Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Münden | Patrozinium: Maria1 | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Urkundlich ist der Ort erstmals 1055 als Steina in der Gründungsurkunde des Kollegiatstifts Nörten belegt.2 Der Name Marienstein bürgerte sich im 17. Jh. ein. Der Mainzer Ebf. Ruthard (amt. 1088–1109) gründete Anfang des 12. Jh. ein Kloster St. Maria in Steina. Die Vogtei über das Kloster erlangte vor 1258 die Familie von Plesse.3 Nachdem die Familie 1571 in männlicher Linie ausgestorben war, konnte das Ebm. Mainz seine Ansprüche auf die Landesherrschaft über das Kloster gegen die Lgft. Hessen durchsetzen. 1619 besetzte der Wolfenbütteler Hzg. Friedrich Ulrich zu Braunschweig-Lüneburg († 1634) das Kloster, 1626 brannte sein Bruder Hzg Christian († 1626) die Anlage nieder. Als Klosteramt gehörte Marienstein nun zum welfischen Teilfsm. Calenberg-Göttingen („Kernlande Hannover“, 1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover), der Mainzer Erzbischof gab seine Ansprüche 1692 auf. Das Kloster lag im Amt Harste, die Niedergerichtsbarkeit allerdings lag beim Klosteramtmann und die Hochgerichtsbarkeit direkt bei der Justizkanzlei in Hannover.4 In französischer Zeit gehörte Marienstein von 1807 bis 1813/14 zum Kgr. Westphalen (Kanton Nörten, Distrikt Göttingen, Leine-Departement). Seit 1815 zählte der Ort, nun im Kgr. Hannover, zum Amt Harste und kam bei dessen Auflösung 1823 zum Amt Bovenden. Ab 1852 gehörte Marienstein zum neugeschaffenen Amt Nörten, das bereits 1859 in das Amt Northeim eingegliedert wurde. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Nörten 1866 an das Kgr. Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam der Ort zum Lkr. Northeim (neugebildet 1974). 1928 wurde Marienstein nach Nörten eingemeindet. Um 1810 lebten knapp 230 Menschen in Marienstein und 1924 etwa 250.
Die urkundliche Ersterwähnung Mariensteins ist gleichzeitig der älteste Beleg für eine Kapelle im Dorf: Der Mainzer Ebf. Luitpold I. (amt. 1051–1059) überließ 1055 die capellam nomine Steina dem neugegründeten Kollegiatstift St. Peter in Nörten.5 Ebf. Ruthard (amt. 1088–1109) trennte die ecclesiam beatae dei genitricis Mariae in loco, qui Steina vocatur (die Kirche der seligen Gottesmutter Maria in dem Ort, der Steina genannt wird) im Jahr 1102 wieder vom Nörtener Stift ab.6 Er stiftete an der Marienkirche in Steina ein Männerkloster, das 1105 belegt ist.7 Das Kloster gehörte zum Benediktinerorden. Die romanische Krypta unter der Mariensteiner Kirche geht auf die Zeit um 1180 zurück. 1150 pfarrte der Mainzer Ebf. Heinrich (amt. 1142–1153) das Dorf Angerstein von Nörten nach Marienstein um und 1366/67 inkorporierte Ebf. Gerlach (amt. 1346/53–1371) dem Kloster die Pfarrkirche St. Blasien in Hann. Münden.8 Im Jahr 1447 wurde das Kloster aufgrund seiner desolaten wirtschaftlichen Lage aufgehoben, mit dem Heilig-Geist-Kaland in Hann. Münden vereinigt und in ein Kollegiatstift umgewandelt. Ab etwa 1472 war es mit dem Stift St. Peter in Nörten vereinigt, 1491 wurde das Kloster Marienstein als Benediktinerkonvent neu errichtet.
Während der Reformation blieb das Kloster altgläubig. Während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1649) ließ Hzg. Friedrich Ulrich zu Braunschweig-Lüneburg († 1634) das Kloster 1619 besetzen und Abt Heinrich Eckel trat 1620 zur luth. Lehre über.9 Mit der pfarramtlichen Versorgung beauftragte er P. Henning Küsel (amt. 1613–1626) aus dem benachbarten Parensen.10 Das Kloster wurde säkularisiert und 1692 gab das Erzbistum Mainz schließlich seine Ansprüche in Marienstein auf. Seit 1648 hatten zudem die ev.-luth. Familien aus Nörten das Recht, den ev. Gottesdienst in der ehemaligen Klosterkirche Marienstein zu besuchen.11 Im Jahr 1724 erhielt die Gemeinde der Domäne Marienstein eine neue Kirche. Das Gebäude ist nicht Eigentum der Gemeinde, sondern der Hannoverschen Klosterkammer. Gottesdienste fanden sonntäglich in Marienstein und in Parensen statt.
Im Jahr 1888 errichtete das Konsistorium Hannover die ev.-luth. KapG Nörten – dort hatte bislang lediglich ein kath. Pfarramt existiert – und pfarrte die neue Gemeinde nach Marienstein ein. Gleichzeitig kam auch die KapG Bishausen zu Marienstein. Die pfarramtliche Verbindung mit Parensen blieb weiterhin bestehen und für die beiden KapG richtete das Konsistorium eine Pfarrkollaboratur in Nörten ein. Bis zum Bau der ev.-luth. Kirche in Nörten 1902/04 versammelte sich die Gemeinde zum Gottesdienst in der Mariensteiner Kirche, den abwechselnd der Parenser Pastor und der Nörtener Hilfspastor hielten.12 Bereits 1897 schieden Nörten und Bishausen wieder aus dem Kirchspiel Marienstein aus: Das Konsistorium erhob Nörten zu einer selbständigen Kirchengemeinde mit eigenem Pfarramt, das auch für Bishausen zuständig war.13 Formal gehörte auch die KapG Lütgenrode von 1904 bis 1930 zur KG Marienstein.14 1930 endete die seit der ersten Hälfte des 17. Jh. bestehende pfarramtliche Verbindung zwischen Marienstein und Parensen und das Landeskirchenamt Hannover verband die kleine Mariensteiner Gemeinde mit der KG Nörten.15 Sie zählte 1930 etwa 270 Gemeindeglieder.16 Zum 1. Januar 2006 löste sich die KG Marienstein auf und schloss sich der KG Nörten an.17

Umfang

Klostergut Marienstein. Von 1888 bis 1897 auch Nörten (KapG) und Bishausen (KapG). Von 1904 bis 1930 auch Lütgenrode (KapG).

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Nörten (sedes Nörten) der Erzdiözese Mainz. – Die Pastoren von Parensen standen „als Klosterprediger von Marienstein bis zum Jahr 1820 niemals unter irgend einem Superintendenten“.18 Seit 1820 wohl zur Insp. im Amt Harste, bei deren Auflösung 1842 provisorisch zur Insp. Göttingen Erster Teil, 1844/45 zur Insp. Göttingen Zweiter Teil. 1868 erneut zur Insp. Göttingen I. 1924 zu Insp. bzw. KK Göttingen II.19 1937 zum KK Göttingen-Nord.20 Ab 1. Januar 2001 KK Göttingen.21 Seit 1. Januar 2023 KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Münden.22

Kirchenbau

Eigentum der Klosterkammer. Rechteckiger, dreiachsiger Saalbau mit Anbau an der Südseite (Prieche Amtmann), errichtet 1724. Ziegelgedecktes Satteldach mit Krüppelwalm nach Osten. Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung, Strebepfeiler an den Längsseiten und an der Ostseite. Rundbogige Fenster mit Sandsteingewänden, Rechteckportal nach Norden. Im Innern abgeflachtes Holztonnengewölbe, Westempore; unterhalb der Prieche romanische Krypta (um 1180): dreischiffiger, quadratischer Raum mit vier freistehenden Säulen (mit Würfelkapitellen), Kreuzgratgewölben und tonnengewölbter Ostnische, im Süden rechteckiger „Vorraum“ mit Kreuzgratgewölbe; rundbogige Pfeilerarkaden zwischen beiden Räumen.23 1976–78 Renovierung. 1986 Krypta renoviert.

Turm

Teilweise umbauter Westturm, untere Geschosse vierseitig, Obergeschoss achtseitig. Schiefergedeckte welsche Haube mit geschlossener Laterne, bekrönt mit Kugel und Wetterfahne. An der Laterne acht rundbogige Schallfenster. Am Obergeschoss vier Rundbogenfenster und ein Uhrziffernblatt, in den übrigen Geschossen jeweils Rundbogenfenster nach Norden und Süden.

Ausstattung

Schlichter, hölzerner Kanzelaltar (18. Jh.), weiß gefasst mit Vergoldungen, Kanzelkorb mit Pilastern vor den Ecken, flankiert von zwei korinthischen Säulen, die verkröpftes Gebälk mit Schalldeckel tragen; im Segmentbogengiebel Inschriftenmedaillon mit hebräischem Gottesnamen (יהוה), vor dem Retabel kastenförmiger Altar. – Taufe (18. Jh.), kelchförmiges Becken; vierseitiger Balusterschaft; vierseitiger, getreppter Fuß. – Ehemalige Ausstattung: Taufstein (12. Jh.), nur Becken mit Rankenornament erhalten, befindet sich im Landesmuseum Hannover.

Orgel

Nach 1727 Orgelneubau, ausgeführt von Johann Hinrich Gloger (Northeim), 13 II/–, mechanische Traktur, Schleifladen (Orgelbauvertrag um 1976 entdeckt); um 1732 fertiggestellt von Johann Wilhelm Gloger (Northeim). 1736 Umbau, Johann Wilhelm Gloger (Northeim). 1793/94 Balgreparatur. 1873 Umbau und Erweiterung, ausgeführt von Folkert Becker (Hannover), 18 II/P, mechanisch Traktur, Schleifladen. 1951 Instandsetzung und Umarbeitungen, Paul Ott (Göttingen), 18 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1976–78 Restaurierung und Rekonstruktion, erster Bauabschnitt, ausgeführt von Martin Haspelmath (Walsrode), Windanlage und Bälge aus der Kirche in Uschlag verwendet. 1988 Restaurierung und Rekonstruktion, zweiter Bauabschnitt, ausgeführt von Martin Haspelmath (Walsrode), 18 II/P (HW, BW), mechanische Traktur, Schleifladen. Denkmalorgel.

Geläut

Eine LG, h’ (Bronze, Gj. 1894, Firma Radler, Hildesheim), Inschrift: „O Land, Land, Land höre des Herrn Wort. Jer. 22,29“ und „Gegossen von J. J. Radler u. Soehne in Hildesheim 1894“.

Friedhof

Ehemaliger Friedhof nördlich der Klosterkirche.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 8671, 8673 (Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 289, 530 (Spec. Landeskons.); A 9 Nr. 1812Digitalisat, 1813Digitalisat, 1814Digitalisat¸ 1815Digitalisat, 1816Digitalisat, 1817Digitalisat (Visitationen); B 2 G 9, Nr. 3418 (Baupflege und Bauwesen); B 18 Nr. 200 (Orgelsachverständiger); S 11a Nr. 7643 (Findbuch PfA).

Kirchenbücher
In den Kirchenbüchern von Parensen

Taufen: 1687–1929 (Lücken: 1757–1852)
Trauungen: 1691–1929 (Lücken: 1757–1852)
Begräbnisse: 1691–1929 (Lücken: 1757–1852)
Kommunikanten: 1825–1929 (Lücken: 1856–1879)
Konfirmationen: 1758–1929 (Lücken: 1792–1875)

In den Kirchenbüchern der Mutterkirche Nörten

Taufen: ab 1739 (Lücken: 1853–1929)
Trauungen: ab 1739 (Lücken: 1853–1929)
Begräbnisse: ab 1739 (Lücken: 1853–1929)
Kommunikanten: ab 1930
Konfirmationen: ab 1791 (Lücken: 1801–1823, 1846–1848, 1876–1929)

Literatur & Links

A: Bielefeld, Orgeln im Umland, S. 227–231; Casemir/Menzel/Ohainski, Ortsnamen Lkr. Northeim, S. 257–258; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 989; Dolle, Klosterbuch III, S. 1387–1392 („Steina“); Kämmerer/Lufen, Denkmaltopographie Lkr. Northeim, S. 189–193; Mithoff, Kunstdenkmale II, S. 127.

B: Peter Aufgebauer: Die plessesche Klostervogtei über Steina, Marienstein, in: Maueranker und Stier: Plesse/Plessen. Tausend Jahre eines norddeutschen Adelsgeschlechts, hrsg. von Christian von Plessen, 2 Bde., Schwerin 2015, Bd. I, S. 140–145; Theodor Eckart: Geschichte des Klosters Marienstein in der Provinz Hannover, Hannover-Linden 1890; Dietrich Heidemann: Geschichte des Klosters Steina, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen 37 (1871), S. 46–117 [Digitalisat]; Eckhard Michael: Beiträge zur Geschichte des Benediktinerklosters Steina (Marienstein), Krs. Northeim, im ausgehenden Mittelalter, in: Plesse-Archiv 13 (1978), S. 7–242.

Internet: Bildindex der Kunst & Architektur: Klostergut; Denkmalatlas Niedersachsen: Kirche.

GND

7843121-9, Kloster Marienstein.


Fußnoten

  1. Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 160.
  2. Mainzer UB I, Nr. 296. Zum Namen und für weitere Nachweise vgl. Casemir/Menzel/Ohainski, Ortsnamen Lkr. Northeim, S. 257.
  3. UB Plesse, Nr. 179.
  4. Weissenborn, Gerichtsbarkeit, S. 174 ff.
  5. Mainzer UB I, Nr. 296. Vgl. knapp: Dolle, Klosterbuch III, S. 1089 ff.
  6. Mainzer UB I, Nr. 406. Vgl. auch BW, RggEbMz 24 Nr. 036, in: Die Regesten der Mainzer Erzbischöfe, http://www.ingrossaturbuecher.de/id/source/12070, 12.09.2025.
  7. Mainzer UB I, Nr. 425. Zum Kloster vgl. knapp: Dolle, Klosterbuch III, S. 1387 ff. sowie Niedersächsische Klosterkarte; ausführlicher: Michael, S. 13 ff.
  8. 1150: BW, RggEbMz 28 Nr. 124, in: Die Regesten der Mainzer Erzbischöfe, http://www.ingrossaturbuecher.de/id/source/14264, 12.09.2025. 1367: Vigener, RggEbMz Nr. 2285, in: Die Regesten der Mainzer Erzbischöfe, http://www.ingrossaturbuecher.de/id/source/9565, 15.09.2025.
  9. Eckart, S. 39 f.
  10. Eckart, S. 51 ff.
  11. Wolf, Petersstift, S. 243 [Digitalisat]; Eckart, S. 58.
  12. Eckart, S. 67.
  13. KABl. 1897, S. 24 f.
  14. KABl. 1904, S. 40 f.
  15. KABl. 1930, S. 45.
  16. Ahlers, Pfarrbuch 1930, S. 381.
  17. KABl. 2006, S. 23.
  18. Eckart, S. 52.
  19. KABl. 1924, S. 86.
  20. KABl. 1937, S. 135.
  21. KABl. 2000, S. 150 f.
  22. KABl. 2022, S. 189 ff.
  23. Kämmerer/Lufen, Denkmaltopographie Lkr. Northeim, S. 193.