Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Alfeld | Patrozinium: – | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Das Dorf an der Landstraße von Lamspringe nach Harbarnsen wird schriftlich erstmals 1172 als Grashurst erwähnt.1 Als mittelalterliche Grundbesitzer lassen sich u. a. das Kloster Lamspringe, die Herren von Wrisberg, von Stöckheim und von Steinberg nachweisen.2 Graste gehörte zum Amt Winzenburg des Hochstifts Hildesheim. Nach Ende der Hildesheimer Stiftsfehde fielen Dorf und Amt an das welfische Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel und kehrten erst 1643 unter hildesheimische Herrschaft zurück. Nach den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses kam das Gebiet des Hildesheimer Hochstifts 1803 an Preußen. In der Zeit des französischen Satellitenkgr. Westphalen (1807–1813) zählte Graste zum Kanton Lamspringe im Distrikt Goslar des Departements Oker. 1815 kam der Ort, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Winzenburg, das 1828 in das Amt Bilderlahe eingegliedert wurde, das wiederum 1852 den Namen Amt Lamspringe erhielt und 1859 im Amt Alfeld aufging. Nach der Annexion von 1866 wieder preußisch kam Graste 1885 zum neuen Lkr. Alfeld (1977 weitgehend in Lkr. Hildesheim eingegliedert). Seit 1974 ist Graste Ortsteil der Gemeinde Woltershausen (ab 1965 Teil der Samtgemeinde und seit 2016 der Einheitsgemeinde Lamspringe). Noch in den 1950er Jahren lässt sich Graste als Bauerndorf beschreiben.3 Anfang des 18. Jh. hatte der Ort gut 70 Einwohner, 1809 gut 200, 1925 knapp 320 und 2014 knapp 250.

Kirche, Ansicht von Nordwesten, um 1960

Kirche, Ansicht von Nordwesten, um 1960

Der älteste schriftliche Beleg für die Existenz des Dorfes Graste ist gleichzeitig auch der älteste Beleg für die örtliche Kirche: 1172 erscheint Walterus sacerdos de Grashurst in der Zeugenliste einer in Lamspringe ausgestellten Urkunde.4 Die mittelalterlichen Quellen nennen die Graster Kirche mitunter Kapelle; beispielsweise sind unter den Besitzungen, Rechten und Privilegien, die der Hildesheimer Bf. Adelog dem Kloster Lamspringe 1178 bestätigte, auch die Archidiakonatsrechte über die Kapellen in Graste und Ilde erwähnt (bannum […] super capellas Grasthorp et Illete).5 Das Kloster hatte auch das Patronat über die Kirche. An mittelalterlichen Pfarrern lassen sich der Kleriker Bodo aus Drispenstedt nachweisen, der ab 1305 den altersschwachen (namentlich nicht genannten) Priester in Graste unterstützen sollte6 sowie 1436 Johann Hagen, dem der Propst und Archidiakon des Klosters Lamspringe die Pfarre übertragen hatte.7

Kirche, Ansicht von Südosten, 1929

Kirche, Ansicht von Südosten, 1929

Eine erste Einführung der Reformation erlebte Graste, nachdem die Truppen des Schmalkaldischen Bundes 1542 Hzg. Heinrich den Jüngeren aus Braunschweig-Wolfenbüttel vertrieben hatten. Kfs. Johann Friedrich von Sachsen und Lgf. Philipp von Hessen setzten eine Statthalterregierung ein, die in dem besetzten Fsm. den luth. Glauben einführen sollte. Johannes Bugenhagen, Martin Görlitz und Antonius Corvinus visitierten 1542 die Gemeinden des Fsm., um die einzelnen Pfarrer zu begutachten; 1543 erschien die Christlike kerken-ordening im lande Brunschwig, Wulffenbüttels deles, die Corvinus und Görlitz verfasst hatten; 1544 fand eine weitere Generalvisitation statt.8 Seinerzeit hatten Graste und das dazugehörige Netze mit P. Tile Kipp (amt. 1542, 1544) einen eigenen Geistlichen.9 1547 kehrte der kath. Hzg. Heinrich der Jüngere zurück und suchte, sein Fsm. zu rekatholisieren. Heinrichs Sohn und Nachfolger Hzg. Julius wiederum, der 1568 die Regierung übernahm, führte im gleichen Jahr erneut die luth. Lehre im Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel ein, ließ die Gemeinden wieder visitieren und erließ 1569 die später sogenannte Calenberger Kirchenordnung.10 Nach den Protokollen der Visitation 1568 war P. Bartold Berven, der Pfarrer von Woltershausen, Irmenseul und Harbarnsen auch für die „pfarr Grasden genannt, filial Natzen“ zuständig.11 Da das Einkommen des Pfarrers jedoch sehr gering war, kam Graste mit der Filialgemeinde Netze vor 1578 als mater combinata zu Lamspringe („alse aber die reditus etwas geringe, ist es alse eine filia zu der Pfarre zum Lambspring verordnet“).12 Diese pfarramtliche Verbindung besteht bis heute. Auch nach der Rückkehr unter hildesheimische Herrschaft blieb Graste luth., war also ein prot. Dorf mit einem kath. Landesherrn.

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juli 1957

Kirchenraum Graste, Juli 1957

Ein Schulmeister in Graste ist erstmals 1674 erwähnt, Schulneubauten lassen sich 1750 und 1846 belegen.13 Die Kirchenbücher gehen bis in das Jahr 1682 bzw. 1658 (Beerdigungen) zurück. Im Jahr 1723 erhielt der Ort ein neues Kirchengebäude. P. Johann Christian Greve (amt. 1707–1753) hatte bereits 1721 in Netze eine neue Kapelle bauen lassen. Konsistorialbaumeister Conrad Wilhelm Hase (1818–1902) gestaltete die Graster Kirche 1864 neugotisch um. Bei der KV-Wahl 1933 setzten sich sowohl in Lamspringe als auch in Graste die DC durch; P. Karl Scheinhardt (amt. 1932–1953) stellte anläßlich der Visitation 1935 fest: „Die Kirchenvorsteher sind in beiden Gemeinden ordentliche Leute, lassen sich aber in ihrem Amt […] mehr von außerkirchlichen, säkularen als von biblischen und kirchlichen Gesichtspunkten leiten.“14
Zum 1. Januar 2008 löste sich die KapG Netze auf; Rechtsnachfolgerin ist die KG Graste, die kurz darauf den Namen KG Graste-Netze erhielt.15 Seit 2011 ist die Gemeinde Graste-Netze pfarramtlich verbunden mit den KG Adenstedt-Wrisbergholzen, Almstedt, Lamspringe, Möllensen, Neuhof, Petze, Sibbesse und Woltershausen. Die Gemeinden Neuhof, Graste-Netze und Lamspringe teilen sich eine Pfarrstelle.16

Umfang

Die Dörfer Graste und Netze (bis 2008 KapG).

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Lamspringe der Diözese Hildesheim. – Um 1542/44 zur Insp. Alfeld, 1569 zur Insp. Lamspringe/Groß Freden.17 Ab 1651/52 Spezialinsp. des GSup. Alfeld (Insp. Alfeld). 1829 zur kurzlebigen Insp. Wrisbergholzen, ab etwa 1834 Insp. Bockenem. 1869 zur neu gebildeten Insp. Breinum, die bis 1872 von Alfeld aus verwaltet und dann nach dem neuen Sitz der Suptur. in Insp. Wrisbergholzen umbenannt wurde. KK ab 1925 unter Verwaltung des Bockenemer Sup., 1927 Suptur. mit Pfarrstelle Sehlem verbunden, ab 1936 von Alfeld verwaltet, 1941 mit KK Alfeld vereinigt.18 Mit Zusammenschluss des KK Alfeld und des KK Hildesheimer Land seit 1. Januar 2011 zum KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Alfeld.19

Patronat

Das Kloster Lamspringe (bis 1803)20, dann der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, Lithographie: August Curtze, Hannover, 1875

Kirche, Grundriss, Lithographie: August Curtze, Hannover, 1875

Saalkirche aus grauem Bruchstein der Graster Feldmark mit dreiseitigem Chorschluss, Neubau 1723 (Inschrift). Satteldach, über dem Chor abgewalmt; hohe, spitzbogige Fenster (1864), Sakristeianbau im Süden (1864). Im Innern hohe, rundbogige Holztonne, Westempore. 1864 neugotischer Umbau nach Entwürfen Conrad Wilhelm Hases (Eingang nach Westen verlegt, Sakristei errichtet, neue Fenster, neue Decke, u-förmige Empore). Renovierung Innenraum 1960er Jahre (Empore zu Westempore verkleinert).

Turm

Viereckiger Westturm, noch mittelalterlich, mit verschiefertem Turmhelm, um 1900 (achteckiges Glockengeschoss, geschweifte Haube), Auslegestuhl für Uhrschlagglocke nach Nordwesten, Uhrziffernblätter nach Westen und Osten, bekrönt mit Kugel und Wetterhahn. Spitzbogiges, neugotisches Eingangsportal im Westen (1864). Turm und Kirchenschiff ebenerdig durch rundbogige Öffnung und auf Höhe der Empore durch spitzbogige Öffnung verbunden, Orgel seit 1864 im Turm. 1905 Turmuhr von Weule (Bockenem). Turmsanierung 1978.

Ausstattung

Steinerner Altar mit rechteckigem, hölzernem Aufsatz (um 1864), darauf Darstellungen von Aaron, Isaak, Abel und Melchisedek (Maler: Michael Welter, Köln); darüber Kruzifix (Bildhauer: Carl Rangenier, Hannover). – Hölzerne Kanzel links im Altarraum. – Taufengel (um 1750), lag 1929 beschädigt in Uhrkammer; Torso 1985 bei Turmentrümpelung entdeckt, 2010/11 restauriert und seit 2012 wieder in der Kirche.

Kirche, Blick zur Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juli 1957

Kirchenraum Graste, Juli 1957

Orgel

Um 1750 Neubau von Johann Georg oder Johann Conrad Müller, 9 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen.21 1864 in Kirchturm versetzt. 1865 Erweiterung um ein selbständiges Pedal, Heinrich Schaper (Hildesheim) zu 11 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1889 Reparatur und Änderung der Disposition durch August Schaper (Hildesheim), 12 I/P. 1917 Ausbau der Prospektpfeifen und Abgabe zu Kriegszwecken, ersetzt mit Zinkpfeifen. In den 1960er Jahren Erneuerung der Prospektpfeifen durch Firma Paul Ott (Göttinngen). Der Orgelsachverständige urteilte 1969: Reparatur „wird sich kaum noch lohnen“22. Nach Einschätzung des Orgelsachverständigen von 1976: „sehr wertvolle Denkmalorgel“.23 1986/87 Restaurierung, ausgeführt von Martin Haspelmath (Walsrode), 12 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Zwei LG, I: fis’, Inschrift u. a.: „Wie einst Posaunen Hall zum Opfern rief zum Hören – so rufet ietzt mein Schall, zu hören Jesu Lehren. Komt Evangelische, mit andacht-vollem Geist und hört aus Gottes Wort, was Christus Euch verheist“ (Bronze, Gj. 1798, Christoph August Becker, Hildesheim);24 II: Bild: Graster Wappen (Bronze, Gj. 2013, Firma Bachert, Karlsruhe). – Eine SG es’’ (Bronze). – Früherer Bestand: Große Glocke (Bronze, Gj. 1654). Spätere große Glocke, Inschrift: „Mein Schall soll vor die Ohren klingen, des Wortes Schall tief ins Herze dringen. Gott verleih, so oft ich klinge, dass ich viel zur Kirche bringe“ (Bronze, Gj. 1793, Christoph August Becker, Hildesheim), im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben.25 Als Ersatz eine LG g’ (Eisen, Gj. 1921, Weule, Bockenem), 2013 ersetzt mit heutiger LG II.

Kapelle in Netze.

Friedhof

Am westlichen Ortsrand. Ursprünglich kirchlicher Friedhof, seit 1973 in Trägerschaft der politischen Gemeinde Lamspringe. FKap.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 6735–6742 (Pfarroffizialsachen); D 43 (EphA Alfeld).

Literatur

A: Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 245 Nr. 23; Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 566–569; Kiecker/Graff, KD Kr. Alfeld, S. 150–153; Meyer, Pastoren I, S. 347; Mahr, Orgelbauer Müller, S. 272–278; Pape, Haspelmath, S. 184–186.

GND

10132954-4, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde (Graste-Netze).


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 358.
  2. Kiecker/Graff, KD Kr. Alfeld, S. 151.
  3. LkAH, L 5h, unverz., Lamspringe, Visitation 1950.
  4. UB HS Hildesheim I, Nr. 358.
  5. UB HS Hildesheim I, Nr. 387; Dolle, Klosterbuch II, S. 904.
  6. NLA HA Hild. Or. 2 Lamspringe Nr. 91 (http://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v1609488), UB HS Hildesheim III, Nr. 1518.
  7. NLA HA Hild. Or. 2 Lamspringe Nr. 161 ( http://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v1609520); Lüntzel, Ältere Diöcese Hildesheim, S. 273.
  8. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 4 und 22 ff.; Butt, Herrschaft, S. 42 ff.
  9. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 220.
  10. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 5 und 83 ff.
  11. Spanuth, Quellen, S. 276.
  12. Junker, Winzenburger Erbregister, S. 364. Obwohl Graste den Status einer mater combinata hatte, wird es in den Quellen mehrfach als filia bezeichnet, vgl. auch Evangelischer Kirchenstaat, S. 61.
  13. Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 569.
  14. LkAH, A 9 Nr. 1345 (Visitation 1935).
  15. KABl. 2007, S. 247.
  16. KABl. 2011, S. 64.
  17. Reller, Kirchenverfassung, S. 112, 169 f. und 226.
  18. KABl. 1941, S. 44.
  19. KABl. 2011, S. 70 ff.
  20. Ahlhaus, Patronat, S. 22.
  21. Mahr, Orgelbauer Müller, S. 272 ff.
  22. LkAH, L 5h, Lamspringe, Visitation 1969.
  23. LkAH, L 5h, Lamspringe, Visitation 1976.
  24. Drömann, Glocken Lkr. Hildesheim, S. 85; Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 568.
  25. Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 568.