Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Harzer Land | Patrozinium: Christus | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

Von den beiden 1849/51 zu einer Gemeinde zusammengeschlossenen Orten im Sösetal ist zuerst Kamschlacken schriftlich belegt, allerdings mit einem anderen Namen: Im ältesten Güterverzeichnis des Domstifts Goslar aus dem letzten Viertel des 12. Jh. ist der silva que dicitur Herescamp erwähnt (der Wald, der Herescamp genannt wird).1 Der heutige Name Kamschlacken lässt sich erstmals 1455 bzw. 1460 als Kampeshutten bzw. Kampes Slaggen nachweisen; er steht im Zusammenhang mit der Anlage einer Eisenhütte. Die heutige Schreibweise geht auf einen Ratsbeschluss von 1952 zurück (vorher: Cammschlacken). Riefensbeek ist erstmals 1298 schriftlich belegt, als Ritter Burchard von Wildenstein die casam Riffenebecke (Hütte Riefensbeek) zusammen mit der casam Herrekescampe (Hütte Kamschlacken) an den Goslarer Bürger Burchard Ehrhaftig verkaufte.2 Seit der Dreiteilung des welfischen Teilfsm. Braunschweig im Jahr 1291 gehörten die beiden Hütten zum kleinen Fsm. Grubenhagen (Name „Grubenhagen“ erst 1567 belegt).3 Nach Aussterben der Grubenhagener Linie der Welfen fiel ihr Territorium 1596 an das Fsm. Braunschweig, 1617 an das Fsm. Lüneburg und 1665 an das Fsm. Calenberg-Göttingen (1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover). In französischer Zeit gehörten Riefensbeek und Kamschlacken von 1807 bis 1813/14 zum Kanton Clausthal im Distrikt Osterode des Harzdepartements im Kgr. Westphalen. Seit 1818 zählten die beiden Orte, nun im Kgr. Hannover, zum Bergamt Clausthal (vorher Bergamt Zellerfeld), seit 1852 zum Amt Zellerfeld. 1849/51 wurden die Ortschaften zur Gemeinde Riefensbeek-Kamschlacken zusammengeschlossen.4 Mit der Annexion des Kgr. Hannover die Gemeinde an das Kgr. Preußen. Seit Einführung der Kreisverfassung 1885 gehörte Riefensbeek-Kamschlacken zum Lkr. Zellerfeld, nach dessen Auflösung 1972 zum Kr. Osterode, der 2016 im Kr. Göttingen aufging. 1972 wurde Riefensbeek-Kamschlacken in die Stadt Osterode eingemeindet. Waren die beiden Orte zunächst von Hütten- (bis 1630) und Forstwirtschaft sowie später von Viehwirtschaft geprägt, entwickelte sich seit Ende des 19. Jh. der Tourismus zum wesentlichen Wirtschaftszweig (1898 Zweigverein Harzklub; 1931 Sösetalsperre, 1976 staatlich anerkannter Erholungsort).5 In Riefensbeek lebten um 1810 insgesamt 13 Menschen, in Kamschlacken 29, 1894 lag die Einwohnerzahl bei gut 200, 1964 bei 335 und 2012 bei 270.

Schule (Betsaal im ersten Stockwerk), Ansicht vom Berg aus, 1950

Schule (Betsaal im ersten Stockwerk), Ansicht vom Berg aus, 1950

Kirchlich gehörten Riefensbeek und Kamschlacken ursprünglich zu St. Aegidien in Osterode. Beim Bau des Schulgebäudes 1854 wurde im Obergeschoss ein Kapellenraum eingerichtet, der 1860 eine Orgel erhielt. Gottesdienste waren zuvor abwechselnd „in den Stuben der [vier] Meiergehöfte“ gefeiert worden, die auch abwechselnd einen Schulraum zur Verfügung stellen mussten.6 Zum Bau des Bet- und Schulhauses hatte sich 1849 ein Schul- und Kapellenverband gegründet; ein Kapellen- und Schulvorstand existierte seit 1854.
Anfang des 20. Jh. fanden in Riefensbeek-Kamschlacken jährlich acht Predigtgottesdienste statt (1907), in der Nachkriegszeit waren es 24 (1952).7 In seinem Bericht über die Visitation 1952 schrieb der Osteroder Sup. Rudolf Herrfahrdt (amt. 1950–1965), dass „die fast ausschließlich aus Waldarbeitern bestehende Gemeinde sich, nachdem der Pastor sehr regelmäßig hier amtiert, sich gern sammelt um Gottes Wort“.8 Der KapV hoffe, dass der Bau einer eigenen Kapelle – ein „seit Jahren bereits schwebende[s] Projekt“ – bald in Erfüllung gehe. Die Planungen konkretisierten sich jedoch erst in den 1960er Jahren; der vorhandene Kapellenraum sei für einen „Kurort mit steigender Besucherzahl völlig unzureichend“ heißt es im Visitationsbericht 1964.9 Am dritten Advent 1966 konnte die KapG ihre neue Christuskapelle einweihen. Die Beschaffenheit des Bauplatzes hatten Architekt Georg Lüpke zur Westausrichtung des zeltförmigen Kapellengebäudes veranlasst; die komplett als Fensterfront gestaltete Altarwand eröffnet den Blick in die Landschaft des Sösetals. Der Sup. des KK Osterode nannte die Kapelle 1976 „eine der reizvollsten Gottesdienststätten des Harzes“.10 Die pfarramtliche Versorgung der kleinen KapG mit rund 250 Gemeindegliedern lag seinerzeit in den Händen von P. Friedrich-Franz Dohmstreich (amt. 1974–1978), der als Pfarrer der Landeskirche „zur Hilfeleistung beim Superintendenten des Kirchenkreises Osterode“ abgeordnet war.11 P. Dohmstreich richtete 1975 eine Jugendgruppe in der Gemeinde ein. In seinem Visitationsbericht resümierte der Sup.: „Auch dieser Ort, so klein er ist, braucht ‚seinen Pastor‘, [denn die] aussichtsreiche und unumgängliche kirchliche Arbeit in Riefensbeek kann an sich nur dann Früchte tragen, wenn sie nicht nebenbei und nicht von dauernd wechselnden Mitarbeitern getan wird“.12

Schule (Betsaal im ersten Stockwerk), Ansicht von der Straße aus, 1950

Schule (Betsaal im ersten Stockwerk), Ansicht von der Straße aus, 1950

Ende der 1970er Jahre beantragte das Pfarramt der St. Aegidiengemeinde die Umpfarrung der KapG Riefensbeek-Kamschlacken in die KG Lerbach.13 Verwirklicht wurde diese Neuordnung erst ein Jahrzehnt später: Zum 1. Januar 1989 erhob das Landeskirchenamt Hannover die KapG Riefensbeek-Kamschlaken der St.-Aegidien-KG Osterode zu einer eigenständigen Kirchengemeinde, die den Namen „Christus-Kirchengemeinde“ erhielt. und verband die neue Gemeinde pfarramtlich mit der KG Lerbach (nicht zuletzt, um die dortige Pfarrstelle zu erhalten).14 Die Verbindung wurde zum 31. Dezember 1999 aufgehoben; ab 1. Januar 2000 war die Gemeinde pfarramtlich mit ihrer Muttergemeinde St. Aegidien verbunden.15 Zum 1. Januar 2008 folgte wiederum eine Neuordnung. Seitdem teilen sich die Gemeinden Lasfelde, Lerbach, Riefensbeek-Kamschlacken sowie die Osteroder Stadtgemeinden St. Aegidien, St. Jacobi, Kreuz, St. Marien und Zum guten Hirten ein gemeinsames Pfarramt mit anfangs sechs Pfarrstellen.16
Im Juli 2007 hatte sich der „Förderverein der Kapelle zu Riefensbeek-Kamschlacken e. V.“ gegründet. Nach der grundlegenden Sanierung des Kirchengebäudes, finanziert aus Mitteln der Landeskirche, erwarb der Verein im Februar 2009 den Bau zum symbolischen Preis von einem Euro. Der Förderverein ist seitdem als Eigentümer für Betrieb und Unterhalt des Gebäudes verantwortlich.
Insgesamt 23 Jahre nach ihrer Gründung schloss sich die Christus-KG Riefensbeek-Kamschlaken wieder mit der St.-Aegidien-KG zusammen; gemeinsam gründeten beide zum 1. Januar 2012 die neue „Ev.-luth. St.-Aegidien-KG Osterode“.17

Kapellenbau

Seit Februar 2009 Eigentum des „Fördervereins der Kapelle zu Riefensbeek-Kamschlacken e. V.“ Kleiner, zeltförmiger Rechteckbau mit tief herabgezogenem Satteldach, ausgerichtet nach Westen, erbaut 1965/66 (Architekt: Georg Lüpke, Osterode). Stahlbetonmauerwerk. Komplette westliche Giebelseite als Fensterwand gestaltet; östliche Giebelseite mit Eingangsportal, darüber hohes, spitzwinkliges Dreiecksfenster. Im Innern offener Dachstuhl, Ostempore. 2009 Grundlegende Sanierung (u. a. neues Dach, neue Fensterfront nach Westen).

Fenster

Buntglasfenster über dem Eingang, Lamm Gottes mit Siegesfahne (1966, Johannes Ignaz Kohler, München).

Turm

Über dem Ostgiebel keilförmiger, kupferverkleideter Dachreiter, bekrönt mit Kugel. Umlaufendes Schallfensterband mit horizontalen Lamellen.

Betsaal, Blick zur Orgel, 1950

Betsaal, Blick zur Orgel, 1950

Vorgängerbau

Betsaal im ersten Stockwerk der Schule, erbaut 1820. 1930 und 1954 renoviert, Gebäude seit 1958 Eigentum der KapG. 1961 Glockenstuhl errichtet.18

Ausstattung

Hölzerner Altartisch (Eiche). – Niedrige, hölzerne Kanzel (Eiche). – Hölzerner Taufständer (Eiche), dessen Querschnitt ein griechisches Kreuz bildet, steinerne Taufschale.

Orgel

Orgelneubau 1860, ausgeführt von Carl Heyder (Heiligenstadt), 5 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen (Zustand 1952). 1956 Reparatur und Änderung der Disposition, ausgeführt von E. Kemper & Sohn (Lübeck).19 1966 in Christuskapelle übernommen, ohne Prospekt und Gehäuse auf Empore aufgestellt.20 1970 „unbrauchbar“.21 1970 Kauf eines elektronischen Harmoniums, Heinz Ahlborn, Modell F 1. 1991 Heyder-Orgel restauriert, Prospekt und Gehäuse rekonstruiert, Arbeiten ausgeführt von Ingo Kötter (Göttingen); Orgel konnte nicht mittig auf der Empore aufgestellt werden, da sie so das Buntglasfenster über dem Eingang verdeckt hätte (Einspruch des Architekten), daher Orgel eingelagert im Orgelmagazin Katlenburg und von Landeskirche in Kommission übernommen. 1993/94 Orgelneubau, ausgeführt von Ingo Kötter (Göttingen), 4 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen, außerdem zwei vakante Register; Instrument links im Altarraum aufgestellt. 1995 Vakantplätze besetzt und Orgel erweitert auf 6 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Zwei LG, I: b’’, Inschrift: „Soli Deo Gloria“ (Allein Gott die Ehre) und „Riefensbeek 1961“; II: c’’’, Inschrift: „O Land, Land, Land, hoere des Herrn Wort“ und „Riefensbeek 1961“ (beide Bronze, Gj. 1961, Wilhelm & Hans Kurtz, Stuttgart), zunächst im Glockenstuhl der Schulkapelle, seit 1966 im Dachreiter der Christuskapelle.

Weitere kirchliche Gebäude

Gemeindehaus „Haus der Kirche“ (Bj. 1854, ehemalige Schule), seit 1958 Eigentum der KapG, in den 1970er Jahren umgebaut zu „Apartementerholungsstätte besonders für kirchliche Mitarbeiter“22, 1999 verkauft.

Friedhof

Kirchlicher Friedhof nördlich der Christuskapelle (gleichzeitig FKap).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 5 Nr. 727 (Spec. Landeskons.); D 47 (EphA Osterode); S 09 rep Nr. 1982 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 7296a (Findbuch PfA St. Aegidien Osterode).

Literatur

A: Gemeindebuch KK Osterode, S. 35; Schäfer, Orgelwerke, S. 31.
B: Ekkehard Eder: Die Schule in Riefensbeek-Kamschlacken, in: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 2005, S. 116–120; Ingrid Kreckmann: Einiges über Riefensbeek und Kamschlacken im oberen Sösetal, in: Unser Harz 69 (2021), S. 113–117; Herbert Lommatzsch & Friedrich Armbrecht: Riefensbeek-Kamschlacken. Berichte und Bilder aus Volkskunde, Geschichte und Gegenwart (= Der Harz und Südniedersachsen, Sonderheft 4), Osterode am Harz 1977.


Fußnoten

  1. UB Goslar I, Nr. 301 (S. 332). Für weitere Belege vgl. Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Osterode, S. 89.
  2. UB Goslar II, Nr. 535. Für weitere Belege vgl. Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Osterode, S. 135 f.
  3. Für einen knappen Überblick zur Geschichte des Fsm. Grubenhagen vgl. Pischke, Grubenhagen, S. 143 ff., zum Territorium ebd., S. 151 ff., zum Namen ebd., S. 161 ff.
  4. Lommatzsch & Armbrecht, S. 9.
  5. Zur Wirtschaftsgeschichte: Lommatzsch & Armbrecht, S. 12 ff., zum Tourismus ebd., S. 31 ff.
  6. Lommatzsch & Armbrecht, S. 6 und 9 ff.; Eder, S. 116 f. (Zitat ebd., S. 117).
  7. Kayser, Inspektion Osterode, S. 17; LkAH, L 5c, unverz., Osterode, St. Aegidien, Visitation 1952.
  8. LkAH, L 5c, unverz., Osterode, St. Aegidien, Visitation 1952.
  9. LkAH, L 5c, unverz., Osterode, St. Aegidien, Visitation 1964.
  10. LkAH, L 5c, unverz., Osterode, St. Aegidien, Visitation 1976.
  11. KABl. 1974, S. 107.
  12. LkAH, L 5c, unverz., Osterode, St. Aegidien, Visitation 1976.
  13. LkAH, L 5h, unverz., Lerbach, Visitation 1979.
  14. KABl. 1989, S. 7 f.; LkAH, L 5c, unverz., Lerbach, Visitation 1994.
  15. KABl. 2000, S. 195.
  16. KABl. 2007, S. 222.
  17. KABl. 2012, S. 33 f.
  18. LkAH, L 5c, unverz., Osterode, St. Aegidien, Visitationen 1958 und 1964.
  19. LkAH, B 2 G 9 B, Nr. 543, Bl. 27 (Abnahmegutachten, 27.11.1956); Schäfer, Orgelwerke, S. 31.
  20. LkAH, B 2 G 9, Nr. 2597, Bl. 1 ff. (Schreiben KKA Osterode am Harz an LKA Hannover, 25.02.1992); LkAH, B 2 G 9 B, Nr. 543, Bl. 56 (Gutachten Orgelumstellung, 25.10.1966).
  21. LkAH, B 2 G 9 B, Nr. 543, Bl. 67 (Auszug Protokollbuch KapV, 11.05.1970).
  22. LkAH, L 5c, unverz., Osterode, St. Aegidien, Visitation 1976. Dort als Bj. wohl irrtümlich 1820 angegeben.