Sprengel Stade, KK Osterholz-Scharmbeck | Patrozinium: Petrus | KO: Keine Kirchenordnung

Orts- und Kirchengeschichte

Die älteste schriftliche Erwähnung des Ortes findet sich als villa Willianstedi in den Miracula Sancti Willehadi, die der Bremer Ebf. Ansgar um 860/65 verfasst hat.1 Im Jahre 1124 zählt eine Urkunde, ausgestellt von Papst Calixt II. (amt. 1119–1124), unter den Besitzungen des Benediktinerklosters Rastede einen Hof (curia) in Willinstede auf.2 Das Dorf gehörte zur Herrschaft Ottersberg, die Ebf. Gerhard II. von Bremen 1221 zusammen mit der gleichnamigen Burg eroberte. Wilstedt zählte seither zum weltlichen Territorium der Bremer Erzbischöfe (Hochstift Bremen, Amt Ottersberg; kirchlich war es Teil des Bistums Verden. Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges wurde das Hochstift Bremen säkularisiert und kam zusammen mit dem ebenfalls säkularisierten Erzstift Verden unter schwedische Herrschaft (vereinigte Herzogtümer Bremen-Verden). Im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) besetzte Dänemark 1712 Bremen-Verden und 1715 konnte das welfische Kfsm. Braunschweig-Lüneburg (Kurhannover) die beiden Herzogtümer erwerben (1719 von Schweden gegen weitere Zahlung anerkannt). In französischer Zeit gehörte Wilstedt 1810 kurzzeitig zum Kgr. Westphalen und war dann bis 1813 Teil des Kantons Ottersberg im Arrondissement Bremen des Departements Wesermündung im Kaiserreich Frankreich. Danach zählte Wilstedt, nun im Kgr. Hannover, zunächst wieder zum Amt Ottersberg, seit 1859 zum Amt Zeven. Mit der Annexion des Kgr. Hannover wurde Wilstedt 1866 preußisch. Bei Einführung der Kreisverfassung kam das Dorf 1885 zum Kr. Zeven, der 1932 im Lkr. Bremervörde aufging, der wiederum 1977 im Lkr. Rotenburg (Wümme) aufging. 1974 zählte Wilstedt zu den Gründungsgemeinden der Samtgemeinde Tarmstedt. Zur Sozialstruktur des Kirchspiels schreib der Ortspfarrer 1968: „In der Gemeinde sind alle sozialen Schichten vertreten, Landwirte und Pendler zwischen dem Kirchspiel und Bremen herrschen vor.“3 Um 1812 lebten etwa 320 Menschen in Wilstedt (Kirchspiel, einschließlich Fischerhude: gut 1.900), 1910 rund 730 (3.100) und 2019 etwa 1750 (6.900).

Kirche, Ansicht von Nordosten, vor 1958

Kirche in Wilstedt, Ansicht von Nordosten, vor 1958

Der älteste Beleg für die Wilstädter Kirchengeschichte ist eine Urkunde aus dem Jahr 1190, in der Papst Clemens III. die Besitzungen und Recht des Klosters Rastede bestätigt: Dazu zählten nun nicht mehr nur die curia (Hof) in Wilstedt, sondern auch die ecclesia (Kirche); das Kloster besaß also das Patronat über die Wilstedter Kirche.4 Die älteren Besitzbestätigungen von Papst Calixt II. aus dem Jahr 1124 und von Papst Hadrian IV. aus dem Jahr 1158 erwähnen die Kirche noch nicht; es kann also vermutet werden, dass die älteste Kirche in Wilstädt zwischen 1158 und 1190 errichtet wurde.5 Der erste namentlich bekannte Geistliche des Dorfes ist Hinricus, der 1358 und 1365 als plebanus in Wilstede urkundlich belegt ist.6 Zwei weitere Namen sind aus der zweiten Hälfte des 15. Jh. überlieferte: 1471 war Johann Müermeister Pfarrer (rectorem in Wilstede)7 und 1493 Johann Nigmann (in dieser Urkunde ist zudem das Petrus-Patrozinium der Kirche erwähnt).8
Zur Zeit der Reformation regierte mit Bf. Christoph von Braunschweig-Lüneburg (amt. 1502–1558) zunächst ein entschiedener Gegner der luth. Lehre in Bremen und Verden.9 Sein Bruder und Nachfolger in beiden Bistümern, Bf. Georg (amt. 1558–1566), duldete den neuen Glauben. Der Bremer Ebf. Heinrich von Sachsen-Lauenburg (amt. 1567–1585) war Protestant; zur Einführung einer ev. Kirchenordnung im Hochstift Bremen kam es während seiner Amtszeit jedoch nicht. Einzelheiten über die Entwicklung in Wilstedt sind nicht bekannt. Die Kirche stand weiterhin unter dem Patronat Rasteder Benediktiner; die Oldenburger Grafen säkularisierten das Kloster 1529/30 und Gf. Christoph von Oldenburg († 1566) nahm als Provisor des Klosters nun auch die Patronatsrechte an der Kirche in Wilstedt wahr. Er soll mit P. Eberhard Holtmann den ersten ev. Prediger in Wilstedt eingesetzt haben.10 Ein genaues Datum ist jedoch nicht überliefert; in Unterlagen im Wilstädter Pfarrarchiv werden zwei Jahrhunderte später die Jahreszahlen 1570, 1593 und 1607 im Zusammenhang mit P. Holtmann genannt.11
Während der letzten Jahre des Dreißigjährigen Krieges und in den Jahren nach Kriegsende erhielt die alte Wilstedter Kirche einige neue Ausstattungsstücke: 1643 eine kleine Glocke, 1647 eine Taufschale, 1654 eine hölzerne Taufe und wohl um 1650 einen Altar oder Kanzel (die älteren Schnitzfiguren am heutigen Kanzelaltar entstanden wohl um 1650). Seit Mitte der zweiten Hälfte des 17. Jh. lag das Wilstedter Pfarramt neun Jahrzehnte lang in den Händen der Familie Bertholdi: Auf den nahe Meißen geborenen P. Johann Christoph Bertholdi (amt. 1674–1690), folgte zunächst sein Schwiegersohn P. Nikolaus Jessen (amt. 1690–1707), dann sein Sohn P. Gerhard Bertholdi (amt. 1708–1749) und schließlich sein Enkel P. Johann Friedrich Bertholdi (amt. 1749–1764). In diese Zeit fielen die Erweiterung der alten Kirche (um 1680)12, der Bau der neuen Kirche (1721/22) und der Umbau des Kirchturms (1746/47).

Kirche in Wilstedt, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, Oktober 1960

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, Oktober 1960

Mitte des 19. Jh. verkleinerte sich die Gemeinde Wilstedt: Fischerhude trennte sich vom Kirchspiel und wurde eigenständige Kirchengemeinde. Schon zuvor hatte die dortige Kapelle einen eigenen Prediger, der gleichzeitig als Lehrer tätig war; für Amtshandlungen jedoch mussten die Fischerhuder nach Wilstedt kommen. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. erfasste die von Hermannsburg ausgehende Erweckungsbewegung auch das Kirchspiel Wilstedt und entfaltete ihre Wirkung besonders in Tarmstedt.13 Hier gründete sich 1879 ein Missionsverein; der Wilstedter P. August Wilhelm Heinrich Theodor Stakemann (amt. 1874–1909) lehnte den ihm angetragenen Vereinsvorsitz jedoch ab, hatten sich die Hermannsburger doch 1878 von der Landeskirche Hannovers getrennt (Hermannsburger Separation). In der Folge kam es auch in Tarmstedt zu einer Separation: Einige Anhänger der Hermannsburger Mission gründeten 1882 die freie luth. Salemsgemeinde (1892 eigene Kirche, heute Teil der SELK; 1937 etwa 50 Gemeindeglieder, 1978 etwa 150); andere blieben in der Landeskirche.
Während der NS-Zeit hatten nacheinander P. Ernst Lienhop (amt. 1924–1936), P. Wilhelm Schramm (amt. 1938–1942) und P. Heinrich Duncker (amt. 1943–1955) das Pfarramt in Wilstedt inne (P. Schramm wurde 1939 zum Kriegsdienst eingezogen und P. Duncker begann seine pfarramtliche Tätigkeit erst nach Kriegsende; 1943–1946 war eine Gemeindehelferin angestellt).14 P. Lienhop zählte zu den Mitbegründern der Hannoverschen Bekenntnisgemeinschaft; P. Schramm und P. Duncker gehörten beide zeitweise zur SA und standen kirchenpolitisch ebenfalls aufseiten der Bekenntnisgemeinschaft, wie P. Duncker im „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende“ angab.15 Dass NSDAP und DC im Kirchspiel Wilstedt „breiteren Boden“ fassen konnten, führte er nicht zuletzt auf den Einfluß von P. Gerhard Hahn aus Elmlohe zurück, der „zunächst durchaus als ein Vertreter der Kirche galt, sich voll und ganz für die neue Bewegung einsetzte“.16 Die Neuwahl des KV verlief 1933 laut P. Dunckers Einschätzung „ganz nach kirchlichen Gesichtspunkten“. Nach der Visitation 1943 zog der Sup. des KK Trupe-Lilienthal ein recht positives Fazit: In der „kriegsvakante[n] Gemeinde“ seien zwar die „bekannten Schäden des kirchlichen Lebens in dieser Zeit […] aufs stärkste spürbar, jedoch steht hier eine Kerngemeinde bereit, die das Heiligtum der Kirche zu bewahren und ihm zu dienen weiß“.17
Mit dem Zuzug Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs wuchs die Zahl der Gemeindeglieder von etwa 2.800 im Jahr 1937 auf rund 4.550 im Jahr 1949. Zunächst betreute Ostpfarrer Joachim Lent (amt. 1945–1947) aus Pommern die gesamte Gemeinde; nach Rückkehr von P. Duncker im Oktober 1945 konzentrierte sich P. Lent auf Tarmstedt. Für die dortigen Gottesdienste konnte er die Kirche der freikirchlichen Salemsgemeinde nutzen.18 Nach P. Lents Weggang übernahm die Vikarin Catharine Rademacher (amt. 1947–1948) die seelsorgerliche Betreuung Tarmstedts; sie war gleichzeitig für die Frauenarbeit in der Gesamtgemeinde zuständig. Schon seit 1909 unterhielt die KG Wilstedt eine Gemeindeschwesternstation, die auch während der NS-Zeit nicht vom NSV übernommen wurde und durchgängig mit einer Diakonisse aus Rotenburg besetzt war (später aufgegangen in Diakonie-Sozialstation Tarmstedt). Im Sommer 1947 eröffnete die KG zudem einen ev. Kindergarten.
Die Visitationsberichte aus der zweiten Hälfte des 20. Jh. betonen regelmäßig die Hermannsburger Prägung der Gemeinde. Daran konnte P. Georg Arnold Böker (amt. 1955–1970) anknüpfen; er gehörte dem „Bruderkreis für erweckliche Verkündigung“, der seine „theologische Einstellung und praktische Arbeitsweise in der Gemeinde“ bestimmte.19 Ende der 1970er Jahre nahm der Stader LSup. Karl Manzke (amt. 1977–1992) dementsprechend zwei Strömungen in der Gemeinde war, eine „pietistisch-missionarisch ausgerichtete Form der Frömmigkeit“ und eine eher distanzierte, volkskirchliche Frömmigkeit. Gleichzeitig attestierte er der Gemeinde ein „außerordentlich starkes und selbstbewußtes Gruppenleben“ mit vielen Ehrenamtlichen.20
Anfang der 1960er Jahre war die Einwohnerzahl Tarmstedts, schon seit Anfang des 20. Jh. größter Ort im Kirchspiel, auf etwa 2.000 angestiegen. Die Gemeinde baute daher als zweites kirchliches Zentrum im Gebiet der KG ein Gemeindehaus in Tarmstedt. Nach der Einweihung 1965 fanden hier zweimal im Monat Gottesdienste statt. 1973 erhielt die Gemeinde eine zweite Pfarrstelle mit Sitz in Tarmstedt, die als erster P. Michael Bergner (amt. 1973–1992) übernahm.21 In der Folgezeit setzte eine gewisse Verselbständigung des kirchlichen Lebens in Tarmstedt ein; 1983 konnte das Gemeindehaus um einen Kirchsaal und ein Jahr später um einen Kirchturm erweitert werden.
Im Jahr 2006 gründete sich die „Stiftung der Kirchengemeinde Wilstedt“, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das gemeindliche Leben im Kirchspiel zu fördern und finanziell zu unterstützen. Der ev. Kindergarten Lüttje Arche ging 2013 über in die Trägerschaft des neu gegründeten Ev.-luth. Kindertagesstättenverbandes Osterholz-Scharmbeck.22 Seit 2010 ist nur noch eine der beiden Wilstädter Pfarrstellen besetzt; die ursprünglich erste Pfarrstelle wurde später aufgehoben. Auf regionaler Ebene kooperiert die KG Wilstedt mit ihrer ebenfalls von der Erweckungsbewegung geprägten Nachbargemeinde Kirchtimke (u. a. Kinder- und Jugendarbeit, gemeinsamer Gemeindebrief seit 2007, ökumenische Bibelwoche, Lektorenkreis).

Pfarrstellen

I: vorref., seit 2010 dauervakant, später aufgehoben. – II: 1973.23

Umfang

Wilstedt sowie die Orte Altbülstedt, Buchholz, Dipshorn, Neubülstedt, Osterbruch, Quelkhorn, Tarmstedt und Vorwerk. Bis 1853 auch Fischerhude (dann eigenständige KG). Bis 1914 auch Bahnhof und Gastwirtschaft Tüschendorf, Wilstedt-Grasberg, Tarmstedt-Grasberg sowie Tarmstedter Moor (dann umgepfarrt in die KG Grasberg).24

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Sottrum der Diözese Verden.25 – 1651/52 Kons. Stade gegründet, 1684 gehörte Wilstedt zur Präpositur Zeven-Ottersberg. 1827 zur neuen Insp. Ottersberg (Sitz der Suptur. bis 1863 in Otterstedt), 1890 mit Festlegung des Suptur.-Sitzes umbenannt in Insp. Trupe-Lilienthal (1924: KK), 1959 umbenannt in KK Lilienthal.26 1970 KK Lilienthal mit KK Osterholz-Scharmbeck vereinigt.27

Patronat

Das Kloster Rastede (nachgewiesen 1190). Nach Aufhebung des Klosters 1529 die Gf. bzw. Hzg. (1774) bzw. Ghzg. (1815) von Oldenburg (1667–1773 auch Kg. von Dänemark und Norwegen), bis zur Abdankung 1918/19. Dann das Oldenburgische Staatsministerium, das im Dezember 1921 auf das Patronat verzichtete.28

Kirchenbau – St. Petri in Wilstedt

Siebenachsiger, barocker Backsteinbau mit dreiseitigem Chorschluss und östlichem Sakristeianbau, erbaut 1722 (Entwurf: Anthon Dreyer, Stade).29 Satteldach, Chor mit Walm, Sakristeidach nach Osten abgewalmt. Findlingssockel; große, Rundbogenfenster mit Mittelstützen; nach Norden zentrales Sandsteinportal (ionische Pilaster tragen Segmentbogengiebel mit Inschrift: „Herr segne dis dein Haus so ist es wol gesegnet. Gib Segen wenn dein Wort auf dürre Herzen regnet. Las deine Christ Gemein so gehen in dein Haus das sie an ihrer Seel gesegnet geh hin aus. Psalm XXVI Vers 8.7. Herr ich habe lieb die Stäte deines Hauses und den Ort da deine Ehre wohnet da man höret die Stimme des Danckens und da man prediget alle deine Wunder“, an den Pilastern Inschrift „Anno MDCCXXII“), darüber Ellipsenfenster; westlich eingesetztes, kleines Kreuzigungsrelief mit Maria und Johannes (Ende 15. Jh.) und korbbogiger Nebeneingang; über Sakristeieingang Inschrift: „ALs Pastor hIesIgs Orts GerarD BerthoLDI VVar Ist DIese KIrCh erbaVt sIe steh stets ohn gefahr“ (Chronogramm, die hervorgehobenen Zahlbuchstaben ergeben addiert 1722). Im Innern hölzernes Tonnengewölbe, Ostempore mit Kanzelaltar, zweistöckige, u-förmige Westempore.30 1959/60 Renovierung. 1986/87 Renovierung.

Fenster

Buntglasfenster in der Sakristei (um 1960, Hermann Oetken, Delmenhorst), figürliche Darstellung einer taube und Inschrift: „Komm heiliger Geist“. Buntglasfenster in der Turmhalle (um 1960, Hermann Oetken, Delmenhorst), figürliche Darstellung des auferstandenen Christus. Zwei Buntglasfenster im Altarraum (1988/90, Werkstatt Heinz Lilienthal, Bremen), Johannes der Täufer (Norden) und Einsetzung des Abendmahls (Süden).

Turm

Hell verputzter Westturm aus Findlings- und Backsteinmauerwerk, teilweise romanisch. Verkupferter Turmhelm mit rechteckigem Ansatz und achteckig ausgezogener Spitze, bekrönt mit Kugel und Kreuz, Auslegestuhl für Uhrschlagglocke nach Osten. Hohe Strebepfeiler an Westecken; im Glockengeschoss je eine flachbogige Schallöffnung an jeder Seite, nach Norden darüber Uhrziffernblatt, darunter romanische, gekuppelte Schallöffnung, Teilungssäulchen mit Würfelkapitell (auch nach Osten hin noch vorhanden, verdeckt vom Kirchendach); im Erdgeschoss kleines Korbbogenfenster nach Süden, Rundbogenportal nach Westen. Unterer Teil mittelalterlich (bis zur alten Schallöffnung). 1746/47 Turm repariert und erhöht, vierseitiger Pyramidenhelm. 1866 Turmhelm verändert (vier Giebel, Kreuzdach, darüber achteckige Spitze, Schieferdeckung).31 1901 Westportal gebrochen. 1958 Turmhelm verändert (Giebel entfernt, Kupferdeckung). 2006 Renovierung. Turmuhr erstmals 1692 belegt, neue Turmuhr 1896 (Firma Weule, Bockenem).

Vorgängerbau

Die 1721 abgerissene Kirche bestand aus einem zweijochigen Schiff, einem zweijochigen Chor mit dreiseitigem Schluss und einem Anbau an der Nordseite des ersten Chorjochs.32 Der Innenraum war gewölbt. Die Kirche sei, wie es in einer Beschreibung von 1720 heißt, „zu vieren verschiedenen mahlen auf eine irregulaire Ahrt, zusammen gebauet oder vielmehr geflicket und vergrößert“ worden.33 Letzter Erweiterung wohl um 1680 (Anbau an Nordseite).34

Ausstattung

Mit der Ostempore verbundener Kanzelaltar (um 1722, unter Verwendung älterer Teile), Kanzelkorb, an den Wandungen fünf Schnitzfiguren (Christus und die vier Evangelisten); Schalldeckel mit Schnitzfigur (Christus Salvator) und Inschrift: „Ihr seid es nicht, die da reden, sondern meines Vaters Geist ist es, der durch Euch redet. Math. 10.20“, an der Rückwand der Kanzel Inschrift: „Ich will mit deinem Munde seyn und dich lehren, was du sagen sollst. Exodus 4 v. 12; unterhalb des Kanzelkorbs zwischen zwei gedrehten Säulen Inschrift: „Musste nicht Christus solches leyden Lucas Cap. 24 v 26“, darunter Einsetzungsworte des Abendmahls; seitlich der Säulen und des Kanzelkorbs vier weitere Schnitzfiguren (Evangelisten), die unteren stehen auf Konsolen mit Inschriftenkartuschen: „Soli Deo Gloria“ (Allein Gott die Ehre); Altar aus gemauertem Stipes und hölzerner; die Christusfigur auf dem Schalldeckel und die seitlichen Evangelistenfiguren (etwa um 1650) stammen vermutlich von der Kanzel der Vorgängerkirche; den Kanzelkorb (um 1670/1700) erwarb die Gemeinde 1722 aus dem Gertrudenhospital in Stade, Schalldeckel und Rückwand 1722; seitliche Schranken des Altars 1960 entfernt.35 – Hölzerne Taufe (dat. 1654), sechseckiger Schaft verziert mit Ornament aus Muschel, Blatt und Traube; flaches, sechsseitiges Becken verziert mit unterschiedlichen, geflügelten Engelsköpfen; Inschrift: Woler Timeken hat diese Taffe in die Kirche zu Willst vereret. An[n]o 1654 den 12 Marty. 1681 hat Lutche Timken diese Tauffe malen lassen“; von etwa 1886 bis 1936 nicht genutzt, stattdessen ein „von G. Möller in Amerika gestiftete[r] Taufstein“ verwendet.36 – Abendmahlsgemälde (um 1825, Maler C. Bernhardt, Verden), diente zeitweise als Altarbild. – Grabplatte der Pastorenfamilie Bertholdi, Inschrift: „Sub hoc tumolo beate qviescunt plurimum reverendus dominus Iohannes Christophorus Bertholdi Scheibenberga Misnicus natus MDCXLIX denatus MDCXC circiter XVI annos huius loci fidelissimus et laboriosissimus pastor cum dilecta coniuge Elisabetha Meyern Buxtehudae nata uti et eorum filius Gerhard Bertholdi natus MDCLXXXI denatus MDCCXX… huius loci circiter X… annos pastor cum svavissima uxore Anna Matthaei Kirchwistae in lucem edita: Roman. Cap. VIII Vers 31–34“ (Unter dieser Grabplatte ruhen selig der sehr ehrwürdige Herr Johannes Christophorus Bertholdi, in Scheibenberg im Meißnischen geboren 1649, gestorben im jahre 1690, etwa 16 jahre am hiesigen Ort der treueste und arbeitsamste Pastor mit seiner geliebten Ehefrau Elisabeth Meyer, gebürtig aus Buxtehude. Und beider Sohn Gerhard Bertholdi, geboren 1681, gestorben 17… an diesem Ort etwa 1… Jahre lang Pastor zusammen mit seiner geliebten Ehefrau Anna Matthaei, geboren in Kirchwistedt. Römer Kapitel 8, Vers 31–34), bis 1923 über der Gruft vor dem Altar, Jahresangaben bei Gerhard nicht vervollständigt. – Außen: Mehrer Grabsteine des 17., 18. und 19. Jh.

Kirche, Blick zur Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, Oktober 1960

Kirche in Wilstedt, Blick zur Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, Oktober 1960

Orgel

1824/25 Orgelneubau, ausgeführt von Peter Tappe (Verden), 16 II/P, mechanische Traktur (Einweihung: 9. Januar 1825).37 1870 Reparatur und Änderung der Disposition, Johann Hinrich Röver (Stade), 16 II/P, mechanische Traktur, Röversche Kegellade im HW, ansonsten Schleifladen. 1917 Ausbau der Prospektpfeifen und Abgabe zu Rüstungszwecken, vor 1926 neue Prospektpfeifen. Zustand 1926/27: 17 II/P. 1935 Reparatur, ausgeführt von P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 16 II/P; um 1953 Instrument abgebaut. 1953 Orgelneubau, ausgeführt von Paul Ott (Göttingen), 23 II/P (HW, RP), mechanische Traktur, Schleifladen; 70 Prozent des vorhandenen Pfeifenmaterials wiederverwendet. 1960 Zinkpfeifen im Prospekt durch Zinnpfeifen ersetzt. 1972 Register Subbaß 16ʼ erneuert. 1995/96 Reparatur und Änderung der Disposition, ausgeführt von Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven).

Geläut

Zwei LG, I: Erweckungsglocke38, fʼ (Bronze, Gj. 1957, F. Otto, Bremen-Hemelingen), Inschrift: „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort. Gestiftet von der Kirchengemeinde Wilstedt 1957“; II: asʼ (Bronze, Gj. 1921, F. Otto, Bremen-Hemelingen), Inschrift: „Herr Gott, gib Frieden deinem Lande! Kehre wieder! 1914 + 1921“. Eine SG (Bronze, Gj. 2020), Inschriften: „St. Petri Wilstedt“ und „Meine Zeit steht in deinen Händen“. – Früherer Bestand: Eine LG (Bronze), gotische Form, Inschrift (in Spiegelschrift): „Ave maria et johannes audite me filiʼ audite timorem die docebo vos. lucas marcʼ johannes matteus“ (Sei gegrüßt, Maria und Johannes. Hört mir zu, Kinder, hört, ich will euch die Furcht des Herrn lehren. Lukas, Markus, Johannes, Matthäus);39 Glocke 1896 umgegossen zu einer neuen LG (Bronze, Gj. 1896, F. Otto, Hemelingen), Inschrift: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, Geschenk der Witwe Bartels (Tarmstedt), im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben (1942).40 Eine LG (Bronze, Gj. 1643, Klaus Jürgens), Inschrift: „1643 got mi Clavs Ivrgens dorch Befodervng dis ganzen Kaspel Wilstede Casparvs Fridericvs Amman Otterbergens Praefectvs Ioannes Pavli Pastor Wilstedens[e]s Clavs Snakenbarg Ivrat Iohan Toiben Cvstos“, darunter Ornamentband; an der Seite Kreuzigungsszene mit Inschrift: „Blif bi vns her Iesv Christ vnd gif dieser dener Kerken vnd alle die darzvgehoren wat nvt vnd salich is“, sowie „Ioannes Pavli Ivnior“; Glocke 1914 geborsten, im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben (1917), nicht eingeschmolzen und zurückgekauft; umgegossen zur jetzigen LG II.41 Eine SG (Bronze), 1692 belegt. Eine SG, gʼʼ (Eisen), 2020 ersetzt.

Kirchenbau – Martin-Luther-Kirche in Tarmstedt

Quadratischer Bau mit abgeschrägten Ecken, erbaut 1983 als südliche Erweiterung des westlichen Gemeindehausflügels (Architekt: Claus Hübener, Bremen). Vierseitiges Pyramidendach, bekrönt mit Kreuz, kleine Giebel über den abgeschrägten Ecken; Außenwände verklinkert, bodentiefe Fenster an den abgeschrägten Ecken. Im Innern offener Dachstuhl, vier hölzerne Streben in den Ecken, die zur Dachspitze zusammenlaufen, Deckenflächen holzverschalt, Altarraum im Westen. Kirchsaal kann zum Gemeindesaal hin geöffnet werden.

Fenster

Bodentiefes Buntglasfenster nach SüdWesten (Taube und Fische), Tauffenster.

Turm

Südwestlich der Kirche niedriger, freistehender Turm mit hohem, vierseitigen Pyramidenhelm, bekrönt mit Kugel, Kreuz und Hahn, erbaut 1987. Stahlgerüstbau, Außenwände verklinkert; dreieckige Schallöffnungen an allen Seiten des Turmhelms.

Ausstattung

Hölzerner Altartisch. – Hölzernes Wandkreuz. – Niedrige Holzkanzel. – Achtseitiger, hölzerner Taufständer.

Orgel

Erbaut 1983 von Firma Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen), 6 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Eine LG, bʼ (Bronze, Gj. 1986, Firma Rincker, Sinn), Inschrift: „Laßt euch versöhnen mit Gott“.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarr- und Gemeindehaus in Wilstedt. – Gemeindehaus in Tarmstedt (Bj. 1965). – Pfarrhaus in Tarmstedt.

Friedhof

Kirchlicher Friedhof bei der Wilstedter Kirche. – Kommunaler Friedhof in Tarmstedt. – Kommunaler Friedhof in Bülstedt. – Kommunaler Friedhof in Vorwerk. – Kommunaler Friedhof in Dipstedt.

Liste der Pastoren (bis 1940)

1570 Eberhardus Holtmann. – 15.. Johann Pauli. – 1582 Laurentius Mewers. – 16..–1650 Christian Hoddersen. – 1650–1662 Nikolaus Heitmann. – 1662–1674 Eimerus Wierichs. – 1674–1690 Johann Christoph Bertholdi. – 1690–1707 Nikolaus Jessen. – 1708–1749 Gerhard Bertholdi. – 1749–1764 Johann Friedrich Bertholdi. – 1765–1817 Samuel Delius. – 1817–1850 Heinrich Gottlieb Rodde. – 1850–1874 Carl Heinrich Eduard Ocker. – 1874–1909 August Wilhelm Heinrich Theodor Stakemann. – 1909–1923 Gotthilf Cuntz. – 1924–1936 Wilhelm Otto Ernst Eduard Lienhop. – 1938–1942 Wilhelm August Schramm.
Angaben nach: Meyer, Pastoren II, S. 514

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 5, Nr. 860, 862 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 8726–8732 (Pfarrbestellungsakten); D 109 (EphA Osterholz-Scharmbeck); E 5 Nr. 1156 (Konsistorialbaumeister); Kons. Stade, A 2 Nr. 500/02 und 02b, 1590–1604, A 6 Nr. 8728–8730; A 8 Wil, A 9 Nr. 2568Digitalisat, 2569Digitalisat, 2775Digitalisat (Akten des Konsistoriums Stade); L 5g Nr. 332–333, 504, 932 (LSuptur. Stade); S 2 Witt Nr. 06 (Fotosammlung); S 09 rep Nr. 2174, 2266 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 7211 (Findbuch PfA).

Kirchenbücher

Taufen: ab 1687
Trauungen: ab 1687 (Lücken: 1690)
Begräbnisse: ab 1687
Kommunikanten: ab 1838 (Zahlenregister: 1730–1850)
Konfirmationen: ab 1818

Literatur & Links

A: Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 221–222, Nr. 310; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 1375; Meyer, Pastoren II, S. 514; Meyer-Korte, Gemeinden, S. 159–169; Siebern/Wallmann/Meyer, KD Kr. Verden, Rotenburg, Zeven, S. 211–215; Skiebe, Röver, S. 52; Topp/Pape, Tappe, S. 38–39.
B: Hans-Werner Behrens: Wilstedt – Kirchdorf an der Wörpe. Beiträge zur Geschichte, Stade 2006; Hans-Werner Behrens: Die General-Kirchenvisitation in Wilstedt Anno 1755, in: Stader Jahrbuch 85 (1995), S. 155–179; Hermann Meyer & Helmut Kahrs: 860–1960. 1100 Jahre Wilstedt. Eine Chronik als Spiegelbild der Vielfalt des dörflichen Lebens, Zeven 1960; Wolf-Dieter Tempel: Archäologische Untersuchung in der St. Petri-Kirche zu Wilstedt, in: Rotenburger Schriften 74/75 (1991), S. 123–128.

Internet: Bildindex der Kunst & Architektur: Kirche, Kirche Innenraum,

GND

2110631-9, Evangelisch-Lutherische Sankt-Petri-Gemeinde (Wilstedt); 7689782-5, Sankt Petri (Wilstedt)


Fußnoten

  1. MGH SS 2, S. 387; vgl. auch Miracula s. Willehadi, https://www.geschichtsquellen.de/werk/493, 22.04.2020. Das Werk ist in einer Abschrift des 11./12. Jh. erhalten. Ausführlich dazu: Behrens, Wilstedt, S. 12 ff.
  2. Oldenburgisches UB IV, Nr. 2.
  3. LkAH, L 5 g, Nr, 333 (Visitation 1968).
  4. Oldenburgisches UB IV, Nr. 9. Zum Kloster Rastede vgl. Dolle, Klosterbuch III, S. 1279 ff., siehe auch http://www.landesgeschichte.uni-goettingen.de/kloester/website/artikel.php?id=674 (08.03.2021).
  5. Oldenburgisches UB IV, Nr. 2. und 5; vgl. auch Behrens, Wilstedt, S. 47 ff.
  6. UB Lilienthal, Nr. 217 (1358) und 226 (1365).
  7. UB Lilienthal, Nr. 560.
  8. StadtA H 1.AA.1.06 Nr. 48, 08.03.2021.
  9. Zu Bf. Christoph vgl. den Beitrag von Matthias Nistal in Dannenberg/Otte, Reformation, S. 39 ff. Zur Reformation in Bremen und Verden insgesamt vgl. die Beiträge in Dannenberg/Otte, Reformation.
  10. Behrens, Wilstedt, S. 27 f. und 57 f.
  11. Behrens, Wilstedt, S. 28.
  12. Behrens, Wilstedt, S. 61.
  13. Zum Folgenden: Meyer-Korte, Gemeinden, S. 159 f.
  14. LkAH, L 5g, Nr. 332 (Visitation 1949).
  15. LkAH, S 1 H III Nr. 819, Bl. 20.
  16. LkAH, S 1 H III Nr. 819, Bl. 21. Dort auch das folgende Zitat.
  17. LkAH, L 5g, Nr. 332 (Visitation 1943).
  18. LkAH, L 5g, Nr. 332 (Visitation 1949).
  19. LkAH, L 5g, Nr. 332 (Visitation 1961).
  20. LkAH, L 5g, Nr. 333 (Visitation 1979).
  21. KABl. 1973, S. 112.
  22. KABl. 2013, S. 55 ff.
  23. KABl. 1973, S. 112.
  24. KABl. 1914, S. 27.
  25. Burchhardt u. a., Bistum Verden, S. 34.
  26. KABl. 1890, S. 46; KABl. 1959, S. 52.
  27. KABl. 1970, S. 8 f.
  28. Behrens, Wilstedt, S. 57.
  29. Entwurfszeichnung gedruckt bei Behrens, Wilstedt, S. 63.
  30. Zur ursprünglichen Ausmalung des Innenraums: Behrens, Wilstedt, S. 67 f.
  31. Abb.: Siebern/Wallmann/Meyer, KD Kr. Verden, Rotenburg, Zeven, S. 212.
  32. Grundriss: Behrens, Wilstedt, S. 51; vgl. auch Tempel, S. 123 ff.
  33. Zit. bei Behrens, Wilstedt, S. 51 und 61.
  34. Behrens, Wilstedt, S. 61.
  35. Ausführlich zum Altar: Behrens, Wilstedt, S. 70 ff.
  36. Behrens, Wilstedt, S. 81; Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 221 f.
  37. Zur Orgelgeschichte: Topp/Pape, Tappe, S. 38 f.; Behrens, Wilstedt, S. 97 ff.
  38. 860–1960, S. 32.
  39. Mithoff, Kunstdenkmale V, S. 131. Siebern/Wallmann/Meyer, KD Kr. Verden, Rotenburg, Zeven, S. 214, mit leicht abweichender Version.
  40. Behrens, Wilstedt, S. 90.
  41. Behrens, Wilstedt, S. 92 f.