Sprengel Lüneburg, KK Celle | Patrozinium: Markus (seit 1970)1 | KO: Lüneburger KO von 1643

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Orts- und Kirchengeschichte

Schriftlich erscheint der Ort erstmals um 986/88 als Gadereshusen in den Corveyer Traditionen, einem Verzeichnis der Schenkungen an das Kloster Corvey, das in einer Abschrift des 15. Jh. überliefert ist.2 Eine weitere urkundliche Erwähnung bringt eine Urkunde von 1248 aus der Zeit Hzg. Otto des Kindes, die den Ort als zu den Gütern des Klosters Wienhausen gehörig bestätigt.3 Die Namensschreibung variierte im Lauf der Jahrhunderte von Gersnethe im Jahre 1248 über Gherssen um 1382, Garsen im Jahr 1438 bis Garsten oder Garten um 1750 zu Garßen heute.4 Das Dorf zählte zur Burgvogtei bzw. zum Amt Celle im Fsm. Lüneburg (seit 1815 Kgr. Hannover, seit 1866 Kgr. Preußen) und kam bei Einführung der Kreisverfassung 1885 zum Kr. Celle. 1968 wurde die Nachbargemeinde Alvern nach Garßen eingemeindet.5 Nachdem der Versuch zur Bildung einer „Nordgemeinde“ zusammen mit dem Nachbarort Bostel gescheitert war, erfolgte im Zusammenhang mit der Gebietsreform zum 1. Januar 1973 die Eingemeindung Garßens in die Stadt Celle.6 Mit der benachbarten Residenzstadt Celle stand das Dorf Garßen in vielfältiger Beziehung, sei es durch das Eigentum der Celler Kirche bzw. des von der Stadt seit der Reformation verwalteten Kalands an Land und Gebäuden im Dorf7, sei es durch den Betrieb der Celler Ratsziegelei bei Garßen von vermutlich 1372 bis 1818 (Verkauf)8 oder durch die Nutzung verschiedener Weideflächen in der Gemarkung Garßen durch Celler Bürger.9 Bis in das frühe 20. Jh. blieb Garßen ein weitgehend landwirtschaftlich geprägter Ort, in dem die Gemeinheitsteilung und die Verkoppelung ab der Mitte des 19. Jh. der Landwirtschaft einen gewaltigen Aufschwung ermöglichten.10 Zu Beginn des 20. Jh. erlebte Garßen zudem einen Aufschwung durch die Gründung eines Kalksandsteinwerks, das neben den noch bestehenden Ziegeleien zum wichtigen industriellen Arbeitgeber am Ort wurde und bis zu seiner Schließung 1977 blieb.11 1902 erhielt das Dorf mit dem Bau der Kleinbahn Celle–Bergen Anschluss an das Bahnnetz (Bahnverkehr 1993 eingestellt).12 Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Garßen mit dem Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen aus den früheren deutschen Ostgebieten ein starkes Wachstum; neue Baugebiete erweiterten den Umfang des Ortes deutlich. Um 1813 lebten etwa 190 Menschen in Garßen, 1925 etwa 565 und 2011 gut 2.800.

Kirche, Ansicht von Südosten, Zeitungsfoto

Kirche, Ansicht von Südosten, Zeitungsfoto

Kirchlich gehörte das nordöstlich von Celle gelegene Dorf Garßen seit einer um das Jahr 1000 erfolgten Grenzbereinigung zwischen den Bistümern Hildesheim und Minden zu der neu entstandenen mindischen KG Groß Hehlen, zu deren Ausstattung u. a. auch ein Hof in Garßen zählte.13 Die früher am Südrand des Dorfes gelegene Kapelle entstand wahrscheinlich um die Mitte des 14. Jh.14 Vielleicht war sie eine Gründung der Familie von Medingen, die zwischen 1369 und 1407 als Besitzer eines Hofes in Garßen nachgewiesen ist.15 Während des Lüneburger Erbfolgekrieges brandschatzte Heinrich von Veltheim Garßen im Jahr 1377 und zerstörte dabei wohl auch die Kapelle; möglicherweise wurde sie danach wieder aufgebaut.16 Ihre genauen Ursprünge jedenfalls sind unbekannt. Ein Bittbrief Hzg. Heinrichs des Mittleren um Gaben zum Bau einer Kapelle in Garßen vom 25. Mai 1511 lässt vermuten, dass die Garßener mit dem Neubau eines Gotteshauses begonnen hatten.17 Hzg. Heinrich erlaubt den Dorfbewohnern, drei Jahre lang eigene Sendboten auszuschicken, um im Land Spenden für Bau und Ausstattung ihrer Kapelle zu sammeln. Urkundlich wird dieser Kapellenbau dann zuerst 1610 erwähnt (als eine neue Schule an das Gotteshaus angebaut werden sollte) und erneut im Hausbuch der Burgvogtei Celle von 1664.18
Die Einführung der Reformation erlebte die KapG Garßen zusammen mit der Muttergemeinde Groß Hehlen unter P. Johannes Honemann (amt. wohl 1516–1549) als einen vom Landesherrn angestoßenen und durchgeführten Prozess.19 Seit der Reformationszeit dürfte wohl auch der zwölfmal jährlich stattfindende Gottesdienst in der Kapelle Brauch gewesen sein.20 Durch das Wachstum des Dorfes in Richtung Süden rückte die Kapelle etwa seit dem 16. Jh. zunehmend in das Zentrum der Ortslage, noch einmal verstärkt durch die Brandkatastrophe von 1747, bei der neben dem Großteil des Dorfes auch die Kapelle bis auf die Außenmauern zerstört wurde.21 Zwei Jahre später begann mit der Beauftragung des Celler Zimmermeisters Wunsch am 24. Juli 1749 der Wiederaufbau, der im darauffolgenden Jahr mit Kosten von 260 Talern und 9 Mariengroschen abgeschlossen werden konnte.22 Der Celler Glockengießer Johann Meyer goss die beim Brand zerstörte Glocke 1755 neu.23
Mit Beginn des 20. Jh. begann auch für die KapG Garßen eine Zeit großer Veränderungen. Zwischen 1930 und 1939 erlebte die Kapelle eine grundlegende Renovierung, bei der Emporen eingebaut und an der Westgiebelwand ein neuer Eingang errichtet wurden.24 Als sich um 1960 in der politischen Gemeinde Garßen eine rege Bau- und Siedlungstätigkeit entfaltete, bemühte sich der KapV um Umwandlung der KapG in eine eigenständige KG, die zum 1. Januar 1964 vollzogen wurde. Die neue KG, zu der auch die politische Gemeinde Bostel zählte, blieb pfarramtlich zunächst mit der St. Cyriakus-KG Groß Hehlen verbunden.25 Die im Gebiet der Stadt Celle lebenden Glieder der jungen KG wechselten 1967 in die Bonifatius-KG in Klein Hehlen.26 Eine eigene Pfarrstelle erhielt die KG Garßen zum 1. Januar 1969. Gleichzeitig löste das Landeskirchenamt die pfarramtliche Verbindung mit Groß Hehlen und hob die dortige Pfarrvikarstelle auf.27 Erster Pfarrer der KG Garßen wurde P. Arno Rega (amt. 1969–1971, bereits ab 1962 als Pfarrvikar). Zum 1. April 1970 wurden die ev.-luth. Einwohner des seit 1968 kommunal nach Garßen eingemeindeten Alvern aus der KG Beedenbostel in die KG Garßen umgepfarrt.28 1979/80 ließ die KG ihre alte Kapelle umgestalten und erweitern: Im Westen wurden moderne Gemeinderäume angefügt, die Emporen verschwanden aus dem Inneren und ein während der 1930er Jahre auf dem Kapellendachboden gefundenes Kruzifix erhielt seinen Platz im Altarraum.29 Seit Juli 2007 ist die KG Garßen pfarramtlich mit der Matthäus-KG Celle-Vorwerk verbunden.30

Umfang

Bei Gründung der KG 1964 die Orte bzw. Wohnplätze Garßen, Hornshof und Bostel. 1967 Randgebiete an die Bonifatius-KG Klein Hehlen abgegeben.31 1970 kam die Ortschaft Alvern hinzu.32

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Ahlden der Diözese Minden. – Nach der Reformation Insp. Celle, seit 1924 KK Celle.

Patronat

Bedingt durch Zugehörigkeit zu Groß Hehlen zunächst abwechselnd das Kloster Wienhausen und der Landesherr, später allein der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Einschiffiger gotischer Ziegelbau mit dreiseitigem Chorschluss, ursprünglich errichtet wohl Mitte des 14. Jh.33 Satteldach, über dem Chor mit Walm; Ziegelmauerwerk mit gespaltenen Findlingen in Sockelzone; Strebepfeiler an Chor und Langhaus; breite, spitzbogige Fenster an Chor und Langhaus. Im Innern flache Holzbalkendecke. Kapelle um 1511 erneuert oder neu errichtet; Wiederaufbau 1749/50 nach Brand 1747; Ende 19. Jh. Westgiebel erneuert; Renovierung zwischen 1930 und 1939 (Architekt: A. Freiling, Celle; neuer Eingang nach Westen, Emporen eingebaut). Umgestaltung 1979/80 (Architekt: Kreuter, Braunschweig; um mehr Raum für Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen zu gewinnen, ließ KG nach Westen hin Gemeindehaus anbauen, das gleichzeitig Kapelle und ehemaliges Küsterhaus verbindet; im Innern der Kapelle Putz, Emporen und Deckenverkleidung entfernt).34

Turm

Viereckiger, verkupferter Dachreiter, Turmhelm mit rechteckigem Ansatz und achteckig ausgezogener Spitze, bekrönt mit Kreuz.

Ausstattung

Hölzerner Altartisch.35 – Kruzifix an Altarwand (wohl zweite Hälfte 16. Jh., Werk eines heimischen Handwerkers), Körper in starrer Haltung mit leicht abgewinkelten Armen, Lendentuch seitlich mit schleifenartigem Knoten, Füße nebeneinander genagelt, am Lendentuch Spuren der originalen Farbe, auffällig großer Titulus mit Inschrift „Jesus von Nazaret, ein König der Juden“ in Hebräisch, Griechisch, Lateinisch und Deutsch; Kruzifix 1930 bei Renovierungsarbeiten auf Dachboden der Kapelle gefunden und danach in der Kirche zu Groß Hehlen über dem Altar angebracht, seit 1980 wieder in der Kapelle von Garßen. – Hölzerne Kanzel auf niedrigem Ziegelunterbau, Ecken des Kanzelkorbs tragen vorgesetzte korinthische Pilaster, Brüstungsfelder mit Profilleistenrahmung. – Schlichte, achtseitige Holztaufe. – Gemälde „Das Abendmahl“ (1990, Wilhelm Blasek, Wienhausen).

Garßen, Orgel, 1979

Orgel, 1979

Orgel

Ab 1890 plante der Kapellenvorstand die Anschaffung einer Orgel. 1897 Kauf eines Pedalharmoniums der Firma W. Rudolph (Gießen). 1939 Bau einer Kleinorgel (Positiv) durch Firma Paul Ott (Göttingen), 3 I/–, mechanische Traktur, Schleiflade; 1955 verkauft. 1954/55 Neubau einer Orgel, ausgeführt von Orgelbaumeister Friedrich Weißenborn (Braunschweig), 8 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen; 1980 im Zuge der Kapellenrenovierung abgebaut. Im Jahr 1984 Erwerb eines Elektroneninstruments der Firma Ahlborn (Ditzingen-Heimerdingen). 2008 Erwerb einer Digitalorgel von Firma Hofrichter (Salzwedel).

Geläut

Eine LG im Dachreiter der Kapelle, f’’ (Bronze, Gj. 1755, Johann Meyer, Celle), Inschrift am Hals zwischen zwei Blattreihen: „Soli Deo Gloria“ (Gott allein die Ehre), Inschrift am Mantel: „Nach dem 1747 entstandenen Brande und der daher erfolgten Verschmelzung ist diese Glocke aufs Neue gegossen worden von Johann Meyer in Celle. Anno MDCCLV“. Eine weitere LG auf dem Friedhof (Bronze, Gj. 2004, Firma Bachert, Karlsruhe), Inschrift: „Herr, erhöre mein Gebet – Markusgemeinde Garßen – AD 2004“. – Früherer Bestand: Eine LG (Bronze), beim Brand der Kapelle 1747 zerstört.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1973). – Gemeindehaus (Bj. 1979/80).

Friedhof

Im Eigentum der KG. Ursprünglich im Süden und Osten an die Kapelle anschließend. 1926 wurde der Friedhof weiter östlich an die Straße nach Alvern verlegt. FKap (Bj. 1965/66), Glockenturm (Bj. 2004).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 5043–5046 (Pfarroffizialsachen); S 11a Nr. 8165 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 135–138; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 487; Leenders, Entwicklung, S. 34–35.
B: August Knoop: Gemeinde Garssen, Landkreis Celle, Garßen 1971; Helmut Meine: Gersnethe, Garßen, Celle-Garßen. Ein Dorf mit Geschichte wird Stadtteil, Celle 2010; Friedrich Wilhelm Schoof: Der Glaube und das tägliche Brot. Pastoren und ihre Gemeinde im Spiegel von fünf Jahrhunderten, Celle 1991.


Fußnoten

  1. So auf Beschluss des Kirchenvorstandes, der am 23. Juni 1970 vom Landeskirchenamt genehmigt wurde. Die mittelalterliche Kapelle hatte wohl ein Andreas-Patrozinium. Zum Ganzen vgl. Leenders, Entwicklung, S. 34 f.
  2. Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 26.
  3. Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 136; Meine, S. 11; Knoop, S. 1.
  4. Knoop, S. 245 ff.; Meine, S. 12 f.; Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 135.
  5. Knoop, S. 111 ff.
  6. Vgl. Meine, S. 71 f.
  7. Cassel, Celle I, S. 71, 120, 127; Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 135; Knoop, S. 46.
  8. Meine, S. 102 f.
  9. Cassel, Celle I, S. 351 f., 356; Cassel, Celle II, S. 63, 297.
  10. Vgl. Knoop, S. 42 ff.
  11. Zum Ganzen siehe Meine, S. 102 ff.
  12. Meine, S. 108 f.
  13. Siehe Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 135; Leenders, Entwicklung, S. 34; Knoop, S. 38.
  14. Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 136.
  15. Knoop, S. 33; Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 135.
  16. Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 136; Knoop, S. 33.
  17. Meine, S. 30 f. Meine bringt den Text in einer gekürzten Übersetzung. Siehe auch Schoof, S. 352.
  18. Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 136; Meine, S. 31.
  19. Schoof, S. 33–41. Zur Reformation im Fürstentum Lüneburg siehe Busch, Anfänge, S. 30–38; Lohse, Reformation, S. 9–24.
  20. Meine, S. 33; Knoop, S. 35; Schoof, S. 352.
  21. Vgl. Knoop, S. 33.
  22. Knoop, S. 33; Meine, S. 32.
  23. Knoop, S. 33.
  24. Meine, S. 32; Knoop, S. 34 f.
  25. KABl. 1964, S. 4.
  26. KABl. 1967, S. 16.
  27. Leenders, Entwicklung, S. 34 f.; KABl. 1969, S. 7.
  28. KABl. 1970, S. 4.
  29. Vgl. Knoop, S. 34 ff.; Meine, S. 32, 36; Schoof, S. 354.
  30. KABl. 2007, S. 157.
  31. KABl. 1967, S. 16.
  32. KABl. 1970, S. 4.
  33. Zum Ganzen siehe Meine, S. 30 ff.; Knoop, S. 32 ff.; Schoof, S. 352 ff.; Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 136 ff.
  34. Meine, S. 36.
  35. Vgl. zur Ausstattung der Kapelle: Meine, S. 32, 36; Schoof, S. 332; Bühring/Maier, KD Lkr. Celle, S. 138.