Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Peine | Patrozinium: – | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Das Dorf Mehrum, heute Ortsteil von Hohehameln, ist als Mereheim erstmals in einem Güterverzeichnis des Klosters Fulda von 802/842 erwähnt.1 Die haufenförmig erweiterte Straßensiedlung gehörte später zum Amt Peine des Hochstifts Hildesheim. Aufgrund der Bestimmungen im Reichsdeputationshauptschluss kamen die Gebiete des Hochstifts 1803 an Preußen. Von 1807 bis 1813 war Mehrum Teil des Kantons Schwicheldt im Distrikt Hildesheim des Departement Oker im Kgr. Westphalen. Ab 1815 gehörte das Dorf wieder zum Amt Peine, nun im Kgr. Hannover. Seit 1852 war das kurzlebige Amt Hohenhameln für Mehrum zuständig, das aber bereits 1859 wieder in das Amt Peine eingegliedert wurde. Nach der Annexion Hannovers durch Preußen im Jahr 1866 blieb das Amt zunächst bestehen, bis 1885 der Lkr. Peine eingerichtet wurde. 1974 bildete sich die Großgemeinde Hohenhameln, zu der Mehrum seitdem gehört. Das seit den 1920er Jahren am Mittellandkanal gelegene Dorf war bis über die Mitte des 20. Jh. hinaus landwirtschaftlich geprägt. Eine Änderung kam erst mit dem 1965 eröffneten Steinkohlekraftwerk, das dem Dorf einen gewissen Zuzug brachte. Das ebenfalls zum Kirchspiel gehörende Junkerdorf Equord war eher eine Arbeitersiedlung.2

Kirche, Ansicht von Südosten, vor 1881

Kirche, Ansicht von Südosten, vor 1881

Zwei Bronzeglocken aus dem Jahr 1524 sind das älteste datierbare Zeugnis der Kirche in Mehrum. Namen vorref. Geistlicher sind nicht überliefert. In Folge der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) musste Bf. Johannes IV. das Amt Peine 1526 an die Stadt Hildesheim verpfänden. Als der Schmalkaldische Bund 1542 den braunschweigischen Hzg. Heinrich den Jüngeren verdrängt hatte und der Rat der Stadt Hildesheim unter dem Schutz des Bundes das prot. Bekenntnis annahm, wurde damit auch Mehrum luth. Der erste nachweisbar ev. Pfarrer war 1567/68 P. Heinrich Bauermeister. Zu dieser Zeit (seit 1556) war das Amt Peine im Pfandbesitz des Hzg. Adolf von Schleswig, der 1561 eine Kirchenordnunge in baiden gerichten, Steurwoldt und Peine erlassen hatte.3 1603 konnte der Hildesheimer Bf. das Amt wieder einlösen und ging dabei auf die Bedingung ein, den Lutheranern ihre freie Religionsausübung zu lassen. Mehrum war also ein luth. Dorf unter einem kath. Landesherrn, im 16. und 17. Jh. beanspruchte Braunschweig-Wolfenbüttel allerdings die geistliche Jurisdiktion über die luth. Gemeinden.4 Trotz anderslautender Zusage war der Bf. seit den 1620er Jahren bemüht, das Amt Peine zu rekatholisieren, scheiterte damit schließlich 1633, als Hzg. Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel die Stadt Peine erobern ließ. Kurz zuvor war der gerade für Mehrum ordinierte P. Bernhard Olven (Olphenius) gefangen gesetzt worden und verstarb im Dezember 1632 in Haft.

Blick zum Altar, 1895

Blick zum Altar, 1895

Im Jahr 1658 bemühte sich Georg Christoph von Hammerstein vergeblich darum, die im Dorf Equord wohnenden die Gemeindeglieder des Kirchspiels Mehrum in seine eigene Gutskirche Equord umpfarren zu lassen. Der Schriftwechsel gewährt einen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse des Dorfes und die Einkünfte des Pfarrer.5 Unter P. Georg Ludwig Amman (amt. 1756-1785) erhielt Mehrum ein neues Pfarrhaus (1759) und eine neue Kirche (1769-1775). 1768 richtete P. Amman ein Schreiben an Friedrich Wilhelm von Westfalen, Fürstbf. zu Hildesheim mit der Bitte um finanzielle Unterstützung des Kirchenbaus.6 Der Bf. gewährte das Geld und daher findet sich sein Name in der Bauinschrift über dem Südportal der Kirche. Bereits 1769 begann der Abbruch des alten Kirchenschiffs, der Turm blieb erhalten. Im Rohbau 1770 vollendet konnte die Kirche am 5. Juli 1775 geweiht werden, die Baukosten beliefen sich auf 6.909 Taler.7 Wie auch einige Jahre später in Hohenhameln schuf Josef Gregor Wink die Deckenfresken. Auch der Kanzelaltar in Mehrum ähnelt dem Hohenhamelner sehr, stammt möglicherweise aus der gleichen Werkstatt. Eine Stiftung zweier Söhne des ehemaligen P. Georg Julius Boës (amt. 1847-1879) ermöglichte 1909 die Renovierung der Kirche.
1886 wandelte das Konsistorium die Gutsparochie Equord von einer Personal- in eine Lokalgemeinde um, die als mater combinata mit der KG Mehrum verbunden wurde.8 Bereits 1908 beschloss der KV die Auflösung dieser eigenständigen Gemeinde und die Eingemeindung nach Mehrum, umgesetzt wurde dies jedoch erst 1949.9 In Anpassung an die politischen Gemeindegrenzen wurden 1973 die Gemeindeglieder, die auf den Gütern Schierke und Adolfshof lebten, in die KG Hämelerwald umgepfarrt.10 In den 1970er Jahren wirkte P. Paul McCauley (amt. 1975-1978) aus den USA in Mehrum. Die KG unterhält seit 1985 einen ev. Kindergarten in Equord. Seit 2011 ist Mehrum mit den KG Harber und Clauen pfarramtlich verbunden.

Umfang

Das Dorf Mehrum und das Dorf Equord, seit 1949 das ehemalige Rittergut Equord, bis 1973 die Gutsbezirke Schierke und Adolphshof.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Hohenhameln der Diözese Hildesheim. – 1561 Insp. Peine, zeitweise ohne Sup. 1652 gehörte Mehrum zur kurzlebigen Suptur. Vöhrum11, später unterstand Mehrum dem Geistlichen Ministerium des Amtes Peine, dem jeweils ein Pastor des Bezirks, der Senior, vorstand12, erst nach Aufhebung des Hochstifts Hildesheim (1803) wurde die Insp. Peine wieder eingerichtet. Bei Teilung der Insp. Peine 1831 kam Mehrum zur Insp. (1924: KK) Groß Solschen, deren Sitz zum 1. Oktober 1965 nach Ölsburg verlegt wurde, gleichzeitig Umbenennung in KK Ölsburg.13 Zum 1. Januar 1999 im KK Peine aufgegangen.14

Patronat

Der Bf. von Hildesheim bzw. der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1938

Kirche, Grundriss, 1938

Breite barocke Saalkirche mit fünfseitigem Chorschluss, erbaut 1769-1775. Verputzter Bruchstein mit Eckquaderung. In der Mitte der nördlichen und südlichen Langhauswände Segmentbogenportale mit Bauinschriften; flachbogige, hohe Fenster; Satteldach, über dem Chor abgewalmt. Im Innern Rokokoausstattung vollständig erhalten, auch in ursprünglicher Farbfassung. U-förmige Empore (1771), im Süden und Norden reicht sie jeweils etwa bis zur Hälfte des Schiffes, Orgel im Westen. Seitliche Priechen im Chor. Flache Decke mit breiten Vouten (nicht im Westen), Josef Gregor Winck (1710-1781) schuf die drei gerahmten Deckenfresken (1771, Geburt Jesu, Kreuzigung, Auferstehung). 1909 Renovierung des Innenraums (Wilhelm Sievers, Rudolf Schiele), 1954/55 ebenso. Seitdem mehrfach saniert und instandgesetzt.

Turm

Querrechteckiger, spätgotischer Westturm, deutlich schmaler als das Schiff, möglicherweise um 1524 erbaut, dem Gj. der Glocken. 1770 erhöht (Backsteingeschoss mit Rundfenster nach Westen), 1881 Bau des Glockengeschosses (ersetzt vermutlich älteres) und des achteckigen, heute kupfergedeckten Turmhelms mit Haube (früher teilweise verschiefert).

Ausstattung

Kanzelaltar von Caspar Mohr (Hildesheim), datiert 1772; zweigeschossiger, dreiachsiger Aufbau, gegliedert mit Säulen und Pilastern; Figuren von Mose und Aaron über den Durchgängen in den Seitenachsen, figürliche Darstellung der Trinität zentral im gesprengten Giebel über dem Schalldeckel; unter Kanzelkorb Abendmahlsbild (Künstler Stommer aus Hildesheim). – Taufe (hölzernes Unterteil, steinernes Becken) von 1770. – Kristallleuchter.

Kirche, Blick zur Orgel

Kirche, Blick zur Orgel

Orgel

1772/73 Neubau durch Johann Conrad Müller (Hildesheim), 17 I/P (Zustand 1865), mechanische Traktur, Schleifladen, barockes Gehäuse von Caspar Mohr (Hildesheim), der auch den Altar schuf. 1865 Änderung der Disposition und Erweiterung um ein zweites Manual durch Heinrich Schaper (Hildesheim), 19 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1958/59 Umbau durch Paul Ott (Göttingen), 22 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Der barocke Prospekt ist erhalten. Denkmalorgel.15

Geläut

Zwei LG, I: f’ (Bronze, Gj. 1727), II: as’ (Bronze, Gj. 1524). – Eine SG ges’’ (Bronze, Gj. 1524). Die LG und die SG von 1524 sind vom gleichen Gießer, möglicherweise von einem Gehilfen des Hildesheimer Glockengießers Harmen Koster.16 – Früherer Bestand: Eine LG (Bronze, Gj. 1875, J. J. Radler, Hildesheim). Vermutlich im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben. Eine LG (Bronze, Gj. 1925, Radler, Hildesheim).17 Im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben, nach 1970 heutige LG I als Ersatz gekauft.

Seit 1949 weitere Kirche in Equord.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus mit Gemeinderäumen (Bj. 1759, zweistöckiger Fachwerkbau mit Walmdach, 1982/83 restauriert).

Friedhof

Sowohl in Equord als auch in Mehrum in kirchlicher Trägerschaft, jeweils mit FKap (Mehrum: Bj. 1967, verklinkerter Massivbau mit Kupferdach, Equord: Bj. 1972/73).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 7760-7769 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 5451-5457 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 1558-1560 (Visitationen); D 21 (EphA Ölsburg/Groß Solschen); D 97 (EphA Peine); S 11a Nr. 7958 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 164, Nr. 203; Aye, Taufbecken, Nr. 201; Ahrens, KK Ölsburg, S. 7-26 und 83-85; Boetticher, Ortsverzeichnis Lkr. Peine, S.153-155; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 936; Jürgens u. a., KD Kr. Peine, S. 106-113; Mahr, Orgelbauer Müller, S. 359-365; Meyer, Pastoren II, S. 133; Pape, Orgeln Kr. Peine, S. 35 f.; Pape, Schaper, S. 162 f.
B: Hans Michael Finger: Entstehung des Dorfes Mehrum und die daraus sich ergebenden Schlussfolgerungen über die ursprüngliche Dorfanlage, in: Die Kunde 7 (1939), S. 128-132; Hans Michael Finger: Zur Ortschronik, in: Peiner Kreiskalender 6 (1939), S. 71-80; Hermann Crome: 200 Jahre Kirche zu Mehrum, in: Der Heimatspiegel. Beilage der Peiner Allgemeinen Zeitung 111 (1975), S. 10-12 (Teil I); 112 (1975), S. 7-9 (Teil II); 113 (1976), S. 11-12 (Teil III).


Fußnoten

  1. Dronke, Trad. Fuld. § 41, 73 und 74.
  2. LkAH, L 5h, unverz., Mehrum, Visitation 1976.
  3. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,2,1, S. 769 ff.
  4. Bertram, Bistum Hildesheim II, S. 304.
  5. Dürr, Politische Kultur, S. 162 ff.
  6. Crome, Teil I, S. 12.
  7. Crome, Teil III, S. 11.
  8. KABl. 1886, S. 97 f.
  9. KABl. 1950, S. 29.
  10. KABl. 1973, S. 4, LkAH, L 5h, unverz., Mehrum, Visitation 1970.
  11. Evangelischer Kirchenstaat, S. 126.
  12. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  13. KABl. 1965, S. 258.
  14. KABl. 1998, S. 212.
  15. KABl. 1952, S. 160; LkAH, B 1 A, Nr. 4587 (Verzeichnis der Denkmalsorgeln der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Stand 1. Oktober 1958).
  16. LkAH, L 5h, unverz., Mehrum, Visitation 1957 (Gutachten über die Glocke von Wilhelm Drömann).
  17. Jürgens u. a., KD Kr. Peine, S. 112.