Sprengel Stade, KK Verden | Patrozinium: Liebfrauen | KO: Keine Kirchenordnung

Orts- und Kirchengeschichte

Seit 1972 Ortsteil der Einheitsgemeinde Flecken Ottersberg. – Das Fischerhude umgebende Land gehörte zum altsächs. Gau Waldsati, seit fränkischer Zeit zur Gft. Ottersberg, über die – trotz kirchlicher Zugehörigkeit zur Diözese Verden – die Ebf. von Bremen im 12. Jh. die weltliche Herrschaft erlangten. Das unmittelbar an einem alten Wümmearm gelegene Dorf entstand durch die Konzentration älterer Streusiedlungen südlich der alten Wümme. 1124 wird es als Besitz des Klosters Rastede erstmals erwähnt. Nach Abschluss der Dorfbildung erhielt Fischerhude Fleckensrechte (Zeitpunkt ist unbekannt). Mit dem Westfälischen Frieden kam es unter schwedische Herrschaft, 1712 an Dänemark, 1715 an Kurhannover.
Eine Kapelle wurde wohl um 1290 errichtet und 1494 (Weihe eines Marienaltars) erstmals genannt. Im gleichen Jahr verkaufte Bernd Vürwyger den Vorstehern und Olderleuten der Kapelle einen Meierhof in Buchholz. Abweichende Datierungen, die auf das letzte Jahrzehnt des 13. Jh. deuten, sind nicht verlässlich belegt.1 Unklar ist, zu welcher Parochie die Kapelle ursprünglich gehörte. Wahrscheinlich war sie von Beginn an der Kirche in Wilstedt unterstellt, die ihrerseits mit Rastede verbunden war. An Rastede führten 1124 die Fischerhuder Bauern ihre Abgaben ab. Nachweislich seit dem 13. Jh. wirkten Karmeliter-Eremiten aus Köln an der Kapelle. Ihre Tätigkeit endete wohl mit der Einsetzung des ersten luth. Predigers im Wilstedt durch den Patronatsherrn, Gf. Christoph von Oldenburg (1546). Möglicherweise besuchten die Fischerhuder zeitweilig auch die Kirche in Arbergen, in der schon früh ev. gepredigt wurde. 1698 wurde dem Prediger Wenthin gestattet, Bet-, Buß- und Feiertage in der Kapelle zu begehen. Im 18. Jh. gab es nur mehr sonntägliche Lesegottesdienste durch den Schullehrer, die durch die Einwohner von Fischerhude selbst finanziert wurden. Im 19. Jh. predigte der Wilstedter P. an festgesetzten Terminen in Fischerhude, während die Kasualien ausschließlich Wilstedt stattfanden.
Aufgrund der vergleichsweise weiten Entfernung und der schlechten Verbindung zur Mutterkirche gab es schon Mitte des 18. Jh. Separationsbestrebungen. 1764 setzte sich auch der Ottersberger Amtmann Hinze für eine eigene Kirche in Fischerhude ein. Die geplante Einbeziehung der neu gegründeten Moorgemeinden Seebergen und Rautendorf – 1779 wandten sich die Anbauern zu Rautendorf wegen der Zuweisung zur Fischerhuder Kapelle an die Regierung in Stade2 – scheiterte indessen an Verhandlungen über die Finanzierung eines dadurch notwendigen Kirchenneu- oder Erweiterungsbaus. Erst 1841 wurde ein Kirchengebäude neu errichtet und am 17. März 1853 die KG verselbständigt.
Mitte des 19. Jh. hatte die Erweckungsbewegung großen Einfluss auf die Gemeinde, von der Teile zu den Baptisten überwechselten. Eine Folge dieser Entwicklung war auch die Gründung des Posaunenchors (1867), der zu den ältesten der Landeskirche zählt. Private Spenden ermöglichten 1879 die Einrichtung einer Schwesternstation, der ersten in einer Landgemeinde der Provinz Hannover. In der NS-Zeit hatte Fischerhude unter P. Günter Tidow eine starke Gruppe der BK.
1958 musste die Kirche wegen Feuchtigkeitsschäden einer grundlegenden Renovierung unterzogen werden, bei der auch der Innenraum neu gestaltet wurde (Architekt: Drechsler, Quelkhorn). 1962 wurde das Fachwerk-Pfarrhaus von 1778 wegen zunehmender Baumängel und unwirtschaftlicher Anordnung der Räume durch einen Neubau ersetzt.3 Das alte Pfarrhaus wurde 1969 an die politische Gemeinde veräußert. Im Gegenzug kaufte die KG die 1875/1956 erbaute frühere Volksschule neben dem Pfarrgrundstück und baute sie 1969/70 zum Gemeindehaus und KiGa um. An der Unterhaltung von Kirche und anderen kirchliche Gebäuden sowie an den Personalkosten und an der Förderung der kirchlichen Arbeit beteiligt sich eine Kirchenstiftung.

Umfang

Fischerhude mit den einzelnen Häusern Bredenau, seit 1868 auch das vorher nach Wilstedt eingepfarrte Quelkhorn.

Aufsichtsbezirk

Bei Errichtung als selbständige KG zur Insp. Ottersberg, deren Sitz 1890 nach Trupe-Lilienthal (ab 1924: KK) verlegt wurde. Der KK Trupe-Lilienthal wurde zum 1. Januar 1970 mit dem KK Osterholz-Scharmbeck vereinigt. 1. Januar 1974 Umgliederung in den KK Verden.4

Patronat

Der Abt des Benediktinerklosters Rastede. Nach der Aufgabe des Klosters 1529 der Gf./Hzg./Großherzog von Oldenburg. Zuletzt der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Das mittelalterliche KapGb war 1668 renoviert und 1720 um etwa die Hälfte nach Osten erweitert worden. 1841 wurde es durch einen Neubau ersetzt (Einweihung 28. November 1841): Spätklassizistischer Saalbau aus teilweise geschlämmtem Bruchsteinmauerwerk und Fachwerk, nach der Einpfarrung von Quelkhorn 1886 noch einmal vergrößert. Barocke Emporenanlage. 1936 Umbau im Innern (Abbruch der Längsemporen und Verbreiterung der Querempore). Renovierung 1958 und 1987.

Turm

Zunächst nur mit Dachreiter. 1863/64 Bau eines Kirchturms mit ins Achteck überführtem Helm.

Ausstattung

Gemauerter Blockaltar. 1932 war der Chorraum durch eine hölzerne Wand vom Kirchenschiff abgetrennt und als Sakristei genutzt worden (1958 wieder beseitigt). – Taufstein nach Entwurf der Fischerhuder Bildhauerin Amelie Breling (1938). – Ehrenmal für die Kriegsopfer an der Nordwand (Hochrelief mit St. Michael als Drachentöter, geschaffen von Amelie Breling). – Mehrere mittelalterlich Holzskulpturen: Heilige Dorothea (um 1520/30); heilige Katharina (um 1480, später mit anderen Figuren zu einer Anna Selbdritt umgearbeitet); Torso einer Madonnenstatue (14. Jh., Bremer Werkstatt, 1987 von Klaus Luckey um einen Bronzekopf ergänzt und an der Stirnseite des Altars eingefügt). Eine „Kleine Heilige“ (wohl heilige Margaretha, Ende 15. Jh.) und eine Darstellung Jesu als Schmerzensmann (15. Jh. Bremer Werkstatt) wurden 1938 gestohlen und sind verbrannt.5

Orgel

Neubau 1878 durch J. H. Röver & Söhne (Stade), mit acht Reg. 1923 durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover) renoviert und um ein Reg. erweitert. 1961 Abbau der Röver-Orgel und Neubau durch Paul Ott (Göttingen) nach Entwurf der Disposition durch KMD Alfred Hoppe, 20 II/P (HW, BW).6

Geläut

Drei LG, I: as’; II: des’’; III: es’’ (alle Bronze, Gj. 1973, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg). – Früherer Bestand: Die erste Glocke, in f’’ (?), wurde 1686 durch Heinrich Bringemann und Gottfried Richter (Bremen) umgegossen. 1912 lieferte die Glockengießerei Gebrüder Ulrich (Apolda) zwei Bronzeglocken in a’ und fis’’. Die größere LG von 1912 und die LG von 1686 wurden im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen. Die kleinere Glocke von 1912 wurde 1923 an die KG Otterstadt verkauft und stattdessen zwei LG der Firma Weule in Bockenem (Eisen, Gj. 1923) neu angeschafft.

Friedhof

Ein Begräbnisplatz auf dem Kirchhof wurde 1825 angelegt; 1874 durch den neuen Friedhof im Neuen Felde abgelöst. In Trägerschaft der KG.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 2 Nr. 488-501 (Kons. Stade, Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 86ß (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 2542-2467 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 2623-2635 (Visitationen).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 472.
B: Johann-Günther König: Fischerhude. Die Geschichte eines Dorfes, Bremen [1982]; Ludwig Mahnke: Kirchengemeinde Fischerhude, in: Heimatkalender für den Landkreis Verden 1986, S. 106-121; Manfred Ringmann: Kurze „Nachricht von der Capellen Ursprung zu Fischerhude“, in: Heimatkalender für den Landkreis Verden 2004, S. 226-249; Manfred Ringmann: Wann wurde die mittelalterliche Fischerhuder Kapelle „Unser leven Frouven“ erbaut – in den neunziger Jahren des 13. Jahrhunderts oder 1494?, in: Heimatkalender für den Landkreis Verden 2011, S. 297-305.


Fußnoten

  1. Ringmann, Fischerhuder Kapelle.
  2. LkAH, A 2, Nr. 500/2c II.
  3. LkAH, B 2 G 9/Fischerhude I.
  4. KABl. 1974, S. 32.
  5. Ringmann, Kurze Nachricht.
  6. Topp, Orgelbau II, S. 184-186.