Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hameln-Pyrmont | Patrozinium: Petrus | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Flegessen lag in der alten Goe up der Hamel. Die Grundherrschaft über das Dorf befand sich vermutlich schon seit der Phase der karolingischen Okkupation im Besitz des Bonifatiusstifts in Hameln. Das Obereigentum über das Stift stand dem Abt des Klosters Fulda zu, der es 1259 an die Mindener Kirche veräußerte. Wohl um 1275 übereigneten Bf. Otto von Minden und das dortige Domkapitel Flegessen dem Kloster Barsinghausen. Eine darauf bezügliche Urkunde von 1288 ist allerdings eine Fälschung des 15. Jh.1 Der erste gesicherte urkundliche Nachweis datiert auf das Jahr 1294.2 Ältere Zuschreibungen von Ortsnamen in den Fuldaer und Corveyer Traditionen sind zweifelhaft. In der Auseinandersetzung um die Landesherrschaft setzten sich Ende des 13. Jh. die Welfen durch (Fsm. Calenberg, später zum Amt Springe).
Grundherren in Flegessen waren um 1400 die von Halle, von Rumschöttel und von Elze. Durch Kauf kam ihr Besitz zwischen 1413 und 1416 sukzessive in die Hände der von Eddingerode, die auch die Vogtei und Gerichtshoheit innehatten. 1425/27 wurde das Dorf Eigentum des Klosters Wittenburg.3 Nach der Säkularisierung durch Hzg. Heinrich Julius (1580) eingezogen, wurde der Besitz durch das Kammeramt Wittenburg verwaltet und 1608 als Gut an den Kammerherrn Lorenz Berkelmann verliehen, der es 1615 käuflich erwarb.
Die Erbauungszeit der Kirche ist nicht bekannt. Überreste des alten Kirchengebäudes verweisen auf die romanische Periode. Möglicherweise hat bereits ein Vorgängerbau bestanden. Urkundliche Belege für die Existenz einer Pfarre finden sich erst im ausgehenden 13. Jh. Als vorref. Geistliche sind bekannt: Winandus plebanus in Vlidekesen (1294)4; Friedrich (1311)5; Johannes, plebanus (1328/34)6, Widekindus (1357), Wlver (Ulfer) Casle (1393). Einführung der Reformation unter Elisabeth von Calenberg 1543/46. Erster luth. Geistlicher war der von Antonius Corvinus ernannte Theodorus Anholt (amt. 1547-1580). Nach seinem Ableben war die KG zeitweilig mit Hachmühlen verbunden. 1592 wurde die Pfarrstelle mit dem früheren P. in Wittenburg Konrad Rybach wiederbesetzt (bis 1594). Bedeutende Geistliche in Flegessen waren Otto Rabius Georgius Skriba (amt. 1645-1649), später GSup. und Sup. in Bockenem († 1678), und der als Botaniker bekannte Johann Heinrich Friedrich Schlotheuber (amt. 1821-1866), dessen Herbarium mit 35.000 Arten nach seinem Tod von Kg. Georg V. für das Museum in Hannover angekauft wurde.
Eine Schule bestand seit mindestens Mitte des 17. Jh. Der Lehrer Caspar Sielschott erscheint 1653 im Flegesser Kirchenbuch. Das bald nach 1592 errichtete Pfarrhaus wurde nach der Zerstörung in Dreißigjährigen Krieg 1649 erneuert. 1819/20 wurde ein Neubau aus Fachwerk errichtet, die daran anschließende Pfarrscheune 1912 zum Konfirmandensaal (Gemeindehaus) ausgebaut. Das Pfarrwittum wurde der Pfarre 1660 von den früheren Eigentümern als Schenkung überlassen. 1703 wurde das Wohngebäude neu errichtet und 1847 abgebrochen.
P. Schramm (amt. bis 1936) war Mitglied der BK und stand der NS-Bewegung ablehnend gegenüber. Kirchenkampf und Krieg haben das kirchliche Leben nicht wesentlich beeinflusst. Die 1933 in den KV gewählten Nationalsozialisten legten ihre Ämter bald wieder nieder. Flegessen blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst eine eher kleine, durch die Ausweisung von Wohngebieten zwischen Flegessen und Klein Süntel aber wachsende calenbergische Landgemeinde mit 1.344 Gemeindegliedern (1988).
Im Jahr 2010 gründete sich der „Förderverein Pfarrhaus Flegessen e. V.“, um die KG dabei zu unterstützen, ein Zukunftskonzept für das leerstehende Pfarrhaus zu entwickeln. 2018/19 verkaufte die KG Pfarr- und Gemeindehaus an die „Neues Leben in alten Mauern UG“, die dort ein Mehrgenerationenhaus einrichten will und das ehemalige Gemeindehaus an die „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“ vermietet hat. Als Ersatz richtet die KG Flegessen in und an der Kirche neue Gemeinderäume ein.
Seit August 2017 ist die KG Flegessen pfarramtlich mit der KG Hachmühlen verbunden.

Umfang

Die Dörfer Flegessen (mit der Krähenmühle) und Hasperde; nach der Aufnahme des Bergbaus am Süntel im 17. Jh. auch die Bergarbeiter- und Glasmacherkolonie Klein Süntel.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Ohsen der Diözese Minden. – Bei Schaffung der Diözesanverfassung des Fsm. Calenberg 1589 an die Insp. Münder, ab 1889 Insp. (1924: KK) Springe. Bei Aufhebung des KK Springe mit dem 1. Januar 2001 in den KK Hameln-Pyrmont umgegliedert.7

Patronat

Ab 1259 der Bf. von Minden, später der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Ursprünglich zweijochige romanische Saalkirche, deren viereckiger Chorraum durch einen Triumphbogen mit dem Schiff verbunden war. Die Gewölbejoche wurden wohl später durch eine flache Balkendecke ersetzt.8 An die Stelle des romanischen Choranbaus trat in frühgotischer Zeit ein gewölbter Neubau. – Im Laufe des 19. Jh. nahmen die Bauschäden an der Kirche zu. Der Turm musste wegen Einsturzgefahr teilweise abgetragen werden. 1891/92 wurde das Kirchenschiff neu aufgeführt (Architekt: August Lingemann, Hannover; Einweihung 26. Juni 1892). Der dreischiffige neuromanische Quaderbau mit Vorhalle im Westen und gerade geschlossenem Chor im Osten (1891/92) steht wohl auf den Fundamenten des Vorgängerbaus. Sakristeianbau nördlich des Chorraums. Das dreiachsige Langhaus mit trapezförmiger Holzdecke wird durch einen Triumphbogen mit historisierender Dekoration von dem dahinter liegenden Chor abgegrenzt. In den Seitenschiffen eine hölzerne Emporenanlage.

Fenster

Im Chor Buntglasfenster von A. Freystadt mit der Darstellung des Auferstandenen (1892).

Turm

Quadratischer Turm vor der Südwestecke des Kirchenschiffs; achtseitiger Helm über Seitengiebeln.

Grablege

In der alten Kirche ließ Bodo Wilhelm Freiherr von Kiepe ein Erbbegräbnis einbauen. Beisetzungen von Angehörigen der Familien von Kiepe (seit 1675 Besitzer des Guts Hasperde) und von Eddingerode.

Ausstattung

Altar, Holzaufsatz mit der Darstellung des himmlischen Jerusalem. – Kanzel aus Eichenholz, an den Wandungen Gipsreliefs mit den Symbolen der vier Evangelisten. – Sandsteintaufe mit Messingdeckel, gestiftet 1892 durch die Familie Oberbeck in Flegessen. – Taufengel, von einem Meister in Bodenwerder (um 1656); jetzt ohne Taufschale und Flügel, 1973 wieder aufgefunden und vor der Orgelempore aufgehängt. – Gotisches Kruzifix aus Eiche, Korpus aus Lindenholz (zweite Hälfte 15. Jh.). – Osterleuchter von Eckard Wesche, Aerzen (1989). – Messingkronleuchter (16. Jh.). – Epitaph für P. Johan Falco/Falke († 1638) im Vorraum der Kirche. – Sandsteinepitaph der Erasma von Bennigsen († 1599). – Jüngstes Gericht, Teil eines ehemalig Epitaphs für Georg von Eddingerode und Freda, geb. Klencke (17. Jh.), im Vorraum der Kirche. – Über der Tür zur Sakristei ein Gedenkbild für Anna Felicitas Schölhamer († 1635) mit Kopie der Kreuzabnahme von Rubens. – Außen an der Kirche weitere Grabsteine von Angehörigen der Gutsbesitzerfamilien aus dem 17. Jh.

Orgel

In der alten Kirche befand sich keine Orgel. Neubau mit neuromanischem Holzprospekt 1892 durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 12 II/P, mechanische Traktur, Kegelladen. 1917 Ausbau der Prospektpfeifen. 1922 Umbauten und Einbau von neuen Prospektpfeifen aus Zink. 1951 Umbau durch Firma Hammer. 1992 Restaurierung und Wiederherstellung der originalen Disposition durch Orgelbaumeister Franz Rietzsch. 12 II/P, mechanische Traktur, Kegelladen.

Geläut

Zwei LG, I: b’ (Bronze, Gj. 1655, Umguss durch Hans Meyer, Hannover); II: h’ (Bronze, Gj. 1681, Nicolaus Greve, Hannover; 1942 zu Rüstungszwecken abgeliefert und 1947 zurückgegeben).

Friedhof

Ursprünglich auf dem Kirchhof (bis 1849). Ein zweiter Friedhof befand sich im Dorf beim früheren Armenhaus und wurde 1883 aufgelassen. 1883 Anlage des dritten Friedhofs im Kirchfelde, vor dem Dorf in Richtung Hasperde. 1950 Bau einer Friedhofshalle. 1986 neue FKap. In Trägerschaft der Stadt Bad Münder.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 3410-3418 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 2477-2482 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 9 Nr. 709-711 (Visitationen); D 10 Nr. 462-475; D 29 (EphA Springe).

Literatur

A: Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 243, Nr. 19; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 473; Holscher, Bisthum Minden, S. 82; Jäger, Orgeln, S. 60-62; Jürgens u. a., KD Kr. Springe, S. 60-63; Warnecke, Inspektion Springe, S. 36-42.
B: St. Petri-Kirche Flegessen 1892-1992, o. O. [1992]; Hans-Christoph Becker-Foss: Festschrift zum Geburtstag der im Jahr 1892 neuerbauten St.-Petri-Kirche Flegessen, [Flegessen 1992]; Heinrich Niclas: Chronik von Flegessen, [Flegessen 1958].

Vielen Dank an Dietmar Grams für hilfreiche Anmerkungen zu diesem Artikel.


Fußnoten

  1. Westfälisches UB VI, Nr. 1387; UB Barsinghausen, Nr. 71.
  2. UB Barsinghausen, Nr. 79.
  3. UB Wittenburg, Nr. 120-126.
  4. UB Hameln I, Nr. 114.
  5. UB Hameln I, Nr. 164.
  6. UB Hameln I, Nr. 232; UB Herren von Boventen, Nr. 83.
  7. KABl. 2000, S. 141.
  8. Nach einem Gutachten von Conrad Wilhelm Hase hingegen waren die Gewölbe zwar vorgesehen, die Kirche aber von Anfang an flach gedeckt, vgl. Becker-Foss, S. 8.