Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Münden | Patrozinium: Martin | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte
Kirche, Ansicht von Nordosten, Teilansicht, um 1953

Kirche, Ansicht von Nordosten, Teilansicht, um 1953

Die Martinikirche entstand vielleicht um 760 als Missionskirche des Klosters Fulda, jedenfalls hatte das dortige Kloster später noch Besitz in Dransfeld.1 Durch Schenkung des Mainzer Ebf. Adalbert I. kam sie 1125 in den Besitz des Klosters Lippoldsberg (die angebliche Übertragung bei der Gründung des Klosters 1088 beruht auf einer späteren Fälschung).2 Um die Pfarrstellenbesetzung kam es wiederholt zu Konflikten zwischen dem Kloster und den Dransfelder Einwohnern. Auf eine Klage des Klosters hin wurde 1214 der durch die Gemeinde berufene Priester Johannes von einer päpstlichen Kommission abgesetzt und exkommuniziert.3 Das Besetzungsrecht des Klosters wurde 1217 durch Papst Honorius bestätigt.4 Da das Kloster jedoch keinen neuen Priester ernannte, nahm die Gemeinde 1219 erneut eine eigenmächtige Wahl vor. Zur Vermeidung weiterer Auseinandersetzungen vermittelten einige Adelige einen Kompromiss, nach dem die Gemeinde endgültig auf das Wahlrecht verzichtete und das Kloster Lippoldsberg den bereits gewählten Priester Wittekind in seinem Amt bestätigte.5 Weitere mittelalterlich Geistliche waren: Heidenrikus (1286); Hildebrand (plebanus, 1312); 1427 Johann Burchard (1427); Tile Bornemann (1504); Ludolf († 1520). 1520 setzte Abt Franz von Kettler den Priester Johannes Mennigfeldt ein6, in dessen Amtszeit sich wohl ohne größere Konflikte der Übergang zum luth. Bekenntnis vollzog. Mennigfeldt, dessen Familie auch in Dransfeld begütert war, ging 1535 eine Ehe ein und war noch bei der Visitation von 1543 im Amt.7 Von 1531 bis 1559 amt. er auch als nebenamtlicher Stadtschreiber. Als Erich II. ihn im Juli 1550 aufforderte, die GD wieder nach altgläubigem Ritus zu gestalten, fügte er sich jedoch wohl wenigstens äußerlich einer Rekatholisierung der Pfarre.8 1559 folgte ihm sein Sohn Matthias Mennigfeldt (bis 1564), dann Wilhelm Schulz (amt. 1564-1585), der ab 1578 als Feldprediger im niederländischen Unabhängigkeitskrieg diente. Henricus Limprecht von Hoxer (amt. 1585-1599), seit 1588 auch Sup., wurde 1599 wegen calvinistischer Bestrebungen abgesetzt und P. an der ref. Liebfrauenkirche in Bremen.
Unter den späteren Amtsinhabern ist P. Daniel Isenberg (amt. 1834-1840) bemerkenswert, der 1836 zu den Mitgründern des Missions-Hülfsvereins im Göttingischen gehörte9; außerdem der Historiker und Heimatforscher Georg Giesecke (amt. 1891-1929) sowie Lic. Georg Hoffman (amt. 1934-1942), Privatdozent an der Universität Göttingen und Autor mehrerer Veröffentlichungen zur Theologiegeschichte und systematischen Theologie.
Mit dem 1. August 1999 wurde die KG Dransfeld mit der KG Niemetal (seit 2011 Niemetal-Bühren) pfarramtlich verbunden.10

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: Wohl die ehemalige Johannispfarre; 1. August 1991 in eine Pfarrstelle mit eingeschränktem Dienst (halbe Stelle) umgewandelt.11

Umfang

Ein Teil der Stadt Dransfeld sowie die Dörfer Bördel (KapG) und Varmissen (KapG) mit dem Wegkrug, ab 1. Oktober 1912 auch die KapG Ossenfeld (vorher zu Barterode).12 Alle drei KapG wurden mit dem 1. Januar 1974 aufgehoben und in die St.-Martini-KG eingegliedert.13

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Nörten (Sedes Dransfeld) der Erzdiözese Mainz. – 1588/89 wurde die Martinipfarre Sitz einer Insp. für die Ämter bzw. Gerichte Jühnde, Brackenberg, Friedland, Niedeck, Gleichen und Garte.14 1636 wurde die Suptur. nach Münden verlegt und wenig später (vor 1637) das Insp.-Gebiet mit dem der Insp. Münden (die damals ihren Sitz in Göttingen hatte) getauscht, so dass Dransfeld zur Insp. Göttingen kam. Später in die Insp. Münden umgegliedert und bei deren Teilung 1742 zur Insp. Münden II. Teils (mit Sitz in Göttingen: 1742-1769 an St. Albani, 1773-1796 an St. Jacobi).15 1796 kam Dransfeld zur Insp. Göttingen I, 1801 zur wieder errichteten Insp. Dransfeld (ab 1804 mit Sitz an St. Johannis in D.). Mit Aufhebung des KK Dransfeld zum 1. Januar 1929 in den KK Münden eingegliedert.16

Patronat

1125-1289 das Kloster Lippoldsberg (1212 und 1240 bestätigt). Kam 1289 im Tausch gegen das (schon 1278 von Corvey an Lippoldsberg abgetretene) Patronat zu Bodenfelde in den Besitz des Klosters Corvey (Vertrag vom 14. März 1289, erzbischöfliche Bestätigung 26. August 1290).17 Während des Dreißigjährigen Krieges (1634/36) wurde das Kollationsrecht durch die Regierung in Kassel beansprucht18, die Corveyer Rechte jedoch später bestätigt. Als Rechtsnachfolger der Abtei nahm von 1802 bis 1806 Fürst Wilhelm Friedrich von Nassau-Oranien-Fulda (Fsm. Fulda und Corvey) das Patronatsrecht wahr.19, ab 1807 die westphälische Regierung. Das Kloster Corvey wurde nach dem Wiener Kongress wieder in seine alten Rechte eingesetzt, trat das Patronat aber 1819 an das Kloster Loccum ab, dessen Convent am 22. Mai 1973 seinen Verzicht erklärte.20

Kirchenbau
Kirche, Blick zum Altar, um 1953

Kirche, Blick zum Altar, um 1953

Ein gotischer Massivbau, der im 12. Jh. eine hölzerne Taufkirche ersetzte, wurde im Laufe der Jh. wiederholt durch Kriegshandlungen und Brände in Mitleidenschaft gezogen. 1804 beklagten die früheren Kirchenkommissarien Sup. Luther und Bürgermeister Milenhausen, „daß der ganze innere Theil der hiesigen Kirche in einen solchen Verfall gerathen ist, welcher den Ausbau derselben notwendig macht.“21 Am 28. Januar 1834 brannte der Bau erneut nieder. Die Gemeinde errichtete 1835/38 an seiner Stelle einen klassizistischen Neubau nach Entwurf von Friedrich August Ludwig Hellner. Der steinsichtige Bruchsteinsaal mit segmentbogenförmiger Apsis im Osten wird an den Langseiten durch hohe rundbogige Sprossenfenstern (am Ost- und Westende in doppelgeschossiger Anordnung) in neun Achsen gegliedert. Flachgedeckter Innenraum mit einer umlaufenden Emporenanlage auf dorischen Säulen. Die Decke über dem Altarraum wird von Säulen korinthischer Ordnung getragen. 1981/84 umfangreiche Renovierung (u. a. Erneuerung von Bänken und Fußboden; Wiederherstellung der dekorativen Ausmalung der Erbauungszeit).

Fenster

Buntglasfenster an der Ostseite hinter der Kanzel (Der betende Jesus im Garten Gethsemane, um 1900).

Turm

Querrechteckiger Westturm mit achteckiger Spitze. Das Mauerwerk des Turmschafts stammt noch vom mittelalterlichen Vorgängerbau der Kirche

Ausstattung

Schlichter Blockaltar. Kanzel über dem Altar in der Emporenbrüstung. – Hölzerner Taufständer. Ein älterer Taufstein (von Johannes von Castro, 1490) gelangte in das Provinzialmuseum (Niedersächsisches Landesmuseum) in Hannover.

Orgel

Orgel

Orgel

Auf der Westempore. 1820 und (nach der Brandzerstörung) erneut 1843/45 Neubau durch Balthasar Conrad Euler (Gottsbüren), 20 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1881 Reinigung und Änderung der Disposition durch P. Furtwängler & Söhne (Elze). 1917 Ausbau der Prospektpfeifen. 1934 Umbau und Einbau neuer Prospektpfeifen aus Zink durch Paul Ott (Göttingen). Um 1965 Änderung der Disposition durch Paul Ott (Göttingen), jetzt 21 II/P (HW, OW), mechanische Traktur, Schleifladen. 1985 Restaurierung durch Martin Haspelmath (Walsrode), 21 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Sechs Reg. wurden rekonstruiert. 2006/07 Instandsetzung durch Firma Elmar Krawinkel (Trendelburg). Denkmalorgel.

Geläut

Drei LG, I: as’ (Bronze, Gj. 1964, Gebrüder Bachert, Karlsruhe); II: b’ (Bronze, Gj. 1922, J. J. Radler, Hildesheim); III: des’’ (Bronze, Gj. 1594, Hans Monnick; Leihglocke aus Schönfeld, Landkreis Flatow in Pommern, seit 1953 in Dransfeld). – Früherer Bestand: Die älteste bekannte Glocke stammte von 1403 (nicht erhalten). Eine weitere ist 1616 nachgewiesen (beim Brand 1834 zerstört). Die neue Kirche erhielt ein zweiteiliges Geläut von Johannes Heine (Bodensee), von dem die größere Glocke 1917 abgeliefert werden musste (Verbleib der kleineren unklar), und 1922 zwei neue Bronzeglocken in fis’ und ais’ (b’) der Firma Radler (Hildesheim).22 Auch hiervon wurde die größere zu Rüstungszwecken abgegeben (1942).

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (1840). – 1910 erwarb die KG ein Haus in der Poststraße als Gemeindehaus für Bibelstunden und die kirchliche Jugendvereine; es diente außerdem als Wohnung für die vom Kr. angestellte Gemeindeschwester. 1914 Anbau einer Turnhalle. 1930 Einrichtung eines kirchliche KiGa, der zunächst ebenfalls das Gemeindehaus nutzt. Nach dem Krieg Verkauf des Gemeindehauses an die Molkerei und Errichtung eines neuen KiGa mit Gemeindesaal (eingeweiht Dezember 1956). 1879/79 wurde die ehemalige Pfarrscheune zum Jugendzentrum umgebaut.

Friedhof

Bis 1812 auf dem Kirchhof. Neuanlage am westlichen Ortsrand. In Trägerschaft der Samtgemeinde Dransfeld. FKap (Bj. 1978). – Eigener (kommunaler) Friedhof im Ortsteil Ossenfeld.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 2327-2369 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 1819-1824 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 472-476 (Visitationen).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 401; Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Münden, S. 112; Gemeindebuch KKV Münden, S. 31-35; Müller, Kirchenbauten, S. 107 f.; Pape, Haspelmath, S. 176-179; Vogel u. a., Orgeln Niedersachsen, S. 292 f.
B: 150 Jahre St. Martini Kirche Dransfeld, [Dransfeld 1991]; Georg Gieseke: Mittelalterliche Urkunden zur kirchlichen Geschichte Dransfelds, in: ZGNK 34/35 (1929/30), S. 157-165; Georg Gieseke: Die Pfarrer in Dransfeld seit der Reformation, in: ZGNK 37 (1932), S. 55-93; Friedel Rehkop u. a.: Stadt Dransfeld. Ein geschichtlicher Rückblick vom 19. Jahrhundert bis zur Frühzeit, Horb a. N. [1999].


Fußnoten

  1. Lüders, Fuldaer Mission, S. 52.
  2. Desel, Kloster Lippoldsberg, S. 128.
  3. Desel, Kloster Lippoldsberg, S. 129.
  4. Gieseke, Mittelalterliche Urkunden, Nr. 2.
  5. Desel, Kloster Lippoldsberg, S. 129.
  6. Gieseke, Pfarrer, S. 57; dagegen Kayser, Kirchenvisitationen, S. 289, Anm. 289: 1528.
  7. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 289.
  8. Gieseke, Pfarrer, S. 57.
  9. Cordes, Aktion, S. 75.
  10. KABl. 1999, S. 115.
  11. KABl. 1991, S. 84.
  12. KABl. 1912, S. 85.
  13. KABl. 1974, S. 25 f.
  14. Meyer, Inspektionseinteilung, S. 209.
  15. Meyer, Inspektionseinteilung, S. 214.
  16. KABl. 1929, S. 1.
  17. Desel, Kloster Lippoldsberg, S.123 und 129.
  18. Gieseke, Pfarrer, S. 61.
  19. LkAH, A 6, Nr. 1803 (Promemoria von P. H. P. Krone, 26.09.1804).
  20. LKA, G 15/Dransfeld.
  21. LkAH, A 6, Nr. 1803 (Bericht des Stadtsyndikus Ebert betreffend die Erledigung der hiesigen St.-Johannis-Pfarre, 18.05.1804).
  22. Rehkop, S. 248.