Frühere Gemeinde | Sprengel Osnabrück, KK Syke-Hoya | Patrozinium: Maria | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

Mittelalterliche Grundherren des Dorfs an der Hunte waren u. a. die Edelherren (später Gf.) von Diepholz, die Gf. von Delmenhorst und Hoya, letztere seit 1141 wohl als Hauptbesitzer. Bei der Etablierung der Landesherrschaft, die noch im 15. Jh. zwischen Hoya, Diepholz und dem Hochstift Münster strittig war, setzten letztlich die Edelherren/Gf. von Diepholz ihre Interessen durch. Mit dem Erlöschen des Diepholzer Grafenhauses (1585) fiel Colnrade unter die Herrschaft der Hzg. von Braunschweig und Lüneburg (Amt Diepholz, ab 1820 Amt Harpstedt).
Die St.-Marien-Kirche in Colnrade wurde wohl im 11. oder 12. Jh. als Eigenkirche der ritterlichen Familie von Claholte fundiert, blieb aber zunächst im Parochialverband der Mutterkirche in Twistringen. 1291 verkauften die von Claholte die Kirche zusammen mit ihrem Hof Osterseelte an den Edelherrn Rudolf II. von Diepholz. 1360 wird die kercken tho Koldenrode erstmals urkundlich erwähnt.1 Vor 1371 wurde die Parochie von Twistringen gelöst und verselbständigt. Als Pfarrer sind Cord van den Odelen (1399) und Heinrich Mumpharde (1446) belegt. Mit der Berufung des Reformators Patroklus Römling führte Friedrich I. von Diepholz 1528 die Reformation in Diepholz ein. Seit 1529 soll auch in der Kirche von Colnrade ev. gepredigt worden sein. Bestmann nennt für die Jahre 1561 bis 1564 einen P. Hinricus (Nachname unbekannt), 1565 bis 1561 Johann Hoffmann.2 Von der Gegenreformation war Colnrade kaum beeinflusst.
Über eine eigene Kapelle verfügte früher das zu Colnrade gehörige Beckstedt. Errichtet wurde sie vielleicht durch das Kloster Heiligenloh (die Bauern von Beckstedt waren nach Heiligenloh zehntpflichtig). Um 1700 wurde das KapGb in eine Schule umfunktioniert, 1750 durch ein neues Schulgebäude ersetzt. Eine weitere Kapelle bestand bis in die erste Hälfte des 17. Jh. in Holtorf.
Die Pfarrstelle in Colnrade wurde mit dem 1. Juli 1994 in eine Pfarrstelle mit eingeschränktem Dienst (halbe Stelle) umgewandelt3 und die KG mit dem 1. April 1996 mit der KG Harpstedt pfarramtlich verbunden. Colnrade blieb aber Dienstsitz des P.4 Am 1. November 2005 wurde die Verbindung aufgehoben. Seither war Colnrade mit der KG Heiligenloh in Twistringen verbunden.5 Beide KG wurden mit dem 1. Januar 2012 zur St.-Marien-KG Heiligenloh-Colnrade vereinigt.6

Umfang

Als nach dem Wiener Congress 1817 die Grenze zwischen Oldenburg und Hannover neu festgesetzt wurde, verlor das Ksp. Colnrade seine westlich der Hunte gelegenen Gebiete, die den oldenburgischen Ksp. Goldenstedt und Wildeshausen zugesprochen wurden. Zu Colnrade gehörten seither noch die Dörfer Austen, Beckstedt, Colnrade und Holtorf; die Höfe auf der Becke, Hahnhorst, im alten Moore, im Ströhe, Kieselhorst, Krumdieck, Osterseelte, Petermann, Spradau, Straßburg; sowie Osterhorn; die Bauerschaften/Dörfer Rüssen (ab 1820), Abbentheeren und Duveneke. Rüssen war ursprünglich nach Goldenstedt eingepfarrt, hielt sich aber, da dort ein kath. Pfarrer amtierte, beim Abendmahl seit jeher nach Colnrade und wurde 1820 auf Wunsch der Einwohner dahin umgepfarrt7. Zum 1. Juli 1886 wurde der Gemeindebezirk durch die Umpfarrung der Ortschaft Hölingen von Harpstedt nach Colnrade vergrößert.8

Aufsichtsbezirk

Ursprünglich wohl Archidiakonat Lohe, bald nach 1300 zum neu geschaffenen Archidiakonat Sulingen der Diözese Minden9, dann zum Archidiakonat Mariendrebber der Diözese Osnabrück. – Nach der Reformation Insp. Diepholz (1530 gegründet). Wegen der weiten Entfernung von der Suptur. wurde die KG 1869 in die neu errichtete Insp. Bassum umgegliedert.10 1. Februar 1925 wurden die Bezirkssynodalverbände Weyhe und Bassum zum KK Weyhe-Bassum zusammengelegt, 1933 die beiden KK vereinigt und durch Verfügung vom 4. Oktober 1934 der Sitz nach Syke verlegt11 (KK Syke, 1. Januar 2001 mit dem KK Hoya zum KK Syke-Hoya zusammengelegt).

Patronat

Die von Claholte, ab 1291 die Edelherren/Gf. von Diepholz, nach deren Erlöschen 1585 die Hzg. von Braunschweig-Lüneburg/der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Das mittelalterliche KGb aus dem 12. Jh. wurde später mehrfach vergrößert. Mitte des 19. Jh. war es abgängig, die Gewölbe einsturzgefährdet. Da die Sicherheit der Besucher nicht mehr gewährleistet werden konnte, ließ die KG 1856-58 durch Friedrich August Ludwig Hellner einen Neubau errichten (Einweihung am 1. Advent 1858). Flachgedeckte Hallenkirche aus Ziegelmauerwerk mit dreiseitig geschlossener, gewölbter Apsis. Empore an der Nord-, Süd- und Westseite. Gewölbemalereien in der Apsis (die vier Evangelisten mit ihren Symbolen).

Turm

Quadratischer Turm, der untere Teil noch vom mittelalterlichen Vorgängerbau; Aufbau aus Ziegelsichtmauerwerk. Schiefergedeckte, ins Achteck überführte Spitze. Gefallenengedenkstätte im Turmraum.

Ausstattung

Massiver Blockaltar, dahinter eine klassizistische Altarwand. Im Hauptbild Kreuzigung mit vollplastischem Korpus; in der Predella das heilige Abendmahl. – Farbig gefasste hölzerne Kanzel (um 1858). – Schlichte, kelchförmige Sandsteintaufe mit achtseitiger Kuppa; Messingschale und -deckel. – Zwei Kronleuchter (1679). – Porträt des P. Hermann Burchard Limburg (amt. 1692-1719).

Orgel

Die 1858 von Carl Heyder (Heiligenstadt) erbaute Orgel mit 15 II/P, mechanischer Traktur, Schleifladen, ersetzte wohl ein älteres Instrument. Für die Jahre 1752/53 und 1767 sind jedenfalls Überlegungen zur Anschaffung eines solchen bekannt. Der Organist Heinrich Rudolph Bernhard Köster aus Ueffeln bot der Gemeinde 1768 eine gebrauchte Orgel, 5 I/aP, zum Kauf an.12 Die Heyder-Orgel wurde 1960 durch die Firma Hans Wolf (Verden) umgebaut und 1969/70 erneut renoviert. 1995 Umbau und Renovierung durch Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven), 15 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Nach Schäden durch die Sanierung der Kirche 2007/08 durch Stefan Linke (Rotenburg, Wümme) erneut instand gesetzt.

Geläut

Drei LG, I: f’ (Bronze, Gj. 1974, Gebrüder Rincker, Sinn), II: g’ (Bronze, Gj. um 1700); III: a’ (Bronze, Gj. 1974, Gebrüder Rincker, Sinn). – Eine SG in b’’ (Bronze, Gj. 1684).13 – Früherer Bestand: Aus dem alten Geläut ist eine kleine LG 1760 geborsten und wurde wohl 1773 durch den Glockengießer Friedrich Moritz Rincker (Osnabrück) umgegossen. Ein Umguss der großen Glocke erfolgte 1790 durch Lüder Ahlers.14 Für die im Ersten Weltkrieg abgelieferten LG erhielt die Kirche 1927 zwei Eisenhartgussglocken der Firma Schilling & Lattermann, (Apolda) in e’ und a’ (1974 ersetzt).

Weitere kirchliche Gebäude

Neues Pfarrhaus (Bj. 1962/63). – Gemeindehaus (Bj. 1964, Erweiterung 1989).

Friedhof

Neuanlage 1837 am Hoboldsweg. Eigentum der KG.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 1884-1910 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 1545-1561 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 9 Nr. 399-406 (Visitationen); D 96 (EphA Syke).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 368; Dienwiebel, Ortsverzeichnis Hoya/Diepholz I, S. 113; Gade, Hoya und Diepholz I, S. 270-273; Müller, Kirchenbauten, S. 140.
B: Bernhard Lehnhof: Chronik des Kirchspiels Colnrade – Die St. Marienkirche in Colnrade, [Austen 2005].


Fußnoten

  1. Hoyer UB IV, S. 24.
  2. Meyer, Pastoren I, S. 176.
  3. KABl. 1994, S. 109.
  4. KABl. 1996, S. 140.
  5. KABl. 2005, S. 255.
  6. KABl. 2011, S. 298 f.
  7. LkAH, D 96, Spec. Colnrade 100.
  8. KABl. 1986, S. 65 f.
  9. Moormeyer, Diepholz, S. 19.
  10. Vierteljährliche Nachrichten 1869, S. 41.
  11. KABl. 1934, S. 158
  12. LkAH, D 96, Spec. Colnrade 513-1.
  13. LkAH, L 5a, Nr. 69 (Colnrade, Visitation 1993 und 1999).
  14. LkAH, D 96, Spec. Colnrade 513-2.