Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Aurich | Patrozinium: Frieden (seit 1987)1 | KO: Ostfriesische KO von 1716

Orts- und Kirchengeschichte

Die Anlage der Moorsiedlung Wiesmoor begann im Jahr 1906.2 Der Ort war zunächst eine staatliche Hochmoordomäne (Gutsbezirk). Zum 1. Juni 1922 erhielt Wiesmoor, ebenso wie das 1914 gegründete Mullberg, den Status einer eigenständigen politischen Gemeinde im Kr. Wittmund. 1951 wurden Auricher Wiesmoor II, Friedeburger Wiesmoor, Mullberg sowie Wilhelmsfehn I und II nach Wiesmoor eingemeindet; die neue Großgemeinde kam zum Kr. Aurich. 1972 wurden auch Marcardsmoor, Voßbarg, Wiesederfehn und Zwischenbergen eingemeindet.3 Seit 2006 trägt die Gemeinde den Titel „Stadt“.4 Von zentraler wirtschaftlicher Bedeutung für Wiesmoor waren das Torfkraftwerk (Dampfturbinenkraftwerk, erbaut 1907–09, abgerissen 1965/66) sowie die 1925 eröffnete Gemüsegärtnerei, deren Gewächshäuser mit der Abwärme des Kraftwerks beheizt wurden. Im Jahr 1914 lebten gut 150 Menschen in Wiesmoor, 1939 etwa 905, 1949 fast 1.474, nach den Eingemeindungen von 1951 rund 4.925, nach denen von 1972 rund 9.725 und 2007 knapp 13.130.
Kirchlich waren zunächst die Geistlichen aus Marcardsmoor für die neue Moorsiedlung zuständig; seit 1914 hielt er monatlich einen Gottesdienst in der Schule Wiesmoor.5. Einen Teil des Gutsbezirks pfarrten Konsistorium und Regierung 1914 in die KG Marcardsmoor ein.6 Schon seit 1913 gab es in Wiesmoor für die „zumeist katholischen polnischen Gastarbeiter und [für die] Strafgefangenen“ eine kath. Lagerkirche (bis Anfang der 1930er Jahre).7
Da die Zahl der ev. Gemeindeglieder schnell wuchs – 1930 waren es etwa 1.150 – hatte das LKA im Jahr 1928 eine Pfarrkollaboratur für Wiesmoor eingerichtet, die P. Albert Karl Ahlers (amt. 1928–1968) übernahm. Nun fand an jedem Sonntag ein Gottesdienst in der Schule statt und die Gemeinde ließ eine Glocke gießen. Ein Jahr später begann der Bau der Kirche; Architekt Julius Berck (Papenburg) wollte einen Bau, der „neben dem Kraftwerk bestehen kann“.8 Am 21. April 1930 versammelte sich die Gemeinde zur Grundsteinlegung und am 30. November (erster Advent) weihte sie ihre neue Kirche ein. Zum 1. Januar 1931 errichtete das LKA Hannover die „Ev.-luth. KG Wiesmoor“ und wandelte die Pfarrkollaboratur in eine Pfarrstelle um.9 1933 vergrößerte sich die Gemeinde um Wiesederfehn.10 Nach der ersten Visitation der neuen Gemeinde notierte der Sup. Albrecht Siuts (amt. 1928–1946) in seinem Bericht: „Wenn sich in einer Gemeinde von 1900 Seelen durchschnittlich 40 Erwachsene am Gottesdienst beteiligen, so ist das doch tief bedauerlich“.11
Während der NS-Zeit gehörte P. Ahlers kirchenpolitisch von Mitte 1933 bis Ende 1936 zu den „Deutschen Christen der Berliner Richtung“, wie er im „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende“ angab.12 Der NSDAP sei er nicht beigetreten; von 1934 bis 1939 war er Ortgruppenamtswalter der NSV.13 In den Unterlagen zur Visitation 1935 schrieb P. Ahlers, die gerade angestellte NSV-Schwester arbeite eng mit dem Pfarramt zusammen und nehme „regen Anteil am kirchlichen und gottesdienstlichem Leben“.14 Über die 1933 neu gewählten Kirchenvorsteher notierte er im „Fragebogen“, der KV habe „stets nach kirchlichen Gesichtspunkten gehandelt. – Daher blieb er auch 1946 völlig unverändert.“15
Aufgrund des Zuzugs Geflüchteter und aufgrund des fortgesetzten Siedlungsbaus stieg die Zahl der Gemeindeglieder von 2.150 im Jahr 1939 auf etwa 3.000 im Jahr 1947 an.16 Die Trägerschaft der ehemaligen NSV-Schwesternstation übernahm nach Kriegsende die politische Gemeinde. Im Jahr 1946 gründete sich eine ev. Gemeindehilfe, 1949 ließ die Gemeinde neben dem Pfarrhaus einen Konfirmandensaal errichten. Insbesondere die 1946 angelegte Siedlung Hinrichsfehn ließ die KG Wiesmoor weiterwachsen: 1956 zählte sie rund 5.500 Gemeindeglieder. Neben dem sonntäglichen Gottesdienst in Wiesmoor hielt P. Ahlers einmal im Monat einen Gottesdienst in der 1949 eingerichteten Schule von Hinrichsfehn. In den Unterlagen zur Visitation 1956 betonte P. Ahlers, dass eine zweite Pfarrstelle nötig sei, um die Gemeinde angemessen versorgen zu können.17 In der Folgezeit waren wiederholt Hilfsgeistliche in Hinrichsfehn tätig. Überdies war die in Hermannsburg ausgebildete Erika Ahlers, Tochter von P. Ahlers, als Gemeindehelferin in der KG Wiesmoor angestellt (1954–1968). Die zweite Pfarrstelle richtete das LKA Hannover schließlich zum 1. Januar 1963 ein, regulär besetzt wurde sie erstmals 1969.18 Seither teilte sich die KG Wiesmoor in zwei Pfarrbezirke. Im Rahmen der Partnerschaft zwischen der hannoverschen und der sächsischen Landeskirche baute die KG Wiesmoor Kontakte zur Kirchgemeinde Cranzahl im Erzgebirge auf.19
In den Jahren 1963 bis 1965 war in Hinrichsfehn eine Kirche erbaut worden, die das Zentrum des zweiten Pfarrbezirks bildete. Zum 1. Oktober 1987 trennte das LKA Hannover diesen Pfarrbezirk von der KG Wiesmoor ab und errichtete die eigenständige „Ev.-luth. Versöhnungs-KG Hinrichsfehn“.20 Im gleichen Jahr erhielt die Kirche in Wiesmoor den Namen „Friedenskirche“.21 Die um Hinrichsfehn Mullberg und Rammsfehn verkleinerte Gemeinde zählte 1989 etwa 3.900 Gemeindeglieder. 1995 erhielt sie wieder eine zweite Pfarrstelle und 1997 konnte sie neben der Kirche ein neues Gemeindehaus einweihen.22
Neben der ev. Gemeinde besteht seit 1953 die kath. Gemeinde Maria Hilfe der Christen in Wiesmoor (bis 1990 eigenständig, seit 2002 Pfarreiengemeinschaft mit Aurich, ab 2005 auch mit Neustadtgödens, ab 2007 auch mit Wittmund: kath. Pfarreiengemeinschaft NeuAuWieWitt).23 1966 folgte die Gründung einer Neuapostolische Gemeinde (eigenes Kirchengebäude seit 1982).24 Bereits seit 1923 existiert eine kleine meth. Gemeinde in Wiesmoor West.25

Pfarrstellen

I: 1931.26 – II: 1963–1987 (übergegangen auf KG Hinrichsfehn).27 Neu errichtet 1995.28

Umfang

Wiesmoor. Seit 1933 auch Wiesederfehn (vorher KG Reepsholt)29. Bis 1987 auch Hinrichsfehn (gegründet 1946), Rammsfehn (gegründet in den 1930er Jahren) und Mullberg (dann zu neuen KG Hinrichsfehn).30

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung der KG 1931 zum KK Reepsholt (4. luth. Aufsichtsbezirk in Ostfriesland), der zum 1. Juli 1965 mit dem KK Wittmund zum neuen KK Wittmund vereinigt wurde.31 Zum 1. Januar 1974 umgegliedert in den KK Aurich.32

Kirchenbau

Schlichter Rechteckbau, ostnordöstlich ausgerichtet, erbaut 1929/30 (Architekt: Regierungsbaumeister a. D. Julius Berck, Papenburg). Satteldach, nach Osten abgewalmt. Ziegelmauerwerk. An den Längsseiten je sechs hochliegende, hochrechteckige Sprossenfenster. Nebeneingang nach Osten. Im Innern flache Decke, trapezförmiger Altarraum, Westempore. Wände, Decke und Ausstattungsstücke weiß. In der Vorhalle Grundstein mit Inschrift „21.4.1930“. 1953 Innenrenovierung. 1967 Innenrenovierung.

Turm

Riegelartiger, viergeschossiger Westturm mit Walmdach, bekrönt mit Kreuz. Ziegelmauerwerk. Im Glockengeschoss je ein vierteiliges Schallfenster an den Schmalseiten, je ein sechsteiliges an den Längsseiten. In den übrigen Geschossen wenige Schartenfenster; Rundbogiges Hauptportal nach Westen. 2005/06 Instandsetzung.

Ausstattung

Schlichter steinerner Altarblock, nach unten verjüngt, weiß gefasst (1930, Julius Berck, Papenburg). – Holzkreuz an Altarwand. – Eingebaut in die Südwestecke des Altarraums hohe, steinerne Kanzel mit Schalldeckel (1930, Julius Berck, Papenburg), runder Kanzelkorb, weiß gefasst. – Runde Steintaufe (1930, Julius Berck, Papenburg), Becken in Form eines umgedrehten Kegelstumpfs, runder Schaft, achteckiger Fuß, abgesehen vom Fuß weiß gefasst. – Ehemalige Ausstattung: Wandteppich als Altarbild (um 1978, polnische Arbeit).

Orgel

Hausorgel, erbaut 1930 von P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 4 I/aP, pneumatische Traktur, Taschenladen (Opus 1097), 1930 zunächst leihweise in der Kirche aufgestellt, 1937 erworben.33 1968 Orgelneubau, ausgeführt von Emil Hammer (Hannover), 15 II/P (HW, RP), mechanische Traktur, Schleifladen (Opus 1545 A).34 1999 Reparatur, Martin ter Haseborg (Südgeorgsfehn).

Geläut

Drei LG, I: d’ (Bronze, Gj. 1955, Firma Rincker, Sinn); II: f’ (Bronze, Gj. 1928, Firma Rincker, Sinn), Inschrift: „Wiesmoor und Mullberg schenkten vereint mich dankbar zur Gründung der Kirchengemeind. Ich juble Fried und Freud, ich löse Lust und Leid, ich rufe zur Ewigkeit“; Glocke hing zunächst in einem Holzgerüst neben der Schule; III: g’ (Bronze, Gj. 1955, Firma Rincker, Sinn).

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1913/14, ursprünglich Moorverwalterhaus, 1931 erworben). – Gemeindehaus (Bj. 1996/97).

Friedhof

Kommunale Friedhöfe Wiesmoor-Mitte und Wiesederfehn, beide in Trägerschaft der Stadt Wiesmoor. Auf dem Friedhof Wiesmoor-Mitte FKap mit Glockenturm (Bj. 2014), ein LG (Bronze, Gj. 2014, Petit & Gebr. Edelbrock, Gescher).

Liste der Pastoren (bis 1940)

1928–1968 Albert Karl Ahlers.
Angaben nach: Meyer, Pastoren II, S. 508

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 12d Nr. 404Digitalisat, 626/1, 760/2 (GSuptur. Aurich); D 53 (EphA Reepsholt); D 80 (EphA Aurich); E 5 Nr. 1148 (Konsistorialbaumeister); L 5i Nr. 54, 262–263, 522, 601 (LSuptur Aurich); S 09 rep Nr. 2281 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 8156 (Findbuch PfA).

Kirchenbücher

Taufen: ab 1914
Trauungen: ab 1914
Begräbnisse: ab 1914
Kommunikanten: ab 1914
Konfirmationen: ab 1914
Früher siehe Marcardsmoor.

Literatur & Links

A: Meyer, Pastoren II, S. 508; Otte/Rohde, Ostfriesland II, S. 612–613; Schoolmann, Kirchen, S. 190–199.
B: 75 Jahre Friedenskirche Wiesmoor. 1930–2005. Chronik & Festprogramm [2005]; Helmut Sanders: Wiesmoor 1906–1996. Von der Überlandzentrale zum zentralen Ort, Leer 1997, bes. S. 119–124; Helmut Sanders: Wiesmoor. Seine Kultivierung und Besiedlung von den Randgemeinden aus, Jever 1990.
Internet: Historische Ortsdatenbank für Ostfriesland (https://bibliothek.ostfriesischelandschaft.de/hoo/): Ortsartikel Wiesmoor (.pdf).


Fußnoten

  1. 75 Jahre, S. 11.
  2. Vgl. dazu Sanders (1997), S. 39 ff.
  3. Vgl. zu diesen „Randgemeinden“ Sanders (1990), S. 25 ff., S. 59 ff. und S. 90 ff.
  4. Nach HOO, Artikel Wiesmoor, handelt es sich dabei eher „eine
    Anerkennung als eine Rechtsstellung“.
  5. Schoolmann, Kirchen, S. 190. Die „Kosten für die kirchliche Versorgung Wiesmoors einschließlich der Entschädigung für den Geistlichen und Organisten“ übernahm die Regierung in Aurich (ebd.).
  6. KABl. 1914, S. 3 f.
  7. HOO, Artikel Wiesmoor: „Von Beginn an wurden bei der Torfförderung polnische Saisonarbeiter eingesetzt, die am Ende des Torfreservates I wohnten. Hinzu kamen etwa 200 Strafgefangene aus westfälischen Gefängnissen, die in Wiesmoor Süd untergebracht waren und schon bei der Besiedlung von Marcardsmoor helfen mussten.“
  8. 75 Jahre, S. 17.
  9. KABl. 1931, S. 49.
  10. KABl. 1933, S. 215.
  11. LkAH A 12d Nr. 404 (Visitation 1935, Digitalisat, Aufnahme 10).
  12. LkAH, S 1 H III, Nr. 1018, Bl. 14. Allgemein zum Fragebogen vgl. Kück, Ausgefüllt, S. 341 ff.
  13. LkAH, S 1 H III, Nr. 1018, Bl. 14. Nach Schoolmann, S. 194, wurde P. Ahlers nach Kriegsende für fünf Wochen „von den Engländern eingesperrt, weil er die NS-Volkswohlfahrt geleitet hatte“.
  14. LkAH A 12d Nr. 404 (Visitation 1935, Digitalisat, Aufnahme 51 und 55).
  15. LkAH, S 1 H III, Nr. 1018, Bl. 14.
  16. LkAH, S 1 H III, Nr. 1018, Bl. 14; LkAH. L 5i, Nr. 54 (Visitation 1947).
  17. LkAH. L 5i, Nr. 262 (Visitation 1956).
  18. KABl. 1963, S. 107.
  19. LkAH. L 5i, Nr. 263 (Visitation 1989). Allgemein: Cordes, Gemeindepartnerschaften, S. 38 ff.
  20. KABl. 1987, S. 124.
  21. 75 Jahre, S. 11.
  22. KABl. 1995, S. 147.
  23. Schoolmann, Kirchen, S. 197 f.
  24. Vgl. Chronik der Neuapostolischen Gemeinde Wiesmoor. 1982–2007, Wiesmoor [2007].
  25. Sanders, Wiesmoor (1997), S. 122 f.
  26. KABl. 1931, S. 49.
  27. KABl. 1962, S. 107; KABl. 1987, S. 124.
  28. KABl. 1995, S. 147.
  29. KABl. 1933, S. 215.
  30. KABl. 1987, S. 124.
  31. KABl. 1965, S. 205.
  32. KABl. 1974, S. 34.
  33. Pape/Schloetmann, Hammer, S. 141. LKA, G 9 B/Wiesmoor, Bl. 12.
  34. Pape/Schloetmann, Hammer, S. 177.