(Nordstadt)
Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheim-Sarstedt | Patrozinium: Martin Luther | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Die Martin-Luther-Gemeinde umfasste die Hildesheimer Nordstadt, also das Stadtgebiet jenseits der Bahnlinie, dessen Erschließung und Bebauung erst während der Industrialisierung im 19. Jh. begann. Der Stadtteil wurde auch „Hinter der Bahn“ oder das „Braune Kohl Viertel“ genannt.1 Von 1907 bis 1951 bildete das Gebiet den Nordbezirk der Andreasgemeinde, zu dem neben Drispenstedt auch die Diasporadörfer Bavenstedt, Hasede und Harsum zählten. P. Johannes Georg Ludwig Holthusen (amt. 1924-1938) charakterisierte den Pfarrbezirk 1938 folgendermaßen: „Wir sind eine Gemeinde von kleinen Leuten, Arbeiter, kleine Beamte oder Angestellte, Krämer. Sogenannte ‚Gebildete‘ kaum.“2 Auch der Visitationsbericht 1958 weist auf die große Zahl der Industriearbeiter, der Bahnbeamten und -angestellten sowie das Fehlen der Akademiker hin. Mit der Umpfarrung des Sauteichsfelds von der Andreas- zur Martin-Luther-Gemeinde wuchs der Anteil des gehobenen Mittelstands etwas. „Soziologisch ist die Gemeinde stark differenziert“3, heißt es 1978. Aufgrund der schrumpfenden Zahl der Handwerksbetriebe und der stark gesunkenen Beschäftigungszahlen in der Industrie spricht der Visitationsbericht 1996 dann von einer „schleichenden sozialen Deklassierung der Nordstadt“.4 Der Anteil sozial Benachteiligter ist hoch, ebenso der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. In religiöser Hinsicht ist der Stadtteil Anfang des 21. Jh. vielfältig: neben der ev. und der kath. Gemeinde bestehen zwei freikirchliche Gemeinden, eine jüdische, zwei muslimische und eine alevitische. Die erste Moschee wurde 1977/78 eingerichtet.5 Die ev. Gemeinde hatte 1938 etwa 6.000 Mitglieder, 1958 etwa 14.000 und 1990 noch gut 6.600.

Kirche, Ansicht von Nordosten

Kirche, Ansicht von Nordosten

Erster Pfarrer des Pfarrbezirks Nord der Andreasgemeinde war P. Carl Brandt (amt. 1907-1923), der schon 1910 den „Evangelisch-lutherischen Kirchbau-Verein in Hildesheim“ gründete und bald darauf das Grundstück für die geplanten Gebäude der Gemeinde erwarb.6 Im Jahr 1914 konnte das Gemeindehaus erbaut werden, die Gelder für den Kirchenbau jedoch verloren während der Inflation ihren Wert. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs musste die Gemeinde zunächst den Wiederaufbau des schwer beschädigten Gemeindehauses finanzieren. 1948 errichtete sie nach Plänen des Architekten Hans Brandt daneben einen kleinen Glockenturm. Zum 1. April 1951 pfarrte das Landeskirchenamt alle Gebiete der Andreasgemeinde, die nördlich der Bahnlinie lagen, aus und schlug sie der neuen Martin-Luther-Gemeinde zu.7 Die Grundsteinlegung ihrer neuen Kirche konnte die Gemeinde jedoch erst am 3. Mai 1953 feiern. Die Notwendigkeit eines Neubaus hatte Stadtsup. Kurt Degener in einem Schreiben an das Landeskirchenamt nicht zuletzt mit der konfessionellen Situation begründet: „Man wird uns in Hildesheim nicht mehr für voll nehmen oder ausgesprochen kraftlos empfinden, wenn wir es nicht fertig bekommen, in einem Bezirk von 12000 Lutheranern eine eigene große Kirche zu bauen.“8 Er wies auch darauf hin, dass die deutlich kleinere kath. Gemeinde der Nordstadt bereits 1950 die Johanniskirche eingeweiht hatte. Der Bau, den Lbf. Hanns Lilje am 7. November 1954 einweihen konnte, entsprach den Erwartungen und LSup. Rudolf Detering lobte 1958 die „wuchtige Kirche in nächster Nähe der katholischen Johanneskirche (Katholiken sagen: wir haben einen Schafstall, Ihr habt einen Dom!)“.9

Kirche, Blick zum Altar

Kirche, Blick zum Altar

1957 erhielt die Gemeinde eine dritte Pfarrstelle und 1960 eine vierte.10 Diese ging 1962 an die neugegründete Thomasgemeinde über.11 Ebenfalls 1962 eröffnete die KG an der Zeppelinstraße einen ev. Kindergarten, der später den Namen „Käthes Nest“ erhielt. Der Kindergarten war als erster Bestandteil eines neuen Gemeindezentrums mit Kirche und Pfarrhaus gedacht. Als die Stadt sich in diesem Bereich nicht wie erwartet entwickelte und wuchs, gab die Gemeinde die Pläne wieder auf. Im etwas weiter östlich gelegenen Sauteichsfeld eröffnete sie 1981 in einem provisorischen Bau eine Altentagesstätte. Bereits 1978 lobte der Visitator die ökumenischen Beziehungen zur kath. Nachbargemeinde als vorbildlich.12 Heute arbeiten beide Gemeinden in der Initiative „zeitreich. Ökumenische Nachbarschaftshilfe im Norden Hildesheims“ zusammen und unterhalten einen Nachbarschaftsladen.
Aufgrund der sinkenden Gemeindegröße verringerte das Landeskirchenamt 2004 die Zahl der Pfarrstellen eine der drei Stellen wurde gestrichen, eine weitere auf die Hälfte reduziert.13 Seit Juni 2007 hatten die Martin-Luther- und die St.-Thomas-Gemeinde ein gemeinsames Pfarramt mit zwei Pfarrstellen, zum 1. Januar 2011 fusionierten beide Gemeinden zur „Ev.-luth. Martin-Luther-Kirchengemeinde Nordstadt-Drispenstedt in Hildesheim“14.

Pfarrstellen

I: 1951-2004, seit 1989 vakant. 2004. – II: 1951-2004 (dann I). 2004. – III: 1957-2004 (dann II). – IV: 1960-1962 (dann Hildesheim, St. Thomas).

Umfang

Hildesheimer Nordstadt, bis 1962 auch Ortsteil Drispenstedt (dann Hildesheim, St. Thomas). 1953 die Häuser auf der westlichen Seite des Römerrings umgepfarrt nach Hildesheim, St. Michaelis.15 Seit 1974 auch Stadtfeld (umgepfarrt von Hildesheim, St. Andreas).16

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung zum KK Hildesheim, seit 1. Januar 1999 KK Hildesheim-Sarstedt.17

Kirchenbau

Rechteckbau mit eingezogenem Chor im Nordosten und Satteldach, errichtet 1954, Architekten Paul Münter und Walter Blaich (Hildesheim). Außenflächen mit Elmkalkstein verblendet, an den Längsseiten jeweils acht hohe flachbogige Fenster, im Chor großes Flachbogenfenster in Südostwand und sieben Rechteckfenster oben in der Nordostwand. Im Innern trennen schlanke Säulen zwei schmale, etwas niedrigere Seitenschiffe und schlanke Pfeiler die südwestliche Orgelempore ab; flache Holzdecke, in den Seitenschiffen verputzte Massivdecke. Neuausmalung 1968, Innenrenovierung 1989.

Turm

Westwerkartiger Turm mit Satteldach sowie verkupfertem, achteckigen Dachreiter mit Laterne; breite Ecklisenen, rechteckige Schallfensterbänder in Glockengeschoss, kleine Rechteckfenster in den Geschossen darunter (ursprünglich Jugendraum und Archiv); großflächiges, vierbahniges Flachbogenfenster in Südwestfront, im Erdgeschoss jeweils vier Rechteckfenster in den Schmalseiten. Außensanierung des Turms 1999/2000. Die Kirche ist denkmalgeschützt.

Ausstattung

Schlichter Steinaltar. – Kruzifix über dem Altar (um 1460/70, wahrscheinlich aus einem Kloster des Obereichsfeldes, 1951 aus dem Privatbesitz von Frau Bohland gestiftet). – Taufstein und Kanzel, gestiftet von zwei Steinmetzmeistern der Gemeinde. – Buntglasfenster in Altarwand mit Darstellungen christlicher Symbole. – Pfingstfenster in Südwestwand (Grisaille-Technik, Hans Matschinski, Braunschweig). – Kleinere Rechteckfenster unter der Empore, gewidmet Martin Luther, Philipp Melanchton, Johannes Bugenhagen, Justus Jonas, Antonius Corvinus und Johannes Bissendorf.

Kirche, Blick zur Orgel, nach 1957 (1957 Orgelneubau)

Kirche, Blick zur Orgel, nach 1957

Orgel

Neubau 1948 durch Friedrich Weißenborn (Braunschweig), 5 I/–, mechanische Traktur, Schleifladen. Zunächst im Gemeindesaal, ab 1954 in der Kirche, 1956 umgesetzt nach Bilderlahe (Gustav-Adolf-Kapelle, KG Mechtshausen). 1955-56 Neubau durch Friedrich Weißenborn (Braunschweig), 12 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen (erster Bauabschnitt), Gehäuseentwurf von Heinz Wolff (Hannover), Orgel zweigeteilt, um großes Südwestfenster nicht zu verdecken. 1960 Erweiterung durch Weißenborn auf 28 II/P (zweiter und dritter Bauabschnitt). 1968, 1969 und 1972 Renovierung durch Ludwig Hoffmann (Betheln), neue Windladen, sechs neue Reg. 1994 Abbau der Orgel, 1993-94 Neubau durch Rudolf Janke (Bovenden), 25 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen (Opus 107), Pfeifenmaterial von Weißenborn teilweise wiederverwendet, Orgel in der Mitte der Empore aufgestellt.

Zweit-Orgel

Kleines Positiv, Neubau der Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen) um 1970, 4 I, mechanische Traktur, Schleifladen).

Geläut

Vier LG, I: c’, Inschrift: „Hoffnung: Gott ist unsere Zuflucht und Stärke“ (Stahl, Gj. 1966, Bochumer Verein); II: e’, Inschrift: „Liebe – Also hat Gott die Welt geliebt“; III: g’, Inschrift: „Glaube – Unser Glaube ist der Sieg.“ (beide Stahl, Gj. 1953, Bochumer Verein); IV: a’, Taufglocke, Inschrift: „So spricht der Herr: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“ (Bronze, Gj. 1962, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg). – Früherer Bestand: Im Glockenturm neben Gemeindehaus zwei LG (Klanggussglocken), I: a’, Inschriften: „Kirchengemeinde St. Andreas Nord Hildesheim im Notjahr 1947“ und „Ich bin der Herr dein Gott“; II: c’’, Inschrift u. a. „Meinen Frieden gebe ich Euch“ (beide Eisen, Gj. 1947, Firma Weule, Bockenem).18

Weitere kirchliche Gebäude

Gemeindehaus mit Pfarr- und Küsterwohnung (Bj. 1917, starke Kriegsschäden, 1945-48 wiederaufgebaut, 1980 Anbau errichtet). – Glockenturm neben Gemeindehaus (Bj. 1949, Architekt Hans Brandt, Marienheide/Rheinland), 1986 wegen hoher Instandhaltungskosten abgebrochen. – Pfarrhaus II (Bj. 1956, zweigeschossiger Massivbau mit Satteldach). – Kindergarten Zeppelinstraße (Bj. 1962). – Altentagesstätte im Stadtfeld (Bj. 1981, Behelfsbau).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

S 11a Nr. 7079p (Findbuch PfA).

Literatur

A: Pape, Organographia Historica Hildesiensis, S. 314-322; Twachtmann-Schlichter, Stadt Hildesheim, bes. S. 231.
B: Festschrift zur Orgelweihe, hrsg. vom Kirchenvorstand der Martin-Luther-Gemeinde Hildesheim, Hildesheim 1994; Die Welt hinter der Bahn. Auf Spurensuche in der Hildesheimer Nordstadt, hrsg. von der Hildesheimer Volkshochschule e. V. und dem Museumspädagogischen Dienst des Roemer- und Pelizaeus-Museums, Hildesheim 1993, bes. S. 181-198.

GND

2112319-6, Martin-Luther-Kirchengemeinde (Hildesheim).


Fußnoten

  1. Die Welt hinter der Bahn, S. 181.
  2. LkAH, L 5h, unverz., Hildesheim, Visitation 1938.
  3. LkAH, L 5h, unverz., Hildesheim, Martin Luther, Visitation 1978.
  4. LkAH, L 5h, unverz., Hildesheim, Martin Luther, Visitation 1996.
  5. Die Welt hinter der Bahn, S. 199.
  6. Die Welt hinter der Bahn, S. 182.
  7. KABl. 1950, S. 117 f.
  8. LkAH, B 2 G 9/Hildesheim, Martin-Luther Bd. I, Bl. 12.
  9. LkAH, L 5h, unverz., Hildesheim, Martin Luther, Visitation 1957.
  10. KABl. 1957, S. 61; KABl. 1960, S. 73.
  11. KABl. 1962, S. 76.
  12. LkAH, L 5h, unverz., Hildesheim, Martin Luther, Visitation 1978.
  13. KABl. 2004, S. 71.
  14. KABl. 2007, S. 163; KABl. 2010, S. 187 f.
  15. KABl. 1953, S. 123.
  16. KABl. 1974, S. 23.
  17. KABl. 1998, S. 211 f.
  18. LkAH, B 2 G 9 B/Hildesheim, Martin-Luther-Kirche Bd. I, Bl. 48.