Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Holzminden-Bodenwerder | Patrozinium: Nikolaus | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Bodenwerder entstand nach 960 auf einer schmalen Weserinsel (Werder) und war wohl Besitz des Klosters Kemnade, das 1147 seine Reichsunmittelbarkeit verlor und durch Konrad III. der Abtei Corvey unterstellt wurde. Nach einem Rechtsstreit zwischen dem Abt von Corvey und dem Edelherrn Heinrich II. von Homburg fiel Bodenwerder 1245 unter die Hoheit der Homburger1, die seit dem ausgehenden 12. Jh. zwischen Leine und Weser eine weitgehend selbständige Territorialherrschaft errichtet hatten. Damals wird Bodenwerder bereits als oppidum bezeichnet. Die Verleihung städtischer Rechte durch Heinrich von Homburg (1287)2 und der Bau einer Weserbrücke (vor 1289), die die Verbindung zwischen zwei wichtigen Nord-Süd- und Ost-West-Fernhandelsstraßen herstellte, begünstigte den Aufstieg als Handelsplatz. Unter den Homburgern erfolgte um 1340 der planmäßige Ausbau der Siedlung. Mit deren Erlöschen (1409) kam Bodenwerder in welfischen Besitz. 1433 bis 1474 und ab 1492 durch Verpfändung zeitweilig hildesheimisch, wurde die Stadt während der Hildesheimer Stiftsfehde 1521 von braunschweig-lüneburgischen Truppen besetzt, im Quedlinburger Rezess (1523) endgültig dem Fsm. Calenberg zugewiesen und war später hannoversche Enklave innerhalb des braunschweigischen Kreises Holzminden.

Kirche, Ansicht von Norden, um 1900

Kirche, Ansicht von Norden, um 1900

Bei Grabungen am Marktplatz wurde 1984/85 eine kleine romanische Kapelle aus der Zeit um 1200 archäologisch nachgewiesen. Ihre Zugehörigkeit zum Kloster Kemnade wurde nach dem Übergang der Besitzrechte an die Homburger 1245 ausdrücklich bestätigt.3 Sie scheint von geringer Größe gewesen zu sein und wird in den Schriftquellen teils als Kapelle, teils als Kirche bezeichnet. 1284 erteilten Ebf. Petrus von Arborea und andere Bf. einen Ablass für den Besuch der Kirche an bestimmten Festtagen und für den Beitrag zu ihrer Bauunterhaltung. Aus dem Mai 1318 sind weitere Ablässe der Patriarchen Dominicus von Grado und Ysenardus von Antiochia sowie verschiedener Ebf. und Bf. belegt. 1329 wird in einer Urkunde des Bf. Ludwig von Minden ein Kirchenrektor in Bodenwerder genannt.4 1352 bekundeten der alte und neue Rat von Bodenwerder, dass die Vorsteher der Nikolai- und der Dionysiuskirche in Kemnade der Kirche zu Bodenwerder von beider Vermögen jährlich zu Ostern anderthalb und zu Weihnachten ein halbes Stübchen Abendmahlswein geben sollen.
Zwischen 1399 und 1409, möglicherweise als Folge des Brands von 1397, der nahezu die gesamte Stadt einäscherte, wurde der Kirchenbau aufgegeben. Die Ruine blieb wohl zunächst erhalten, denn 1407/09 ließ Heinrich VIII. von Homburg zunächst auf dem Lehnsgut des Egbrecht von Frenke unmittelbar an der Stadtmauer einen Ersatzbau errichten (1410 geweiht, um 1470 um zwei Joche erweitert). Er wurde unmittelbar der kirchlichen Gerichtsbarkeit unterstellt. Der Stadt Bodenwerder wurde das Einsetzungsrecht für einen Priester zugesprochen.
In der zweiten Hälft des 15. Jh. entstand am Markt an der Stelle des Vorgängerbaus die heutige St.-Nikolai-Kirche, deren Turm bis 1471 (Gussjahr der Hauptglocke) vollendet gewesen sein muss. Unter dem 24. September 1476 wird sie erstmals als Hauptkirche der Stadt genannt. Das Nikolaus-Patrozinium der Kapelle wurde nach Überführung der Reliquie auf den Neubau übertragen. Die 1407/10 errichtete Kapelle erhielt die Bezeichnung St. Gertrudis, wurde nach Einführung der Reformation 1543 profaniert und in eine Lateinschule (Hohe Schule) umfunktioniert. Nach dem Bau der gegenüberliegenden neuen Schule 1786 diente sie als Gefängnis und Wohnung des Untervogts, nach 1904 als reines Wohngebäude, heute als Künstleratelier und Galerie.5

Kirche, Ansicht von Südosten, Foto: Hermann Braun, Hannover, 1974

Kirche, Ansicht von Südosten, Foto: Hermann Braun, Hannover, 1974

Die Marktkirche (St. Nikolai) blieb Hauptkirche der Stadt, allerdings bis zur Einführung der Reformation dem Kloster Kemnade bzw. der dortigen St.-Dionysius-Kirche unterstellt. Mönche aus Kemnade lasen die Messe in der Kirche zu Bodenwerder. Die Reformation wurde 1542/43 unter Elisabeth von Calenberg eingeführt (Visitationsabschied vom 28. April 1543). Da die Versorgung der Pfarre durch das Kloster Kemnade entfiel, ordneten die Visitatoren die Entsendung eines Pfarrers und die Schaffung einer Stelle für einen Kaplan an. Für die Finanzierung der Pfarrstelle wurden u. a. die Bruderschaften St. Gertrudis und St. Nicolai herangezogen. Das Vermögen des schon seit der Zeit Heinrichs von Homburg bezeugten Kalands wurde zugunsten der Einrichtung einer Schulmeisterstelle eingezogen, das Kalandshaus der Kaplanei überwiesen oder verkauft.6 Erster luth. Geistlicher der Gemeinde war M. Johann Uthlo (amt. 1543-1553/55, später P. an der St.-Jacobi-Kirche in Göttingen). Die Kaplanei ist 1588 nicht mehr nachgewiesen.
Um die Besetzung der ersten Pfarrstelle kam es zu einem Konflikt zwischen dem Rat der Stadt und Hzg. Heinrich Julius, der nach seiner Regierungsübernahme 1589 den schon seit 1575 amtierenden P. Balthasar Guden mit der Pfarre und ihrem Zubehör belehnte. Der Rat protestierte gegen den Akt unter dem Hinweis, er habe seit der Reformation sämtliche Kosten für die Pfarre alleine getragen. Kirchengüter, mit denen sich der P. belehnen lassen könne, seien nicht vorhanden. Auch seien weder die Edelherren von Homburg noch die Hzg. von Braunschweig und Lüneburg je im Besitz des Patronatsrechts gewesen. Nachdem 1590 das Pfarrhaus in Kemnade durch einen Blitzschlag zerstört worden war und der dortige P. Voges eine andere Pfarrstelle bezogen hatte, verfügte Heinrich Julius am 28. August 1591 die Vereinigung der Kemnader Pfarrstelle mit der von P. Guden zur Verbesserung seines Unterhalts. Kemnade blieb auch nach dessen Tod mit Bodenwerder pfarramtlich verbunden. 1620 wies das Konsistorium in Wolfenbüttel die Bemühungen um Errichtung einer eigenen Pfarrstelle letztmalig zurück.

Kirche, Blick zum Altar, 1961

Kirche, Blick zum Altar, 1961

1626 wurde Bodenwerder durch Truppen Tillys besetzt und rekatholisiert. Der luth. P. Johann von Schwanflügel erhielt Predigtverbot. Evangelische GD wurden gewaltsam unterbunden. In der Nikolaikirche führten Corveyer Mönche den kath. Kultus ein. Nach dem Abzug der Kaiserlichen wurde sie am 3. März 1633 wieder dem ev. GD übergeben.
P. August Meyer (amt. 1903-1934) initiierte die Gründung eines Elisabeth-Frauenvereins, der mit staatlicher und kommunaler Unterstützung eine Schwesternstation errichtete. In seine Amtszeit fällt auch der Bau eines kirchlichen Krankenhauses mit Gemeindesaal durch die Henry-Eleonore-Sahlfeldstiftung (eröffnet 1911). Die NS-Zeit wurde durch die Arbeit von P. Hans-Georg Buttler (amt. 1935-1955, seit 1947 auch Sup.; BK-Mitglied) geprägt. In den Jahren 1934/35, teilweise auch später fanden Bekenntnisgottesdienste statt. Männerkreis und Frauenhilfe (gegründet 1935 oder später) versuchten, sich dem Einfluss des Nationalsozialismus zu entziehen. Das Krankenhaus wurde 1934 um einen KiGa erweitert und 1936 in ein kirchliches Altersheim mit KiGa und (bis 1957) Entbindungsstation umgewandelt, wodurch die KG die Einrichtung dem staatlichen Zugriff entziehen konnte. Die ev. Schulen wurden 1943 in Gemeinschaftsschulen umgewandelt. Seit 1956 hat der KiGa eigene Räumlichkeiten.

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: 1. Juli 1959.7 – III 1. April 1968 (als Pastorinnenstelle8); 1. Januar 1986 aufgehoben.9

Umfang

Der Pfarrbezirk umfasste ursprünglich nur den Bereich der Stadt Bodenwerder. Die ehemalige St.-Marien-KG Kemnade (seit 1590 mater combinata10) wurde mit dem 1. Oktober 1972 in die KG Bodenwerder eingegliedert.11

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Ohsen der Diözese Minden. – Kam 1589/90 zur Insp. Münder, 1634 zur neu errichteten Insp. Aerzen; mit Verlegung der Suptur. ab 1664 Insp. (1924: KK) Börry. Am 1. April 1947 entstand durch Zusammenlegung des hannoverschen KK Börry und Teilen der ehemaligen braunschweigischen Propstei Eschershausen der KK Bodenwerder im damaligen Sprengel Hildesheim-(Harz).12 Mit dem 1. Januar 1999 wurde er mit dem KK Holzminden zum neuen KK Holzminden-Bodenwerder vereinigt.

Patronat

Das Kloster Kemnade. Ansprüche auf das Patronat erhoben in der Reformationszeit das Kloster Corvey und der Rat der Stadt. Letztlich fiel es an den Landesherrn (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1975

Kirche, Grundriss, 1975

Dreischiffige, dreijochige, gotische Hallenkirche aus gebrochenem Rotsandstein (Solling) auf fast quadratischem Grundriss. Einwölbung mit Kreuzrippengewölbe, Eindeckung mit Sandsteinplattendach. 1899/1900 grundlegender Umbau und Vergrößerung der Kirche nach Entwurf von Eduard Wendebourg (Hannover). Durch Anbau von Chor und Sakristei wurde der Bau nach Süden ausgerichtet. Die im Zuge der Umgestaltung neu eingebaute Emporenanlage wurde 1960/62 bei einer Renovierung unter der Leitung von Ernst Witt wieder entfernt. Erhalten sind Reste von Wandmalereien des 16. Jh. (?)

Fenster

Rundes Chorfenster mit Buntglasverglasung (Das letzte Abendmahl) von Heinz Lilienthal, Bremen-Lesum (1961).

Turm

Turm über dem mittleren Westjoch; spätestens 1471 fertiggestellt (Gussjahr der Hauptglocke).

Blick in den Chor, um 1900

Blick in den Chor, um 1900

Ausstattung

Altar und Kanzel wurden bei der Renovierung 1960/61 modern gestaltet. Altar aus Salzhemmendorfer Dolomitgestein mit weit ausladener Mensa. Kanzel vor dem nordwestlichen Chorpfeiler aus Jura-Marmor, an der Stirnseite eine Bronzetafel mit der Verkündigung an die Hirten (beides von Bruno Schmitz, Hajen, 1961). – Sechseckige Steintaufe der Renaissancezeit (1608), mit Reliefs der Evangelisten und des Salvator mundi. Taufschale und Deckel aus Bronze 1961 von Bruno Schmitz.13 – Osterleuchter aus Bronze von Bruno Schmitz (1961). – Lesepult von Bruno Schmitz. – Drei Sandsteinepitaphe für den Stadtschreiber Franz Rust († 1604), für Bürgermeister Hans Thumbs († 1619) und seine Ehefrau Anna Wedemeier sowie Bürgermeister Antonius Böttiger († 1617) und seine Ehefrau Catharina Koppers.

Orgel

Eine 1590 erbaute Orgel wurde zwischen 1721 und 1736 instandgesetzt.14 Nach dem Siebenjährigen Krieg war sie unbrauchbar und wurde nach 1770 durch einen Neubau von Stephan Heeren (Gottsbüren) ersetzt.15 Der weitere Bestand ist unklar. Eine Spende des Rentiers Sahlfeld aus Frankfurt am Main ermöglichte 1917 einen Neubau durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 23 II/P, pneumatische Traktur, Kegellade.16 Die alte Orgel wurde nach Heinsen verkauft.17 1960/66 Neubau durch Paul Ott (Göttingen), 24 II/P (HW, BW), mechanische Traktur, Schleifladen. 1989/90 Renovierung durch Firma Gustav Steinmann (Vlotho) und Rudolf Janke (Bovenden). Wiedereinweihung 14. Oktober 1990.

Geläut

Drei LG, I. dis’ (Stahl, Gj. 1951, Bochumer Verein); II: fis’ (Bronze, Gj. 1471); III: gis’ (Stahl, Gj. 1951, Bochumer Verein). – Zwei SG, I: fis’’ (Bronze, Gj. 1400); II: a’’ (Bronze, Gj. 1962, Firma Bachert, Karlsruhe). – Früherer Bestand: Zwei LG (Bronze, Gj. 1657, und Bronze, 1788, P. A. Becker, Hannover) wurden in den Weltkriegen zu Rüstungszwecken abgeliefert.

Weitere kirchliche Gebäude

Ehemalige Suptur., Rentamt und Pfarrhaus I (zweigeschossiger Fachwerkbau, Mitte 18. Jh., 1959 Anbau an der Südseite). – Pfarrhaus II (Bj. 1960). – Gemeindehaus St. Nikolai (Bj. 1969). – Alters- und Pflegeheim (Henry-Eleonore-Sahlfeldstiftung), 1964 Abbruch des Gemeindesaalanbaus, 1966 Umbau und Erweiterung um einen Wohntrakt, 1983 erneute Erweiterung. – KiGa/Haus der Kirche (Bj. 1955/56).

Friedhof

Nachdem der Mindener Bf. Wulbrand 1410 die Genehmigung zur Bildung einer Kongregation zur Besorgung von Begräbnissen erteilt hatte, wurde ein Friedhof neu angelegt. Vor Mitte des 18. Jh. wurde der Begräbnisplatz auf dem Kirchhof der Nikolaikirche zugunsten des Friedhofs in Kemnade aufgegeben. Bei der Kirche fanden allerdings noch in der ersten Hälfte des 19. Jh. Armenbeisetzungen statt.18 Neuer kirchlicher Friedhof in den 1830er Jahren im damals vor der Stadt gelegenen Kälbertal (Einweihung 10. Juni 1834).19 Erweiterung 1966. In Trägerschaft der KG. FKap, in Sollingsandstein mit geputzten Außenflächen. Eindeckung mit Sollingplatten; Dachreiter (Bj. 1908/09).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 1277-1284 (Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 86 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 971-982 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 165-168 (Visitationen); D 25 (EphA Bodenwerder).

Literatur

A: Braun, KD Bodenwerder, S. 14-23; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 236; Holscher, Bisthum Minden, S. 114-116.
B: Ev.-luth. St.-Nikolai-Kirche zu Bodenwerder, o. O. o. J.; Kirchenvorstand der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Bodenwerder/Kemnade (Hg.): 75 Jahre „Henry-Eleonore Sahlfeldstiftung“, [Bodenwerder 1986]; Christoff Lichtenhahn: Baugeschichte sowie Umbau und Neunutzung von Schulenburg und Gertrudenkapelle in Bodenwerder, in: Jahrbuch für den Landkreis Holzminden 21 (2003), S. 93-102; Gudrun Pischke: 725 Jahre Stadtrecht Bodenwerder, in: Jahrbuch für den Landkreis Holzminden 31 (2013), S. 71-82; Karl Rose: Chronik der „Münchhausenstadt“ Bodenwerder, Bodenwerder/Weser 1937.


Fußnoten

  1. Westfälisches UB IV, Nr. 356.
  2. Pischke.
  3. Westfälisches UB IV, Nr. 356.
  4. UB Barsinghausen, Nr. 208.
  5. Lichtenhahn.
  6. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 348-351.
  7. KABl. 1959, S. 104.
  8. KABl. 1968, S. 86.
  9. KABl. 1985, S. 159.
  10. LkAH, L 5h, unverz., Bodenwerder, Visitation 1937 (Visitationsfragen Kemnade I.1): „Kemnade steht durch Grenzvertrag als selbständige Muttergemeinde unter der Verwaltung des Pfarramtes Bodenwerder.“
  11. KABl. 1972, S. 121.
  12. KABl. 1947, S. 13.
  13. Mathies, Taufbecken, S. 115.
  14. Rose, S. 216.
  15. LkAH D 25 Spec. Bodenwerder 5131.
  16. Pape, Palandt, S. 36 f. gibt in der Beschreibung der Disposition nur 22 Register an.
  17. LkAH D 25 Spec. Bodenwerder 5131.
  18. Rose, S. 216.
  19. LkAH, D 25, Spec. Bodenwerder 590