Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Elze | Patrozinium: Michael | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Der Ort Gerzen (heute Ortsteil von Alfeld) wird vermutlich in den Traditionen des Klosters Corvey zu den Jahren 826/876 als Gherdegheshusi erstmals schriftlich erwähnt.1 Die mittelalterlichen Besitzverhältnisse in Gerzen sind nicht mit Sicherheit zu beschreiben. Als Lehen des Klosters Corvey hatten zunächst möglicherweise die Herren von Hohenbüchen Besitz in Gerzen, später die Herren von Homburg. In der zweiten Hälfte des 14. Jh. erscheint das Reichsstift Gandersheim als Lehnsherr: Siegfried von Homburg erhielt 1360 von Äbtissin Lutgard III. von Gandersheim Gherdessen totam villam zu Lehen.2 Die Homburger Lehen verlieh Äbtissin Sophia III. von Gandersheim 1409 an Herzog Heinrich von Braunschweig-Lüneburg und seinen Sohn Wilhelm.3 Ein Jahrzehnt zuvor allerdings soll 1399 auch Ritter Heinrich von Steinberg (Linie Wispenstein) sowohl Dorf als auch Pfarre Gerzen zu Lehen erhalten haben, allerdings von Bf. Johann III. von Hildesheim.4 Landbesitz und grundherrliche Rechte konzentrierten sich schließlich bei den Herren von Steinberg auf Wispenstein: Gerzen zählte zum Gericht Wispenstein, in dem die Steinberger zeitweise sowohl die Nieder- als auch die Kriminalgerichtsbarkeit inne hatten (Patrimonialgericht). Das Gericht Wispenstein lag im Gebiet des Amtes Winzenburg des Hochstifts Hildesheim. Nach Ende der Hildesheimer Stiftsfehde (1519–1523) fiel das Amt an das welfische Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel; mit der Restitution des Großen Stiftes kehrte das Amt 1643 zurück unter hildesheimische Herrschaft. Nach den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses kam das Gebiet des Hochstifts 1803 an Preußen. In der napoleonischen Zeit gehörte Gerzen von 1807 bis 1813 zum Kanton Delligsen im Distrikt Einbeck des Departements Leine im Kgr. Westphalen. Das Patrimonialgericht Brüggen-Wispenstein wurde Anfang der 1830er Jahre aufgehoben, und Gerzen kam zum Amt Bilderlahe im Kgr. Hannover. Dieses Amt ging 1836 im neuen Amt Alfeld auf. Seit der Annexion von 1866 wieder preußisch, kam Gerzen 1885 zum neuen Lkr. Alfeld (1977 größtenteils in Lkr. Hildesheim eingegliedert). 1974 wurde Gerzen in die Stadt Alfeld eingemeindet. Bis ins 19. Jh. war Gerzen überwiegend landwirtschaftlich geprägt. Die Kolonie Buchenbrink, die der 1899 gegründete Gemeinnützige Bauverein Alfeld in den Jahren 1900 bis 1906 errichten ließ, beschleunigte die Entwicklung des Dorfes hin zu einem Wohn- und Pendlerort. Anfang der 1930er Jahre kam die Humbergsiedlung hinzu.5 Kurz nach Gründung des Kirchspiels formulierte der Ortspfarrer 1961: es „dominieren Fabrikarbeiter und Angestellte, dazu einige kleinere Geschäfte und Handwerksbetriebe“.6 1810 hatte Gerzen gut 250 Einwohner, 1903 knapp 420 und 1906 bereits knapp 700.7 Im Jahr 2003 lag die Bevölkerungszahl bei gut 1.200 und 2017 bei gut 1.000.

Kirche, Ansicht von Südwesten, um 1960

Kirche, Ansicht von Südwesten, um 1960

Zur vorref. Kirchengeschichte Gerzens ist wenig bekannt. 1385 bezeichnete sich Ernst Zalderman, Vikar des Hildesheimer Moritzstifts als „Perner to Gherdessen by Alvelde“8 und seit 1399 hatten anscheinend die Herren von Steinberg aus Wispenstein das Patronat über die Gerzer Kirche inne.9 Im Gebiet um Gerzen, im Amt Winzenburg, wurde erstmals 1542 die Reformation eingeführt: Nachdem die Truppen des Schmalkaldischen Bundes Hzg. Heinrich den Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel vertrieben hatten, setzten Lgf. Philipp von Hessen und Kfs. Johann Friedrich von Sachsen eine Statthalterregierung ein, die in dem besetzten Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel die Reformation durchsetzen sollte. Johannes Bugenhagen, Martin Görlitz und Antonius Corvinus visitierten im gleichen Jahr die Gemeinden des Fsm., um die einzelnen Pfarrer zu begutachten; 1543 erschien die Christlike kerken-ordening im lande Brunschwig, Wulffenbüttels deles, die Corvinus und Görlitz verfasst hatten; 1544 fand eine weitere Generalvisitation statt.10 Im Abschnitt des Visitationsberichts von 1542 über „Der Jungkern Pfarr und lehn im gericht Wintzenburgk“11 ist Gerzen allerdings nicht erwähnt. 1547 konnte der kath. Hzg. Heinrich der Jüngere zurückkehren und suchte sein Fsm. zu rekatholisieren. Heinrichs Sohn und Nachfolger Hzg. Julius, der 1568 die Regierung übernahm, führte im gleichen Jahr erneut die luth. Lehre im Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel ein, ließ die Gemeinden wiederum visitieren und erließ 1569 die später sogenannte Calenberger Kirchenordnung.12 In den Protokollen zur Visitation 1568 erscheint Gerzen als Filialgemeinde von Föhrste. P. Conradus Weitram (amt. 1542–1576) war mit Röllinghausen überdies für eine dritte Gemeinde zuständig. Das Urteil der Visitatoren über den Pfarrer fiel verhalten positiv aus: der Greis sei nicht schlecht, vielmehr erträglich (Senex non malus, sed tollerabilis).13 Gerzen hatte bis in die zweite Hälfte des 20. Jh. hinein keinen eigenen Pfarrer, sondern blieb zusammen mit der KapG Warzen pfarramtlich mit Föhrste verbunden (mater combinata). Seit der Restitution des Großen Stifts 1643 hatte das luth. Gerzen mit dem Bf. von Hildesheim bis 1803 einen kath. Landesherrn. 1768 ließ die Gemeinde das heutige Kirchengebäude errichten, 1855 eine neue Orgel anschaffen und 1889 zwei neue Glocken. Pläne, die pfarramtliche Zugehörigkeit angesichts der seit 1900 stark angewachsenen Bevölkerung Gerzens (Kolonie Buchenbrink) neu zu ordnen (KapG Warzen nach Limmer umpfarren) oder die Kirche in Gerzen zu vergrößern, wurden nicht verwirklicht.14

Kirche, Blick zum Altar, um 1960

Kirche, Blick zum Altar, um 1960

Veränderungen brachte erst die zweite Hälfte des 20. Jh.: 1958 beschrieb Rudolf Detering, LSup. des Sprengels Hildesheim-Harz, die Situation folgendermaßen: „Gerzen und Warzen entwickeln sich zusehends zu Vororten von Alfeld und zu einem eigenen Leben. Die Beziehungen zu Föhrste werden lockerer. Die dazwischen liegende Bundesstraße 3 […] ist eher eine Trenn- als eine Verbindungslinie.“15 Im gleichen Jahr entschied sich der KV Gerzen zum Kauf eines Grundstücks, um ein Pfarrhaus zu errichten. Am 1. April 1960 löste das Landeskirchenamt die pfarramtliche Verbindung zwischen der KG Föhrste einerseits und der KG Gerzen mit der KapG Warzen andererseits. Gleichzeitig richtete es eine Pfarrstelle für Gerzen ein.16 Mit P. Ernst Schäffer (amt. 1961–1978) erhielt Gerzen erstmals einen eigenen Pfarrer. Die KapG Warzen erhob das Landeskirchenamt 1962 zur KG, sie blieb pfarramtlich jedoch mit Gerzen verbunden.17 Bei der ersten Visitation des neuen Kirchspiels („Stadtrandgemeinde“) blickte der Sup. 1961 recht zuversichtlich auf die Anfänge des Gemeindelebens und merkte an: „Bisher gab es in dieser Gemeinde weder Frauen- noch Männer- noch Jugendarbeit.“ 18 Bis zur Visitation 1968 blieben die Fortschritte an dieser Stelle nach Ansicht des Sup. jedoch gering. P. Schäffer schätzte „weite Kreise der hiesigen Einwohnerschaft“ seinerzeit als unkirchlich ein und merkte an, die Bevölkerung der Ortsteile Buchenbrink und Humbergsiedlung ginge „prinzipiell nicht zur Kirche, es sei denn aus ganz besonderem Anlaß (Volkstrauertrag, Amtshandlungen)“. Andererseits betonte der Ortspfarrer: „Doch tritt man nicht aus der Kirche aus.“19 In den 1970er Jahren nahm die Zahl der Gruppen und Kreise zu (u. a. Frauenbibelstunde, Posaunenchor, Gesprächskreis). 20
1996 vergrößerte sich der Pfarrverbund um die KG Hohenbüchen.21 Mit dem 1. Januar 2009 wurden die KG Gerzen und Hohenbüchen unter dem Namen „Ev.-luth. Kirchengemeinde Am Reuberg in Alfeld (Leine)“22 vereinigt.
Eine Partnerschaft bestand mit der sächsischen KG Bernsbach (KK Aue/Erzgebirge).

Umfang

Gerzen mit Kolonie Buchenbrink und Humberg-Siedlung, bis 1962 auch KapG Warzen (dann eigenständige KG, pfarramtlich verbunden mit KG Gerzen).23

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Alfeld der Diözese Hildesheim. – 1542 zur Suptur Alfeld, 1569 vermutlich Insp. Wrisbergholzen. Seit 1651/52 Insp. (1924: KK) Alfeld. Seit 1. Januar 2011 KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Alfeld.24

Patronat

Wohl seit 1399 die Herren von Steinberg.25 Zeitweise anscheinend Bf. von Hildesheim (laut Archidiakonatsverzeichnis).26 1568 wieder Herren von Steinberg genannt, die auch Patronatsherren in Föhrste waren.27 Als die Erben der Steinberger, die Freiherren von Cramm, 1958 u. a. auf die Patronate in „Garzen, Wehrzen“ [sic] verzichten wollten, teilte das Landeskirchenamt mit, dass die Kirchen „Gehrzen [sic] und Warzen nicht unter Patronat“ stünden.28

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1929

Kirche, Grundriss, 1929

Kleiner Rechteckbau mit eingezogenem Rechteckchor, erbaut 1768 (Bauinschrift). Verputztes Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung, im Osten abgewalmtes Satteldach, große Flachbogenfenster, Eingangsportal im Westen. Im Innern Voutendecke, u-förmige Empore. Renovierung 1896 (nach Blitzeinschlag), Dachsanierung 1961, Innenrenovierung 1965 und 1987. Grundlegende Sanierung 2010/11 (u. a. bislang steinsichtige Fassade verputzt, Dachstuhl saniert).

Turm

Westlicher Dachreiter, achteckig und verschiefert, mit geschweifter Haube, rechteckigen Schallöffnungen und Uhrziffernblättern; Turmuhr 1989 gestiftet. Turmsanierung 1961 und 2010/11.

Ausstattung

Schlichte Kanzelaltarwand mit seitlichen Durchgängen (1768, 1997 restauriert), Kanzel flankiert von zwei Säulen, über Gebälk Gemälde mit Kreuzigungsszene, von reicherem Schnitzwerk umgeben. – Taufe aus erzgebirgischem Schnitzwerk aus der Partnergemeinde Bernsbach. – Gobelin „Das letzte Abendmahl“ von Inge und Gerhard Zerull (im Altarraum, 1993). – Schnitzfigur Sankt Michael. – Zwei Grabsteine (18. Jh.), aufgestellt an Westfassade.

Orgel, vermutlich 1979

Orgel, vermutlich 1979

Orgel

Altes Instrument 1855 durch Neubau von Heinrich Schaper (Hildesheim) ersetzt, 7 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen (Schaper bot im ersten Kostenvoranschlag von 1854 an, drei Reg. der bisherigen Orgel zu übernehmen).29 1877 durch Blitzschlag beschädigt, repariert von Ph. Furtwängler & Söhne (Elze). Nach Blitzeinschlag 1896 Orgelneubau von Theodor Reinelt (Elze), 11 II/P, mechanische Traktur, Kegelladen. 1969 Neubau durch Firma Schmidt & Thiemann (Hannover) hinter historischem Prospekt von Reinelt, 7 ½ I/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Drei LG, I: fis’, Inschrift: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden“ (Bronze, Gj. 1989, Karlsruher Glockengießerei); II: cisʼʼ, Inschrift: „Bereite dem Herrn den Weg. Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Bronze, Gj. 1889, Johann Jacob Radler, Hildesheim30); III: eʼʼ, Inschrift: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“ (Bronze, Gj. 1989, Karlsruher Glockengießerei); das Vermächtnis des verstorbenen Gemeindeglieds Gisela Pröhl ermöglichte den Kauf der LG I und III. – Früherer Bestand: Zwei LG (Bronze) wurden 1889 verkauft, ersetzt durch heutige LG II und eine größere LG (Bronze, Gj. 1889, Johann Jacob Radler, Hildesheim), letztere im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1959/60, eingeschossiger Massivbau mit ausgebautem Dachgeschoss). – Gemeindehaus (Bj. 1964/65, eingeschossiger Massivbau mit ausgebautem Dachgeschoss, seit 2003 „St. Michaelis-Haus“).

Friedhof

Ehemaliger Friedhof bei der Kirche. 1884 neuer kirchlicher Friedhof angelegt, nordöstlich des historischen Ortskerns, 1927 und 1962 erweitert. FKap (Bj. 1963, Eigentum der Stadt Alfeld).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 3434–3439 (Pfarroffizialsachen); A 9 Nr. 722–725 (Visitationen Föhrste); D 43 (EphA Alfeld); S 11a Nr. 7690 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 325–329; Kiecker/Graff, KD Kr. Alfeld, S. 142–144; Pape, Schaper, S. 76 ff.
B: Gerzen. 854 bis 2004. Eine Chronik zur 1150 Jahrfeier, hrsg. vom Heimatverein Gerzen e. V., Gerzen 2004.


Fußnoten

  1. Mönchslisten I, § 240; Mönchslisten II, S. 207. Vgl. auch Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 70.
  2. Sudendorf, UB III, Nr. 113.
  3. NLA HA Celle Br. 45 Nr. 4, http://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v2471407.
  4. Behrens, Historische Beschreibung, S. 57.
  5. Gerzen, S. 27 ff. und 33 f.
  6. LkAH, L 5h, unverz., Gerzen, Visitation 1961.
  7. Gerzen, S. 21 f.
  8. UB HS Hildesheim VI, Nr. 709.
  9. Behrens, Historische Beschreibung, S. 57.
  10. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 4 und 22 ff.; Butt, Herrschaft, S. 42 ff.
  11. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 224.
  12. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 5 und 83 ff.
  13. Spanuth, Quellen, S. 277.
  14. Gerzen, S. 122.
  15. LkAH, B 2 K 1/Alfeld I, Bl. 60 (LSup. für Hildesheim-Harz an LKA, 24.2.1958).
  16. KABl. 1960, S. 60.
  17. KABl. 1962, S. 27.
  18. LkAH, L 5h, unverz., Gerzen, Visitation 1961.
  19. Beide Zitate: LkAH, L 5h, unverz., Gerzen, Visitation 1968. Anlässlich der Visitation 1961 hatte P. Schäffer ähnlich geurteilt, jedoch auch die seiner Ansicht nach ausschlaggebenden Gründe angeführt: „Weite Kreise der hiesigen Industriearbeiterschaft sind geprägt vom Marxismus alter Art und seiner antikirchlichen Tendenz“, LkAH, L 5h, unverz., Gerzen, Visitation 1961.
  20. LkAH, L 5h, unverz., Gerzen, Visitationen 1973, 1979.
  21. KABl. 1996, S. 125.
  22. KABl. 2008, S. 253 f.
  23. KABl. 1962, S. 27.
  24. KABl. 2011, S. 70 ff.
  25. Behrens, Historische Beschreibung, S. 57.
  26. Kleinau, Neuer Text, S. 89.
  27. Spanuth, Quellen, S. 277.
  28. LkAH, B 1 A Nr. 11161, Bl. 59 und Bl. 60.
  29. Pape, Schaper S. 76 ff., mit zwei Abb. von Prospektentwürfen von 1854.
  30. Drömann, Glocken Lkr. Hildesheim, S. 99.