Frühere Gemeinde | KapG der KG Gilten | Sprengel Lüneburg, KK Walsrode | Patrozinium: Gertrud | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Das am westlichen Rand der Leineaue gelegene Haufendorf Norddrebber findet eine erste urkundliche Erwähnung um 990: Die Urkunde nennt die bei der Festlegung der Grenze zwischen den Bistümern Minden und Hildesheim beteiligten Amtsträger und Zeugen, darunter die Brüder Thiedger und Wiric aus Thriveri (Norddrebber).1 Im Jahr 1033 bestätigte Ks. Konrad II. († 1039) Schenkungen an das neu gestiftete Kloster St. Martini in Minden, darunter auch Güter im Dorf Tribur.2 Gf. Konrad von Wölpe übertrug 1251 dem Kloster Mariensee das Obereigentum u. a. an Gütern in Northtrevere.3 Zunächst zur Gft. Wölpe gehörig, fiel Norddrebber 1302 mit ihr in die Hände der Hzg. zu Braunschweig und Lüneburg und damit unter welfische Herrschaft.4 Im 15. Jh. kam das Dorf zum welfischen Teilfsm. Calenberg, seit 1692 Kfsm. Braunschweig-Lüneburg (Kurhannover), es zählte zum calenbergischen Amt Neustadt a. Rbge. Aufgrund seiner Grenzlage zum welfischen Teilfsm. Lüneburg (1705 mit Kurhannover vereint) war das Dorf manchen Einflüssen aus dem Nachbargebiet ausgesetzt. So spielte die Familie von Bothmer aus dem benachbarten lüneburgischen Gebiet eine wichtige Rolle als Grundherr in Norddrebber.5 Während des kurzlebigen französischen Satelliten-Kgr. Westphalen (1810–1814) war Norddrebber Teil des Departements der Aller, Distrikt Hannover, Kanton Neustadt.6 Verwaltungsmäßig gehörte das Dorf ab 1814/15, nun im Kgr. Hannover, zunächst wieder zum Amt Neustadt a. Rbge. , und kam 1859 zum Amt Ahlden im Lüneburgischen.7 Nach der preußischen Annexion des Kgr. Hannover 1866 kam Norddrebber als Teil des früheren Amtes Ahlden zunächst an die nun vergrößerte Amtsvogtei Fallingbostel und wurde mit Einführung der Kreisverfassung 1885 Teil des Lkr. Fallingbostel, der 1977 im Kr. Soltau-Fallingbostel aufging (seit 2011 Heidekreis).8 Im Zuge der kommunalen Gebietsreform in Niedersachsen wurde die Gemeinde Norddrebber 1971 zunächst Mitglied der ehrenamtlich verwalteten Samtgemeinde Schwarmstedt und 1974 zusammen mit Nienhagen, Suderbruch und Gilten Teil der neuen Einheitsgemeinde Gilten, die in der Samtgemeinde Schwarmstedt verblieb.9 Bis weit in das 20. Jh. war Norddrebber von der Landwirtschaft geprägt. Im Verlauf des 20. Jh. verringerte sich die Zahl der Betriebe und viele Landwirte wechselten vom Haupt- in den Nebenerwerb.10 Der Ausbau der Bundesstraße 214 sowie der Bau der Autobahn A 7 (Hannover–Hamburg) ermöglichten den Zugang zu Arbeitsplätzen außerhalb des Dorfes, so dass die Mehrheit der berufstätigen Bevölkerung nun zum Arbeitsplatz pendelt. Um 1810 lebten gut 180 Menschen in Norddrebber, 1939 etwa 282, 1946 rund 471 und 1989 ungefähr 250.11

Das Christentum fand in Norddrebber, wohl wie im ganzen sächsischen Gebiet, erst mit den Sachsenkriegen Karls des Großen († 814) ab 772 Eingang.12 Norddrebber und seine der hl. Gertrud geweihte Kapelle waren bis zum Ende des 16. Jh. eine Filiale der Parochie Niedernstöcken (Archidiakonat Mandelsloh, Diözese Minden).13 Erstmals erwähnt ist die Kapelle im Protokoll der reformatorischen Kirchenvisitation 1543: Der Pfarrer von Niedernstöcken erhielt jährlich einen Gulden aus dem Vermögen der Kapelle Norddrebber „das er bisweilen dahin gehe und predige“.14 Die Kapelle sei eine Filiale von Niedernstöcken.15 In der Folgezeit wechselte Norddrebber zum Kirchspiel Gilten, was von mancherlei Auseinandersetzungen um kirchliche Abgaben begleitet war.16 Spätestens 1588 war dieser Prozess abgeschlossen, als die Visitationskommission in ihrem Protokoll festhielt: „Dorff Nortdrever im Ampt Neustad gehort zue Gilten im Lande Luneburg in die Kirche“.17
Im benachbarten Fsm. Lüneburg wurde die Reformation schon ab 1527 durchgeführt, während dieser Prozess im Calenbergischen Kapellendorf Norddrebber erst später einsetzte.18 In den Städten, Dörfern und Klöstern des Fsm. Calenberg-Göttingen führte Hzgn. Elisabeth († 1558), die als Vormund für ihren minderjährigen Sohn Erich II. regierte, die Reformation ein: 1542 setzte sie die von Antonius Corvinus († 1553) verfasste Kirchenordnung in Kraft und ließ 1542/43 die Gemeinden und Stifte in ihrem Fürstentum visitieren. 1544/45 ließ Corvinus auf zwei Synoden die Pfarrer auf die neue Kirchenordnung verpflichten. Im Jahr 1546 übernahm Hzg. Erich II. († 1584) die Regentschaft und trat 1547 während des schmalkaldischen Krieges zum kath. Glauben über. Die calenbergischen Stände stellten sich aber seinen Rekatholisierungsbestrebungen entgegen und konnten 1553/55 die Beibehaltung der luth. Lehre in den Kirchspielen des Fürstentums sicherstellen. Nach dem Tode Erichs II. fiel das Fsm. Calenberg-Göttingen an das Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel, und dessen Hzg. Julius († 1589) führte seine 1569 aufgestellte ev. Kirchenordnung auch hier ein und ließ die Gemeinden und Stifte 1588 visitieren.
Eine wichtige Rolle spielten für die Gemeinde seit dem Mittelalter mildtätige Stiftungen lokaler Grundbesitzer (Familien von Langeln, von Ahlden, von Gilten und von Bothmer), die entweder den Armen des Dorfes oder der Kapelle zugutekamen.19 Um die Mitte des 18. Jh. geriet die Kapelle immer mehr in Verfall und wurde in den Jahren 1757 bis 1759 durch einen Neubau ersetzt.20 Eine zunächst geplante Renovierung hatte das Konsistorium in Hannover abgelehnt. Bis heute feiert die KapG Norddrebber am 1. Mai jeden Jahres den Hagelfeiertag und hält damit an der früher weitverbreiteten Tradition der Hagelgottesdienste fest, „in denen an eine erntevernichtende Hagelkatastrophe erinnert und um eine gesegnete Ernte gebeten wird“.21 Die Zeit als eigenständige KapG endete für Norddrebber mit der Aufhebung der Gemeinde und ihrer Eingliederung in die KG Gilten zum 1. Januar 2009.22

Umfang

Norddrebber.

Kapellenbau

Rechteckiger Fachwerkbau mit Ziegelausfachung, errichtet 1757–59. Satteldach, nach Osten abgewalmt. Rechteckige Sprossenfenster, Eingang an Südseite. Balken mit Inschrift „Anno 1757“. Im Innern verputzte flachbogige Holzdecke.

Turm

Über dem Westgiebel offener, hölzerner Dachreiter mit vierseitigem Pyramidendach, bekrönt mit Wetterhahn.

Vorgängerbau

Fachwerkbau, 1543 belegt, Mitte des 18. Jh. baufällig, 1756 abgebrochen.23

Ausstattung

Ornamentierter Kanzelaltar mit seitlichen Scherwänden, Kruzifix an der Vorderseite des polygonalen Kanzelkorbs; gemauerter Blockaltar mit seitlichen Schranken. – Achteckiger Taufstein (1900), Becken und Schaft verziert mit gotischen Ornamenten, am Fuß Inschrift „B. und H. 1900“. – Außen: Beschädigter Grabstein (17. Jh.).

Orgel

Elektronisches Harmonium, Bj. 1967.

Geläut

Eine LG, b’’ (Bronze, Gj. 1652, Ludolf Siegfriedt, Hannover), Inschrift: „Lobet ihn mit hellen Cymbeln, lobet ihn mit wohlklingenden Cymbeln – Psalm 150 / H[err] G[eorg] B[artels] P[astor] z[u] G[ilten]. H. B[ock], J. P[auling] J[uraten]. Durchs Feuer bin ich geflossen. Ludolf Sigfrid hat mich gegossen. Anno Christi 1652“, im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben, aber nicht eingeschmolzen und wieder nach Norddrebber zurückgekehrt.24

Friedhof

Kommunaler Friedhof am westlichen Ortsrand, angelegt 1830 als Interessentenfriedhof, eingeweiht am 12. Dezember 1830 von P. Georg Joachim Willrich (amt. 1814–1845). 1955–57 Neugestaltung, FKap. (Bj. 1972).25

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 3740–3741 (Pfarroffizialsachen); D 99 (EphA Walsrode); S 11a Nr. 7158 Findbuch PfA.

Literatur

A: Gemeindebuch KK Walsrode, S. 31; Hahn, Heidekirchen, S. 94–95; Kayser, Kirchenvisitationen, S. 393–394; Pantel, Denkmaltopographie Lkr. Soltau-Fallingbostel, S. 219–220; Wolff, KD Kr. Burgdorf und Fallingbostel, S. 141.
B: Norddrebber 990–1990, hrsg. vom Arbeitskreis 1000-Jahre-Norddrebber, Norddrebber 1990; Werner Brünecke: Dorf und Kirchspiel Schwarmstedt. Die alte Amtsvogtei Essel, Schwarmstedt 1988; Herwig zum Berge: Ein Heimatbuch für Suderbruch, Suderbruch 2019.


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 35. Abbildung der Urkunde mit Übersetzung in Norddrebber 990–1990, S. 26 f.; Fesche/Boetticher, Urkunden Neustädter Land I, Nr. 2.
  2. MGH DD Ko II 192 [Digitalisat]. Text und Übersetzung bei Fesche/Boetticher, Urkunden Neustädter Land I, Nr. 4. Norddrebber 990–1990, S. 35 f.
  3. Cal. UB V, Mariensee, Nr. 57. Text und Übersetzung bei Fesche/Boetticher, Urkunden Neustädter Land I, Nr. 92.
  4. Norddrebber 990–1990, S. 44.
  5. Vgl. Norddrebber 990–1990, S. 47 f.
  6. Hassel, Repertorium, S. 81.
  7. Zur verwickelten Vorgeschichte siehe Norddrebber 990–1990, S. 87 ff.
  8. Vgl. Pantel, Denkmaltopographie Lkr. Soltau-Fallingbostel, S. 18 f.
  9. Norddrebber 990–1990, S. 137 f.
  10. Norddrebber 990–1990, S. 194 f.
  11. Norddrebber 990–1990, S. 147.
  12. Vgl. Meyer, Kirchengeschichte, S. 12 ff.; Krumwiede, Kirchengeschichte I, S. 24 ff.
  13. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 394; Norddrebber 990–1990, S. 105 ff. Holscher, Bisthum Minden, S. 243.
  14. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 393.
  15. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 394.
  16. Norddrebber 990–1990, S. 109.
  17. Zit. in Norddrebber 990–1990, S. 112.
  18. Siehe dazu und zum Folgenden Otte, Einführung, S. 11 f.; Butt, Fürstenreformation, S. 183 ff.; Krumwiede, Kirchengeschichte I, S. 133 ff.; Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh., Bd. 6.1, S. 83 ff. und S. 708 ff.; Norddrebber 990–1990, S. 107 ff.
  19. Zum Ganzen siehe Norddrebber 990–1990, S. 112 ff.
  20. Zum Ganzen siehe Norddrebber 990–1990, S. 117 ff. Der aus Norddrebber stammende Zimmermann Johann Heinrich Pauling übernahm die Zimmerarbeiten für Fachwerk und Dach sowie den Einbau der Fenster, Maurermeister Holstein aus Bothmer die Maurerarbeiten. Nägel und Beschläge bezog die Gemeinde vom Nagelschmied H. Bluhme aus Neustadt a. Rbge. Die Ziegel kamen aus Nienburg, der Kalk aus Linden.
  21. Vgl. Hahn, Heidekirchen, S. 95.
  22. KABl. 2009, S. 39.
  23. Vgl. Hahn, Heidekirchen, S. 94; zum Zustand des Vorgängerbaus siehe zeitgenössischer Bericht in Norddrebber 990–1990, S. 117.
  24. Norddrebber 990–1990, S. 124.
  25. Zum Ganzen vgl. Norddrebber 990–1990, S. 173 f.