Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Leine-Solling | Patrozinium: Laurentius | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Dassel ging aus der seit dem 9. Jh. in den Corveyer Traditionen belegten1 bäuerlichen Siedlung villa Dassila in pago Suilberi auf dem rechten Ufer des Spüligbaches hervor.

Kirche, Ansicht von Südosten, 1953

Kirche, Ansicht von Südosten, 1953

Im 10. Jh. wurde dort eine Kirche errichtet, auf deren Entstehungszeit u. a. das damals populäre Laurentius-Patrozinium verweist. Erstmals urkundlich erwähnt wird sie 1022 im Besitzverzeichnis des Michaelisklosters in Hildesheim als aecclesia in Daschalon.2 Um die Kirche entstand eine geschlossene Handels- und Handwerkersiedlung, deren Aufschwung durch den Schutz der Dasseler Burg (errichtet im 12. Jh. vermutlich durch die Gf. von Dassel) begünstigt wurden. Als letzter seines Geschlechts veräußerte Simon von Dassel die Reste der Gft. an das Hochstift Hildesheim. Bf. Heinrich II. verlieh Dassel 1315 Stadtrecht. Während der Hildesheimer Stiftsfehde wurde es 1519 von calenbergischen Söldnern geplündert und niedergebrannt. Nur Kirche und Rathaus wurden verschont.3 Die aufstrebende Tuch- und Leinwandweberei, später auch andere Formen der vorindustriellen Produktion (Mühlen, Eisenhütte) verschafften der Stadt nach dem Wiederaufbau einen gewerblichen Aufschwung. Nach der erneuten Verwüstung im Dreißigjährigen Krieg blieb Dassel jedoch bis in das 19. Jh. als Ackerbürgerstadt ohne größere Bedeutung. Die Landesherrschaft war im Quedlinburger Rezess, der 1523 die Stiftsfehde beendete, an das Fsm. Calenberg übergegangen (Amt Erichsburg). 1643 fiel sie an das Hochstift Hildesheim zurück (Amt Hunnesrück).
Aus vorref. Zeit sind an der Laurentiuskirche folgende Geistliche bekannt: Johannes (rector ecclesie, 1313), Ludolf (1345), Hermann (1407/13), Hermann Harboldessen (1439)4, Arnold Bartram (auch: Arendt Bertram, Kaplan, 1543).
An der Pfarrkirche bestanden mehrere Pfründenstiftungen. Belegt sind im Subsidienregister der Propstei Nörten (1519) die Kommenden SS. Cosmae et Damiani, St. Johannis, St. Nicolai, Johann Gotthen, St. Crucis und die Altarkommende St. Catharinae.5
Frühe Spuren ev. Predigt sollen in Dassel und Umgebung schon 1524 nachgewiesen sein. Unter calenbergischer Herrschaft wurde die Reformation eingeführt und die Stadt am 30. April 1543 visitiert.6 Erster luth. P. war Arnold Culmann (Kulemann, † 1551). Ihm folgte der frühere Rektor in Uslar und Prediger auf der Erichsburg Justus Heinemann (amt. 1553–1594). Mit der Visitation von 1543 wurde auch das Schulwesen neu geordnet. Das bisherige Katharinenlehen wurde zur Besoldung des Lehrers verwendet. Ansätze zur Rekatholisierung unter Erich II. (1546/53) blieben ohne nachhaltigen Erfolg. Erst während des Dreißigjährigen Krieges war die Pfarre in Dassel kurzzeitig wieder kath. P. Hermann Marheinke (amt. 1637–1655) musste zeitweilig nach Einbeck flüchten.
Noch 1543 wurde Arnold Bartram, der Inhaber des Marienlehens, zum Kaplan des Pfarrers bestimmt und somit die zweite Pfarrstelle (Diakonat) begründet. Der Inhaber der zweiten Pfarrstelle war 1553 bis 1806 (mit Unterbrechungen) und 1878 bis 1902 zugleich P. von Mackensen, wo 1566 bis 1588 und 1761 bis 1806 wohl auch der Pfarrsitz war. 1692 bis 1706 und 1756 bis 1806 war Hoppensen, 1809 bis 1878 Hilwartshausen mit der Diakonatspfarre verbunden. Zum 1. Juni 1902 wurde sie aufgehoben.7

Kirche, Ansicht von Nordosten, Teilansicht, Postkarte

Kirche, Ansicht von Nordosten, Teilansicht, Postkarte

In der Kirche bestand 1812 bis 1814 ein Simultaneum. Nach der Instandsetzung der Kirche zu Hunnesrück für den kath. GD stand sie den Lutheranern wieder zur alleinigen Nutzung zur Verfügung.8
In der NS-Zeit waren die P. Wedekind (amt. 1902–1934) und Frese (ab 1935) Mitglieder der BK. Der kirchliche KiGa wurde von der NSV beschlagnahmt, die ihn bis 1945 weiterführte. 1937 wurde anstelle der Bekenntnisschulen eine Gemeinschaftsschule eingeführt.
Eine Besonderheit ist die 1946 in Trägerschaft der KG gegründete Paul-Gerhardt-Schule (seit 1974 landeskirchlich), die Dasseler Schülern, die in Einbeck nicht aufgenommen worden waren, den Besuch eines Gymnasiums ermöglichen sollte. Die GD wurden zeitweise im Wechsel durch den Ortsgeistlichen und den Schulpastor der Paul-Gerhardt-Schule gehalten.
Mit dem 1. Dezember 2008 wurden die KG Dassel, Lauenberg-Hilwartshausen, Sievershausen (Dassel), Lüthorst, Markoldendorf und Hoppensen pfarramtlich verbunden.9 Mit dem 1. Juni 2012 wurden die KG Dassel, Hoppensen, Markoldendorf und Sievershausen (Dassel) zur Ev.-luth. Emmaus-KG Dassel-Solling zusammengeschlossen.10

Pfarrstellen

I: Vorref., 1. Mai 2002 aufgehoben.11 – II (Diakonat): Vorref., 1. Juni 1902 aufgehoben; neu eingerichtet 1. Januar 1975; seit 1. Mai 2002 einzige Pfarrstelle.

Umfang

Die Stadt Dassel (mit der Eisenhütte) und das Landgut Juliusburg. Bereits unter P. Justus Heinemann (amt. 1553–1594) war Hilwartshausen vom Pfarrsprengel Dassel getrennt und Lauenberg zugelegt worden. 1. Mai 1896 wurde er umgekehrt um die bisher zu Lauenberg gehörige Ortschaft Relliehausen erweitert.12 Mit dem 1. Januar 1975 wurden die KG Ellensen und Mackensen eingegliedert und ihre Pfarrstellen zur neuen zweiten Pfarrstelle von Dassel vereinigt.13

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Nörten (Sedes Markoldendorf14) der Erzdiözese Mainz. – 1588 zur neu gebildeten Insp. Uslar und im Zuge der politischen Rückgliederung an das Hochstift Hildesheim 1643 zur Insp. Alfeld.15 Ab 1800 zur neu errichteten Insp. (1924: KK) Markoldendorf (1. Oktober 1936 im KK Einbeck aufgegangen, seit 1. Januar 2001 KK Leine-Solling).

Patronat

Für die erste Pfarrstelle ab 1022 das Michaeliskloster in Hildesheim (1803 aufgehoben). Dann der Landesherr (bis 1871). – Für die zweite Pfarrstelle: Der Rat der Stadt Dassel.

Kirchenbau

Eine erste Holzkirche wurde wohl im ausgehenden 10. Jh. durch einen Massivbau abgelöst. Ein verheerender Stadtbrand zerstörte am 6. Juli 1392 auch die Kirche bis auf die Grundmauern. Erhalten blieb lediglich der massive Wehrturm. Der Wiederaufbau des Schiffs wurde erst mehr als 50 Jahre später abgeschlossen, am 12. Mai 1447 wurde die Kirche wieder eingeweiht. Dreischiffige, spätgotische Hallenkirche zu vier Jochen aus Bruchsteinmauerwerk und Sollingsandstein unter teilweiser Verwendung älterer Bauteile am Turm. Im Osten hinter einem spätgotischen Triumphbogen ein polygonaler Chorabschluss. Chor und Sakristei sind mit Kreuzrippengewölbe eingewölbt. Das Schiff (anstelle der ursprünglich vorgesehenen Einwölbung) von einer einfachen Holzdecke überspannt. Die ursprünglich spätgotische Ausmalung mit ornamentalem Blatt- und Rankenwerk wurde 1577 durch einen biblischen Bilderzyklus (Szenen aus dem Leben Jesu) sowie großformatigen Bilder des Paradieses und des Weltengerichts übermalt. Die Weltgerichtsdarstellung gilt als ein „Meilenstein luth. Kunst im norddeutschen Raum“.16 Die Malereien wurden wohl im 17. Jh. von einer Kalkschicht überdeckt und 1939/48 teilweise wiederhergestellt.17 Die Kirche wurde 1845 renoviert. Priechen und Emporen wurden zu Beginn des Zweiten Weltkriegs beseitigt. Bei einer umfassenden Innensanierung wurde 1961 der Altarraum neu gestaltet.

Turm

Der im Westen vorgelagerte Kirchturm, der 1753 eine welsche Haube erhielt, war ursprünglich Eigentum der Stadtgemeinde und wurde erst 1966 gegen eine Ablösungszahlung an die KG übergeben. In seinem unteren Teil wurde 1962 eine Gedenkstätte für die Gefallenen der beiden Weltkriege eingerichtet (1989 im Zuge von Sanierungsarbeiten beseitigt). 2008 wurde er als Andachtsraum hergerichtet.

Ausstattung

Altar aus mittelalterlicher Mensa mit Weihekreuzen auf einem 1961 neu gemauerten Unterbau. – In der Sakristei ein Laurentiusaltar mit Bronzereliefs der Grablegung, Auferstehung und Kreuztragung. – Steinerne Kanzel, wohl aus der ersten Hälfte des 16. Jh., 1675 an der Nordwestecke der Sakristei aufgestellt und um einen geschnitzten barocken Schalldeckel ergänzt. Stiftung des Papiermachers Andreas Hasenbalg (1627–1697) und seiner Frau Anna Gertrud Stegmann. – Taufe aus rotem Sandstein (1886, gestiftet durch Ernst von Alten). Ein älterer Taufstein, ursprünglich in der abgebrochenen Kapelle von Hunnesrück, war 1700 durch den Frhr. von Brabeck gestiftet worden. – Sakramentshäuschen und Piscina aus vorref. Zeit (im Chorraum). – Grabsteine von Dasseler Familien, u. a. Heinrich VI. von Hake († 1624) und seine Frau Sophia Dorothea geb. von Garmissen († 1611); P. Henning Gruve († 1685). Eine Grabplatte für P. Hermann Marheinke († 1655) ging 1961 als Geschenk an die Paul-Gerhardt-Schule und wurde dort angebracht. – Hölzernes Renaissance-Epitaph für Hartung Bode von Hake (1599) im nördlichen Seitenschiff.

Orgel, Prospekt (Umbau 1949)

Orgel, Prospekt (Umbau 1949)

Orgel

Die erste nachweisbare Orgel wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jh. beschafft und vor 1730 durch einen Neubau ersetzt. Weiterer Neubau 1844/45 Neubau durch P. Furtwängler (Elze), 24 II/P (HW, HintW), mechanische Traktur, Schleifladen. 1947/49 Umbau durch Paul Ott (Göttingen) nach Vorgaben von Rudolf Utermöhlen; Verlegung des Positivs (früher HintW jetzt als BW unter das HW) und Änderung der Disposition. 1975 Restaurierung und Wiederherstellung des ursprünglichen Klangbildes durch Martin Haspelmath (Walsrode); Erweiterung auf 25 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1999/2000 Renovierung durch Franz Rietzsch (Hiddestorf). Seit 1952 unter Denkmalschutz.18

Geläut

Fünf LG, I: d’ (Laurentius-Glocke, Bronze, Gj. 1751, Umguss durch Christoph August Becker, Hildesheim); II: g’; III: a’; IV: g’’; V: h’’ (alle Bronze, Gj. 1973, Petit & Gebrüder Edelbrock, Gescher); IV und V sind zugleich Uhrschlagglocken. – Eine weitere LG in der FKap: gis’’ (Bronze, Gj. 1960, Gebrüder Rincker, Sinn). – Früherer Bestand: Der früheste Guss einer Glocke für Dassel ist aus dem Jahr 1687 bekannt. 1880 wurde eine LG durch die Firma J. J. Radler & Söhne (Hildesheim) umgegossen. Eine 1907 im Auftrag des Magistrats gegossene Osterglocke wurde im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen. 1922 erhielt die Kirche zwei neue LG (sogenannte Bürgerglocke in gis’ und die neue Osterglocke in h’) sowie zwei Uhrschlagglocken in h’’ und cis’’ (alle Eisen, Gj. 1922, Ulrich & Weule, Apolda/Bockenem). Die Laurentiusglocke wurde 1942 zu Rüstungszwecken abgegeben, konnte aber 1947 vom Glockenfriedhof in Hamburg nach Dassel zurückgeführt werden. 1973 wurden die Eisenglocken stillgelegt und durch neue Bronzeglocken ersetzt. Glockenweihe am 2. Dezember 1973.

Weitere kirchliche Gebäude

Während das Pfarrhaus I und das Kantorenhaus noch aus der zweiten Hälfte des 19. Jh. stammen (Bj. 1870), wurde für die wieder errichtete zweite Pfarrstelle 1979 ein Pfarrhaus neu gebaut (Bj. 1979). Ein Neubau für KiGa und Gemeindehaus entstand 1961.

Friedhof

Am östlichen Ortsausgang (Am Bierberg), in Trägerschaft der Stadt Dassel.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 2060–1986 (Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 627 und 631 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 1627–1645 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 422–426 (Visitationen); D 10 Nr. 485–488 (Urkunden); D 45b (EphA Einbeck); D 91 (PfA Dassel); S 1 H III Nr. 411 (Kirchenkampfdokumentation).

Literatur

A: Pape, Haspelmath, S. 115–118.
B: Ein Gang durch unsere Dasseler Kirchen, 1997; Martin Haspelmath: Die Orgel in Dassel und die Restaurierung des alten Bestandes, in: Uwe Pape (Hg.): Frühromantischer Orgelbau in Niedersachsen, Bericht über die Fachtagung, Hildesheim, 16.–18. September 1976, Berlin 1977, S. 73–77; Hans Mirus: Chronik der Stadt Dassel. Von der Grafschaft bis zur Gebietsreform 1974, Hildesheim 1981; [Erich Plümer]: Die St. Laurentiuskirche in Dassel am Solling, [Dassel 1965]; Erich Plümer: Geschichte der Stadt Dassel. Ein Überblick, Einbeck 1965; Renata von Poser-Max: Die St.-Laurentius-Kirche in Dassel und ihre lutherische Weltgerichtsdarstellung (1577), in: Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart 59 (1991), S. 19–37; Manfred Schnepel: St. Laurentiuskirche zu Dassel, [Dassel 2010].


Fußnoten

  1. Mönchslisten I, § 229; Mönchslisten II, S. 201. Vgl. auch Casemir/Menzel/Ohainski, Ortsnamen Lkr. Northeim, S. 86.
  2. UB HS Hildesheim I, Nr. 68.
  3. Havemann, Geschichte Braunschweig II, S. 25.
  4. Urkundenauszüge Einbeck, Nr. 985.
  5. Kayser, Registrum II, S. 292.
  6. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 344–347.
  7. KABl. 1902, S. 19.
  8. LkAH, A 1 Nr. 2066.
  9. KABl, 2009, S. 10 f.
  10. KABl. 2013, S. 179-184.
  11. KABl. 2002, S. 157.
  12. KABl. 1896, S. 17.
  13. KABl. 1975, S. 5.
  14. Kayser, Registrum II, S. 281.
  15. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  16. Poser-Max.
  17. Rein, Wandmalereien, S. 53–59.
  18. KABl. 1952, S. 160.