Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Münden | Patrozinium: kein mittelalterliches Patrozinium bekannt1 | KO: Calenberger KO von 1569
Orts- und Kirchengeschichte
Urkundlich ist das Dorf im Grenzgebiet zwischen Niedersachsen, Hessen und Thüringen erstmals 1318 in den Lehnbüchern der braunschweigisch-lüneburgischen Herzöge Otto, Magnus und Ernst als Lechtenhagen erwähnt.2 Territorial gehörte Lichtenhagen seit der Dreiteilung des welfischen Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel um 1291 zum neuen Teilfsm. Göttingen.3 Nachdem die Göttinger Linie der Welfen mit Hzg. Otto Cocles († 1463) in männlicher Linie ausgestorben war, wurde das Territorium 1495 bzw. 1512 Teil des Fsm. Calenberg-Göttingen („Kernlande Hannover“, 1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover). Lichtenhagen war 1318 als welfisches Lehen im Besitz der Familie von Bültzingslöwen. 1429/32 verpfändete sie das Dorf mit allem Zubehör dem Kloster Reinhausen.4 Um 1500 lag Lichtenhagen wüst; vermutlich Mitte des 16. Jh. begann „der Wiederaufbau des Ortes durch die v. Bülzingsleben“.5 Lichtenhagen zählte zum Klosteramt Reinhausen, das seit der Reformation 1542 ein „landesherrlicher Amtmann (auch Drost bzw. Pfandinhaber)“ verwaltete.6 Ende des 16. Jh. bemühte sich das Erzbistum Mainz vergeblich, landesherrliche Rechte in Lichtenhagen geltend zu machen (Verzicht auf die erhobenen Ansprüche erst 1692).7 In französischer Zeit gehörte der Ort von 1807 bis 1813/14 zum Kgr. Westphalen (Kanton Bremke, Distrikt Göttingen, Leine-Departement). Ab 1815 zählte Lichtenhagen, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Reinhausen. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Lichtenhagen 1866 an das Kgr. Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam der Ort zum Lkr. Göttingen (neugebildet 1973 und 2016). 1973 wurde Lichtenhagen nach Friedland eingemeindet. Um 1810 lebten gut 170 Menschen in Lichtenhagen und 2023 knapp 120.
Zur vorref. Kirchengeschichte Lichtenhagens ist kaum etwas bekannt. Im 1519 aufgestellten Registrum subsidii, das die Beiträge der Parochien im Archidiakonat Nörten zur Finanzierung der Königswahl Karls V. († 1558) verzeichnet, ist Lechtenhagen erwähnt. Allerdings ist kein Beitrag angegeben, vermutlich, da das Dorf verlassen war.8
Im Fsm. Göttingen führte Hzgn. Elisabeth zu Braunschweig-Lüneburg († 1558) die luth. Lehre ein: 1542 setzte sie die von Antonius Corvinus verfasste Kirchenordnung in Kraft und 1542/43 ließ sie die Gemeinden, Stifte und Klöster des Fürstentums visitieren.9 Im Jahr 1545 übernahm ihr nunmehr volljähriger Sohn als Hzg. Erich II. die Regierungsgeschäfte und wechselte 1547 zum kath. Glauben. Die Calenbergischen Stände widersetzten sich jedoch seinen Rekatholisierungsbestrebungen und konnten 1553/55 die Beibehaltung der luth. Lehre in den Kirchspielen des Fürstentums sicherstellen. Nach dem Tod Erichs II. fiel das Fsm. Calenberg-Göttingen 1584 an Braunschweig-Wolfenbüttel und Hzg. Julius († 1589) führte seine 1569 aufgestellte ev. KO auch hier ein.10 1588 ließ er die Gemeinden visitieren.
Die Lichtenhäger Neusiedler des 16. Jh. hielten sich anfangs angeblich zur Pfarre Rohrberg im Eichsfeld.11 Der erste namentlich bekannte eigene Geistliche Lichtenhagens war P. Uden (amt. 1555–1556). Im Protokoll der Visitation 1588 ist Lichtenhagen nicht erwähnt.12 Bis 1597/98 war anscheinend das eichsfeldische Bischhagen eine filia (Tochtergemeinde) von Lichtenhagen.13 Im Nachrichtungsbuch von allen Pfarren im Fürstenthumb Braunschweig, angelegt um 1600, ist die Pfarre verzeichnet, allerdings ohne Nennung eines Pastors. Der Lichtenhäger P. Bartholomäus Rose (amt. 1594–1636) war um 1600 umgezogen in das Pfarrhaus Reiffenhausen und betreute seither beide Gemeinden. Überdies war er für Ludolfshausen zuständig. Die drei Gemeinden blieben fortan pfarramtlich verbunden.
Bei der Visitation 1652 versammelten sich die Gemeinden Reckershausen, Niedergandern, Reiffenhausen, Lichtenhagen und Ludolfshausen bei der „Feldkirche Hottenrode“. Die Visitatoren waren erfreut über die Kenntnisse der Gemeindeglieder: „Alte und Junge bestanden so wohl, daß einer seine Lust daran sahe“.14
Anfang des 20. Jh. fand in der Kirche Lichtenhagen alle zwei Wochen ein Gottesdienst statt. Die Zahl der Gemeindeglieder lag bei 130 (1909).15 Aufgrund des Zuzugs Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg diese Zahl deutlich an und erreichte 1951 fast 250.16 In der ersten Hälfte der 1930er Jahre hatte die Gemeinde ihre kleine Kirche umgestalten lassen: „die Chor,möbel‘ von 1891 verschwanden ganz und Altar und Kanzel wurden neu gemauert. Ein großer Spruchteppich schließt den Raum nach Osten ab“.17
Im Jahr 2021 erhielten die Gemeinden der Region Friedland-Obernjesa Fördermittel aus dem Programm der Bundesregierung „Kirchturmdenken. Sakralbauten in ländlichen Räumen“. Zusammen mit der Hildesheimer Hochschule für angewandte Künste (HAWK) veranstalteten sie Zukunftswerkstätten zur erweiterten Nutzung von Dorfkirchen. In Lichtenhagen ging es um die Idee der Garten-Eden-Kirche.18
Zum 1. Januar 2022 fusionierten die drei Gemeinden Lichtenhagen, Ludolfshausen und Reiffenhausen und gründeten gemeinsam die „Ev.-luth. Franziskus-KG Reiffenhausen“.19
Umfang
Lichtenhagen.
Aufsichtsbezirk
Archidiakonat Nörten der Erzdiözese Mainz (sedes Sieboldshauen).20 – 1588 zur Insp. Dransfeld, seit Verlegung des Superintendentursitzes 1636/37 Insp. Göttingen (Sitz an St. Johannis in Göttingen), bei deren Teilung 1796/97 zur neuen Insp. Göttingen Erster Teil, 1802 zur neuen Insp. Göttingen Dritter Teil. 1924 zum KK Göttingen III, 1937 zum KK Göttingen-Süd.21 Ab 1. Januar 2001 KK Göttingen.22 Seit 1. Januar 2023 KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Münden.23
Patronat
Bis 1802 die Familie von Bültzingslöwen in Haynrode.24
Kirchenbau
Saalbau mit dreiseitigem Chorschluss, errichtet oder erneuert 1739 auf den Grundmauern eines mittelalterlichen Vorgängerbaus.25 Satteldach, nach Osten abgewalmt. Steinsichtiges Bruchsteinmauerwerk mit Eckquadern, Westgiebel mit Schieferbehang. An den Längsseiten je zwei rundbogige Sprossenfenster, im Westen der Südseite in kleines Rechteckfenster, am Chor zwei rundbogige Sprossenfenster; nach Westen Rechteckportal, im Sturz Inschrift „Anno 1739“, darüber Ovalfenster; Fenster- und Portalgewände aus Werkstein. Im Innern flache, holzverschalte Decke, Westempore. Erste Hälfte 1930er Jahre Neugestaltung Innenraum.26
Turm
Über dem Westgiebel vierseitiger, dachreiterartiger Turm, verschiefert. Geschwungene Schieferhaube mit vierseitigem Ansatz, achtseitiger, geschlossener Laterne, bekrönt mit Kugel und Wetterfahne (Inschrift: „CFVSVG 1748“). An der Laterne rechteckige Schallfenster nach Norden und Süden, am Turm nach Norden.
Vorgängerbau
Saalbau mit eingezogenem Rechteckchor.
Ausstattung
Hölzerner Altartisch, farbig gefasst. – An der Altarwand Kruzifix mit Ästen im Hintergrund (20. Jh.). – Lesepultartige Holzkanzel, farbig gefasst. – Runder, pokalförmiger Taufstein (1623), rundes Becken, runder Schaft, achtseitiger Fuß, Inschrift am Becken u. a.: „Anno 1623“, aus den übrigen Buchstaben lässt sich kein sinnvoller Text bilden.27 – Hölzernes Kruzifix. – Farbiger Wandteppich (um 1931/36), Inschrift: „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern und wer an mich glaubt, den wird nimmer dursten, Johannes 6.35“ – Frühere Ausstattung: Altar und Kanzel (1891), in der zwischen 1931 und 1936 entfernt.28 – Blockaltar (um 1931/36), gemauerter Stipes, verputzt, Mensa aus Sandstein. – Gemauerte Kanzel (um 1931/36)
Orgel
1853/54 Orgelneubau, ausgeführt von Carl Heyder (Heiligenstadt), 6 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen (Opus 20). Zustand 1926: 5 I/P. 1932 Reparatur, Paul Ott (Göttingen). Zustand 1944: 5 I/P. Zustand 1960: 6 I/P. Instrument um 1962 abgebaut. 1962 Orgelneubau, ausgeführt von Rudolf Janke (Bovenden), 4 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen (Opus 17).
Geläut
Eine LG, e’’ (Bronze, Gj. 1775, Johann Justus Schreiber, Allendorf), Inschrift: „Pro com fvndit me Ioh Ivst Schreiber de Allendorf, Wilhelm Kolbe Schvltze von Lichtenhagen, Henrich Wilhelm, Ioh Henr Grems Vorsteher Anno 1775“.
Friedhof
Kommunaler Friedhof am nordwestlichen Ortsrand, FKap.
Liste der Pastoren
1555–1556 Uden. – 1556–1566 Johann Weißenborn. – 1566–1594 Christopherus Rüdinger (Roddiger). – 1594–1636 Bartholomäus Rose (ab etwa 1600 in Reiffenhausen).
Angaben nach: Meyer, Pastoren II, S. 77–78
Kirchenbücher
Taufen: 1839–1852
Trauungen: 1839–1852
Begräbnisse: 1839–1852
Kommunikanten: 1847–1874
Vorher und nachher sowie Konfirmanden in den Kirchenbüchern von Reiffenhausen.
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
A 1 Nr. 9345–9346, 9348 (Pfarroffizialsachen); E 5 Nr. 679 (Konsistorialbaumeister); S 9 Rep Nr. 1038 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 7815 (Findbuch PfA); S 11a Nr. 8140 (Findbuch EphA).
Literatur & Links
A: Bielefeld, Orgeln im Umland, S. 119–120; Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 255; Eichenberg, KK Göttingen-Süd, S. 86–90; Franz, Maybaum & Tinney, Räume, S. 30–43; Ide & Maloku, Coworking-Spaces, S. 50–51 und S. 94–95; Kühlhorn, Wüstungen II, Nr. 223; Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Duderstadt, S. 226–227; Meyer, Pastoren II, S. 77–78; Mithoff, Kunstdenkmale II, S. 123.
B: Trauregister aus den Kirchenbüchern Südniedersachsens. Teil 19: 1801–1850. Göttingen Ost: Ballenhausen, Groß Schneen, Lichtenhagen, Ludolfshausen, Niedernjesa, Reckershausen, Reiffenhausen, Stockhausen, hrsg. von der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Göttingen e. V., Norderstedt 2019; August de Haas: Erneuerte Kirchen. Ein Beitrag zur Frage nach der Form in der Kirche aus einer Dorfgemeinde (= Kämpfende Kirche. Flugschriften christlicher Deutscher 32), Potsdam 1936; Heinrich Lücke: Streitige Ortschaften an der eichsfeldisch-hannoverschen Grenze: Lichtenhagen, in: Unser Eichsfeld 23 (1928), S. 196–202 und S. 217–221.
Internet: Denkmalatlas Niedersachsen: Kirche; Wikipedia: Kirche Lichtenhagen; 3d-raeume.de: 3-D-Modell der Kirche.
Fußnoten
- Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 172.
- Flentje/Henrichvark, Lehnbücher, S. 41, Nr. 121. Für weitere Belege und zum Ortsnamen vgl. Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 255.
- Insgesamt: Pischke, Landesteilungen, bes. S. 45 ff., S. 75 ff. und S. 180 ff.
- UB Reinhausen, Nr. 215 und Nr. 218.
- Kühlhorn, Wüstungen II, S. 379.
- Dolle, Klosterbuch III, S. 1291 f.
- Lücke, S. 198 f. und S. 220.
- Kayser, Registrum II, S. 278; Kühlhorn, Wüstungen II, S. 379.
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 708 ff.; Butt, S. 47 ff.
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 83 ff.
- Meyer, Pastoren II, S. 77.
- Kayser, General-Kirchenvisitation I.
- NLA HA Cal. Br. 1 Nr. 275.
- Dies und das folgende Zitat: Kayser, Generalvisitation Gesenius, S. 190 f.
- Ahlers, Pfarrbuch 1909, S. 325.
- LkAH, S 1 H III, Nr. 414, Bl. 26; LkAH, L 5c, unverz., Reiffenhausen, Visitation 1951.
- Haas, S. 14.
- Franz, Maybaum & Tinney, Räume, S. 31 ff. Siehe auch Ide & Maloku, Coworking-Spaces.
- KABl. 2022, S. 12 f.
- Bruns, Archidiakonat Nörten, S. 169.
- KABl. 1924, S. 86; KABl. 1937, S. 135.
- KABl. 2000, S. 150 f.
- KABl. 2022, S. 189 ff.
- Meyer, Pastoren II, S. 77.
- Kühlhorn, Wüstungen II, S. 378; Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Duderstadt, S. 227.
- Haas, S. 14 f.
- DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 333 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0033305, 14.08.2009.
- Haas, S. 14.