Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheim-Sarstedt | Patrozinium: Andreas | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Die älteste schriftliche Erwähnung Harsums findet sich vielleicht als Aiereshem in einer angeblichen Urkunde Ks. Heinrichs II., die auf das Jahr 1022 datiert ist, jedoch Anfang des 12. Jh. gefälscht wurde.1 In späteren Urkunden lautet der Name des Dorfes regelmäßig Hardessem.2 Bf. Konrad von Hildesheim erwarb in der ersten Hälfte des 13. Jh. die Vogtei über die Villikation Harsum (advocatiam etiam villicationis in Hardeshem)3 und 1246 ist ein Thiderum de Hardessem villicum episcopi (Verwalter des Bischofs) urkundlich belegt.4 Im Jahre 1445 verkaufte Bf. Magnus von Hildesheim den Ort an das Hildesheimer Domkapitel.5 Das Haufendorf zählte zu den größten Ortschaften im Hochstift Hildesheim, hatte 1810 gut 720 Einwohner und 1904 etwa 2.350. Ende des 20. Jh. waren rund drei Viertel der Bevölkerung kath. und ein Viertel ev.

Kirche, Ansicht von Südosten

Kirche, Ansicht von Südosten

Die Reformation konnte sich in Harsum nicht durchsetzen, obwohl hier nach 1542 längere Zeit luth. gepredigt wurde. Der 1632 für Harsum und Asel bestimmte P. Johannes Bunting jedoch konnte sein Amt nicht antreten6 und 1657 beschrieb der kath. Visitator Adam Adami das Dorf, genauso wie Borsum, als „starke bzw. vortreffliche chatolische Gemeinde“, in der es „um den Gottesdienst, die Kinderlehre und Processionen äußerst gut bestellt“ sei.7 Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. stieg in dem wachsenden Ort auch die Zahl der ev. Einwohner – u. a. gründete ein ev. Unternehmer hier eine Ziegelei. 1904 lebten in Harsum neben etwa 2.200 Katholiken rund 150 Evangelische; sie gehörten zur Hildesheimer St. Andreas Gemeinde (Hildesheim, St. Andreas). 1907 lud P. Karl Brandt (amt. 1907–1923), Inhaber der dritten Pfarrstelle an St. Andreas, zum ersten ev. Gottesdienst in Harsum ein. Drei Jahre später erwarb die Gemeinde ein Grundstück in Harsum und legte 1910 den Grundstein für eine kleine Kirche, die sie 1911 einweihen konnte. Finanzielle Unterstützung erhielt sie auch vom Gustav-Adolf-Verein. In recht moderner Weise war der Kirchenraum so konzipiert, dass er auch als großer Gemeinderaum dienen konnte, ein kleinerer war zudem unter der Empore eingerichtet.8

Kirche, Blick zum Altar, vor 1959

Kirche, Blick zum Altar, vor 1959

Im November 1922 gründete sich die KapG Harsum, zu der auch die Ortschaft Asel zählte. Die neue KapG blieb Teil der KG St. Andreas in Hildesheim (Hildesheim, St. Andreas), der KapV beantragte jedoch schon 1947 die Gründung einer eigenständigen KG Harsum.9 Nach Ende des Zweiten Weltkriegs betreute ein Ostgeistlicher die beiden Kapellengemeinden in Harsum und Bavenstedt, die mit dem Zuzug von Flüchtlingen stark gewachsen waren. Im Visitationsbericht von 1952 charakterisiert der Ortspfarrer Harsum-Bavenstedt als „Diasporagemeinde mit 75% Flüchtlingen“, die überwiegend aus Arbeitern und Angestellten bestehe.10 Seit 1950 trägt die Harsumer Kirche – wie ihre Hildesheimer Mutterkirche – den Namen St. Andreas.11 Die eigenständige KG Harsum gründete sich zum 1. April 1958; zum neuen Kirchspiel kamen auch das Dorf Asel und die KapG Bavenstedt.12 Seit 1973 plante die Gemeinde den Bau eines Kirchturms in Harsum und sammelte über drei Jahrzehnte hinweg Spenden zu diesem Zweck. Da sich schließlich abzeichnete, dass das Projekt nicht verwirklicht werden könnte, erhielt die 2008 gegründete „St. Andreas Stiftung – Kirche vor Ort“ die Gelder als Stiftungskapital. Ziel der seit 2011 selbständigen Stiftung ist die Förderung des gemeindlichen Lebens und die Unterstützung der Gemeinde u. a. im Bereich der Personal- und Baukosten. Seit 1991 unterhält die KG den ev. Kindergarten Regenbogen, der 2009 um eine Kinderkrippe erweitert wurde.

Umfang

Harsum, Asel und Bavenstedt (KapG).

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung der KG zum KK Hildesheim, seit 1. Januar 1999 KK Hildesheim-Sarstedt.13

Kirchenbau

Verputzter Saalbau mit T-förmigem Grundriss und niedrigerem, leicht eingezogenen Rechteckchor, erbaut 1910–11, Architekten Braband und Friedrich Hartjenstein, Hannover. Bruchsteinsockel; an den Längsseiten jeweils drei gekuppelte Rundbogenfenster, dazwischen hohe Strebepfeiler; Westfassade mit zwei Rechteckfenstern links und zwei Bogeneingängen rechts, darüber dreifaches Rundbogenfenster; Walmdach (im Westen Krüppelwalm) und Satteldach über dem Chor. Im Innern Tonnengewölbe, rundbogige Altarnische und Westempore, darunter Gemeinderaum. Außen- und Innenrenovierung 1958–59. Neuausmalung 1974. Innenrenovierung 1998 (Teil der ursprünglichen Ausmalung restauriert).

Turm

Verschieferter Dachreiter im Osten mit hoch ausgezogenem Pyramidenhelm.

Ausstattung

Schlichter Altartisch (darüber bis 1959 die Kanzel). – Wandkruzifix. – Hölzerne Taufe. – Hölzerne Kanzel. – Ursprünglich langgestreckter Kronleuchter, später zu Wandleuchten umgearbeitet. – Modernes Wandbild des Apostels Andreas im Eingangsbereich.

Kirche, Blick zur Orgel, nach 1954

Kirche, Blick zur Orgel, nach 1954

Orgel

1911 Harmonium (später im Gemeindehaus). 1954 Neubau einer Orgel durch Friedrich Weißenborn (Braunschweig), 6 I, mechanische Traktur, Schleifladen, 1957 erweitert auf 7½ I/P. 1976 grundlegende Überholung durch Schmidt & Thiemann (Hannover-Langenhagen), 7½ I/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Zwei LG, I: c’’, Inschrift: „Verleih uns Frieden gnädiglich“; II: es’’, Inschriften: „Es werde Licht“ sowie „Kindlein liebet einander“ (beide Bronze, Gj. 1962, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg). – Früherer Bestand: Zwei LG, I: Lutherglocke, Inschriften: „Eine feste Burg ist unser Gott“ sowie „Wachet und betet“, Stiftung des Amtsrats Wilhelm Lambrecht; II: Johannisglocke, Inschriften: „Kindlein, liebet Euch untereinander“ sowie „Es werde Licht“, Stiftung des Glockengießers Radler (beide Bronze, Gj. etwa 1911, Firma Radler, Hildesheim).14 Eine Glocke im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben, als Ersatz eine LG (Stahl, Gj. 1946), die jedoch nicht mit vorhandener LG harmonierte. 1962 Stahlglocke abgenommen und Bronzeglocke umgegossen zu heutiger LG II.15

Friedhof

Kommunaler Friedhof.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. um 1900, zweigeschossiger Ziegelbau mit Satteldach, 1915/16 erworben). – Gemeindehaus (Bj. 1971, eingeschossiger Bau mit Satteldach, 2005 erweitert). – Kindergarten (Bj. 1991, Erweiterung um Kinderkrippe 2009).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 5 Nr. 517 (Spec. Landeskons.); D 24 Nr. 93, 94 und 302 (Gustav-Adolf-Werk).

Literatur

A: Jürgens u. a., KD Lkr. Hildesheim, S. 100–105.
B: 75 Jahre St. Andreas Harsum, hrsg. vom Festausschuß des Kirchenvorstandes der ev. luth. Kirchengemeinde St. Andreas, Harsum 1986; Chronik der Kirchengemeinde St. Andreas zu Harsum. 1911–2011, hrsg. v. der Ev.-luth. Kirchengemeinde Harsum, Harsum 2011; Fritz Garbe: Die Kirchengemeinde St. Andreae in Harsum. Rückblick auf die Zeit der Väter, Hermannsburg 1961.

GND

7861180-5, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Sankt Andreas; 16337481-8, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Sankt Andreas (Harsum).


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 69.
  2. Jürgens u. a., KD Lkr. Hildesheim, S. 100.
  3. MGH SS 7, S. 860; Naß, Quellen, S. 74 f.
  4. UB HS Hildesheim II, Nr. 753.
  5. Bertram, Bistum Hildesheim I, S. 393 und ebd. II, S. 432 ff.
  6. Garbe, S. 9 f.
  7. Zit. bei Plath, Konfessionskampf, S. 350 bzw. 354.
  8. Chronik, S. 37.
  9. Chronik, S. 49 und 13.
  10. LkAH, L 5h, unverz., Harsum, Visitation 1952.
  11. Chronik, S. 13.
  12. KABl. 1958, S. 96 f.
  13. KABl. 1998, S. 211 f.
  14. Garbe, S. 24.
  15. Chronik, S. 53 f.