Frühere Gemeinde | KapG der St.-Aegidien-KG Osterode | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Harzer Land | Patrozinium: – | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

Schriftlich ist das Haufendorf, heute Ortsteil von Osterode, erstmals in einer auf 1105 datierten Urkunde als Utheriche genannt. Zwar handelt es sich dabei um eine Fälschung aus der Mitte des 12. Jh., allerdings lag ihr vermutlich ein Original zugrunde.1 Das Dorf gehörte möglicherweise den Gf. von Katlenburg, deren Besitz nach 1106, als die Grafenfamilie in männlicher Linie ausgestorben war, an die Welfen kam. Seit der Dreiteilung des welfischen Teilfsm. Braunschweig im Jahr 1291 gehörte Uehrde zum kleinen Fsm. Grubenhagen (Name „Grubenhagen“ erst 1567 belegt).2 Von 1227 bis 1442 ist mit den Herren von Uehrde eine niederadlige Familie belegt, die sich nach dem Ort benannte; Besitzungen im Dorf lassen sich jedoch nicht nachweisen.3 Im Januar 1447 erwarb die Stadt Osterode dat dorp Uderde […] mit aller tobehoringe unde rechte von Beate von Mutzeval, Witwe des Ludolf von Medenheim, der Uehrde als Lehen der Grubenhager Fürsten besessen hatte.4 Das nunmehrige „Stadtdorf“ blieb im Besitz Osterodes, das hier auch die Nieder- und Hochgerichtsbarkeit inne hatte.5 Nach Aussterben der Grubenhagener Linie der Welfen fiel das Fsm. Grubenhagen 1596 an das Fsm. Braunschweig, 1617 an das Fsm. Lüneburg und 1665 an das Fsm. Calenberg-Göttingen (1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover). In französischer Zeit zählte Uehrde von 1807 bis 1813/14 zum Kanton Osterode im gleichnamigen Distrikt des Harzdepartements im Kgr. Westphalen. Danach unterstand das Dorf, nun im Kgr. Hannover, wieder dem Magistrat der Stadt Osterode. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fielen Osterode und sein Stadtdorf Uehrde 1866 an das Kgr. Preußen. Seit 2016 ist Osterode eine selbständige Gemeinde im Lkr. Göttingen. Um 1810 lebten knapp 100 Menschen in Uehrde, 1964 etwa 160 und 2012 gut 100.

Kapelle, Ansicht von Nordosten, 1950

Kapelle, Ansicht von Nordosten, 1950

Im Jahr 1317 ist erstmals ein Priester in Uehrde belegt: In der Zeugenliste einer Urkunde sind nacheinander der Lasfelder und der Uehrder Pfarrer genannt: dominus Ditmarus plebanus in Larsuelde, dominus Volcmarus in Vderde clerici.6 Zusammen mit dem Dorf Uehrde erwarb die Stadt Osterode 1447 auch das dortige Kirchlehen, war also Patron der Dorfkirche. Es ist unklar, wann die Pfarre aufgehoben und das Stadtdorf nach St. Aegidien eingemeindet wurde – möglicherweise während der Reformationszeit.7 Die Jahreszahl 1552 in der 1952 abgenommenen Wetterfahne deutet darauf hin, dass in diesem Jahr die Kapelle umgebaut oder erneuert wurde.
In der ersten Hälfte des 17. Jh. kam der Pastor der Aegidienkirche viermal im Jahr nach Uehrde um „Beicht Zusitzen vndt KinderLehr Zu halten“. Dabei musste er feststellen, dass „sowoll alte alß Junge in dem Catechesimo schlecht unterrichtet, Welches daher gerühret, Weill die alten nicht alle Sontage den Osterodischen Gottesdienst, sonderlich bey bösen Wetter, besuchten, die Jungen aber davon gar wegblieben“, wie Heinrich Wendt († 1683) in seiner Chronik der Stadt Osterode schrieb.8 Ab 1644 übernahm daher der Subkonrektor der Osteroder Schule als Prädikant die Versorgung der KapG Uehrde.9 Er hielt sonn- und feiertags Predigtgottesdienst und Katechismuslehre in der Kapelle. Für Taufen, Trauungen und Abendmahl waren weiterhin die Pastoren der St. Aegidienkirche in Osterode zuständig. Der Rat der Stadt Osterode ließ um 1650 zudem „die sehr ruinirte und verfallenen Kirche mit frommer ChristenBeyhülff reparieren und Newen Altar, Predigtstuel [Kanzel] und Tauffstein hineinsetzen“, wie Wendt weiter berichtet.10 An diese Erneuerung erinnert der Osteroder Wappenstein mit der Jahreszahl 1652, der in die Südwand der Kapelle eingelassen ist. Den Dorfbrand von 1770 überstand die Kapelle unbeschädigt.
Der erste Subkonrektor und Uehrder Prädikant war Georg Beckmann (amt. 1644–1662), dessen großformatiges Porträt sich bis heute im Besitz der KapG befindet.11 Einige der Uehrder Prädikanten erlangten Pfarrstellen in Osterode, u. a. Joachim Jacob Jenisch (amt. 1762–1772), später Pastor an der Aegidienkirche und Johann Christian Zimmermann (amt. 1785–1805), später Pastor an St. Marien und dann an St. Aegidien.12 Die Verbindung von Schul- und Kapellendienst bestand bis 1875; Anfang des 20. Jh. fanden in der Kapelle jährlich sechs Predigtgottesdienst statt (1907), in der Nachkriegszeit waren es zwölf (1952).13
Als Patron der Kapelle war die Stadt Eigentümer des KapGb und für den Bauunterhalt zuständig. Im Zuge der Ablösung des städtischen Patronats über die St. Aegidienkirche endete auch das Patronat über die Kapelle Uehrde: 1957/58 erwarb die Aegidiengemeinde die kurz zuvor renovierte Kapelle und das alte Schulgebäude.14 In der ehemaligen Schule eröffnete der KK Osterode Anfang Oktober 1958 das Kreisjugendheim.15 Im Jahr 1964 hatte die kleine Kapellengemeinde knapp 140 Gemeindeglieder, 1976 rund 125. Wegen Baufälligkeit musste das Kapellengebäude 1992 geschlossen werden und die Gemeinde wich zum Gottesdienst in das Kreisjugendheim aus. Seit der grundlegenden Sanierung 1996/97 ist die Kapelle wieder nutzbar.
Im Jahr 2011 gründete sich die „Stiftung Kapelle Uehrde“, die sich die Förderung des Erhalts und Unterhalts der Uehrder Kapelle zum Ziel gesetzt hat.16 Zum 1. Januar 2024 wurde die KapG Uehre aufgehoben; Rechtsnachfolgerin ist die St.-Aegidien-KG Osterode, die gleichzeitig Teil der „Ev.-luth. Gesamtkirchengemeinde Osterode am Harz“ wurde.17

Umfang

Uehrde.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Nörten (sedes Berka) der Erzdiözese Mainz.18 Pfarre spätestens im 16. Jh. aufgehoben und Dorf nach St. Aegidien eingepfarrt.

Patronat

Seit 1447 Rat der Stadt Osterode, 1957/58 abgelöst.19

Kapellenbau
Kapelle, Ansicht von Südosten, 1950

Kapelle, Ansicht von Südosten, 1950

Bis 1957/58 Eigentum der Stadt Osterode.20 Zweiachsiger Rechteckbau mit Rechteckchor, älteste Teile angeblich 13. Jh., Neu- oder Umbau 1552 (Jahreszahl in alter Wetterfahne).21 Satteldach, Chor mit Walm nach Osten. Verputztes Bruchsteinmauerwerk, westliches Giebeldreieck behängt mit Dachziegeln; zwei geböschte Stützpfeiler an Ostseite des Chors. An Chor und Schiff flachbogige Sprossenfenster nach Norden und Süden, flachbogiges Sprossenfenster nach Westen, flachbogiger Eingang nach Süden. An Südseite marmorner Wappenstein mit Osteroder Wappen und Inschrift „1652 A H B“ (Andreas Hagemann, Bauherr), an Nordseite des Chors Bauinschrift: „CLB BH BHH MM 1741“ (Conrad Ludolph Bucholtz Bauherr, Bodo Heinrich Hohmann Maurermeister).22 Im Innern flache Balkendecke, Westempore (an der Brüstung unter mehreren Farbschichten Gemäldereste).23 Um 1652 Instandsetzung der Kapelle, Eingang an Südseite verlegt. 1741 Renovierung, Eingang an Nordseite verlegt. 1889 Dacherneuerung und Eingang an Südseite verlegt. 1926 Renovierung. 1948 Stützpfeiler an Chorwand. 1955 Renovierung (u. a. neues Dach). 1977/78 Renovierung. 1992 Kapelle wegen Baufälligkeit geschlossen. 1996/97 Sanierung und Renovierung (u. a. neues Dach).

Fenster

Im mittleren Südfenster gemaltes Wappen mit Inschrift: „Sylvester Meyer, Rathsvorwanter“ (um 1650), darüber grünes Kreuz auf gelbem Grund (1996, Spende einer Uehrder Familie).24

Kapelle, Blick zum Altar, 1950

Kapelle, Blick zum Altar, 1950

Turm

Sechseitiger, verschieferter Dachreiter mit sechsseitigem Helm, bekrönt Kugel, Wetterfahne und Kreuz, 1996/97 neu errichtet. Rechteckige Schallfenster nach Norden und Süden, Uhrziffernblätter nach Osten und Westen. Vor 1791 Blitzableiter angebracht. 1888 Turmuhr angeschafft (F. W. Weule, Bockenem). 1995 neue Turmuhr.

Ausstattung

Blockaltar mit Sandsteinmensa und hölzernem Barockretabel (wohl um 1650), im Hauptfeld geschnitztes Kruzifix, dahinter gemalte Landschaft, links und rechts mit Weinlaub verzierte Säulen, die Gebälk tragen, darüber Medaillon mit Wappen; in der Predella Abendmahlsbild.25 – Hölzerne Renaissancekanzel mit kuppaförmiger Unterseite und Schalldeckel (1591, möglicherweise 1654 nach Uehrde versetzt), an den Wandungen des Kanzelkorbs Gemälde (Christus sowie die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes), ober- und unterhalb der Gemälde Inschrift: „Predige das Wort, halt es an, es sei zvr rechten Zeit oder zvr Unzeit. Straffe, drohe, ermane mit aller Gedvlt vnd Lere. Timo“ (2. Tim 4,2); am Schalldeckel Inschrift: „Des Priesters Lippen sollen die Ler bewahren das man avs seinem Mvnde das Gesetz svch[e], den er ist ein Engel des Herrn Zebaoth. Maleachi Kap. 2“; auf der Innenseite des Schalldeckels in der Mitte Taube des Heiligen Geistes, umgeben von sechs Gemälde- und zwei Inschriftenfeldern (Gottvater, Christus mit Geißel und Ruten, Posaunenengel sowie als Frauengestalten die drei Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung, Inschrift: „Des Herr[n] Wort ist wahrfatig vnd was er zw saget das helt er gewis. Psal Mo XXXIII“, zweite Inschrift weitgehend zerstört, Mt 17,5: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören).26 – Gemälde mit Darstellung des Subkonrektors Georg Beckmann (nach 1662, vielleicht Michael Schrader).

Orgel

Orgel

Orgel

Orgelpositiv, Geschenk von Kg. Georg II. († 1760), 1843 unbrauchbar.27 1842/43 Kauf einer gebrauchten Orgel aus der Kirche in Eisdorf (150 Taler), erbaut 1760/70, Orgelbauer unbekannt (Instrument ähnelt der Orgel in Hörden), wohl 7/–, mechanische Traktur, Schleiflade, in Uehrde aufgestellt von Johann Andreas Engelhardt (Herzberg). 1860 Instrument gereinigt und gestimmt. Vor 1934 mehrere Jahre ungenutzt (stattdessen Harmonium), dann Instandsetzung, ausgeführt von Firma G. F. Steinmeyer & Co (Oettingen), 5 I/–, zudem zwei Vakantplätze. 1957 Instandsetzung und Dispositionsänderung, E. Kemper & Sohn (Lübeck), 6 I/–, mechanische Traktur, Schleifladen (ein siebentes Register vakant). 1997 Instandsetzung und Dispositionsänderung, ausgeführt von Franz Rietzsch (Hemmingen), 7/–, mechanische Traktur, Schleifladen. Denkmalorgel.

Geläut

Zwei LG, I: h’’ (Bronze, Gj. 1710, Sigmund Goetz, Breslau), Inschrift: „Siegmvnd Goetz goss mich in Bresl. 1710“, Patenglocke aus Krzyków (województwo opolskie, früher Krickau, Kr. Namslau in Niederschlesien), seit 1952 in Uehrde28; II: dis’’’ (Bronze, Gj. 1487, Henning Bartram), Inschrift: „anno m cccclxxxvii mester henigk bartram“, Bilder: Kreuzrelief und Lilienfries; Glocke 2007 restauriert.29 Eine Eisenschale als SG.

Weitere kirchliche Gebäude

Jugendheim des KK Osterode (Bj. wohl 1770, ehemalige Schule), 1957/58 von Stadt Osterode übernommen.30

Friedhof

Alter Friedhof zwischen Kapelle und Schule, letzte Beerdigung 1884. Neuer Friedhof südlich des Dorfkerns, angelegt 1890, im Eigentum der „Personen und ihren Nachkommen […] die aus ihrem Realvermögen vor Zeiten den Friedhof bildeten“ (1964)31, seit 1894 in Verwaltung der KapG.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

D 47 (EphA Osterode); S 09 rep. Nr. 1865 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 7296a (Findbuch PfA).

Literatur

A: Gemeindebuch KK Osterode, S. 34–35; Schäfer, Orgelwerke, S. 34–35.
B: Ingrid Kreckmann: Uehrde. Stadtdorf von Osterode seit 550 Jahren. 1447–1997. Aus Geschichte und Dorfleben (= HbllHarzRd, Sonderheft 9), Osterode 1996; Ingrid Kreckmann: Uehrde in Wort und Bild [CD, 2005]; Hans-Joachim Winzer: Die Herren von Ührde (Osterode am Harz). Genealogie, Besitz, soziale Stellung und herrschaftliches Umfeld, in: Harz-Zeitschrift 68 (2016), S. 25–61; Martin Granzin: Ein Güterverzeichnis von Uehrde von 1537, in: HbllHarzRd 1 (1956), S. 22–23; Heinrich Wendt: Geschichte des Welfenfürstentums Grubenhagen, des Amtes und der Stadt Osterode, bearbeitet von Jörg Leuschner. Mit Einleitung, Texterläuterungen und Übersetzungen, Hildesheim, Zürich, New York 1988, bes. S. 441–448.


Fußnoten

  1. Mainzer UB I, Nr. 424. Kreckmann, Uehrde in Wort und Bild, S. 11. Für weiter Beleg vgl. Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Osterode, S. 166. Zur Dorfgeschichte: Kreckmann, Uehrde, S. 8 ff.
  2. Für einen knappen Überblick zur Geschichte des Fsm. Grubenhagen vgl. Pischke, Grubenhagen, S. 143 ff., zum Territorium ebd., S. 151 ff., zum Namen ebd., S. 161 ff.
  3. Dazu: Winzer, S. 25 ff.
  4. Max, Grubenhagen II, Urkundenbuch, Nr. 97 und S. 98.
  5. Kreckmann, Uehrde, S. 13 f.
  6. UB Osterode, Nr. 105. Die angebliche Nennung eines Pidericus [sic], plebanus de Uderde in einer Urkunde um 1300 lässt sich nicht verifizieren, vgl. Winzer, S. 28.
  7. Müller, Kirchen und Klöster, S. 48.
  8. Wendt, S. 445 f.
  9. Müller, Kirchen und Klöster, S. 48. Siehe auch Leuschner, S. 250; Kreckmann, Uehrde, S. 87.
  10. Wendt, S. 446.
  11. Abb. bei Kreckmann, Uehrde in Wort und Bild, S. 16.
  12. Müller, Kirchen und Klöster, S. 147 und S. 150.
  13. Kayser, Inspektion Osterode, S. 17; LkAH, L 5c, unverz., Osterode, St. Aegidien, Visitation 1952.
  14. LKA, G 15/Osterode, St. Aegidien Bd. I, Bl. 72 ff.
  15. LkAH, L 5c, unverz., Osterode, St. Aegidien, Visitation 1958.
  16. Siehe https://stiftung.aegidien-marktkirche.de/index.php, 11.11.2021.
  17. KABl. [in Vorbereitung].
  18. Gresky, Gebiet, S. 25; Kayser, Registrum II, S. 273.
  19. LKA, G 15/Osterode, St. Aegidien Bd. I, Bl. 72 ff. und Bl. 275 ff.
  20. LKA, G 15/Osterode, St. Aegidien, Bl. 72 f.
  21. Kreckmann, Uehrde, S. 94; Lampe, Inschriften Osterode, Nr. 57 †.
  22. Auflösung der Abkürzungen nach Kreckmann, Uehrde, S. 97 f.
  23. Kreckmann, Uehrde, S. 100.
  24. Kreckmann, Uehrde, S. 100.
  25. Zum Altar und zur Ausstattung insgesamt: Kreckmann, Uehrde, S. 98 ff.
  26. Lampe, Inschriften Osterode, Nr. 100.
  27. Schäfer, Orgelwerke, S. 34; Kreckmann, Uehrde, S. 100.
  28. Kreckmann, Uehrde, S. 97
  29. Lampe, Inschriften Osterode, Nr. 27.
  30. Zum Gebäude: Kreckmann, Uehrde, S. 65 ff.
  31. LkAH, L 5c, unverz., Osterode, St. Aegidien, Visitation 1964. Insgesamt zum
    Friedhof

    Kreckmann, Uehrde, S. 104 f.