Sprengel Lüneburg, KK Gifhorn | Patrozinium: Johannes | KO: Lüneburger KO von 1643

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Orts- und Kirchengeschichte

Hzg. Franz zu Braunschweig-Lüneburg ließ Wesendorf in den 1540er Jahren anlegen. Seinen Namen soll es vom Celler Statthalter und Rat Thomas Grote erhalten haben: bist du ein dorp, so weß ein dorp (Bist du ein Dorf, so sei ein Dorf).1 Das Dorf gehörte zum Amt Gifhorn im welfischen Fsm. Lüneburg (seit 1705 Teil des Kfsm. Braunschweig-Lüneburg). In französischer Zeit zählte Wesendorf von 1810 bis 1813 zum Kanton Gifhorn (Distrikt Celle, Departement der Aller, Kgr. Westphalen). Danach kam der Ort zunächst wieder zum Amt Gifhorn, nun im Kgr. Hannover, 1842 zum Amt Knesebeck und 1852 zum Amt Isenhagen. Mit der Annexion Hannovers fiel Wesendorf 1866 an Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam der Ort zum Lkr. Isenhagen, der 1932 im Lkr. Gifhorn aufging. 1974 wurde Westerholz, erstmals belegt 1368 bzw. um 1400, nach Wesendorf eingemeindet.2 Bis hinein in die erste Hälfte des 20. Jh. war Wesendorf ein kleines, bäuerlich geprägtes Dorf.3 Veränderungen brachten der 1936 angelegte Militärflugplatz mit Kasernenanlagen und die Erdölindustrie, die zu intensivem Siedlungsbau führten.4 Im Visitationsbericht 1986 heißt es: „Das Bild der Gemeinde wird stark von der Bundeswehr bestimmt.“5 2006 gab die Bundeswehr die Hammerstein-Kaserne in Wesendorf auf. Der Zuzug von Spätaussiedlern aus der Sowjetunion besonders nach 1990 führte zu einem erneuten Wachstum der Bevölkerungszahl Im Jahr 1821 lebten knapp 130 Menschen in Wesendorf, 1905 gut 260, 1950 knapp 2.040 und 2018 etwa 5.290.

Kirche im Bau, Ansicht von Südwesten, vor 1956

Kirche im Bau, Ansicht von Südwesten, vor 1956

Kirchlich wurde das neue Dorf Mitte des 16. Jh. dem Kirchspiel Wahrenholz zugewiesen (In de Parr tho Warnholze thor Kercken gewiset).6 Erst im 20. Jh., als Militärflugplatz, Erdölindustrie und auch der Zuzug Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs den Ort rasch wachsen ließen, wurde eine Änderung der kirchlichen Verhältnisse nötig. Seit 1944 lud der seinerzeit 85jährige P. i. R. Karl Jansen († 1946) zu Gottesdiensten in die kommunale FKap ein.7 Im Herbst 1945 beauftragte das LKA P. Otto Dudzus mit der seelsorgerlichen Betreuung Wesendorfs und ein Jahr später P. Friedrich (Fritz) Gehse (amt. 1946–1950). Nach Einschätzung des Wahrenholzer P. Wilhelm Werthmann waren die neuen Einwohner Wesendorfs „fast restlos unkirchlich“ (1946).8 P. Gehse schrieb 1948: „Besondere Hindernisse des kirchlichen und sittlichen Lebens der Gemeinde Wesendorf sind seit Anlage des Flugplatzes, Entstehung der Siedlung und des dadurch bedingten Einströmens einer sehr bunt gemischten und moralisch nicht immer einwandfreien Bevölkerung entstanden, die z[um] T[eil] aus einstmals Arbeitslosen, bez[iehungs]w[eise] aus Berufssoldaten und technischen Spezialarbeitern sich zusammensetzt. (Kirchenaustrittsnährboden) Die geschlossene kirchliche Sitte erfuhr dadurch Krisen u[nd] allmähliche Verflachung“.9
Neben etwa 1.900 ev. Einwohnern lebten 1949 etwa 250 Katholiken in Wesendorf, die ebenfalls die FKap als Gottesdienststätte nutzten. Eine eigene kath. Gemeinde hatte sich 1948 gegründet, im Juni 1951 weihte sie die Kirche Mariä Himmelfahrt ein.
Der Bau der ev. Kirche ließ noch auf sich warten: 1949 beklagte sich der KV Wahrenholz gegenüber dem LKA „Bei dem schnellen Siedlungsaufbau wurde von seiten des Siedlungsträgers durch die Fa. Oppermann Rheine Westf. die schriftlich der politischen Gemeinde Wesendorf zugestandene Verpflichtung zum Kirchenbau (30000 RM) nicht erfüllt, noch je etwas dafür gezahlt“.10 1951 konnte zumindest ein provisorischer Turm für die zwei Jahre zuvor angeschaffte Glocke errichtet werden. Im gleichen Jahr übernahm Vikarin Catharine Rademacher (amt. 1951–1970, seit 1964 Pn.) die Betreuung Wesendorfs. Zum 1. Juni 1954 gründete sich innerhalb der KG Wahrenholz die KapG Wesendorf und im September feierte die Gemeinde die Grundsteinlegung der St. Johannis-Kirche.11 Die Entwürfe für den Bau hatte Konsistorialbaumeister Ernst Witt (1898–1971) angefertigt; im September 1956 konnte die Kirche eingeweiht werden.

Kirche, Ansicht von Südwesten, 1956, Foto: Ernst Witt, Hannover

Kirche, Ansicht von Südwesten, 1956, Foto: Ernst Witt, Hannover

1973 zählte die KapG Wesendorf etwa 2.000 Gemeindeglieder und etwa drei Prozent beteiligten sich am kirchlichen Leben. Viel „Aberglaube und Okkultismus“ fände sich hier resümierte der Sup. des KK Gifhorn, Wesendorf sei ein „echtes Missionsgebiet“.12 Im Jahr zuvor hatte das LKA eine Pfarrstelle mit Sitz in Wesendorf eingerichtet, die P. Manfred Müller (amt. 1972–1978) übernahm.13 Die Militärseelsorge im Standort Wesendorf oblag dem Wahrenholzer P. Friedrich Weseloh (amt. 1971–1997) bis 1992 ein Standortpfarrer angestellt wurde. Zum 1. Januar 1975 schließlich erhob das LKA die bisherige KapG zu einer eigenständigen KG. Zur „Ev.-luth. St.-Johannis-KG Wesendorf“ kam nun auch der Ort Wagenhoff hinzu, der bislang Teil der Nicolaigemeinde Gifhorn gewesen war.14 Mit der Christuskapelle auf dem kommunalen Friedhof in Wagenhoff, 1974 von der politischen Gemeinde erbaut, erhielt die neue KG eine zweite Predigtstätte.
Anlässlich der ersten Visitation der neuen Gemeinde zog der Ortspfarrer 1986 ein positives Fazit: Trotz einer längeren Vakanz von 1978 bis 1984 und trotz anfänglicher Schwierigkeiten – „Der liberal-volkskirchliche Stil der Pfarramtsführung stößt in Kreisen pietistischer Prägung auf wenig Resonanz“ – sei die KG Wesendorf „auf dem Weg von der Betreuungsgemeinde zur Beteiligungsgemeinde“.15 Wesendorf baute eine Partnerschaft mit der Kirchgemeinde Thum im Erzgebirge auf und pflegte zusammen der Muttergemeinde Wahrenholz Kontakte zum Missionswerk Hermannsburg. Mit dem Bau des Jugendhauses 1986/87 und der Gründung des „Vereins zur Förderung der evangelischen Jugend“ 1988 entwickelte sich die offene Jugendarbeit zu einem Schwerpunkt der gemeindlichen Arbeit.16 Seit Mitte der 1990er Jahre nutzt eine Spätaussiedlergemeinde den Seitenanbau der St. Johannis-Kirche als Gottesdienstsaal (russlanddeutsche Brüdergemeinde).17
Zusammen mit den KG Neudorf-Platendorf, Wahrenholz und Westerbeck (seit 2010: Sassenburg) gründete Wesendorf im Jahr 2000 den Förderverein „Wir unter einem Dach e. V.“, der zur Finanzierung nebenamtlicher Stellen in den vier Gemeinden beiträgt. 2003, im Jahr der Bibel, entstand die Idee zum „Projekt Wesendorfer Bibel. Eine Samtgemeinde liest die Bibel“. Unterschiedliche Gruppen in der Gemeinde bearbeiteten verschiedene Teile der Bibel: „Gedicht, Erzählung, Sachtext, Foto, Zeichnung, Collage … alles war möglich.“18 Das Ergebnis veröffentlichte die KG 2007 als Buch.

Umfang

Wesendorf und Wagenhoff.

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung der KG 1975 zum KK Gifhorn.

Kirchenbau
Kirche, Blick zum Altar, 1956, Foto: Ernst Witt, Hannover

Kirche, Blick zum Altar, 1956, Foto: Ernst Witt, Hannover

Ostnordöstlich ausgerichteter Rechteckbau mit Querbau nach Süden (Gemeindesaal), erbaut 1954–56 (Entwurf: Ernst Witt, Hannover). Kirchenschiff tritt an Nordseite über Altarraum und Turm hinaus. Satteldach. Ziegelmauerwerk; hochrechteckige Sprossenfenster nach Süden; kleine, hochliegende Rechteckfenster nach Norden; hohes, zweiteiliges Rechteckfenster nach Norden (Altarraum). Im Innern flache Balkendecke, tiefe Westempore, Obergeschoss an Nordseite 2011 Photovoltaikanlage auf Kirchendach. Gemeindesaal kann zum Altarraum hin geöffnet werden.

Turm

Querrechteckiger Westturm; Satteldach, bekrönt mit Kugel und Wetterhahn. Ziegelmauerwerk. Rechteckfeld mit flachgewölbten Schallfenstern, darunter Uhrziffernblätter (seit 1959). 1990/91 Turmsanierung.

Ausstattung

Schlichter Blockaltar. – An Altarwand aus Terrakotta gearbeitete Kreuzigungsgruppe mit Maria und Johannes, nach Joh 19,26–27 (1956, Kurt Lettow, Bremen). –Taufschale (1956, Kurt Lettow, Bremen) auf vierseitiger Stele. – Niedrige Kanzel links vor dem Altarraum.

Kirche, Blick zur Orgel, 1956, Foto: Ernst Witt, Hannover

Kirche, Blick zur Orgel, 1956, Foto: Ernst Witt, Hannover

Orgel

Für FKap 1948 Harmonium angeschafft. Orgelneubau 1956, ausgeführt von Friedrich Weißenborn (Braunschweig), 15 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen; finanziert „von der DEA und zwei anderen Ölfirmen“.19

Geläut

Drei LG: I: g’ (Stahl, Gj. 1959, Bochumer Verein), Inschriften: „Friede auf Erden“ und „Gestiftet von Wilhelm und Hermann Lüdeke 1959“; II: a’ (Eisen, Gj. 1949, Firma Weule, Bockenem), Inschrift: „Kindlein, liebet euch untereinander“; III: c’’ (Stahl, Gj. 1959, Bochumer Verein), Inschriften: „Gott ist die Liebe“ und „Gestiftet von DEA und Elwerath 1959“.

Kapellenbau

Christuskapelle Wagenhoff. Die Kapelle ist im Besitz der Kommune. Rechteckiger Ziegelbau mit Satteldach und Dachreiter, erbaut 1974. An Südseite Eingangsbereich mit Walmdach. Kapellenrenovierung 2019.

Ausstattung

Schlichter, hölzerner Blockaltar. – Holzkreuz an Altarwand. – Hölzerne Taufe mit Marmorplatte.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1996/97). – Gemeindehaus (Bj. 1959/58, 1974 als Pfarr- und Gemeindehaus erworben, 1997 umgebaut). – Jugendhaus (Bj. 1986/87, Anbau am Gemeindehaus).

Friedhof

Kommunaler Friedhof westlich von Wesendorf, FKap. Kommunaler Friedhof am nordöstlichen Ortsrand von Wagenhoff, FKap.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

S 2 Witt Nr. 12 (Fotosammlung); S 09 rep Nr. 2235 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 7833 (Findbuch PfA Wahrenholz mit KapG Wesendorf).

Literatur

A: Rund, Ortsverzeichnis Lkr. Gifhorn, S. 237.
B: 750 Jahre St. Nicolai- und Catharinen-Kirche Wahrenholz, hrsg. vom Kirchenvorstand, Zahrenholz 2008; August Hagemann: Aus der Geschichte und dem Werden der Gemeinde Wesendorf, in: Kreiskalender für Gifhorn-Isenhagen 1951, S. 94–96; Bärbel Fricke: 60 Jahre St. Johannis-Kirche, Zahrenholz 2016; Bernd Fricke, Margitta Warnecke & Thorsten Behrens (Hg.): Projekt Wesendorfer Bibel. Eine Samtgemeinde liest die Bibel, Gilching 2007; Wolfgang Meibeyer: Vogtei Wahrenholz: vier Dörfer und drei Gebieter. Anfänge und mittelalterliche Entwicklung von Wahrenholz und Betzhorn, von Wesendorf und Westerholz, Groß Oesingen 2004; Wilhelm Werthmann: Aus der Vergangenheit der Gemeinde Wahrenholz, Wahrenholz 1939 (auch in: 750 Jahre, S. 21–35); Wilhelm Werthmann: Geschichte der Gemeinde Wahrenholz, Hermannsburg 1970 (auch in: 750 Jahre, S. 36–64).

GND

2095841-9, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde (Wesendorf)

Weitere Bilder

Fußnoten

  1. Meibeyer, S. 72.
  2. Meibeyer, S. 54; Rund, Ortsverzeichnis Lkr. Gifhorn, S. 238.
  3. Rund, Ortsverzeichnis Lkr. Gifhorn, S. 237.
  4. Gemeindebuch KK Gifhorn, S. 45; Hagemann, S. 95.
  5. LkAH, L 5h, unverz., Wesendorf, Visitation 1986.
  6. Meibeyer, S. 72
  7. Fricke, S. 2; Werthmann, S. 41 (auch: 750 Jahre, S. 57); LkAH, B 2 G 9/Wesendorf Bd. I, Bl. 6. P. Jansen, bis 1929 Pastor in Esingen (Holstein), war 1943 als Ausgebombter nach Wesendorf gekommen.
  8. LkAH, S 1 H III, Nr. 515, Bl. 24.
  9. LkAH, L 5b, unverz., Spez. KG Sievershausen (darin: Antworten auf Visitationsfragen KG Wahrenholz 1948).
  10. LkAH, B 2 G 9/Wesendorf Bd. I, Bl. 2.
  11. KABl. 1954, S. 93.
  12. LkAH, L 5a, Nr. 1718 (Visitation 1973).
  13. KABl. 1972, S. 78.
  14. KABl. 1974, S. 252.
  15. LkAH, L 5h, unverz., Wesendorf, Visitation 1986.
  16. Fricke, S. 15.
  17. Fricke, S. 23.
  18. Fricke, Warnecke & Behrens, S. 4.
  19. LKA, G 9 B/Wesendorf Bd. I, Bl. 2.