 Das Kirchenschiff selbst wurde zwischen 1691 und 1699 unter P. Bokelmann in barocken Formen neu errichtet. Ein Ortsbrand zerstörte 1731 auch das Pfarrhaus und die dort aufbewahrten Urkunden und Akten.
Zur NS-Zeit stellt der Visitationsbericht von 1950 rückblickend fest: „Wenn eine Gemeinde – so ist Edemissen unter die zerstörten Kirchengemeinden zu rechnen.“8 P. Philipp Hartwig (amt. 1920–1946) war bereits 1931 in die NSDAP eingetreten, die Peiner Zeitung charakterisierte ihn in den 1930er Jahren als „bekannten Vorkämpfer des Nationalsozialismus“9. Nach Streitigkeiten mit dem Peiner Kreisleiter schloss ihn das Gaugericht Hannover 1941 aus der Partei aus.10 Seit 1933 war P. Hartwig Mitglied der DC, er erkannt die Absetzung des Sievershäuser Sup. Felix Rahn (später Hannoveraner Gegenbischof der DC) durch die Landeskirche nicht an und führte auch die Kollekten der Gemeinde weiter an Rahn ab und nicht an Sup. Karl Wilhelm Böker in Gifhorn, dem die Landeskirche die Verwaltung des KK übertragen hatte. Das Außerordentliche Kirchengericht11 versetzte ihn 1946 in den Wartestand und sein Nachfolger klagte 1950, dass Edemissen „im besonderen Masse der nationalsozialistischen bezw. der deutsch-christlichen Beeinflussung ausgesetzt gewesen“12 sei.
1962 wurde in der KG eine Pfarrvikarstelle eingerichtet13, aus der später eine zweite Pfarrstelle hervorging. Die KG unterhält seit 1971 einen KiGa (Ev. Kita). 1978 wurde in Edemissen eine Diakoniestation eröffnet. Die Gemeindearbeit wird durch den „Förderverein Martin-Luther Edemissen e. V.“ unterstützt. Anlässlich der umfassenden Dachsanierung in den Jahren 2000 bis 2002 entschied sich die KG für eine moderne Ausmalung des Kirchengewölbes, mit der sie den Maler Felix Martin Furtwängler beauftragte. Ausgehend von einer Auswahl an Bibeltexten, die ihm die Gemeinde vorgeschlagen hatte, schuf er einen zwölfteiligen Bilderzyklus.

Umfang

Die Dörfer Abbensen (KapG, seit 1894 eigenständige KG), Ahlemissen, Alvesse (KapG), Blumenhagen (KapG), Edemissen, Eixe, Mödesse, Oedesse, Plockhorst (KapG), Sundern, Voigtholz (KapG) und Wehnsen (KapG, mit Wehnserhorst), das Landgut Ankensen, die Bergermühle und der einzelne Hof Dreyershaus. Eixe und Sundern wurden 1856 abgetrennt und als mater combinata mit Vöhrum verbunden. Die bisherige KapG Abbensen (Edemissen) wurde am 1. Juli 1894 verselbständigt.14

Aufsichtsbezirk

1295 war Edemissen möglicherweise selbst Sitz eines Archidiakonats.15 Um 1500 Archidiakonat Sievershausen der Diözese Hildesheim. – Kam 1575 zur Insp. Burgdorf und ging 1723 in die neu geschaffene Insp. (1924: KK) Sievershausen über. Mit der Auflösung des KK Sievershausen am 1. Oktober 1965 zum KK Peine.16

Patronat

Früher der Bf. von Hildesheim17 bzw. der Landesherr. 1695 im Tauschweg an die von Bülow als Erbherren auf Abbensen (dingliches Patronat) und wurde 1887 durch Kauf auf das Rittergut Ankensen (von Flöckher, ab 1963 Mörlins) übertragen. Gemäß Patronatsgesetz vom 14. Dezember 1981 ist es durch Verkauf des Ritterguts Ankensen am 1. September 1999 erloschen.18

Kirchenbau

Barocker Sandsteinbau mit fünfseitigem Ostschluss (1691). Sakristeianbau. Westportal von 1913. Der Innenraum ist durch eine Flachtonne geschlossen. Emporen an der West-, Nord- und Ostseite. Innenrenovierung 1959 (u. a. Entfernung der Deckenbemalung von 1920) und 1979-81 (u. a. Verkürzung des Langhauses durch den Einbau von Gemeinderäumen im Westen). 2000–02 Dachsanierung und Neuausmalung der hölzernen Tonne durch den Künstler Felix Martin Furtwängler.

Turm

Westturm, nach Norden asymmetrisch aus der Mittelachse verschoben, errichtet wohl Anfang 13. Jh. Im Glockenstuhl die Jahreszahlen 1668 und 1683. Turmhelm 1976 saniert.

Grablege

1691 Anbau des Bülowschen Erbbegräbnisses an der Südwestecke des Turms durch Lucia von Bülow. Bei der Renovierung 1979–81 zu einem schlichten Andachtsraum umgestaltet.

Ausstattung

Barocker Altar, Retabel aus Eiche mit aufwendigem Knorpeldekor (1692), Darstellung von Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung, umrahmt von Holzfiguren der vier Evangelisten. Als Bekrönung ein Kruzifix des 15. Jh. – Kanzel aus Eiche, aus der gleichen Werkstatt wie der Altar (1691). – Sechseckige Sandsteintaufe mit geflügelten Engelsköpfen (um 1692) und versilberter Taufschale (1980). – Ölgemälde der Taufe Jesu (vermutlich bolognesischer Herkunft, frühes 17. Jh.). – Sandsteinepitaph der Familie von Bülow. – Epitaph des P. Hermann Reinking († 1722). – Grabplatte der Bertha Freiin von Bülow, Stiftsfräulein in Stedenburg († 1720). – Für den Andachtsraum in der früheren Sargkammer entwarf der Voigtholzer Künstler Hans Nowak Leuchter, Wandkreuz und ein Wandbild.

Orgel

Auf der Westempore. 1709 Stiftung der ersten Orgel eines unbekannten Orgelbauers durch den Patron Cuno Josua Frhr. von Bülow in Abbensen. Der nachträglich um klassizistische Seitentürme erweiterte barocke Prospekt mit den Stifterwappen der von Bülow ist erhalten. 1754 Instandsetzung durch Johann Gottlieb Müller (Hildesheim).19 Um 1796 Instandsetzung durch C. H. Busmann; 13 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen (Zustand 1835). 1908 Neubau des Werks durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 28 II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen, Prospektpfeifen im Ersten Weltkrieg abgegeben, nach 1928 ersetzt. Seit den 1970er Jahren war das Instrument nur noch bedingt spielbar und die KG nutzte eine kleine Interimsorgel (6 I/–, mechanische Traktur, Schleifladen), die später in der KapG Plockhorst aufgestellt wurde. Im Zuge der Kirchenrenovierung 1982 Neubau durch die Firma Schmidt & Mappes (Langenhagen) unter Erhalt des Prospekts von 1709, 16 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1988 Erweiterung des Pedalwerks um ein Fagott 16’’ auf 17 II/P.

Geläut

Zwei LG, I: cis’; II: e’; beide (Stahl, Gj. 1922, Bochumer Verein).20 – Zwei SG, I: es’’ (Bronze, Gj. 1565, Peter van der Gheyn, Mechelen)21; II: b’’ (Stahl, Gj. wohl 1922). – Früherer Bestand: Die früheren Bronzeglocken wurden im Ersten Weltkrieg abgeliefert.

Friedhof

Bis 1992 in kirchlicher Verwaltung. FKap mit einer LG a’’ (Bronze, Gj. um 1280), Geschenk der politischen Gemeinde an die KG 1974.22

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 2610–2624 (Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 814 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 1985–1992 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 533 (Visitationen); B 18 Nr. 158 (Orgelsachverständiger); D 14 (EphA Sievershausen); S 1 H III Nr. 317 Anhang (Sammlung Rose).

Literatur

A: Kirchen KK Peine, S. 18 f.; Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 101 f., Nr. 89; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 421; Jürgens u. a., KD Kr. Peine, S. 34–39; Mithoff, Kirchen und Kapellen Lüneburg, S. 371 f.; Pape, Orgeln Kr. Peine, S. 9–11; Rose, Kirchenkampf.
B: 950 Jahre Groß Ilsede: 1053–2003, Ilsede 2003, S. 485; Adolf Smitmans: Martin-Luther-Kirche Edemissen. „Neue Kreatur“. Bilder einer Verwandlung. Deckengemälde von Felix M. Furtwängler, [Edemissen] 2003; Verein der Heimatgeschichte Edemissen (Hg.): Die Gemeinde Edemissen (Die Reihe Archivbilder), Erfurt 2007, S. 37–52.

GND

10070366-5, Evangelisch-Lutherische Martin-Luther-Kirchengemeinde (Edemissen); 4786265-8, Martin-Luther-Kirche Edemissen (Peine).


Fußnoten

  1. Machens, Archidiakonate, S. 39 ff.
  2. UB HS Hildesheim III, Nr. 1045.
  3. Smitmans, S. 12.
  4. UB HS Hildesheim V, Nr. 1097.
  5. UB HS Hildesheim VI, Nr. 221 u. 261.
  6. Salfeld, Pfründenregister, S. 95.
  7. Smitmans, S. 12.
  8. LkAH, L 5h, unverz., Edemissen. Visitation 1950.
  9. Zit. in 950 Jahre, S. 485.
  10. LkAH, S 1 H III Nr. 317 Anhang, S. 1112 ff.
  11. KABl. 1946, S. 5 f.
  12. LkAH, L 5h, unverz., Edemissen. Visitation 1950.
  13. KABl. 1962, S. 29.
  14. KABl. 1894, S. 69.
  15. Boetticher, Ortsverzeichnis Lkr. Peine, S. 78.
  16. KABl. 1965, S. 258.
  17. Ahlhaus, Patronat, S. 74.
  18. LKA, G 15/Edemissen.
  19. LkAH, D 14 Spec. Edemissen A 5131.
  20. LkAH, B 2 G 9 B/Edemissen Bd. I, Bl. 7.
  21. Jürgens u. a., KD Kr. Peine, S. 39.
  22. LkAH, B 2 G 9 B/Edemissen Bd. I, Bl. 98.