Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Peine | Patrozinium: Maria (1979) | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Das Dorf wird 1146 als Hattendorp in einer Dotationsurkunde des Hildesheimer Bf. Bernhard für das Kloster St. Godehard in Hildesheim erstmals erwähnt.1 Seit Mitte des 13. Jh. gehörte der Ort zum Amt Peine des Hochstifts Hildesheim (seit 1523 zum Kleinen Stift). Mit dem Reichsdeputationshauptschluss fielen die Gebiete des Hochstifts 1803 zunächst an Preußen. Von 1807 bis 1813 war Handorf Teil des Kantons Schwicheldt im Distrikt Hildesheim des Departements Oker im Kgr. Westphalen. Seit 1815 gehörte Handorf zum Amt Peine im Kgr. Hannover. Nach der Annexion Hannovers durch Preußen blieb das Amt bis 1885 bestehen und wurde dann zum Lkr. Peine. 1968 entschied sich Handorf für die Eingemeindung in die Stadt Peine. Neben der Landwirtschaft wurde seit Mitte des 19. Jh. die Ilseder Hütte (1858-1983/95) zum wichtigsten Arbeitgeber. Der Ort wuchs (1866: 286, 1898: 340, 1926: 545) und 1926 arbeiteten drei Viertel der erwerbstätigen Einwohner für die Ilseder Hütte.

Kirche, Ansicht von Südwesten

Kirche, Ansicht von Südwesten

Kirchlich wurde Handorf im 12. Jh. von Solschen aus versorgt, dann war es bis 1302 nach Berkum eingepfarrt. Vermutlich seit dem 13. Jh. besaß Handorf eine Kirche oder Kapelle. 1302 einigten sich die Klöster Wienhausen und St. Godehard über ihre Rechte in Berkum und Handorf wurde eine eigene Gemeinde, das Patronat erhielt das Hildesheimer Godehardikloster.2 Namen vorref. Geistlicher sind nicht überliefert. In Folge der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) musste Bf. Johannes IV. das Amt Peine 1526 an die Stadt Hildesheim verpfänden. Als der Schmalkaldische Bund 1542 den braunschweigischen Hzg. Heinrich den Jüngeren verdrängt hatte und der Rat der Stadt Hildesheim unter dem Schutz des Bundes das prot. Bekenntnis annahm, wurde damit auch Handorf luth. Mit P. Ludolf (Leleff) lässt sich 1552 der erste prot. Geistliche nachweisen.3 Von 1556 bis 1603 war das Amt Peine im Pfandbesitz des Hzg. Adolf von Schleswig, der 1561 eine Kirchenordnunge in baiden gerichten, Steurwoldt und Peine erließ.4 1603 erhielt der Hildesheimer Bf. das Amt zurück und ging dabei auf die Bedingung ein, den Lutheranern ihre freie Religionsausübung zu lassen. Handorf war also ein luth. Dorf unter einem kath. Landesherrn, allerdings beanspruchten die Hzg. von Braunschweig-Wolfenbüttel im 16. und 17. Jh. die Jurisdiktion in geistlichen Angelegenheiten.5 Seit 1602 wirkte P. Joachimus Hinrici in Handorf. Er musste das Dorf 1628 verlassen6, da der Hildesheimer Bf. trotz seiner Versicherung seit den 1620er Jahren bemüht war, das Amt Peine zu rekatholisieren. Der Augustinermönch Hermann Dörstoter kam 1628 als kath. Geistlicher nach Handorf, ihm folgte später Pfarrer Nikolaus Sehling. 1633 ließ Hzg. Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel die Stadt Peine erobern und damit scheiterten die bischöflichen Versuche, den kath. Glauben wieder einzuführen. P. Joachimus Hinrici konnte im selben Jahr nach Handorf zurückkehren. Um 1696/98 lassen sich Bauarbeiten an der Kirche nachweisen, die 1664 als baufällig bezeichnet wurde. P. Johann Philipp Heinrich Schüngel (amt. 1769-1791) legte 1769 (also vergleichsweise spät) das erste Kirchenbuch der Gemeinde an. Es enthält auch Aufzeichnungen über einen Teil der seinerzeit in Handorf lebenden Familien.

Kirche, Blick zum Altar, vor 1958 (1958 Neugestaltung des Innenraumes)

Kirche, Blick zum Altar, vor 1958

1832/33 wurde das heutige Pfarrhaus errichtet und 1862 begannen die Arbeiten an einer Erweiterung der Kirche, die 1865 schließlich in einem Neubau endeten. Im Visitationsbericht von 1858 heißt es über den alten Bau: „Das Kirchengebäude macht durch seine Enge und unregelmäßige innere Einrichtung einen ungünstigen Eindruck.“7 Die Handorfer trugen zur Ausstattung ihrer neuen Kirche bei und stifteten Orgel, Taufstein, Altarbekleidung sowie Kron- und Altarleuchter. Die Visitatoren lobten ein Jahr später, dass diese Geschenke „von dem kirchlichen Sinne der Gemeindemitglieder erfreuliches Zeugniß geben.“8 P. Werner Walkerling (amt. 1856-1887) pflanzte zusammen mit seinen Konfirmanden zum 400. Geburtstag Martin Luthers 1883 eine Luthereiche in Handorf.
Als P. August Wetjen (amt. 1923-1928) in das zwei Kilometer südöstlich gelegene Klein Ilsede wechselte, blieb die Pfarrstelle in Handorf unbesetzt. Zwar kam es nicht zu einer Zusammenlegung beider Gemeinden, aber bis in die 1960er Jahre wurden die Pfarrstellen abwechselnd besetzt und die jeweils andere mitversorgt. Die KG Handorf bemühte sich jedoch zunächst weiter um einen eigenen Pfarrer, stellte 1928 den Ruheständler P. i. R. Adolf Chappuzeau (amt. 1928-1934) an, beschäftigte 1935 P. im Wartedienst Hugo Müller, dessen Anstellung die Landeskirche nicht genehmigte und fand mit P. i. R. Richard Lübbers (amt. 1936-1938) einen weiteren Ruheständler. P. Hans Brandes (amt. 1938-1950) wurde wieder nach Handorf berufen und vertrat die nun vakante Pfarrstelle in Klein Ilsede. Bei der KV Wahl 1933 trat nur eine Liste der DC an, zwei der vier Gewählten verließen den KV später wieder, einer trat auch aus der Kirche aus. Rückblickend berichtete P. Brandes, er habe nach seinem Dienstantritt in Handorf zunächst „verhältnismäßig viel Zeit verloren durch das Forschen nach den Ahnen in den Kirchenbüchern für den sog. Ahnenpaß.“9 Bei der Visitation 1942 beklagte er den „Rückgang des kirchlichen Lebens“ und stellte fest: „die Zeitströmungen scheinen sich in Handorf ganz besonders bemerkbar zu machen, zumal an der Jugend.“10 Im gleichen Jahr war die ev. Schule in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt worden.

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juli 1961

Handorf, Kirchenraum nach Osten, Juli 1961

Nach 1950 blieb die Pfarrstelle wieder vakant und der Ostpfarrer P. Hellmut Graemer (amt. 1950-1959 in Klein Ilsede) versorgte Handorf mit. Der Kuhstall im Erdgeschoss des Pfarrhauses wurde 1956 zu einem Gemeinderaum umgebaut und bei einem weiteren Umbau 1974 zu einem großen Gemeindesaal erweitert. Nachdem Handorf von 1964 bis 1975 wieder einen eigenen Pfarrer gehabt hatte (P. Kurt Sperber), begann im Juli 1976 die pfarramtliche Verbindung mit Berkum, Rosenthal und Schwicheldt. Eine der beiden Pfarrstellen des Pfarramts hatte ihren Sitz in Handorf und war für Handorf und Berkum zuständig.11 1979 erhielt die Kirche den Namen Marienkirche, benannt nach der ältesten Glocke der Kirche (1712), die mit einem Marienbildnis geschmückt ist. Die Verbindung der vier Gemeinden wurde 1999 wieder aufgehoben und gleichzeitig eine gemeinsame halbe Pfarrstelle für Handorf und Berkum eingerichtet.12 Seit Januar 2007 sind die vier Gemeinden wieder pfarramtlich verbunden13, im Juni 2013 gründete sich der Kirchengemeindeverband Berkum-Handorf-Rosenthal-Schwicheldt, kurz KGV BeHaRoSch.14 Die Gemeinden wählen weiterhin ihren eigenen KV, teilen sich jedoch eine gemeinsame Pfarrstelle.

Umfang

Das Dorf Handorf.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Groß Solschen der Diözese Hildesheim. – Seit 1561 Insp. Peine, zeitweise ohne Sup. 1652 entstand die kurzlebige Suptur. Vöhrum, zu der Handorf gehörte15, später unterstand Handorf dem Geistlichen Ministerium des Amtes Peine, dem jeweils ein P. des Bezirks, der Senior, vorstand16, erst nach Aufhebung des Hochstifts Hildesheim (1803) wurde die Insp. Peine wieder eingerichtet. Mit der Teilung der Insp. Peine 1831 zur Insp. (1924: KK) Groß Solschen, 1. Oktober 1965 umbenannt in KK Ölsburg.17 Dieser ging zum 1. Januar 1999 im KK Peine auf.18

Patronat

Ab 1302 das Godehardikloster in Hildesheim.19 Nach dessen Aufhebung 1803 der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Neugotischer Backsteinbau, 1862-65 errichtet, einschiffige kreuzförmige Anlage mit 5/8-Chorabschluss, flaches Satteldach mit Dachreiter. Seit 1857 Pläne zur Erweiterung der Vorgängerkirche durch Bau eines Querschiffes im Osten, 1862 Baubeginn unter Konsistorialbaumeister Ludwig Hellner; nach Vollendung Abriss des alten Langschiffs, da es nicht zum neuen Querschiff passte; 1865 vollständiger Neubau nach Entwürfen von G. Droste vollendet.20 1958 neuer Dachstuhl (Einsturzgefahr). Im Innern flache Balkendecke, u-förmige Empore. 1958 Neugestaltung des Innenraums: neuer Altar ohne Aufsatz, mittleres Fenster im Chor mit Kreuzigungsszene, Kanzel leicht versetzt und umgestaltet, Taufstein versetzt. 1978 renoviert, 1992 vier neue Chorfenster links und rechts nach Entwürfen von Helge Michael Breig, Hannover (Dornbusch, Geburt Jesu, Auferstehung, Pfingstszene).

Turm

verschieferter Dachreiter über Westfront; hoher achteckiger Pyramidenhelm mit Schieferdeckung und südlichem Auslegestuhl für Uhrschlagglocke von 1926, vorher niedrigeres, gestuftes Pyramidendach. 1990 saniert.

Vorgängerbau

1664 ist die Rede von einer „armen, baufälligen Kirche“21; rechteckiger Bruchsteinbau mit rundem Chorabschluss und Westturm, eine Empore; 1696/98 Bauarbeiten, 1794 Reparaturen am Turm.22 Im Innern Brettergewölbe mit Malerei „anscheinend Himmel und Hölle darstellend“23, gemauerte Mensa, hoher hölzerner Aufsatz mit Kruzifix und Kanzel, wohl 1698.

Ausstattung

Schlichter Altartisch ohne Aufsatz (1958, vorher: Mensa mit zwei seitlichen Schranken, hoher hölzerner Altaraufsatz mit Kruzifix, Fialen, zwei gedrehten barocken Säulen: „Der Altaraufbau zeigt eklektizistische Formen aus der Entstehungszeit der Kirche mit schlechten Details, später eingefügten Gipsfiguren und zwei ungeschickt eingearbeiteten Säulen […] Da er nicht einmal Originalitätswert besitzt, wird er unbedenklich entfernt werden können.“24). – Hölzerner Taufengel (1700), Taufstein (Marmor, 1865, Georg Meinecke, Braunschweig, Stiftung der Witwe Ahrens25). – Schlichte Holzkanzel (1958, Kanzelkorb vorher mit Figuren Christi und der Evangelisten geschmückt, Mitte 18. Jh.).

Kirche, Blick zur Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juli 1961

Handorf, Kirchenraum nach Westen, Juli 1961

Orgel

Alte Orgel von 1792, Schenkung Heinrich Brauns aus Klein Bülten26, vermutlich 6 I, 1857 erweitert auf 7 I. 1864/65 Neubau für neue Kirche durch Firma Schaper (Hildesheim) unter Verwendung eines Teils der alten Pfeifen, 14 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Prospektpfeifen im Ersten Weltkrieg abgeliefert (1917). 1928 zwei Reg. erneuert, neue Prospektpfeifen, Firma P. Furtwängler & Hammer (Hannover). 1936 Renovierung durch Gebr. Dutkowski (Braunschweig). 1961 klangliche Umgestaltung durch Lothar Wetzel (Hannover) mit Erweiterung auf 15 II/P.27 1980 restauriert, Firma Schmidt & Mappes (Hannover).

Geläut

Drei LG, I: h’; II: cis’’ (beide Bronze, Gj. 1966, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg); III: e’’ (Bronze, Gj. 1712, Eckardt Christoph Becker, Hildesheim, reich verziert, u. a. Maria mit Kind auf der Mondsichel, 1849 gekauft). Eine SG (Gj. 1989). – Früherer Bestand: Eine LG 1825 geborsten, umgegossen zu einer neuen LG (Gj. 1825, Bronze, Sebastian Schmidt, Hildesheim), 1849 verkauft. Zwei LG (beide Gj. 1926, Bronze, Inschrift I: „Land, Land, höre des Herrn Wort“, II: „Ehre sei Gott in der Höhe“), im Zweiten Weltkrieg abgeliefert (1942). Eine SG 1896 abgenommen und durch eine neue SG (Gj. 1896) ersetzt, im Zweiten Weltkrieg abgegeben.28

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1832/33) zweigeschossiger Fachwerkbau auf Bruchsteinsockel, Ziegeldach, Gemeinderaum im EG (1956, vorher Kuhstall), 1961/62 umgebaut, seit 1974 mit großem Gemeindesaal, 1988 weiterer Umbau (Jugendraum im ehem. Schweinestall).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof in Dorfmitte (angelegt 1822, vorher rund um Kirche, seit 1967 weitgehend eingeebnet, nur noch wenige Bestattungen); neuer Friedhof 1955 angelegt, kommunal. FKap (Bj. 1960, 1971/73 Erweiterung und Umbau).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 4277-4281 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 3235-3240 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 896-899 (Visitationen); D 21 (EphA Ölsburg/Groß Solschen); N 108 (Nachlass Adolf Chappuzeau); S 11a Nr. 7564 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Ahrens, KK Ölsburg, S. 7-26 und 87-90; Boetticher, Ortsverzeichnis Lkr. Peine, S. 111-113; Dürr, Politische Kultur; Jürgens u. a., KD Kr. Peine, S. 81 f.; Meyer, Pastoren I, S. 405; Pape, Schaper, S. 154-158; Pape, Orgeln Kr. Peine, S. 25-28.
B. Chronik von Handorf. Beiträge zur Ortsgeschichte 1146 bis 1996, [Peine-Handorf] 1996.


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 239.
  2. UB HS Hildesheim III, Nr. 1351.
  3. Chronik von Handorf, S. 207 (ohne Beleg).
  4. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,2,1, S. 769 ff.
  5. Bertram, Bistum Hildesheim II, S. 304.
  6. Ahrens, KK Ölsburg, S. 89.
  7. LkAH, A 9 Nr. 897, Visitation 1858.
  8. LkAH, A 9 Nr. 897, Visitation 1866.
  9. Chronik von Handorf, S. 254.
  10. LkAH, L 5h, unverz., Handorf, Visitation 1942.
  11. KABl. 1976, S. 118 f.
  12. KABl. 1999, S. 200.
  13. KABl. 2006, S. 150.
  14. KABl. 2013, S. 114 f.
  15. Evangelischer Kirchenstaat, S. 126.
  16. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  17. KABl. 1965, S. 258.
  18. KABl. 1998, S. 212.
  19. UB HS Hildesheim III, Nr. 1351.
  20. Chronik von Handorf, S. 275 ff.
  21. Zit. in Chronik von Handorf, S. 273.
  22. Chronik von Handorf, S. 217 und 238.
  23. Zit. in Chronik von Handorf, S. 275, Beschreibung von 1860.
  24. LkAH, B 2 G 9/Handorf Bd. I, Bl. 27.
  25. Chronik von Handorf, S. 277.
  26. Chronik von Handorf, S. 274, 287.
  27. Pape, Orgeln Kr. Peine, S. 26 f; Pape, Schaper, S. 154 ff.
  28. Chronik von Handorf, S. 282 ff.