Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hameln-Pyrmont | Patrozinium: Marien1 | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Der heutige Marktflecken Aerzen im Weserbergland war Mittelpunkt der Herrschaft eines gleichnamigen Adelsgeschlechts (von Aerzen/Artelen), das nach dem kinderlosen Tod des Gf. Bernhard († 826) und seiner Frau Christina2 durch den Abt zu Fulda als Rechtsnachfolger mit der Vogtei über Hameln belehnt wurde. Nach dem Erlöschen der Familie fiel ihr Besitz an die Gf. von Everstein, die zur Wahrung ihrer Selbständigkeit gegen die grubenhagenschen Welfen die Oberlehnsherrschaft über Aerzen 1283 dem Hochstift Köln antrugen. Durch Heirat fiel die Gft. Everstein 1408 an die Hzg. von Braunschweig-Lüneburg. 1433 versetzen die Hzg. Otto und Friedrich den ihnen zustehenden Anteil an Everstein-Homburg mit Aerzen für 30.000 rheinische Gulden an den Hildesheimer Bf. Magnus. Bf. Johann versetzte seinerseits 1510 die Hälfte des Schlosses an Statius von Münchhausen, der 1517 gegen einen Pfandschilling von 4.440 Gulden das Amt Aerzen erwarb. In der Hildesheimer Stiftsfehde fiel es 1523 an Hzg. Erich I. von Calenberg-Göttingen. Sein Sohn Erich II. räumte den von Münchhausen die Ämter Grohnde und Aerzen wieder ein; sie wurden aber auf Grund des Restitutionsedikts während des Dreißigjährigen Krieges 1630 vertrieben und ließen sich auf Gut Schwöbber nieder. Zwischen 1653 und 1660 wurde Aerzen durch Hzg. Georg Wilhelm entschädigungslos zur Kammer gezogen. Haus Aerzen war seither fürstliche Domäne. Aus den Ämtern Aerzen und Lachem sowie der Stadtvogtei Hameln wurde 1823 das Amt Hameln gebildet. 1854 bis 1859 bestand vorübergehend wieder ein eigenes Amt. 1859 ging es endgültig im Amt Hameln auf (ab 1885 Kr. Hameln).

Kirche, Ansicht von Südosten, 1973

Kirche, Ansicht von Südosten, 1973

Angeblich bildeten Reher, Grießem und Reinerbeck in vorref. Zeit einen eigenen Pfarrbezirk, der von einem Geistlichen des Reherschen Johannishofs betreut wurde. Die Anfänge der KG Aerzen liegen dagegen im Dunkeln. Das KGb stammt in seinen ältesten Teilen aus romanischer Zeit. Als vorref. Geistliche sind bekannt: Johannes de Artelsen (1372 als Offizial des Bf. von Minden); Johann van Rordessen/Rohrsen, kerchere to Ertelsen (13773, † 13784); Syvert kerkhere to Artelsen (1395)5; Johann Kreigenberg (um 1450/69 in Aerzen, später Augustinermönch zu Wittenburg, stiftete 1469 eine Kapelle zu Wangelist für das Leprosenhaus vor Hameln6); Johann Tepping und Gerdt (beide ohne Jahr), Henning mit der lahmen Faust (ohne Jahr).
Bald nach 1540 ordinierte Sup. M. Rudolf Moller für das ehemalige Archidiakonat Ohsen mit den Ämtern Grohnde, Ohsen und Aerzen in Hameln die ersten ev. Prediger. Aus der Familie von Münchhausen nahm als erstes Börries von Münchhausen, Erbherr von Apelern usw., das neue Bekenntnis an. Erster luth. Geistlicher in Aerzen war Henricus Sager/Seger (1532-1557), zuvor Feldprediger bei den Münchhausen aus dem Haus Rinteln. Hilmar von Münchhausen, Pfandherr zu Aerzen († 1573) ordnete 1539 die Verhältnisse der Pfarrkirche neu. Seine Gemahlin Lucie, geb. von Reden, gründete die Schulen in Aerzen, Grupenhagen, Reher und Gellersen.
Zur Parochie gehörte ursprünglich auch das Dorf Dehmke, das in der Reformationszeit (bis auf neun Hausstellen) an die Kirche in Groß Berkel überging, weil dort schon früher ev. gepredigt wurde. Der Parochie teilweise zugeordnet war zudem eine Kapelle in Reine unmittelbar auf der Grenze zur Gft. Lippe mit zeitweilig zwei durch die Einwohner der lippischen und calenbergischen Hälfte genutzten Altären. Die pfarramtliche Versorgung erfolgte durch die Pfarrer von Bösingfeld (lippisch) und Aerzen Das KapGb geriet nach Auseinandersetzungen um die Nutzung zunehmend in Verfall und ist zwischen 1590 und 1734 nur noch als Ruine bezeugt. Die Glocken kamen nach 1800 nach Bösingfeld.

Kirche, Ansicht von Nordwesten, Teilansicht

Kirche, Ansicht von Nordwesten, Teilansicht

Aerzen litt mehrfach unter kriegerischen Ereignissen. Nach der Vertreibung der Familie von Münchhausen war der Ort 1630/32 hildesheimisch besetzt. Die von der stiftshildesheimischen Administration betriebene Einsetzung eines zusätzlichen kath. Pfarrers und Teilung des Pfarrvermögens wurde aber nicht umgesetzt. Die Kirche brannte 1642 beim Einmarsch der Weimarschen Reiterei nieder und wurde 1643 durch den Patron Börries Freiherr von Münchhausen wieder aufgebaut. 1806 wurde sie bei einer Plünderung durch preußische Truppen noch einmal erheblich beschädigt (Wiederherstellung 1807/09).
Von 1887 bis zum Ersten Weltkrieg wurde in Aerzen eine Hagelfeier begangen, ab 1889 in Verbindung mit einem Missionsfest. Die Sozialstruktur der Gemeinde hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon stark verändert. Seit der Gründung der Aerzener Maschinenfabrik (1864) traten zu den bisher dominierenden Landwirten in zunehmendem Maße Industriearbeiter als Gemeindeglieder. Die Gemeinde blieb bis zum Zweiten Weltkrieg fast ausschließlich ev. Um 1900 wohnten im Ksp. bei 3.800 Lutheranern nur 47 Katholiken. Durch den Zuzug von Flüchtlingen stieg die Einwohnerzahl von 1.889 (1939) auf 3.154 (1946) und 3.403 (1950) an. Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich auch in den anderen Dörfern innerhalb des Pfarrsprengels. Die Gesamtzahl der Gemeindeglieder betrug 1946 etwa 7.000. Mit 13 Ortschaften und Wohnplätzen war Aerzen die an Fläche größte KG des KK und nach Hameln und Pyrmont der wichtigste Industrieort mit einem weiteren Bevölkerungszuwachs.
GD fanden nach dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig in Aerzen, Reher, Schwöbber, Grießem und Reinerbeck-Reine statt. 1954 wurde in Grupenhagen eine Pfarrkollaboratur errichtet, die die Versorgung eines Teils des Ksp. Aerzen und der Bergdörfer der KG Hemeringen übernahm. Als die erhoffte Entlastung für den Pfarrstelleninhaber nicht eintrat, wurde mit dem 1. Oktober 1955 eine zweite Pfarrstelle errichtet.
Nachdem die KG bereits 1945 bis 1950 Träger eines KiGa gewesen war (der aus finanziellen Gründen wieder geschlossen wurde) übernahm sie 1973 erneut den Unterhalt eines KiGa in Aerzen, 1991 auch den des KiGa in Grupenhagen. 1946 erfolgte die Gründung des Evangelischen Gemeindejugendwerks Aerzen, 1947 die Gründung einer CVJM-Gruppe.

Pfarrstellen

I: Vorref. – II 1. Oktober 1955.7

Umfang

Zum Ksp. gehören (1823) der Flecken Aerzen (mit Ahorn, Puckmühle und Edenhall), die Dörfer Bruch, Duensen, Grießem, Grupenhagen, Hilkenbreden, Kuhhäuser, Kuhlen, Königsförde, Multhöpen (mit Sophienhof), Reine, Reinerbeck und Reher (mit der Messinghütte, Pulvermühle) sowie das Landgut Schwöbber. 1893 und 1908 gab es Bemühungen um die Bildung einer eigenen KG Grupenhagen (bestehend aus Grupenhagen und Multhöpen, Dehmke sowie einigen zur Parochie Hemeringen gehörigen Ortschaften). Sie kam jedoch nach negativem Votum der Einwohner von Multhöpen und Dehmke nicht zustande. Das Pfarramt in Aerzen betreute außerdem die luth. Einwohner der lippisch ref. Nachbardörfer. KapG bestanden in Schwöbber und Reher. Die KapG Reher wurde mit dem 1. April 1954 aufgelöst.8

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Ohsen der Diözese Minden. – 1589 zur Insp. Münder. 1634 wurde in Aerzen eine Spezial-Suptur. für die Parochien der Herrschaften Homburg und Everstein errichtet und 1664 nach Oberbörry (Insp. Börry) verlegt.9 1797 kam Aerzen zur hiervon abgetrennten Insp. Groß Berkel (ab 1. Oktober 1934 KK Groß Berkel-Hameln; 1938 umbenannt in KK Hameln-Pyrmont).

Patronat

Ab etwa 1450 die von Münchhausen als Besitzer des Guts Schwöbber, die in vorref. Zeit auch das Recht zur geistlichen Insp. und Visitation hatten.10 Sie behielten das Patronat auch nach der Einziehung des Guts in Aerzen Im 16. und 17. Jh. wurde das Patronatsrecht mehrfach von der Landesherrschaft bestritten, am 13. Oktober 1657 jedoch endgültig anerkannt. 1920 kam das Gut durch Kauf in den Besitz der Familie Meyer. Das Patronatsrecht wurde im Zuge eines erneuten Verkaufs 1987 im gegenseitigen Einvernehmen zwischen dem Patron, der Landeskirche und der KG Aerzen aufgehoben. Letzter Patron war Eduard Meyer.

Kirchenbau
Grundriss, 1936

Grundriss, 1936

Die ursprünglich romanische Kirche aus heimischem Keuperbruchstein wurde um 1200 durch den Anbau eines Querhauses zu einer kreuzförmigen Anlage erweitert und im 16. Jh. sowie 1643 und 1807/09 nach Kriegsschäden grundlegend erneuert. Der verputzte Bruchsteinsaal mit Eckquaderung unter Satteldach. Vom Vorgängerbau blieben der Nordquerarm und zunächst auch der Westturm erhalten. Otto und Burchard von Münchhausen ließen 1686 im nördlichen Kreuzarm die Schwöbbersche Herrschaftsprieche einbauen. 1732/33 wurde das Schiff nach Westen erweitert. Erneute Renovierung 1951/52 und 1990 (außen). Die Schwöbbersche Prieche wurde 1998/99 zu einem Besprechungsraum umgestaltet.

Turm

Westturm mit leicht eingezogenem Glockengeschoss, im Zuge der Vergrößerung des Kirchenschiffs 1732/33 an Stelle des mittelalterlichen Turms neu errichtet. Ursprünglich mit welscher Haube. Nach einem Blitzschlag (1853) wurde der Turmhelm 1858 auf einem verkürzten Unterbau mit achtseitiger, verschieferter Laterne und geschweifter Spitze neu aufgesetzt.

Grablege

Unter der Kirche befindet sich eine Grablege der Familie von Münchhausen (1864 geschlossen). Beigesetzt u. a. Hilmar von Münchhausen († 1617); Otto von Münchhausen († 1774).

Altaraufsatz, 1936

Altaraufsatz, 1936

Ausstattung

Stipes/Mensa aus Sandstein; darauf ein zweigeschossiges barockes Retabel aus Marmor und Porphyr (1691, von Otto von Münchhausen aus Italien eingeführt und der Kirche gestiftet). Das säulengerahmte Hauptbild zeigt im Relief die Einsetzung des heiligen Abendmahls, darüber der Gekreuzigte, als Bekrönung Christi, als Weltenherrscher. Beiderseits des Hauptbildes Skulpturen Moses und Johannes des Täufers. – Aus Eichenholz geschnitzte Kanzel in Renaissanceformen (um 1642), mit Bildern der vier Evangelisten und dem heiligen Paulus (1691 gestiftet von den Witwen Lucie und Elisabeth von Münchhausen). – Sechseckige, farbig gefasste hölzerne Barocktaufe mit geschwungenem Haubendeckel (wohl nach dem Brand von 1642 beschafft). – Auf der Herrschaftsprieche von 1686 in den Brüstungsfeldern Ölgemälde mit Szenen aus der Passionsgeschichte (Christus vor Pilatus, Kreuztragung und heiligen Veronika, Grablegung. – Epitaph für Sup. Philipp Lonicerus (1664) an der Brüstung der Westempore. – Gedenktafeln für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs.

Kirche, Blick zur Orgel, 1952

Kirche, Blick zur Orgel, 1952

Orgel

Die von Münchhausen beschafften 1575 als Patronatsherren eine neue Orgel. 1685 wurde sie von Daniel Schöne (Blomberg) instand gesetzt. 1713 entstand ein Neubau mit dem in Teilen heute noch erhaltenen fünfachsigen Prospekt mit Mittelturm und zwei Ecktürmen. 1734 wird die Orgel als „schadhaft und der Reparation höchst bedürftig“ bezeichnet.11 Einen weiteren Neubau führten 1908 P. Furtwängler & Hammer (Hannover) aus; 21 II/P. 1961 Teilneubau des Werks hinter dem historischen Gehäuse durch Firma Hermann Hillebrand (Altwarmbüchen), 23 II/P, mechanische Traktur; Disposition von Rudolf Utermöhlen/Kantor Steche. 1995 Instandsetzung durch Franz Rietzsch (Hiddestorf).

Geläut

Vier LG, I: dis’ (Bronze, Gj. 1975, Gebrüder Rincker, Sinn); II: fis’ (Bronze, Gj. 1662, Christoph Kleimann, Lemgo. 1942 abgegeben und 1947 zurückgeführt); III: ais’ (Bronze, Gj. 1975, Gebrüder Rincker, Sinn); IV: h’ (Bronze, Gj. 1975, Gebrüder Rincker, Sinn). – Zwei SG, I: fis’’ (Eisen, Gj. 1927); II: cis’’ (Eisen, Gj. 1927). – Zwei SG von 1927 im Ausleger am Turmhelm. – Früherer Bestand: Die früheren Bronzeglocken (Gj. 1622, Christoph Kleimann, Lemgo) wurden 1918 bis auf die kleinste eingeschmolzen. 1922 wurden drei Gussstahlglocken in es’, b’ und ces’’ von Ulrich & Weule (Apolda/Bockenem) beschafft und 1975 durch die drei Bronzeglocken der Gebrüder Rincker ersetzt.

Weitere kirchliche Gebäude

Das 1642 niedergebrannte Pfarrhaus wurde 1644 neu errichtet (1784 renoviert, 1893/94 durch einen Neubau ersetzt, 1983/84 Anbau eines Gemeindesaals). Ein Pfarrwitwenhaus wurde für die Witwe des 1615 verstorbenen P. Schmidt errichtet und mehrfach (zuletzt 1828) erneuert.

Friedhof

Eigentum der KG. Ein Friedhof in Aerzen wird bereits in einem Eversteiner Lehnsregister aus der zweiten Hälfte des 14. Jh. erwähnt.12 Der bei der Kirche gelegene Begräbnisplatz wurde schon 1820 nur noch in Ausnahmefällen genutzt und die Gräber dort später eingeebnet. Eine zweite Begräbnisstätte bestand mindestens seit 1656 und war wohl mit dem jetzigen Friedhof vor dem Osttor identisch. 1819, 1846, 1873, 1905 und 1952 erweitert. FKap (Bj. 1949/50, Architekt: Grabbe, Aerzen. 1962 erweitert). Der Friedhof in Reher befindet sich ebenfalls in Trägerschaft der KG Aerzen Kommunale Friedhöfe entstanden in Grupenhagen (1881), Grießem (1900), Reinerbeck (1911), Dehmke (1928), Multhöpen (1952).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 88-106 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 307-313 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 9 Nr. 20 (Visitationen); D 9 (EphA Hameln-Pyrmont).

Literatur

A: Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 55, Nr. 3; Bühring, KD Lkr. Hameln-Pyrmont I, S. 3-7; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 111 f.; Holscher, Bisthum Minden, S. 58; Kayser, Inspektion Groß-Berkel, S. 24-38; Mithoff, Kunstdenkmale I, S. 6 f.
B: Martin Behrens: Aerzen. 800 Jahre Kirchengeschichte, Göttingen 1952; 850 Jahre Marienkirche Aerzen. 58 Jahre Gemeindeleben in der ev.-luth. Kirchengemeinde Aerzen von 1945 bis 2003, [Aerzen 2003].


Fußnoten

  1. Ursprünglich wohl Petrus.
  2. Naß, Bonifatiusstift, S. 86 ff.; ausführlich zum Grafenpaar Bernhard und Christina: ebd., S. 73-109.
  3. UB Hameln I, Nr. 622.
  4. UB Hameln I, Nr. 632.
  5. UB Hameln I, Nr. 717.
  6. UB Hameln II, Nr. 428
  7. KABl. 1955, S. 98.
  8. KABl. 1954, S. 66.
  9. Schlegel, Kirchenrecht II, S. 214.
  10. Kayser, Inspektion Groß-Berkel, S. 30.
  11. LkAH, A 8/Aerzen (Corpus bonorum 1734).
  12. Ohainski, Lehnregister, S. 40.