Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Peine | Patrozinium: Urban | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Als luttiken ylsede1 wird das Dorf 1345 erstmals urkundlich erwähnt. Ältere Belege lassen sich nicht eindeutig Groß oder Klein Ilsede zuordnen.2 Die Vogtei über den Ort besaß 1458 (und auch 1645 noch) die Familie von Schwicheldt als Lehen des Bf. von Hildesheim. Klein Ilsede lag im Amt Peine des Hochstifts Hildesheim (seit 1523 Kleines Stift), die Familie von Schwicheldt hatte seit dem 15. Jh. jedoch die Gerichtshoheit inne (Patrimonialgericht, ohne Kriminalgerichtsbarkeit, bis 1822). Im 16. und 17. Jh. stritten Hochstift und Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel zeitweise über die Landesherrschaft in Klein Ilsede sowie anderen Junkerdörfern wie Essinghausen, Equord, Gadenstedt, Groß Ilsede, Oberg, Oedelum oder Rosenthal.3 Mit dem Reichsdeputationshauptschluss fielen die Gebiete des Hochstifts Hildesheim 1803 an das Kgr. Preußen. Von 1807 bis 1813 gehörte Klein Ilsede zum Stadtkanton Peine im Distrikt Braunschweig des Departements Oker im Kgr. Westphalen. 1815 war der Ort wieder Teil des Amtes Peine, zunächst im Kgr. Hannover, nach der Annexion von 1866 im Kgr. Preußen. Seit 1885 gehörte Klein Ilsede zum Lkr. Peine und wurde 1971 Ortsteil der Großgemeinde Ilsede. Mit der Gründung der Ilseder Hütte (1858) und dem Peiner Walzwerk (1872, 1880 vereinigt mit Ilseder Hütte, geschlossen 1983/95) veränderte sich das Bauerndorf Klein Ilsede. 1929 arbeitete mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen des Ortes für Walzwerk oder Hütte, Anfang der 1962 etwa zwei Drittel.4 Mit dem Zuzug von Flüchtlingen stieg die Bevölkerung nach Ende des Zweiten Weltkriegs stark an. Aufgrund der günstigen Verkehrsverbindungen entstanden in der zweiten Hälfte des 20. Jh. Neubaugebiete und Klein Ilsede entwickelte sich zur Wohnsiedlung.

Kirche, Ansicht von Südosten

Kirche, Ansicht von Südosten

Klein Ilsede war kirchlich vermutlich zunächst nach Schmedenstedt eingepfarrt5, die Kirche entstand vermutlich in der zweiten Hälfte des 14. Jh. Sie war möglicherweise zunächst eine Hauskapelle der Familie von Schwicheldt, die nachweislich seit 1458 das Patronat über die Kirche in Klein Ilsede besaß. Namen vorref. Geistlicher sind nicht überliefert. In Folge der Hildesheimer Stiftsfehde (1519–1523) musste Bf. Johannes IV. das Amt Peine 1526 an die Stadt Hildesheim verpfänden. Als der Schmalkaldische Bund 1542 den braunschweigischen Hzg. Heinrich den Jüngeren verdrängt hatte und der Rat der Stadt Hildesheim unter dem Schutz des Bundes das prot. Bekenntnis annahm, wurde damit auch Klein Ilsede luth. Zudem waren die Herren von Schwicheldt auch die Patrone der Kirche in Sievershausen, wo der erste luth. Pfarrer bereits 1534 belegt ist, denn das Fsm. Lüneburg war schon 1527 zum Luthertum übergetreten. Von 1556 bis 1603 war das Amt Peine im Pfandbesitz des Hzg. Adolf von Schleswig, der 1561 eine Kirchenordnunge in baiden gerichten, Steurwoldt und Peine erließ.6 Aus dieser Zeit ist mit Martin Schumann „Pastor zu Lütken Ilßen“7 der erste luth. Pfarrer namentlich bekannt. Er erwarb 1580 eine Glocke, die der Braunschweiger Bürgermeister Wezlaf Cale hergestellt hatte. Im gleichen Jahr bekam die Kirche einen Turm (Dachreiter).8 1603 konnte der Hildesheimer Bf. das Amt Peine wieder einlösen und ging dabei auf die Bedingung ein, den Lutheranern ihre freie Religionsausübung zu lassen. K. I war also ein luth. Dorf unter einem kath. Landesherrn, allerdings beanspruchte im 16. und 17. Jh. auch Braunschweig-Wolfenbüttel die geistliche Jurisdiktion über die luth. Gemeinden im Amt Peine.9 Trotz anderslautender Zusage war der Bf. seit den 1620er Jahren bemüht, das Amt zu rekatholisieren: in Klein Ilsede ließ er 1628 P. Stephan Wichmann (amt. seit 1619) absetzen und mit Pater Johann Volcmar (amt. 1629-1632) erhielt der Ort wieder einen kath. Geistlichen. Volcmar versorgte auch Oberg und Gadenstedt.10 Die Gegenreformation scheiterte schließlich 1633, als Hzg. Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel die Stadt Peine erobern ließ. 1634 kam mit P. Heinricus Meiferus (amt. bis 1679) wieder ein luth. Geistlicher nach Klein Ilsede. Hinsichtlich des Landbesitzes zählte die Pfarre zu den kleineren im Amt Peine und die Familie von Schwicheldt besserte als Patron das Einkommen der Pfarrer auf.11

Kirche, Blick nach Osten, vor 1961

Kirche, Blick nach Osten, vor 1961

Im 18. Jh. war Klein Ilsede ein Zentrum des Pietismus im Amt Peine. Dies ging nicht zuletzt auf den Einfluss der Patronin Charlotte Eleonore von Schwicheldt (1647-1743) zurück, die mit P. Johann Heinrich Schmidt (amt. 1719-1725) in Klein Ilsede den ersten pietistischen Pfarrer im Raum Peine einsetzte.12 In seine Amtszeit fiel der Bau eines neuen Pfarrhauses, die Renovierung des Kirchturms und der Neuguss der geborstenen Glocke von 1580. Auch seine vier Nachfolger – u. a. P. Johann Andreas Liekefett (amt. 1731-1737), Sohn des P. in Gadenstedt, und P. Christoph Martin Bevern (amt. 1748-1786) – lassen sich dem Pietismus zuordnen. 1877 entfernte die Gemeinde den barocken Kanzelaltar aus dem Chorraum der Kirche, um Platz für die neue, spendenfinanzierte Orgel zu schaffen. Seit dem Wechsel P. August Wetjens (amt. 1928-1938) von Handorf (Peine) nach Klein Ilsede13 wurden die beiden Pfarrstellen bis in die 1960er Jahre hinein abwechselnd besetzt und die jeweils andere vom Stelleninhaber mitversorgt. Wie viele seiner Amtsbrüder klagte auch P. Wetjen in der Zeit des „Dritten Reiches“ darüber, dass ihm viel Zeit verloren ginge „durch die arischen Nachforschungen“14. Seine Frau leitete 1935 die NS-Frauenschaft in Klein Ilsede, was der Visitator gleichzeitig begrüßte und bemängelte: „Dadurch ist kirchliche Leitung verbürgt, allerdings auch der Einfluß etwas auf die Mitglieder erschwert, an denen es in der Gemeinde nicht fehlt, die nicht zur NSDAP zählen.“15

Kirche, Blick nach Westen, vor 1961 (?)

Kirche, Blick nach Westen, vor 1961 (?)

Da die KG weniger als 1.000 Mitglieder zählte, versah der Pfarrer des Ortes seinen Dienst in den 1960er Jahren nur nebenamtlich, er war gleichzeitig in der Volksmission tätig (P. Hans Joachim Schmutzler, amt. 1959-1972). Seit Ende der 1980er Jahre zählt der Religionsunterricht am Peiner Ratsgymnasium zum Aufgabengebiet der Pfarre in Klein Ilsede. Um dem Dorf eine eigene Pfarrstelle zu erhalten, startete die KG im Januar 1997 das „Projekt St. Urban“ und war damit die erste landeskirchliche Gemeinde in Deutschland, die über Spenden einen Teil des Pfarrergehalts selbst aufbrachte. Nach einer fünfjährigen Probephase wurde das Projekt verstetigt und entfaltete eine gewisse Vorbildwirkung.

Umfang

Das Dorf Klein Ilsede. Bis April 1911 auch das Schwicheldtsche Rittergut in der Stadt Peine.16

Aufsichtsbezirk

Um 1500 Archidiakonat Schmedenstedt des Diözese. – Seit 1561 Insp. Peine, zeitweise ohne Sup. 1651/52 unterstand Klein Ilsede dem Geistlichen Ministerium des Amtes Peine, dem jeweils ein Pastor des Bezirks, der Senior, vorstand17, erst nach Aufhebung des Hochstifts Hildesheim (1803) wurde die Insp. Peine wieder eingerichtet. Seit 1853 saß der Sup. der Insp. Peine wieder in Peine. 1924 KK Peine.

Patronat

1458 als Lehen des Bf. von Hildesheim bei Familie von Schwicheldt.18 1463 an den Besitz des Gutes in Klein Ilsede gebunden (dingliches Patronat).19 Die Familie von Schwicheldt und ihre Erben (Grafen von Hardenberg-Schwicheldt) besaßen das Patronat bis nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: am 17. Juli 1947 stimmte das Landeskirchenamt Hannover dem Vertrag über die Aufhebung des Patronats zu.20

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1938

Kirche, Grundriss, 1938

Der spätgotische, verputzte Bruchsteinbau entstand etwa um 1380, vermutlich als einschiffige, rechteckige Kapelle. 1600 (Bauinschrift) Erweiterung um einen fünfseitigen Ostchor (Bruchsteinsockel, Fachwerk, darunter Gruft der Familie von Schwicheldt); in der Nordwand ein kleines gotisches Spitzbogenfenster, die übrigen Fenster rechteckig; Satteldach, über dem Chor abgewalmt. Im Innern flache Bretterdecke, verschalte Querbalken und im Westen Längsbalken mit östlichem Pfeiler zur Unterstützung des Dachreiters; Chorraum leicht erhöht, seitliche Schranken zum Kirchenschiff. L-förmige Empore an West- und Nordwand (um 1840). 1934 renoviert. Dachsanierung 1960. Sanierung und Neugestaltung des Innenraums 1963/64 (neues Gestühl, Patronatsprieche entfernt). Renovierung Innenraum 2009.

Turm

Schiefergedeckter, achteckiger Dachreiter mit achteckigem spitzen Helm und Wetterfahne von 1580. Turmuhr mit Ziffernblatt nach Osten und Auslegestuhl für Schlagglocke nach Westen. Turm 1722 renoviert.

Ausstattung

Flügelaltar, 16. Jh., ursprünglich Epitaph der Brüder Johann und Otto von Schwicheldt († 1577 und 1578). Die beiden Flügel zeigen die Brüder zusammen mit Petrus (bei Otto) und Johannes dem Täufer (bei Johann), der Maler war möglicherweise Marten de Vos, ein Schüler Tintorettos.21 Den Mittelteil bildet eine Kreuzigungsszene, die Ad. Nieß (Hannover) 1839 nach dem Vorbild des Originals gestaltete. Das Epitaph befand sich ursprünglich an der Nordseite des Chores in der Patronatsprieche und bildet seit 1961 den Altaraufsatz22 (1961 und 2005 restauriert). Altarmensa aus Holz. – Hölzerne Kanzel an Südwand mit vegetabilem Schnitzdekor, Kanzelkorb ruht auf Pfeiler mit zwei flankierenden korinthischen Säulen (1. Hälfte 18. Jh., ursprünglich Teil des Kanzelaltars). – Hölzerner Taufständer von 1726 (Putto hält mit erhobenen Händen über dem Kopf das Taufbecken, 1962 restauriert).

Kirche, Blick nach Osten, 1975

Kirche, Blick nach Osten, 1975

Orgel

Hinter dem Altar im Chorraum. Neubau der Firma Furtwängler und Söhne (Elze) von 1877, 8 (davon zwei Transmissionen) I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Für die Orgel wurde der barocke Kanzelaltar entfernt. Umgestaltung 1962 durch Hans Joachim Düngel (Schleswig) 9 (davon zwei Transmissionen) I/P. Renovierung und Umdisponierung 1971 durch Orgelbauwerkstatt D. Kollibay (Hildesheim), 8 (davon eine Transmission) I/P. 1991 von Firma R. v. Beckerath (Hamburg) instandgesetzt.

Geläut

Zwei LG, I: g’ (Bronze, Gj. 1724, Christian Ludwig Meyer, Braunschweig)23; II: b’, Inschrift: Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unseren Zeiten (Bronze, Gj.1972, Gebrüder Rincker, Sinn). – Eine SG c’’’ (Bronze, 13./14. Jh.). – Früherer Bestand: eine LG (Bronze, Gj. 1580, Wezlaf Cale, Braunschweig), 1722 geborsten und Umguss zur heutigen LG I.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1720, erweitert 1873, zweigeschossiger Fachwerkbau auf Bruchsteinsockel, 1981/82 renoviert); Gemeindehaus (Bj. 1850, bis 1980 von der Volksmission „Kirche unterwegs“ genutzt, dann aus dem Besitz der Landeskirche an KG, Renovierung 1980).

Friedhof

Ursprünglich Friedhof rund um die Kirche (letzte Bestattung 1933, letzte Gräber 1970 eingeebnet). Gruft der Familie von Schwicheldt unter dem Chor der Kirche, letzte Bestattung 1898 (1600 gebaut, 1702 renoviert, 2015 archäologisch untersucht und restauriert).24 Neuer kirchl. Friedhof südlich des Ortskerns am Schmiedeweg, 1909 eingerichtet und mehrfach erweitert. FKap (Bj. 1963, mit Zuschuss der politischen Gemeinde errichtet;

Ausstattung

Lebenskreuz von Lars Peters, 2011), kleiner Glockenturm (Bj. 2009, eine LG (Engelsglocke, Bronze), 2008 gekauft, vormals in der kath. Kirche Stederdorf).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 6132-6138 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 4515-4522 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 1191-1197 (Visitationen); D 21 (EphA Ölsburg/Groß Solschen); D 97 (EphA Peine); S 11a Nr. 7446 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Kirchen KK Peine, S. 28-31; Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 148, Nr. 176; Aye, Taufbecken, Nr. 174; Boetticher, Ortsverzeichnis Lkr. Peine, S. 131-133; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 803 f.; Jürgens u. a., KD Kr. Peine, S. 94-99; Meyer, Pastoren II, S. 25 f.; Pape, Orgeln Kr. Peine, S. 31 f.; Rose, Pietismus.
B: Gruft derer von Schwicheldt unter St. Urban (Klein Ilseder kirchliche Schriften 5), Klein Ilsede 2016; Horst Ahrens: Klein Ilsede. Die Geschichte eines Dorfes, Peine 1995; Alexander Rose: Quellen zur Geschichte des Dorfes Klein Ilsede, Lahstedt 1997.


Fußnoten

  1. Sudendorf, UB II, Nr. 149.
  2. Boetticher, Ortsverzeichnis Lkr. Peine, S. 131.
  3. Bertram, Bistum Hildesheim II, S. 303; ebd. III, S. 6 ff.
  4. LkAH, A 9 Nr. 1197, Visitation 1929; LkAH, L 5h, unverz., Klein Ilsede, Visitation 1962.
  5. Boetticher, Ortsverzeichnis Lkr. Peine, S. 130.
  6. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,2,1, S. 769 ff.
  7. Rose, S. 20.
  8. Ahrens, S. 149, 157.
  9. Bertram, Bistum Hildesheim II, S. 304.
  10. Ahrens, S. 152 f., Rose, S. 46. ff.
  11. Dürr, Politische Kultur, S. 171, Ahrens, S. 155, 165.
  12. Rose, Pietismus, bes. S. 18 ff., Ahrens, S. 167 ff.
  13. Ahrens, S. 209.
  14. LkAH, A 9 Nr. 1197 (Visitation 1935).
  15. LkAH, A 9 Nr. 1197 (Visitation 1935).
  16. KABl. 1911, S. 29, umgepfarrt nach Peine.
  17. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  18. Boetticher, Ortsverzeichnis Lkr. Peine, S. 130.
  19. Vogell, Sammlung, S. 206
  20. LkAH, L 5h, unverz., Klein Ilsede, Visitation 1947; Ahrens, S. 144.
  21. Ahrens, S. 138 f.
  22. Auf Empfehlung des AfBuK, LkAH, B 2 G 9/Kl. Ilsede Bd. I, Bl. 50 f.
  23. Rose, S. 200 f.
  24. Gruft derer von Schwicheldt, S. 3 f.