Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Peine | Patrozinium: Johannes der Täufer (seit 1987) | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Die erste Erwähnung des Ortes, heute Ortsteil der Gemeinde Ilsede, findet sich in einer Urkunde des Bf. Bernhard von Hildesheim aus dem Jahre 1152: Unter dem Besitz des gerade gegründeten Klosters Bokel erscheint auch Land in Oberge.1 Eine gleichnamige Adelsfamilie ist urkundlich seit 1189 nachgewiesen, möglicherweis ist der dort genannte Eilhart von Oberg der Verfasser der ersten deutschsprachigen Tristandichtung.2 Oberg lag im Gebiet des Amtes Peine des Hochstifts Hildesheim, die Vogteirechte besaßen jedoch die Herren von Oberg als Lehen der braunschweigischen Hzg. Daraus entwickelte sich im 15. Jh. ein Patrimonialgericht, das bis 1846 bestand. Die Versuche der Herren von Oberg gegen das Amt Peine auch die Kriminalgerichtsbarkeit durchzusetzen scheiterten 1581.3 Insgesamt war die Landesherrschaft über Oberg und andere Junkerdörfer wie Essinghausen, Equord, Gadenstedt, Groß Ilsede, Klein Ilsede, Oedelum oder Rosenthal im 16. und 17. Jh. zwischen Hochstift Hildesheim und Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel zeitweise umstritten.4 Im Jahre 1730 zerstörte ein Dorfbrand u. a. auch das Pfarrhaus und die Kirchenbücher. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss kamen die Gebiete des Hochstifts 1803 an Preußen. Von 1807 bis 1813 war Oberg Teil des Kantons Lafferde im Distrikt Braunschweig des Departements Oker im Kgr. Westphalen. Seit 1815 gehörte das Dorf wieder zum Amt (1885: Lkr.) Peine, nun im Kgr. Hannover, nach der Annexion von 1866 im Kgr. Preußen. 1965 schlossen sich Oberg und Münstedt zu einer Samtgemeinde zusammen, 1971 bildeten sie gemeinsam mit Groß Lafferde, Gadenstedt und Adenstedt die Gemeinde Lahstedt. Diese Gemeinde schloss sich 2015 der Gemeinde Ilsede an. Bis zur Mitte des 19. Jh. war der Ort bäuerlich geprägt, Veränderung und Wachstum brachte die Ilseder Hütte (1858-1983/95, Eisenerzabbau, Stahlproduktion), so dass um 1900 bereits die Hälfte der Erwerbstätigen des Ortes Arbeiter der Hütte waren. Zudem wurden seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. Ölfelder um Oberg erschlossen. Die Förderung wurde 1968 beendet und nach einer kurzen Wiederaufnahme während der Ölkrise schließlich 1984 gänzlich eingestellt.

Kirche, Ansicht von Nordwesten

Kirche, Ansicht von Nordwesten

Am Anfang der Kirchengeschichte von Oberg steht eine Urkunde von 1189.5 Darin berichtet Bf. Adelog von Hildesheim, dass Oberg nun eine eigene Kapelle habe – errichtet auf Grund und Boden Hzg. Heinrichs des Löwen – und räumt der Gemeinde das Recht auf einen eigenen Pfarrer ein. Die Verbindung zur Muttergemeinde Münstedt blieb bestehen, aber die Oberger konnten bei Taufen oder Bestattungen nun zwischen den Geistlichen von Münstedt und Oberg wählen.6 Das Patronat über die Kapelle übertrug der Bf. Hzg. Heinrich dem Löwen, die welfischen Hzg. belehnten später die Herren von Oberg damit. Mit dominus Thidericus viceplebanus in Oberghe, plebanus in Sierdessen (Sierße)7 ist 1301 der erste Name eines Geistlichen überliefert. Über den 1189 erwähnten Kapellenbau sind keine Details bekannt, der erhaltene Kirchturm stammt in seinen ältesten Teilen vermutlich aus dem 14. oder 15. Jh., die älteste der noch existierenden Glocken wurde 1416 gegossen. In Folge der Hildesheimer Stiftsfehde (1519–1523), in der die Herren von Oberg auf Seiten des Bf. standen, musste Bf. Johannes IV. das Amt Peine 1526 an die Stadt Hildesheim verpfänden. Als der Schmalkaldische Bund 1542 den braunschweigischen Hzg. Heinrich den Jüngeren verdrängt hatte und der Rat der Stadt Hildesheim unter dem Schutz des Bundes das prot. Bekenntnis annahm, wurde damit auch Oberg luth. Von 1556 bis 1603 war das Amt Peine im Pfandbesitz des Hzg. Adolf von Schleswig, der 1561 eine Kirchenordnunge in baiden gerichten, Steurwoldt und Peine erließ.8 Erst zu dieser Zeit lässt sich in Oberg prot. Pfarrer nachweisen, nämlich P. Johann Steinlage (amt. seit 1562). Den etwas späteren P. Johann (amt. 1583-1591) setzte der Patron wegen calvinistischer Tendenzen ab.9 1603 konnte der Hildesheimer Bf. das Amt Peine wieder einlösen, musste dabei jedoch zustimmen, den Lutheranern ihre freie Religionsausübung zu lassen. Oberg war also ein luth. Dorf unter einem kath. Landesherrn, im 16. und 17. Jh. beanspruchte Braunschweig-Wolfenbüttel allerdings die geistliche Jurisdiktion über die luth. Gemeinden im Amt Peine.10 Trotz seiner anderslautenden Zusage war der Bf. seit den 1620er Jahren bemüht, das Amt zu rekatholisieren und P. Johann Bünte (amt. 1628-1629) wurde aus Oberg vertrieben. Pater Johann Volcmar war nun als kath. Geistlicher für Oberg, Gadenstedt und Klein Ilsede zuständig.11 Die Versuche einer Gegenreformation scheiterten schließlich 1633, als Hzg. Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel die Stadt Peine erobern ließ. Mit P. Franz Papst (amt. 1632-1683) hatte Oberg zu diesem Zeitpunkt wieder einen luth. Pfarrer. In seine Amtszeit fiel 1664 die Erneuerung des Kirchenschiffs, zuletzt war vermutlich 1584 an der Kirche gebaut worden, wie die Jahreszahl in der Wetterfahne vermuten lässt.12 Oberg zählte im 17. Jh. hinsichtlich des Landbesitzes zu den am besten ausgestatteten Pfarrstellen im Amt Peine.13 Mit P. Georg Dietrich Sander (amt. 1702-1736) wirkte hier Anfang des 18. Jh. ein Pfarrer, der vermutlich dem Pietismus nahe stand.14

Kirche, Ansicht von Südosten

Kirche, Ansicht von Südosten

Im Jahre 1856 erhielt die Kirche erstmals eine Orgel. Dafür ließ die KG die alte Doppelempore an der Westwand der Kirche abbrechen und eine neue u-förmige Empore errichten. Johann Henning Fröchtling hatte der Gemeinde bereits 1836 Geld für eine Orgel vermacht, ein Zuschuss des Patrons sowie weitere Spenden ermöglichten schließlich den Kauf des Instruments.15 Bereits 1876 gab es Überlegungen zur Erweiterung der Kirche, da zunehmend Arbeiter der Ilseder Hütte nach Oberg zogen und das kleine Kirchengebäude nicht mehr ausreichte. Verwirklicht wurden die Pläne jedoch erst in den Jahren 1899 bis 1901: das Grabgewölbe der 1861 in männlicher Linie ausgestorbenen Familie von Oberg musste weichen und es entstand ein Querhaus sowie ein Chor mit Sakristeianbau. Für die Ausmalung des Innenraums engagierte die KG den Kirchenmaler Adolf Quensen.
Bei der KV Wahl im Juli 1933 erhielten die von der NSDAP vorgeschlagenen Kandidaten die meisten Stimmen, drei der vier Gewählten traten später zurück. P. Wilhelm Mahner (amt. 1929-1937) gehörte kurzzeitig den DC an und wurde dann ein führendes Mitglied der BK.16 Der Ostgeistliche P. Helmut Viertel (amt. 1946-1949) stellte rückblickend fest: „Die kirchenfeindlichen Bestrebungen waren hier in den vergangenen Zeiten sehr gross und heftig.“17 Die 1930 gegründete ev. Frauenhilfe war auch in Oberg eine Konstante der kirchlichen Arbeit.
Während einer Vakanzzeit versah der Austauschpfarrer der Hermannsburger Mission P. Philemon Molete (amt. 1979-1983) aus Natal (Südafrika) die Pfarrstelle in Oberg. Auf Initiative des Heimat-Vereins Oberg erhielt die Kirche 1987 den Namen Johannes-der-Täufer-Kirche.18 Seit dem 1. März 2005 sind die KG Münstedt und Oberg pfarramtlich verbunden, Sitz des Pfarramts ist in Oberg.19

Umfang

Das Dorf Oberg.

Aufsichtsbezirk

Um 1500 Archidiakonat Schmedenstedt der Diözese Hildesheim. – Seit 1561 Insp. Peine, zeitweise ohne Sup. In einem Verzeichnis der Pfarren des Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel von 1594/99 ist Oberg von späterer Hand unter der Suptur. Niederfreden eingetragen.20 1651/52 unterstand Oberg dem Geistlichen Ministerium des Amtes Peine, dem jeweils ein P. des Bezirks, der Senior, vorstand21, erst nach Aufhebung des Hochstifts Hildesheim (1803) wurde die Insp. Peine wieder eingerichtet. Seit 1853 saß der Sup. der Insp. Peine wieder in Peine. 1924 KK Peine. Zum 1. Oktober 1965 aus dem KK Peine in den KK Ölsburg (vormals Groß Solschen) umgegliedert22, der zum 1. Januar 1999 im KK Peine aufging.23

Patronat

1189 Hzg. Heinrich der Löwe. Als welfisches Lehen ist das Patronat nachweislich 1344 im Besitz der Familie von Oberg, es war an den Besitz des Gutes Oberg gebunden (dingliches Patronat). 1853 kaufte Marbod von Kalm, Schwiegersohn Graf Hilmars von Oberg, das Gut. 1882 Verkauf an Hermann von Uslar, 1891 Verkauf an August Leßmann. Jetzige Inhaberin ist Hortense Guenther-Luebbers, geb. Leßmann. Das Patronat ruht.

Kirchenbau

Einschiffiger, kreuzförmiger Bau mit Westturm. Kirchenschiff in Breite des Turms, im Kern vielleicht 15. oder 16. Jh., im 17. Jh. verändert (1664), verputzter Bruchstein, Rechteckfenster; 1899-1901 Erweiterung nach Osten: Querschiff und Chor mit polygonalen Sakristeianbau sowie zwei niedrigen Treppentürmen, große Bruchsteine, Rechteckfenster. Im Innern Holztonnengewölbe, u-förmige Empore im Langhaus (1856, vorher Doppelempore an Westwand) und Emporen in beiden Querhausarmen; 1903 Ausmalung des Innenraums durch Adolf Quensen (1851-1911). 1951 Neuausmalung (Deckenbemalung und Aposteldarstellungen links und rechts des Altars übertüncht). 1979-81 Neugestaltung des Innenraums (Deckenbemalung restauriert, Emporen in Querhaus auf Querarmtiefe verkleinert, Patronatsprieche aus Chor ins Querhaus versetzt). Außensanierung 1998-2000.

Turm

Querrechteckiger Westturm, verputzter Bruchsteinunterbau möglicherweise 13. Jh., oberer Teil verschiefertes Fachwerk (1584?); jüngerer, verschieferter Turmhelm, flacher Ansatz, kegelförmig hoch ausgezogene Spitze mit Auslegestuhl für Uhrschlagglocke nach Osten; Wetterfahne datiert 1584/1882; 1856 Tür in Westfront zum Haupteingang vergrößert; 1970/71 Innensanierung. Turmuhr von 1995 (zuvor mechanische Uhr der Firma Weule, Bockenem, aus dem Jahr 1900, heute in der Eingangshalle aufgestellt; anhand der Kirchenrechnungen lässt sich erstmals 1751 eine Turmuhr nachweisen).

Kirche, Blick zum Altar

Kirche, Blick zum Altar

Ausstattung

Schlichter, spätklassizistischer Kanzelaltar mit architektonischer Gliederung (Mitte 19. Jh.). – Altar mit seitlichen Schranken. – Kronleuchter (Messing, Stiftung Marbods von Kalm). – Patronatsprieche auf Empore des nördlichen Querschiffs (1861, bis 1981 an Südwand des Chorraums). – Totenschild für Burchard von Oberg (†1522). – Epitaph für Heinrich († 1555) und Veronica († 1589) von Oberg. – Zwei Keramikfiguren: Jesus und Johannes der Täufer (1988, Susan Berber-Credner, Fischerhude). – Osterleuchter (1995, Hilko Schomerus, Burgdorf). – Außen: Wandgrabmal des Jobst Asche von Oberg († 1720).

Kirche, Blick zur Orgel

Kirche, Blick zur Orgel

Orgel

Neubau 1856 durch Titus Lindrum (Goslar), 15 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1917 Zinnpfeifen zu Kriegszwecken abgegeben. Instandsetzung 1925 durch Furtwängler und Hammer (Hannover). 1936 Umdisponierung im Sinne der Orgelbewegung durch Furtwängler und Hammer (Hannover). 1951 Umdisponierung und Erweiterung durch Emil Hammer (Hannover), 16 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Instandsetzung 1981 durch Hermann Hillebrand (Altwarmbüchen). Prospekt Lindrums erhalten.

Geläut

Drei LG I: e’ (Bronze, Gj. 1719, Christian Ludwig Meyer, Braunschweig); II: g’ (Bronze, Gj. 1963, F. W. Schilling, Heidelberg); III: a’ (Bronze, Gj. 1737, Heinrich Christian Helmholtz, Braunschweig). – Eine SG fis’’’ (Bronze, Gj. 1416). Zwei Glocken 1942 zu Kriegszwecken abgegeben, aber nicht eingeschmolzen, seit 1947 wieder in Oberg.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1934, zweigeschossiger Massivbau mit Walmdach, Architekt van Norden, Peine). Küster- und Gemeindehaus (Bj. um 1900, anderthalbgeschossiger Ziegelbau, 1933/34 Gemeindesaal eingerichtet, Ausbau 1965/70).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof östlich des Ortskerns, 1904 angelegt, Fkap (Bj. 1932/33, Architekten Gebr. Siebrecht, Hannover). Älterer Friedhof rund um die Kirche. Grabgewölbe der Familie von Oberg ursprünglich östlich des Altars, 1899-1901 bei Kirchenerweiterung abgerissen.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 8703-8713 (Pfarroffizialsache); A 6 Nr. 6182-6187 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 1720-1721 (Visitationen); D 21 (EphA Ölsburg/Groß Solschen); D 97 (EphA Peine); N 72 (Nachlass Wilhelm Mahner); N 79 Nr. 131 (Nachlass Ferdy Horrmeyer); S 11a Nr. 7950 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Ahrens, KK Ölsburg, S. 7-26 und 56-58; Boetticher, Ortsverzeichnis Lkr. Peine, S. 163-166; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 1003; Jürgens u. a., KD Kr. Peine, S. 116-120; Meyer, Pastoren II, S. 212 f.; Pape, Orgeln Kr. Peine, S. 38-40.
B: Heimat-Verein Oberg e. V. (Hg.): Das Oberg-Buch, Groß Lafferde 2000; Heimat-Verein Oberg e. V. (Hg.): Das Oberg-Buch 2, Groß Lafferde 2002; Ortsrat Münstedt (Hg.): Münstedt – früher und heute. 1189-2014. Ergänzungen zur Ortschronik von 1989, Münstedt 2014; Hans Sievers: 800 Jahre Geschichte der ev.-luth. Kirchengemeinde Oberg, seit 1987 St. Johannes der Täufer-Kirche, Oberg [1989]; Karl Alfred Zeiske: Chronik der Gemeinde Oberg von 1152 bis 1952, Peine 1952.

GND

6010485-5, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Sankt Johannes der Täufer (Oberg); 7656878-7, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Sankt Johannes der Täufer.


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 280.
  2. UB HS Hildesheim I, Nr. 470.
  3. Bertram, Bistum Hildesheim II, S. 304.
  4. Bertram, Bistum Hildesheim II, S. 303; ebd. III, S. 6 ff.
  5. UB HS Hildesheim I, Nr. 470.
  6. Heimat-Verein Oberg (2000), S. 113, Ortsrat Münstedt (2014), S. 37 ff.
  7. UB HS Hildesheim III, Nr. 1332.
  8. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,2,1, S. 769 ff.
  9. Heimat-Verein Oberg (2000), S. 126 f.
  10. Bertram, Bistum Hildesheim II, S. 304.
  11. Heimat-Verein Oberg (2000), S. 132 f.
  12. Jürgens u. a., KD Kr. Peine, S. 117.
  13. Dürr, Politische Kultur, S. 171.
  14. Heimat-Verein Oberg (2000), S. 134 f.
  15. Heimat-Verein Oberg (2000), S. 144 f.
  16. Heimat-Verein Oberg (2000), S. 161 ff.
  17. LkAH, L 5h, unverz., Oberg, Visitation 1948.
  18. Sievers, S. 66 ff.
  19. KABl. 2004, S. 121 f.
  20. Reller, Kirchenverfassung, S. 219.
  21. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  22. KABl. 1965, S. 258.
  23. KABl. 1998, S. 212.