Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Peine | Patrozinium: Michael (seit 2001) | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Der Ort Schwicheldt wird erstmals in einer Urkunde Bf. Bernhards von Hildesheim für das Kloster Backenrode (später Marienrode) aus dem Jahre 1131 als Shvegelten1 genannt. Das Dorf gehörte zur Kleinen Grafschaft, die die Grafen von Roden seit dem 12. Jh. als Lehen der Bf. von Hildesheim besaßen und die Konrad III. von Roden 1236 an Bf. Konrad II. von Hildesheim verkaufte. Schwicheldt war später Teil des Amtes Peine des Hochstifts Hildesheim. Nach den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses fielen die stiftshildesheimischen Gebiete 1803 an Preußen. Von 1807 bis 1813 war Schwicheldt Hauptort des gleichnamigen Kantons im Distrikt Hildesheim des Departements Oker im Kgr. Westphalen. Danach kam der Ort mit dem Amt Peine an das Kgr. Hannover, war von 1852 bis 1859 Teil des kurzlebigen Amtes Hohenhameln, das dann wieder im Amt Peine aufging, und wurde nach der Annexion Hannovers 1866 erneut preußisch. Seit 1885 zählte Schwicheldt zum neugegründeten Lkr. Peine und wurde 1974 in die Stadt Peine eingemeindet. Das Dorf hatte 1664 gut 220 Einwohner, 1803 und 1905 jeweils gut 600, nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 1.360 und 2017 gut 1.300. Länger als das benachbarte Rosenthal blieb Schwicheldt landwirtschaftlich geprägt.

Kirche, Ansicht von Südwesten

Kirche, Ansicht von Südwesten

Im Gegensatz zur großen Mehrheit der KG existiert für Schwicheldt eine Urkunde, die über die konkrete Entstehung der Ortskirche Auskunft gibt: Theoderich, Abt des Godehardiklosters in Hildesheim, ließ sie errichten und kurz darauf, im Jahre 1185, verlieh Bf. Adelog von Hildesheim der neuen Kirche Pfarrechte.2 Das Godehardikloster besaß Land in Schwicheldt, bis 1185 war vermutlich die Kirche in Solschen für den Ort zuständig gewesen. Der erste namentlich bekannte Geistliche in Schwicheldt war der 1215 in der Zeugenliste einer bischöflichen Urkunde genannte Eckehardus sacerdos de Swelethe.3 Die Kirche besitzt eine Glocke aus dem Jahr 1404, die zu den ältesten in Niedersachsen zählt und „der kostbarste Schatz der Kirche zu Schwicheldt“4 sei, wie der Glockenrevisor 1953 anmerkte. In Folge der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) musste Bf. Johannes IV. das Amt Peine 1526 an die Stadt Hildesheim verpfänden. Als der Schmalkaldische Bund 1542 den braunschweigischen Hzg. Heinrich den Jüngeren verdrängt hatte, nahm der Rat der Stadt Hildesheim unter dem Schutz des Bundes das prot. Bekenntnis an und damit wurde auch Schwicheldt luth. Von 1556 bis 1603 war das Amt Peine im Pfandbesitz des Hzg. Adolf von Schleswig, der 1561 eine Kirchenordnunge in baiden gerichten, Steurwoldt und Peine erließ.5 Erst aus dieser Zeit ist für Schwicheldt der Name eines luth. Pfarrer überliefert, P. Joachim Hillebrecht, der vor 1568 in Schwicheldt wirkte. 1603 konnte der Hildesheimer Bf. das Amt Peine wieder einlösen, musste dabei jedoch der Bedingung zustimmen, den Lutheranern ihre freie Religionsausübung zu lassen. Schwicheldt war also ein luth. Dorf unter einem kath. Landesherrn, im 16. und 17. Jh. beanspruchte Braunschweig-Wolfenbüttel allerdings die geistliche Jurisdiktion über die luth. Gemeinden.6 Während des Dreißigjährigen Krieges unternahm der Bf. von Hildesheim – entgegen seiner Zusage – seit 1628 einen Versuch, das Amt Peine zu rekatholisieren. Schon einige Jahre zuvor hatte der Abt des Godehardiklosters, Patron der Kirche in Schwicheldt, versucht, den Mönch David als neuen Pfarrer des Dorfes zu installieren, war jedoch gescheitert (1622).7 Die gegenreformatorischen Bemühungen des Bf. fanden 1633 ein Ende, als Truppen des Hzg. Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel die Stadt Peine eroberten. Auch nach der Restitution des Stiftes 1643 blieben die Dörfer des Amtes luth. Die Kirchenbücher in Schwicheldt beginnen 1681.
1837 ersuchte die Gemeinde das Konsistorium um die Erlaubnis, eine neue Kirche zu bauen und erhielt sie nach anfänglicher Ablehnung schließlich 1838. Einen Teil der Baukosten (500 Taler) übernahm Hilmar Graf von Oberg, Besitzer des Gutshofes in Schwicheldt, einen weiteren Teil brachte die Gemeinde auf, indem sie zunächst auf die Wiederbesetzung der seit 1837 vakanten Pfarrstelle verzichtete und außerdem das daher leerstehende Pfarrhaus für sechs Jahre verpachtete.8 Die Pläne für den Neubau entwarf Architekt Müller aus Braunschweig, der mittelalterliche Turm blieb erhalten. Das im September 1843 eingeweihte Kirchenschiff ist ein „seltener Sakralbau des romantischen Historismus“9, die Gesamtkosten beliefen sich auf gut 6.700 Taler, hinzu kamen die Kosten für die Turmreparatur.10
Zwischen 1927 und 1938 war die Pfarrstelle erneut vakant und P. Friedrich Wasserfall (amt. 1938-1951) urteilte 1947, dass die zurückgegangene Kirchlichkeit des Ortes „z.T. auf den Krieg, z.T. auf den Zeitgeist (Partei), z.T. aber auch auf die Abwesenheit des Geistlichen zurückzuführen“11 sei. Seit 1962 war der Pfarrer von Schwicheldt auch für Rosenthal zuständig und im Juli 1976 wurde Schwicheldt mit Berkum, Rosenthal und Handorf (Peine) in einem Pfarramt mit zwei Pfarrstellen verbunden. Entgegen dem Wunsch der Gemeinde wurde jedoch Rosenthal und nicht Schwicheldt Hauptort des Zusammenschlusses.12 Die Verbindung der vier Gemeinden wurde 1999 aufgehoben, gleichzeitig wurden die KG Schwicheldt und Rosenthal pfarramtlich verbunden.13 Das ehemalige Pfarrhaus ließ die KG im gleichen Jahr zum Gemeindehaus umbauen. Die Kirche in Schwicheldt erhielt im September 2001 den Namen des Erzengels Michael. Seit Januar 2007 sind die Gemeinden Berkum, Rosenthal und Handorf (Peine) wieder pfarramtlich verbunden14, im Juni 2013 gründete sich der Kirchengemeindeverband Berkum-Handorf-Rosenthal-Schwicheldt, kurz KGV BeHaRoSch.15 Die vier Gemeinden teilen sich heute eine Pfarrstelle.

Umfang

Das Dorf Schwicheldt.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Groß Solchen der Diözese Hildesheim. – Seit 1561 Insp. Peine, zeitweise ohne Sup. 1652 wurde die kurzlebige Suptur. Vöhrum eingerichtet, zu der Schwicheldt gehörte.16 Später unterstand S. dem Geistlichen Ministerium des Amtes Peine, dem jeweils ein Pastor des Bezirks, der Senior, vorstand17, erst nach Aufhebung des Hochstifts Hildesheim (1803) wurde die Insp. Peine wieder eingerichtet. Mit Teilung der Insp. Peine 1831 zur Insp. (1924: KK) Groß Solschen, 1. Oktober 1965 umbenannt in KK Ölsburg.18 Dieser ging zum 1. Januar 1999 im KK Peine auf.19

Patronat

Das Godehardikloster in Hildesheim. Nach dessen Auflösung 1803 der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau
Kanzelaltar

Kanzelaltar

Neugotisches Kirchenschiff, erbaut 1842-43: massiver rechteckiger Putzbau mit geradem Chorschluss im Osten, an der Südseite Mittelrisalit mit Treppengiebel, Rundfenster und spitzbogigem Hauptportal; schmale, spitzbogige Fenster an Längsseiten, hohe Spitzbogenblende mit Tür und Rundfenster in Ostwand; Lisenen und Fialen betonen die Gebäudeecken; Satteldach, im Osten abgewalmt. Der Innenraum durch schlanke Kreuzpfeiler dreischiffig gegliedert, Decke über Seitenschiffen flach, über Mittelschiff flache Spitztonne mit Gurtbögen; Seitenschiffe im Osten als Nebenräume abgeteilt, dadurch rechteckige Chornische in Breite des Mittelschiffs; Emporen im Westen (Orgel) und in den Seitenschiffen; Ausmalung 1906: Rankenfriese, dunkles Teppichmuster an Ostwand (Wilhelm Sievers, Hannover). 1970/71 Renovierung. 2012 Außensanierung.

Turm

Mittelalterlicher Westturm aus Bruchsteinen mit querrechteckigem Grundriss, bis zur Höhe der Dachtraufe des Schiffs romanisch, eventuell noch Teil der ersten Kirche von 1185 oder erste Hälfte 14. Jh.; gotisches Glockengeschoss mit sechs gekuppelten, spitzbogigen Schallöffnungen um 1500; schiefergedeckter Turmhelm mit flachem Ansatz und hoher, achteckig ausgezogener Spitze, laut Bauinschrift von 1648, mit vier Uhrgauben und Auslegestuhl für Uhrschlagglocke nach Süden. An Südseite 1843 hohe Spitzbogenblende mit Tür und Rundfenster eingearbeitet

Ausstattung

Kanzelaltar von 1843, getreppte Altarwand mit fünf Blendarkaden, in der großen mittleren ein Auferstehungsbild (Richard Schlösser, 1906), darüber fünfseitiger Kanzelkorb. – Holztaufe, kannelierter Schaft mit tulpenförmigem Blattkapitell (Mitte 19. Jh.). – Gedenktafel Reformationsfest 1817 an nördlicher Emporenbrüstung.

Kirche, Blick zur Orgel, 1977

Kirche, Blick zur Orgel, 1977

Orgel

Etwa von 1810 bis 1860 stand in Schwicheldt ein Positiv (6 I/–, gebaut wohl von Johann Matthias Naumann, erstes Viertel 18. Jh.) aus der St. Annenkapelle in Hildesheim.20 Neubau 1843 von Ernst Lindrum (Goslar), 12 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Erweiterung durch Heinrich Schaper 1873 auf 16 II/P. Einbau eines neuen, erweiterten Pedalwerks 1932 durch die Gebrüder Dutkowski (Opus 4), 19 II/P (davon eine Transmission), mechanische Traktur, Schleifladen, Pedal: pneumatische Traktur, Kegellade. Instandsetzung 1970/71 durch die Firma Schmidt und Thiemann (Hannover), Kegellade des Pedalwerks entfernt21, 17 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Drei LG, I: fis’ (Bronze, Gj. 1964, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg; gestiftet von Martha Schrader) ; II: a’ (Bronze, Gj. 1404); III: h’ (Bronze, Gj. 1966, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg; gestiftet von Martha Schrader). Eine SG h’’ (Bronze, Gj. 1696, Heinrich Lampen, Hildesheim). – Früherer Bestand: Eine LG (Stahl, Gj. 1922, Firma Weule, Bockenem), vermutlich Ersatz für eine im Ersten Weltkrieg abgegebene Bronzeglocke, heute in der Glockenstube aufgestellt.

Weitere kirchliche Gebäude

Gemeindehaus (Bj. 1804, zweigeschossiger Fachwerkbau mit Bruchsteinsockel und Satteldach, ehemaliges Pfarrhaus).

Friedhof

Nordöstlich des alten Ortskerns, im Eigentum der KG, FKap (Bj. 1964, Massivbau mit Klinkersockel und Satteldach, gestiftet von Martha Schrader, 1997 saniert).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 6 Nr. 7480-7486 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 2086-2090 (Visitationen); D 21 (EphA Ölsburg/Groß Solschen); D 97 (EphA Peine); E 5 Nr. 962 (Konsistorialbaumeister); S 11a Nr. 7411 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Ahrens, KK Ölsburg, S. 7-26 und 94; Boetticher, Ortsverzeichnis Lkr. Peine, S. 203-206; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 1192 f.; Jürgens u. a., KD Kr. Peine, S. 172-176; Meyer, Pastoren II, S. 361; Pape, Orgeln Kr. Peine, S. 51 f.; Pape, Schaper, S. 226 f.
B: Herbert Brakebusch: Geschichte des Dorfes Berkum (Berkem), Kr. Peine, Braunschweig 1914; Heinrich Munk, Der Neubau der Schwicheldter Kirche 1842-1843. Ein Gotteshaus für 6755 Taler, 18 Groschen und 4 Pfennige, in: Peiner Heimatkalender 27 (1997), S. 129-134.


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 195.
  2. UB HS Hildesheim I, Nr. 436.
  3. UB HS Hildesheim I, Nr. 678.
  4. LkAH, L 5h, unverz., Schwicheldt, Visitation 1953.
  5. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,2,1, S. 769 ff.
  6. Bertram, Bistum Hildesheim II, S. 304.
  7. Brakebusch, S. 14.
  8. Munk, S. 131.
  9. Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 1192.
  10. Munk, S. 133.
  11. LkAH, S 1 H III Nr. 315 Bl. 33.
  12. KABl. 1976, S. 118 f.; vgl. auch LkAH, L 5h, unverz., Schwicheldt, Visitation 1971.
  13. KABl. 1999, S. 200.
  14. KABl. 2006, S. 150.
  15. KABl. 2013, S. 114 f.
  16. Evangelischer Kirchenstaat, S. 126.
  17. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  18. KABl. 1965, S. 258.
  19. KABl. 1998, S. 212.
  20. Pape, Orgeln Kr. Peine, S. 52.
  21. LkAH, L 5h, unverz., Schwicheldt, Visitation 1971.