Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Aurich | Patrozinium: Kreuz (seit 2002)1 | KO: Ostfriesische KO von 1716

Orts- und Kirchengeschichte

Die ersten fünf Siedlungshäuser im späteren Marcardsmoor wurden 1890 bezogen.2 Verantwortlich für den Aufbau der neuen Moorsiedlung – zunächst ein staatlicher Gutsbezirk – war die Zentralmoorkommission. Um 1900 bestand Marcardsmoor aus 34 Häusern; der Name geht auf den Unterstaatssekretär im Landwirtschaftsministerium Eduard von Marcard († 1892) zurück. Nach Vergabe der letzten Kolonate wurde der Gutsbezirk zum 1. April 1924 in eine selbständige Gemeinde umgewandelt, die zum Kr. Wittmund zählte. 1972 wurde Marcardsmoor in die Großgemeinde Wiesmoor eingemeindet (2006: Stadt Wiesmoor). Zur Sozialstruktur schrieb der Ortspastor 1963: „Die Kirchengemeinde Marcardsmoor ist eine bäuerliche Gemeinde. […] Außer Bauern haben wir viele Arbeiter, die in Handwerksbetrieben oder in Industriewerken arbeiten, wenige nur in der Landwirtschaft. Viele junge Mädchen und Frauen sind in den Olympiawerken in Wilhelmshaven oder in der in den letzten Jahren in Wiesmoor entstandenen Bekleidungsindustrie beschäftigt.“3 Im Jahr 1892 lebten 32 Menschen in Marcardsmoor, 1939 gut 745, 1946 etwa 805 und 2006 rund 875.
Kirchlich gehörten die Siedlerfamilien Marcardsmoors zunächst zur KG Reepsholt. Gottesdienste fanden seit 1895 in der neu erbauten Schule statt.4 Mit dem Hilfspfarrer Otto Wessels (amt. 1900–1910) bekam Marcardsmoor bereits 1900 einen eigenen Geistlichen (persönliche Pfarrkollaboratur).5 Zum 1. Juli 1903 errichteten Konsistorium und Regierung die KG Marcardsmoor, die neben der jungen Moorkolonie auch die älteren Orte Wiesedermeer (1739) und Upschört (1800) umfasste. Die neue Gemeinde erhielt den Status einer Tochtergemeinde von Reepsholt und die persönliche wurde in eine ständige Pfarrkollaboratur umgewandelt.6 Die KG Marcardsmoor zählte etwa 600 Gemeindeglieder. Im September 1903 wählte sie erstmals einen Kirchenvorstand.
Im Jahr 1904 begannen der Bau der Kirche und des baulich mit ihr verbundenen Pfarrhauses. Die Arbeit verrichteten überwiegend Strafgefangene aus „verschiedenen Lagern der Region, die der Strafanstalt Lingen unterstellt waren“.7 1905 konnte P. Wessels das Pfarrhaus beziehen und am 10. Februar 1907 weihte die Gemeinde ihre neue Kirche ein. Von 1912 bis 1950 bestand in Trägerschaft eines Krankenpflegevereins eine kirchliche Schwesternstation in Marcardsmoor.8
Im Jahr 1914 vergrößerte sich das Gemeindegebiet Marcardsmoors um einen Teil des Gutsbezirks Friedeburger Wiesmoor.9 Das Kirchspiel zählte nun fast 1.075 Gemeindeglieder (Marcardsmoor: 455, Upschört: 205, Wiesedermeer: 230, Wiesmoor: 183).10 Überdies waren die Geistlichen Marcardsmoors auch für jenen Teil des schnell wachsenden Ortes Wiesmoor zuständig, die nicht formell nach Marcardsmoor eingepfarrt waren. Zum 1. November 1928 wandelte das LKA Hannover die ständige Pfarrkollaboratur in eine Pfarrstelle um und damit wurde die KG Marcardsmoor gänzlich eigenständig.11 Gleichzeitig wurde für Wiesmoor eine eigene Pfarrkollaboratur eingerichtet; 1930 lag die Zahl der Gemeindeglieder dort bei 1.150, in Marcardsmoor bei 1.300.12 Mit Gründung der eigenständigen KG Wiesmoor zum 1. Januar 1931 verkleinerte sich die KG Marcardsmoor um das 1914 eingepfarrte Gebiet.13 Seit 1923 besteht ein Posaunenchor in der Gemeinde, den bis 1962 die örtlichen Lehrer leiteten.14
Während der NS-Zeit hatten nacheinander P. Erich Kothe (amt. 1932–1935) und P. Wilhelm Hedemann (amt. 1936–1973) das Pfarramt Marcardsmoor inne. Im „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende“ vermutet P. Hedemann rückblickend, P. Kothe habe kirchenpolitisch zur Hannoverschen Bekenntnisgemeinschaft gehört; er selbst sei der Bekenntnisgemeinschaft 1937 beigetreten.15 Zum 1933 neu gewählten KV schrieb er: „5 alte Kirchenvorsteher, 1 neuer. Gutes Zusammenarbeiten mit dem Pfarramt“. Die DC konnten sich in der Gemeinde anscheinend nicht etablieren; der Posaunenchor sagte sich „von dem Vorsitzmann der DC, der bis dahin die Übungsabende des Posaunenchors leitete“, los.16
Mit dem Zuzug Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg die Zahl der Gemeindeglieder von 1.350 im Jahr 1939 auf etwa 1.650 im Jahr 1950 an.17 Im Rahmen der Partnerschaft zwischen der hannoverschen und der sächsischen Landeskirche knüpfte die KG Marcardsmoor Kontakte zur Kirchgemeinde Stollberg im Erzgebirge; Träger der Partnerschaft war in erster Linie der Frauenkreis.18 Im Jahr 1973 richtete die KG in der ehemaligen Schule in Wiesedermeer einen ev. Kinderspielkreis ein, aus dem 1995 ein Kindergarten hervorging. Mittlerweile befindet er sich in Trägerschaft des 2009 gegründeten ev.-luth. Kirchenkreisverbandes Ostfriesland-Nord, der seit 2014 auch für Kindertagesstätten zuständig ist.19 1992 weihte die Gemeinde ein neues Gemeindehaus ein und 1996 eröffnete sie einen Spielkreis in Marcardsmoor.20 Zum 1. Februar 2002 erhielt die Kirche Marcardsmoor den Namen „Kreuzkirche“.21

Umfang

Marcardsmoor, Wiesedermeer und Upschört. Von 1914 bis 1931 auch ein Teil des Gutsbezirks Friedeburger Wiesmoor (vorher keiner Gemeinde zugehörig, 1931 zur neuen KG Wiesmoor).22 Seit 1931 auch der nach Wiesedermeer eingemeindete Teil des aufgelösten Gutsbezirks Kollrungermoor.23

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung der KG 1903 zur 4. luth. Insp. in Ostfriesland, nach 1924: KK Reepsholt, der zum 1. Juli 1965 mit dem KK Wittmund zum neuen KK Wittmund vereinigt wurde.24 Zum 1. Januar 1974 umgegliedert in den KK Aurich.25

Kirchenbau

Neugotischer Rechteckbau mit querrechteckiger Apsis im Osten, Standerker und Treppenaufgang im Norden sowie zwei Erkern nach Westen, erbaut 1904–1907. An der Südseite schließt sich das Pfarrhaus an. Satteldach, nach Westen abgewalmt. Backsteinmauerwerk, verziert mit Blendnischen mit hellen Füllungen (Giebel, Westfassade, Treppenaufgang). Nach Norden und Osten je zwei Spitzbogenfenster, Apsis mit Dreipassfenster. Standerker mit Dreiecksgiebel und segmentbogigem Portal; im Westen Eingang zum Treppenaufgang zur Empore. Im Innern holzverschalte, spitze Tonnengewölbe in Schiff und Apsis; Unterzüge im Schiff; Westempore; spitzer Triumphbogen zwischen Apsis und Schiff, Inschrift: „Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken. Psalm 100,2“. 1952 Renovierung (u. a. Treppengiebel am Standerker und im Osten abgebrochen). 1954 Innenrenovierung. 1978 Dacherneuerung. 1982 Innenrenovierung (u. a. ursprüngliche Farbgestaltung wiederhergestellt).

Fenster

Figürliches Buntglasfenster in der Apsis (1907, J. Prill, Hannover), Kruzifix und zwei betende Engel. Zwei figürliche Buntglasfenster in der Ostwand (1907, J. Prill, Hannover), Kreuzabnahme und Auferstehung. Die übrigen Fenster ornamental gestaltet bzw. mit ornamentalem Rahmen (1907, J. Prill, Hannover).

Turm

Über dem Westgiebel vierseitiger, verschieferter Dachreiter mit vierseitigem, kupfergedecktem Pyramidenhelm, bekrönt mit Kugel und Schwan. An jeder Seite ein Schallfenster mit Dreieckssturz. Dachreiter ursprünglich offen. 1957 neu Kupferdeckung für Turmhelm. – Beim Friedhof freistehendes Glockenhaus mit Pyramidendach, erbaut 1928, etwa 250 Meter von der Kirche entfernt (auf dem höchsten Punkt Marcardsmoors).

Ausstattung

Hölzerner, kastenförmiger Altar mit seitlichen Schranken (1907). – Hohe Holzkanzel (1907), polygonaler Kanzelkorb auf einer Stütze; an den Wandungen Blendnischen mit schlichtem Maßwerk. – Hölzerner Taufständer (1910?), sechsseitig.26 – Zwei Holztafeln mit den Namen der in den beiden Weltkriegen 1914–18 und 1939–45 getöteten Gemeindegliedern (aufgehängt 1920 und 1954).

Orgel

Orgel erbaut 1911 von P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 10 (davon 3 Transmissionen) II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen (Opus 692).27 1953 Reinigung, Alfred Führer (Wilhelmshaven). 1986 Restaurierung, Alfred Führer (Wilhelmshaven). 2009 Instandsetzung, Ostfriesischer Orgelservice (Wiesmoor).

Geläut

Im Glockenhaus: Zwei LG, I: e’ (Bronze, Gj. 1956, Firma Rincker, Sinn), „Ich rufe zur Freude, ich künde das Leid, ich weise durch beide zur Ewigkeit. Der Krieg schlug mich nieder, die Liebe schuf mich wieder.“ und „1929. Marcardsmoor. 1942. 1956“; II: g’ (Bronze, Gj. 1932, Firma Rincker, Sinn), Inschrift: „Zum Worte lad ich euch, kommt, kommt, es führt ins Himmelreich. Ostern 1932. In schwerer Zeit dem Herrn geweiht von der Familie von Marcard und der Kirchengemeinde Marcardsmoor“. – Früherer Bestand: Im Dachreiter: Eine kleine LG (Bronze, Gj. um 1906, Firma Radler, Hildesheim). Im Glockenhaus: Eine große LG, e’ (Bronze, Gj. 1929, Firma Rincker, Sinn), Inschrift: „Ich rufe zur Freude, ich künde das Leid, ich weise durch beide zur Ewigkeit. A[nno] D[omini] 1929 ließ mich die Kirchengemeinde Marcardsmoor gießen aus freiwilligen Beiträgen der Gemeindeglieder in Marcardsmoor, Wiesedermeer und Upschört.“, im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1904/05, baulich verbunden mit Kirche). – Gemeindehaus (Bj. 1992).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof gut 250 Meter westlich der Kirche, angelegt 1901, seit 1907 in kirchlicher Trägerschaft, FKap (Bj. 1967/68).

Liste der Pastoren (bis 1940)

1903–1910 Otto Wessels. – 1910–1922 Hajo Friedrich Eilers. – 1922–1931 Lido Gerhard Janssen. – 1932–1936 Karl Friedrich August Erich Kothe. – 1936–1973 Wilhelm Alberts Hedemann.
Angaben nach: Meyer, Pastoren II, S. 120

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 5 Nr. 765 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 5339 (Pfarrbestallungsakten); A 12d Nr. 402Digitalisat, 625/2, 760/2 (GSuptur. Aurich); D 53 (EphA Reepsholt); D 80 (EphA Aurich); L 5i Nr. 52, 133, 240–241, 623 (LSuptur. Aurich); S 09 rep Nr. 1697 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 8118 (Findbuch PfA).

Kirchenbücher

Taufen: ab 1903
Trauungen: ab 1903
Begräbnisse: ab 1903
Kommunikanten: ab 1903
Konfirmationen: ab 1904
Früher siehe Reepsholt. Für den Bezirk Wiesmoor Taufen, Trauungen, Begräbnisse, Konfirmationen getrennt.

Literatur & Links

A: Meyer, Pastoren II, S. 120; Otte/Rohde, Ostfriesland II, S. 433–434; Schoolmann, Kirchen, S. 77–80.
B: 100 Jahre Marcardsmoor. 1890–1990, hrsg. vom Arbeitskreis Ortschronik, Wiesmoor [1990], bes. S. 65–78; 1907–2007. 100 Jahre Kirche auf dem Moor. Festschrift zum 100jährigen Kirchweihjubiläum der Kreuzkirche Marcardsmoor am 10. Februar 2007, hrsg. vom Kirchenvorstand der ev.-luth. Kreuzkirchengemeinde Marcardsmoor, Marcardsmoor [2007]; Helmut Sanders: Wiesmoor. Seine Kultivierung und Besiedlung von den Randgemeinden aus, Jever 1990, bes. S. 90–100.
Internet: Bildindex der Kunst & Architektur: Kirche; Historische Ortsdatenbank für Ostfriesland (https://bibliothek.ostfriesischelandschaft.de/hoo/): Ortsartikel Marcardsmoor (.pdf).

GND

6064890-9, Evangelisch-Lutherische Kreuzkirchengemeinde (Marcardsmoor)


Fußnoten

  1. 1907–2007, S. 31.
  2. Zur Entstehung der Moorsiedlung: 100 Jahre, S. 13 ff.
  3. LkAH, L 5i, Nr. 241 (Visitation 1963).
  4. 100 Jahre, S. 45 und S. 65.
  5. 1907–2007, S. 11.
  6. KABl. 1903, S. 37 f.
  7. 1907–2007, S. 15.
  8. 100 Jahre, S. 68; LkAH, L 5i, Nr. 52 (Visitationen 1944 und 1950).
  9. KABl. 1914, S. 3 f.
  10. 100 Jahre, S. 68.
  11. KABl. 1928, S. 101.
  12. 100 Jahre, S. 68.
  13. KABl. 1931, S. 49.
  14. 100 Jahre, S. 68.
  15. LkAH, S 1 H III, Nr. 1018, Bl. 4. Allgemein zum Fragebogen vgl. Kück, Ausgefüllt, S. 341 ff.
  16. Beide Zitate: LkAH, S 1 H III, Nr. 1018, Bl. 4.
  17. LkAH, S 1 H III, Nr. 1018, Bl. 04; LkAH, L 5i, Nr. 52 (Visitation 1950).
  18. 100 Jahre, S. 71; LkAH, L 5i, Nr. 240 (Visitation 1989). Allgemein: Cordes, Gemeindepartnerschaften, S. 38 ff.
  19. KABl. 2009, S. 133 ff. Seit 2014 zählt die „Trägerschaft evangelischer Kindertagesstätten“ zu den Aufgaben des Verbandes, KABl. 2014, S. 172 ff.
  20. 1907–2007, S. 29 f.
  21. 1907–2007, S. 31.
  22. KABl. 1914, S. 3 f.; KABl. 1931, S. 49.
  23. KABl. 1931, S. 56.
  24. KABl. 1965, S. 205.
  25. KABl. 1974, S. 34.
  26. Taufschale 1910 gestiftet, 1907–2007, S. 17.
  27. Pape/Schloetmann, Hammer, S. 122.