Sprengel Lüneburg, KK Walsrode | Patrozinium: Johannes der Täufer | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Seit 1140 als Besitz der Mindener Kirche belegt. Haupthof (curia) einer Villikation, die von der mindener Ministerialfamilie von Ahlden zunächst verwaltet und 1285 durch Kauf bzw. Belehnung erworben wurde. 1304 bis 1324 hatte Ritter Heinrich von Ahlden von Mindener Bf. die Vogtei über Ahlden zu Lehen. In der zweiten Hälfte des 14. Jh. ist das Geschlecht im Lehnsbesitz der Gografschaft Ahlden. Im Konflikt mit den Bf. und den Welfen gingen die von Ahlden 1431 ihres Besitzes weitgehend verlustig. Rechtsnachfolger wurden die Hzg. von Braunschweig und Lüneburg (Fsm. Lüneburg). Aus Villikation und Gogericht ging das herzogliche Amt Ahlden hervor (bis 1885). Zwischen 1520 und 1648 erhielt Ahlden Fleckensrechte. 1684 wurde es durch einen Brand weitgehend zerstört. 1694 bis 1726 war Ahlden Leibzucht der verbannten Prinzessin Sophie Dorothea von Braunschweig und Lüneburg (die sogenannte „Prinzessin von Ahlden“). Das Geschlecht der von Ahlden ist in der zweiten Hälfte des 18. Jh. erloschen.

Kirche, Ansicht von Südwesten

Kirche, Ansicht von Südwesten

Die Christianisierung der Region wurde im 9. Jh. von Minden aus in Angriff genommen. Ahlden war wohl Standort der ältesten Missionskirche und wurde Stützpunkt für die weitere Ausbreitung des christlichen Glaubens im Land an der Aller und Böhme. Eine an Stelle der heutigen St.-Johannis-Kirche errichteten Taufkapelle war möglicherweise die Keimzelle des Ortes. Urkundliche Belege setzen erst Anfang des 13. Jh. ein. Die Erwähnung eines sacerdos 1202 belegt, dass zu diesem Zeitpunkt eine Kirche bereits vorhanden war.1 Auf ihre zentrale Bedeutung für die Ausbreitung der Mission verweist auch die Erhebung zum Sitz eines Archidiakons für den nördlichen Teil des Loingaus (1274 belegt). Kurzzeitig bestand in der zweiten Hälfte des 13. Jh. in Ahlden ein durch den Archidiakon Arnoldus de Schinna und den Pfarrpriester Reinold Reimers (1261-1274) gestiftetes Kollegiatstift, das 1274 durch Bf. Otto von Minden bestätigt, aber schon sechs Jahre später nach Neustadt a. Rbge. und 1295 von dort nach Lübbecke bei Minden verlegt wurde. Bis zur Gründung des Stifts verfügte die Pfarrkirche über einen weiteren Geistlichen für einen dem heiligen Nikolaus geweihten Altar. Die Stelle wurde mit dem Stift vereinigt und ging mit der Verlegung desselben ein.
Die Parochie Ahlden erstreckte sich anfangs auch über Eickeloh, das 1296 von Bf. Ludwig von Minden zur selbständigen Pfarre erhoben wurde. Die Eickeloh zugelegte Kapelle in Hudemühlen wurde 1424 in einem Vergleich zwischen dem Ahldener Kirchherrn und den Herren von Hodenhagen als Patronatsherren wieder nach Ahlden umgegliedert.2 Die Hudemühler Kapellane erhielten zugleich das Recht zur selbständigen Abhaltung von GD und Kasualien für Angehörige der Burg und Personen, die in Notzeiten (Unwetter, Kriegsgefahr) die Kirche in Ahlden nicht erreichen können. Damit wurde die Hudemühler Gemeinde trotz ihrer Eingliederung in das Ksp. Ahlden faktisch verselbständigt und auch nach der Reformation als eigenständige KG geführt. Sie umfasste aber bis zu ihrer Aufhebung 1973 stets nur die Hodenberger Güter und ihre Angehörigen, nicht aber den weiterhin nach Ahlden eingepfarrten Flecken Hudemühlen.
Von den vorref. Geistlichen wird 1200 und vor 1202 Ludolfus (sacerdos de alethen) in einer Urkunde des Bf. Dietmar von Minden genannt.3 Weiter sind bekannt: 1241 Johannes plebanus in Alethen4; 1261/74 Reinoldus Reimers; 1337/44 Conradus Haverber (plebanus, stellvertretender Propst des Klosters Walsrode5), Provisor und Administrator in Walsrode; 1368 Albert Wordingh (kerkhere to Alden); 1396 Bernard Wasmodi (rector parrochialis ecclesie in Alden Myndensis6); 1412 Hinrick (Kercher tho Alden, Vizearchidiakon); 1424 Richard Aldebug; 1442 Conradus. 1527 führte Ernst der Bekenner die Reformation im Fsm. Lüneburg ein. Der zur Zeit der Visitation von 1543 als P. amtierende her arendt Heise wird als totus indoctus bezeichnet.7 Kapellan war Conradus Tile (mediocriter doctus). 1554-1583 amtierte P. Gottfried Koke (Köcken), dessen Sohn und Nachfolger P. Ernst Köcken (amt. 1578-1618) 1593 zum ersten Sup. der Insp. Ahlden ernannt wurde.
Außer der Pfarrkirche in Ahlden gab es in Eilte eine 1620 durch den Großvogt Balthasar Klammer auf dem adeligen Hofe dort erbaute Hofkirche, die zeitweilig durch den Ahldener P. mitverwaltet wurde. Sie wurde nach Brandzerstörung (1813) nicht wieder aufgebaut. Die Gemeinde Eilte kam schon Ende des 18. Jh. ganz an Ahlden.8

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, August 1961

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, August 1961

P. Franz Chappuzeau (amt. 1929-1938) gehörte zu den Mitgründern der Deinser Konferenz und der daraus hervorgegangenen Hannoverschen Jungevangelischen Konferenz (HJK).9 Eine herausragende Persönlichkeit war sein Nachfolger P. Heinrich Kemner († 1993), der 1939 die Pfarrstelle übernahm und bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1969 innehatte. Wie schon Chappuzeau gehörte er der BK an. Bis 1942 fanden regelmäßig GD und andere Veranstaltungen der BK in Ahlden statt. Die Kirchenvorsteher erwiesen sich ganz überwiegend als bekenntnistreu. Beide P. waren Repressalien durch die Gestapo ausgesetzt. Kemner wurde 1942 durch Angehörige der SS-Gendarmerie überfallen und misshandelt; die Täter wurden im März durch ein SS-Gericht im Hamburg wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte P. Kemner zu den führenden Persönlichkeiten der evangelikalen Bewegung in Niedersachsen. 1946 rief er den Ahldener Jugendtag als große Evangelisationsveranstaltung ins Leben. Ende der 1950er Jahre ließ er die alte Scheune des Ahldener Schlosses, die der CVJM erworben hatte, zu einem Jugendfreizeitheim und Gemeindehaus ausbauen. 1952 gründete er die Ahldener Bruderschaft als pietistisch geprägte Gemeinschaft von Geistlichen und Laien. Seit 1967 stand er der BK in Niedersachsen vor. Nach seiner Pensionierung gründete er in der Nähe von Walsrode das geistliche Rüstzentrum Krelingen, das sich zur größten pietistischen Einrichtung in Norddeutschland entwickelte.
Die Nachkriegsjahre brachten auch eine Veränderung der bisher eher landwirtschaftlich geprägten Gemeindestrukturen. Besonders der Gemeindeteil Hodenhagen (als Kommune 1936 entstanden aus dem Zusammenschluss der bisher selbständigen Gemeinden Riethagen, Hudemühlen-Flecken und Hudemühlen-Burg) erlangte dank seiner verkehrsgünstigen Lage an der Bahnstrecke Hannover–Buchholz (Nordheide) auch als Pendlergemeinde Bedeutung. 1960 gab es erste (nicht realisierte) Überlegungen, die rechts der Aller gelegenen Gemeindeteile (Hodenhagen, Bierde) aus der KG Ahlden auszugliedern und unter Einschluss der KG Eickeloh und Hudemühlen-Burg zu einer neuen KG Hodenhagen zusammenzufassen. Industrieansiedlung, die Einrichtung eines Bundeswehrdepots und die Gründung der Großwildtierparks (1972) sorgten indessen für ein weiteres Anwachsen Hodenhagens, das 1980 bereits doppelt so groß war wie der Flecken Ahlden. 1977 bis 1980 wurde deshalb in Hudemühlen ein weiteres Gemeindehaus und 1991 für Hodenhagen eine zweite Pfarrstelle errichtet. Die Gesamtgemeindegliederzahl belief sich 1993 auf rund 3.600.
Seit 2003 besteht ein Förderverein für die KG.

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: 1. Dezember 1991 (für Hodenhagen).10

Umfang

Die Flecken Ahlden und Hudemühlen, die Dörfer Bierde (KapG), Bosse, Büchten, Eilte, Frankenfeld, Grethem und Riethagen, das Landgut Wiedenhausen, die Höfe Hellberg, Hörem und Neumühle sowie die Ziegelei Schlenke. Mit dem 1. Januar 1972 wurden die in der politischen Gemeinde Frankenfeld wohnhaften Gemeindeglieder in die St.-Marien-KG Rethem umgegliedert.11 Am 1. Januar 1973 erfolgte die Eingliederung der ehemaligen KG Hudemühlen (Hudemühlen-Burg).12

Aufsichtsbezirk

Ahlden war Archidiakonatskirche der Diözese Minden, zeitweilig allerdings mit dem Archidiakonat in Wunstorf verbunden. – Der Sitz der Suptur. war nach der Reformation abwechselnd in Walsrode, Ahlden und Düshorn (1593 bis 1639, 1660 bis 1684 und 1760 bis 1774 in Ahlden). Bei der Teilung der Insp. 1774 kam Ahlden zur Insp. Schwarmstedt und war dann ab 1882 wiederum Sitz der Suptur. (Insp. Ahlden, 1924 KK Ahlden). Mit dem 1. April 1929 wurde der Aufsichtsbezirk und KKV Ahlden aufgehoben und mit dem KK Walsrode vereinigt.13 Seither gehört er zum KK Walsrode.

Patronat

Für die Pfarrstelle und Priesterstelle am Altar des heiligen Nikolaus besaß der Archidiakon das Kollationsrecht. Im Übrigen ging nach einem um 1370 angelegten Lehensregister das gesamte Ksp. von den Gf. von Hoya zu Lehen. Nach dem Erlöschen des Hoyaer Grafenhauses der jeweilige Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Das KGb wurde im Dreißigjährigen Krieg und 1715 durch Brand zerstört, aber schon bald wieder aufgebaut. Vom Brand des Jahres 1684 wurde es verschont. 1846 bis 1848 errichtete die Gemeinde einen Neubau nach Plänen von Friedrich August Ludwig Hellner (1791-1862). Der spätklassizistische, durch eine Holzdecke geschlossene Rechtecksaal aus Bruchstein und Ziegelmauerwerk ruht auf einem Fundament aus Raseneisenstein und wird im Osten durch einen breiten querriegelartigen Chor zu drei Achsen abgeschlossen. Bei der Sprengung der Brücke über die alte Leine wurde er in den letzten Kriegstagen 1945 schwer beschädigt. Wiederherstellung in den 1950er Jahren in mehreren Bauabschnitten. Weitere Sanierung 2003/04.

Turm

Der Turm soll auf die Zeit Ludwigs des Frommen (840) zurückgehen. Die erhaltenen Reste aus Feldsteinen, Raseneisenstein und Ziegeln stammen dagegen erst aus spätgotischer Zeit (wohl 15. Jh.). 1846-48 wurde der Turm um ein Obergeschoss aufgestockt und mit einer Uhr ausgestattet (neues Werk 1907). Ins Achteck überführte Spitze. Jugendstil-Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs an der nördlichen Turmwand.

Grablege

Unter der Sakristei der alten Kirche befand sich ein Erbbegräbnis der Familien von Rohr und von Haxthausen. Beigesetzt waren u. a. der kurfürstliche Oberkämmerer und Kriegsrat von Haxthausen († 1696) und der Generalmajor und Landdrost Arnold Ludwig von Haxthausen († 1690). Beim Neubau 1846-48 wurden die Särge entfernt.

Ausstattung

Ein klassizistischer Kanzelaltar in dorischer Ordnung (1961 aus Bühren, Kr. Nienburg, nach Ahlden versetzt) wurde im Zuge der Innenrenovierung von 2003/04 wieder entfernt und der Chorraum in der von Hellner vorgesehenen Konzeption neu gestaltet. – Taufstein aus Eichenholz des Holzbildhauers Eduard Sabatier, Verden (1951). – Ein Taufengel aus der Kirche in Ahlden kam später in das Bomann-Museum in Celle und wurde 1957 an die neu errichtete Bonifatius-Kirche in Celle-Klein Hehlen abgegeben.14 – Farbig gefasstes Kruzifix (18. Jh.). – In der Turmhalle Rest des Grabsteins für Arnold Ludwig von Haxthausen († 1690).

Orgel, nach 1965

Orgel, nach 1965

Orgel

Über Altar und Kanzel. 1650 Instandsetzung durch Justus Kayser (Celle). 1721-23 Neubau durch Erasmus Bielfeldt (Celle), 17 (davon drei Transmissionen) II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Nach dem CB von 1777 verfügte die Orgel damals über 18 Stimmen.15 1847 Umbau durch Friedrich Altendorf (Hannover). 1877 Reparatur durch Heinrich Vieth (Celle). 1901 Neubau durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 18 II/P, pneumatische Traktur, Kegelladen. Gehäuse und Spieltisch der alten Orgel kamen in das Bomann-Museum in Celle. 1964/65 Neubau durch Firma Wolf (Verden), 23 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Drei LG, I: cis’ (Bronze, Gj. 2013, Petit & Gebrüder Edelbrock, Gescher); II: e’ (Bronze, Gj. 2013, Petit & Gebrüder Edelbrock, Gescher); III: fis’’ (sogenannte Prinzessinnenglocke, Bronze, Gj. 1520). – Zwei SG (Bronze, Gj. 2000). – Früherer Bestand: 1777 verfügte die Kirche laut CB über zwei Glocken von 1476 und 1580.16 Nach anderen Angaben wurde die kleine Glocke 1586 in Minden erworben, die größere bereits 1376 durch Dierk Volge gegossen. Eine dritte LG wurde zwischenzeitlich nach Schwarmstedt verkauft. Der weitere Bestand ist unklar. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs verfügte die Kirche über zwei LG von 1851 und 1871 (letztere von J. J. Radler, Hildesheim). Beide wurden damals eingeschmolzen. Ein in der Zwischenkriegszeit neu beschafftes Bronzegeläut fiel 1944/45 gleichfalls der Rüstungsproduktion zum Opfer. Erhalten blieb lediglich die kleine Glocke von 1520. 1949 erhielt die Kirche drei neue LG in d’, f’ und g’ (alle Eisen, J. F. Weule, Bockenem), die 2007 aus Sicherheitsgründen stillgelegt wurden. – Zwei frühere SG, I: a’’; II: c’’’ (beide Eisen, um 1920), wurden schon 2000 ersetzt.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj., 1715). – Organistenhaus/Küsterhaus (Bj. um 1876/1928). – Das Pfarrwitwenhaus (Bj. um 1820) wurde 1977 an einen privaten Eigentümer verkauft, 1990 von der Kommune erworben und dient seit 1995 als Sitz der Gemeindeverwaltung.

Friedhof

Eigentum der KG, ursprünglich auf dem Kirchhof, 1818 an die Landstraße nach Eilte verlegt. FKap (Bj. 1890, 1978/79 erweitert).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 124-139 (Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 5 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 85-102 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 9 Nr. 22 (Visitationen); D 99 (EphA Walsrode, auch zur KG Eilte).

Literatur

A: Pantel, Denkmaltopographie Lkr. Soltau-Fallingbostel, S. 121-124; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 113; Hahn, Heidekirchen, S. 104-106; Holscher, Bisthum Minden, S. 255 f.; Mithoff, Kirchen und Kapellen Lüneburg, S. 364; Pape, Orgeln Celle, S. 193-198; Wolff, KD Kr. Burgdorf und Fallingbostel, S. 105-110.
B: Rainer Hendricks: Geschichte des Flecken Ahlden an der Aller, Ahlden (Aller) 2006.


Fußnoten

  1. Nach Kayser, Kirchenvisitationen, S. 469, Anm. 990.
  2. Hodenberger UB, Nr. 184.
  3. Hoyer UB VI, Nr. 3; Fesche/Boetticher, Urkunden Neustädter Land I, Nr. 22.
  4. UB Rinteln, Nr. 9.
  5. Lüneburger UB XV, Walsrode, Nr. 158.
  6. UB Verden III, Nr. 269
  7. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 469.
  8. Holscher, Bisthum Minden, S. 274.
  9. Brunotte, Bewegung.
  10. KABl. 1991, S. 169.
  11. KABl. 1972, S. 4.
  12. KABl. 1973, S. 8.
  13. KABl. 1929, S. 1.
  14. Barenscheer, Taufengel, S. 54.
  15. LkAH, A 8/Ahlden (Corpus bonorum 1777).
  16. LkAH, A 8/Ahlden (Corpus bonorum 1777).