Sprengel Osnabrück, KK Melle-Georgsmarienhütte | Patrozinium: Mauritius1 | KO: Keine Kirchenordnung

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Orts- und Kirchengeschichte

Die Ortschaft Dissen – erst 1951 mit Stadtrecht ausgestattet – erscheint erstmals 895 in einer im 11. Jh. verunechteten Urkunde des Karolingers Arnolf2 und war später fürstbischöflich-osnabrückischer Besitz (Amt Iburg). Die Kirche gehört zu den ältesten in der Region. Das heutige KGb wurde jedoch erst im 13. Jh. nach der Zerstörung eines Vorläufers in einer Fehde zwischen dem Osnabrücker Bf. Konrad von Velber und dem Gf. von Tecklenburg (1236) neu errichtet. 1276 weihte Bf. Hermann von Cambrai den Hauptaltar dem heilige Mauritius und der Jungfrau Maria.

Kirche, Ansicht von Nordosten, Teilansicht

Kirche, Ansicht von Nordosten, Teilansicht

1187 war Gotefrit sacerdos de Dissene Zeuge in einer Urkunde des Bf. Arnold von Osnabrück.3 1329 war Johann Schmidt Pfarrer in Dissen. 1351 tauschte Hermann von Munderloh als rector perrochialis [sic] in Dyssene die Pfarrstelle mit dem Kanoniker Johann von Akis gegen dessen Pfründe am St.-Andreas-Stift in Verden.4
Außer dem Hauptaltar gab es als weitere Altarpatrozinien und Vikarien in der Kirche: Maria Virgo (1504), Maria Magdalena (1504), Heilig Kreuz (1504), Anna (1505, vielleicht mit dem Marienaltar identisch) und Katharina.5 Der Katharinenaltar, dessen Vikarie im ersten Viertel des 17. Jh. mit der Kollegiatkirche St. Marien in Bielefeld verbunden wurde, ist noch 1682 nachgewiesen. Seine Einkünfte wurden durch den Kurfürsten von Brandenburg als Landesherrn (in Bielefeld) zur Unterstützung unbemittelter Studenten und schlecht besoldeter Lehrer genutzt und 1622 der Schule zu Versmold übertragen.6 In Dissen bestand ferner eine in einem Abhängigkeitsverhältnis zur Pfarrkirche stehende Dionysiuskapelle, deren Pfründe 1329 durch Schenkungen erheblich vermehrt wurde. Sie wurde noch in nachref. Zeit vergeben und Mitte des 17. Jh. – gegen den Protest des Dissener P. – durch Bf. Franz Wilhelm von Wartenberg zur Verbesserung seiner Einkünfte dem kath. Priester von Bissendorf zugelegt.

Kirche, Blick in den Chorraum mit dem neugotischen Altaraufsatz, 1951

Kirche, Blick in den Chorraum mit dem neugotischen Altaraufsatz, 1951

Die Reformation wurde vermutlich um 1540 eingeführt. Um 1560 war Hans Roden Pastor verus, Gerdt Nedis vicecuratus in Dissen.7 1586 ist ein Scholemeister tho Dissen nachgewiesen.8 Als erster luth. P. wird um 1600 Johannes Sandhagen genannt. 1607 folgte ihm der aus Braunschweig stammende P. Lucas Friccius. Als Albert Lucenius im Dezember 1624 die Pfarre visitierte amt. dort der kath. geweihte, dann aber luth. Kaplan Hermann Jütting. An seiner Stelle wurde zunächst wieder ein kath. Priester eingesetzt. Jütting wurden Amtshandlungen und das Betreten der Kirche untersagt.9 Unter schwedischer Besetzung wurde 1634 der früher aus Wiedenbrück vertriebene P. Jakob Veltmann († 1679), zuvor Feldprediger und Hausprediger bei Caspar von Ohr auf Gut Palsterkamp, als Hauptpastor eingeführt und 1645 auch zum Dekan des Sprengels Iburg ernannt. Veltmann, der sich außerhalb der KG Verdienste u. a. durch die Erschließung der Heilquelle von Timmern erwarb, erreichte, dass die Pfarre 1650 gemäß Art. 21 der Capitulatio perpetua den Lutheranern verblieb. 1662 standen in Dissen 2.076 ev. Einwohner nur 34 Katholiken gegenüber. Hinzu kamen 314 nach Dissen eingepfarrte ev. Einwohner der Gft. Ravensberg. Auf P. Jakob Veltmann folgten 1678 sein Sohn Matthäus Anton Veltmann (vorher Hausprediger in Ippenburg) und 1692 bis 1700 Johannes Schwartze (vorher Hausprediger in Barenaue).
Ab 1724/25 entstand westlich von Dissen das Salzwerk Rothenfelde. Die neue Siedlung, die sich bei dem Werk entwickelte, hatte schon in der zweiten Hälfte des 18. Jh. eine eigene Kapelle, in der mehrmals wöchentlich Betstunden für die Salzarbeiter abgehalten wurden. Nachdem die Einwohnerzahl nach Aufnahme des Badebetriebs im 19. Jh. weiter anstieg, wurde der Gemeindeteil Rothenfelde 1904 abgetrennt und verselbständigt.

Kirche, Blick in den Chorraum mit dem Rokoko-Altaraufsatz, nach 1964

Kirche, Blick in den Chorraum mit dem Rokoko-Altaraufsatz, nach 1964

Schon bei der Visitation von 1931 wurde eine allgemeine Unkirchlichkeit in der Gemeinde beklagt.10 In der NS-Zeit war P. Georg Baring (amt. seit 1935) Mitglied des Pfarrernotbundes in Sachsen (seit 1933), später der BK; ebenso P. Wilhelm Schäperkötter (amt. bis 1938), anfangs DC-Mitglied, dann ebenfalls bei der BK. Baring war 1930 in Sachsen Landtagskandidat für den Christlich-Sozialen Volksdienst (CSVD) und erfuhr deshalb nach 1933 mehrfach Anfeindungen durch Parteidienststellen der NSDAP. P. Günter Schmid (amt. 1938–1944) war Mitglied der NSDAP. Der 1933 gebildete KV wurde von P. Schäperkötter im Wesentlichen unter parteipolitischen Gesichtspunkten zusammengesetzt (Bürgermeister und andere NS-Funktionäre) und erwies sich als ungeeignet, weil ohne Verständnis für kirchliche Belange. Seine Mitglieder wurden sukzessive durch kirchlich gesinnte Männer ersetzt. Die Gemeindearbeit, besonders die männliche Jugend- und Männerarbeit war stark eingeschränkt, die Frauenarbeit rückläufig. Die ev. Schulen wurden 1937 stillschweigend in Gemeinschaftsschulen umgewandelt.
Die KG ist Träger eines kirchlichen KiGa. Zur Förderung der kirchengemeindlichen Arbeit wurde 2003 die Stiftung Dissen gegründet.

Pfarrstellen

I: Vorref. – II (Sazellanat, Kaplanei): Vor 1624. – III: 1. Januar 197311; ab 1978 dauervakant, 1. November 1999 aufgehoben.12

Umfang

Seit Gründung der Kirche gehörten dem Pfarrsprengel auch die Bauerschaften Kleekamp, Westbarthausen, Ostbarthausen und Bockhorst an (alle Gft. Ravensberg, später Prov. Westfalen). 1823: Das Dorf Dissen, die Bauerschaften Aschen, Aschendorf, Erpen und Nolle; das Landgut Palsterkamp, die Springmühle sowie die luth. Einwohner der Bauerschaften Müschen und Winkelsetten. Mit dem 1. Oktober 1904 wurden die Gemeinden Rothenfelde, Aschendorf und Müschen sowie Teile der Gemeinden Erpen und Strang ausgepfarrt und zur KG Rothenfelde vereinigt.13 Im Zuge des Ausbaus der Bundesautobahn 33 wurden am 1. Januar 1996 die südwestlich der geplanten Trasse wohnenden luth. Einwohner der Stadt Borgholzhausen (also die Einwohner Westbarthausens) aus der KG Dissen in die Ev.-luth. KG Bockhorst im KK Halle der Ev. Kirche von Westfalen umgepfarrt.14 2018 gehörten zum Gebiet der KG neben Dissen Teile der OT Strang (Bad Rothenfelde) und Eppendorf (Hilter) sowie der OT Kleekamp (Borgholzhausen in Nordrhein-Westfalen).

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat des Sacellanus des Bm. Osnabrück, nach Hennecke/Krumwiede war Dissen Archidiakonatssitz.15 – Vor der Schaffung der Insp.-Einteilung im Fsm. Osnabrück unterstand Dissen der Aufsicht des Amts Iburg. 1821 wurde Dissen Suptur-Sitz der 1. Insp. 1886 wurde der Sitz der Insp. nach Georgsmarienhütte verlegt; ab 1924 KK Georgsmarienhütte (1. Januar 2013 im KK Melle-Georgsmarienhütte aufgegangen).

Patronat

Der Archidiakon. Einer der Domherren zu Osnabrück war zugleich Sazellan und Archidiakon in Dissen und übte das Kollationsrecht für Pfarre und Küsterei aus.16 1624 erfolgte die Pfarrstellenbesetzung durch Benedikt von Galen als Archidiakon und Kaplan des Bf. von Osnabrück.17 Nach 1803 der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Gotischer Saalbau auf kreuzförmigem Grundriss mit zweijochigem, kreuzgewölbtem Langhaus aus verputztem Bruchstein und gerade geschlossenem Chor (1276 geweiht). Turm, Chorraum und die beiden Kreuzarme gehen wahrscheinlich noch auf den Vorgängerbau zurück. Innen drei Emporen an der Nord-, West- und Ostseite, davon die an der Nordseite befindliche (sogenannter Palsterkämper Boden) von 1654. 1912 wurde die Kirche gründlich renoviert und u. a. der Chorraum mit Medaillons der vier Evangelisten ausgemalt. Weitere Renovierung 1972–76: Die Emporen im Mittelschiff wurden verkürzt bzw. beseitigt, die zweite Empore im Westen (Orgelboden) gleichfalls beseitigt und die Orgel auf der verbliebenen Empore aufgestellt. Außenrenovierung 1987.

Fenster

Buntglasfenster hinter dem Altar (Christus als Weltenrichter) und in den beiden Kreuzarmen (Johannes, Paulus), 1912.

Turm

Quadratischer Westturm aus verputztem Bruchstein mit ins Achteck überführter, kupferverkleideter Spitze. Seitengiebel mit den Zifferblättern der Turmuhr. Bekrönung durch Kugel, Kreuz und Hahn.

Kirche, Blick in den Chorraum mit dem neugotischen Altaraufsatz und dem Rokokoaltar an der Nordwand, vor 1964

Kirche, Blick in den Chorraum mit dem neugotischen Altaraufsatz und dem Rokokoaltar an der Nordwand, vor 1964

Ausstattung

Gemauerter Blockaltar mit neuer Mensa aus Ibbenbürener Sandstein und geschnitztem Rokokoaufsatz: Abendmahlsszene in einem baldachinartigen Mittelteil, darüber Christi Himmelfahrt, außen Figuren Moses und Christus als Mittler des alten und neuen Bundes. Wappen der Stifterfamilien. Die Ausführung erfolgte wohl durch den Stuckateur Josef Geitner (Iburg); Stiftung des Heinrich Wilhelm Horst und seiner Frau Margarete, geb. Wehrkamp (1765). Der Altar war 1879 zunächst durch einen zeitgenössischen neugotischen Altaraufsatz (Geschenk der Gemeinde anlässlich des 50jährigen Amtsjubiläums von Sup. Ledebur) ersetzt worden und wurde an der Nordseite des Altarraums aufgehängt. Der restaurierte Rokokoaltar kam 1964 wieder an seinen alten Platz.18 Der Altar von 1879 befindet sich jetzt (beschädigt) in einem Depot des AfBuK in Strackholt/Ostfriesland. – Farbig gefasste barocke Kanzel mit Schalldeckel (Mitte 17. Jh., um 1750 erneuert), auf den Feldern der Kanzelbrüstung Figuren der vier Evangelisten, auf dem Deckel das Familienwappen der Stifterfamilie Staffhorst und Christus mit der Siegesfahne. – Taufstein (1912). – Kronleuchter von 1720 (Stiftung des preußischen Hof- und Legationsrats Wilhelm Stratemann). – Altarteppich (hergestellt von der Ev. Frauenhilfe, 1938; jetzt in der Turmhalle). – Figur eines knienden Predigers in der Westwand des südlichen Querarms, vermutlich vom Grabmal des P. Jakob Veltmann. – Außerhalb der Kirche am südlichen Querarm Grabstein des Richters und Meiers Engelhardt Staffhorst und seiner Frau Elisabeth.

Orgel

Orgel

Orgel

1787–89 Neubau von Hinrich Just Müller (Wittmund), 11 I/– (Gehäuse erhalten). 1840 um ein zweites Manual ergänzt. 1893/94 Neubau durch Firma Rohlfing (Osnabrück) hinter dem historischen Prospekt unter Verwendung älteren Pfeifenbestands, 24 II/P, pneumatische Traktur, Kegelladen. Die Orgel wurde (vermutlich 1912) auf eine zweite, obere Prieche gesetzt und 1938 renoviert. 1975–78 durch die Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH (Berlin) unter Verwendung des alten Gehäuses und noch funktionstüchtiger Pfeifen erneuert, 16 II/P (HW, BW), mechanische Traktur. Schleifladen. Seit 1971 unter Denkmalschutz.19

Geläut

Vier LG, I: d’; II: f’; III: g’ (alle Gussstahl, Gj. 1951, Bochumer Verein); IV: b’ (Bronze, Gj. 1921, Firma Petit & Gebrüder Edelbrock, Gescher). – Zwei SG, I: a’’; II: c’’’ (beide Eisen, Gj. 1952, J. F. Weule, Bockenem; geliefert durch die Turmuhrenfabrik Ed. Korfhage & Söhne, Buer).20 – Früherer Bestand: An Stelle zweier geborstener LG ließ die Gemeinde 1644 vor Ort durch den Glockengießer Joseph Michel (Gütersloh) zwei oder drei neue Glocken gießen.21 Sie wurden 1815 durch ein neues Geläut des Osnabrücker Gießers Rinker und 1860 durch Glocken der Firma Petit & Gebrüder Edelbrock (Gescher) ersetzt. Teile des Geläuts wurden 1917 (Ersatzguss 1921) und 1942 zu Rüstungszwecken abgeliefert. Erhalten blieb nur die zum Gedächtnis des Kommerzienrats Fritz Homann von seinen Söhnen gestiftete Betglocke aus dem Jahr 1921.

Weitere kirchliche Gebäude

1934/35 wurde am unteren Marktplatz das Lutherhaus (Gemeindehaus) errichtet, das längere Zeit auch als Schulhaus diente. Es wurde 1983/84 aufgegeben und durch einen Anbau an das bisherige Pfarrhaus I (Große Straße 12, Bj. 1865) ersetzt. Das alte Pfarrhaus II wurde schon 1968 durch einen Neubau ersetzt. Im Tausch gegen das alte Lutherhaus-Grundstück errichtete die Stadt Dissen 1981 ein neues Pfarrhaus I in der Schützenstraße (Bj. 1981). Jetzt ist das Pfarramt I wieder in dem denkmalgeschützten Gebäude in der Großen Straße untergebracht.

Friedhof

Ursprünglich auf dem Kirchhof, 1827/28 am die Schützenstraße verlegt. In Trägerschaft der KG. FKap (Architekt: Ernst Scheib, Dissen; Bj. 1955/56, 1986 erweitert).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 3 Nr. 111–143 (Kons. Osnabrück, Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 234, 239 u. 142 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 1747–1757 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 2796 (Visitationen); B 18 Nr. 152 u. 286 (Orgelsachverständiger); D 84 (EphA Georgsmarienhütte).

Quelle

Mitteilung von Frau Irene Minneker (Dissen) vom 14. Oktober 2015.

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 390 f.; Dühne, Osnabrück, S. 166–171; Weichsler, Hdb. Sprengel Osnabrück, S. 123 f.
B: Joachim Brandt: Die Dissener Kantorschule und ihre Lehrer, Dissen am Teutoburger Wald 2002; Siegfried Alexander Scholz: Zeiten und Menschen. Erinnerungen an Alt-Dissen, Dissen am Teutoburger Wald 2005; E. Smechula: Jacob Veltmann, Pastor zu Dissen, in: Meine Heimat in Wort und Bild. Jahrbuch der Kreise Iburg-Melle 1930, S. 40–45.


Fußnoten

  1. Der Vorgängerbau war dem heiligen Georg geweiht.
  2. MGH DD Arn 137. Vgl. auch Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 94.
  3. Osnabrücker UB I, Nr. 388.
  4. UB Verden II, Nr. 688.
  5. Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 221.
  6. Dühne, Osnabrück, S. 169.
  7. Flaskamp, Zwischenbericht, S. 114.
  8. Brandt, S. 6.
  9. Bär, Protokoll Albert Lucenius, S. 245.
  10. LkAH, L 5f, Nr. 458.
  11. KABl. 1973, S. 13 f.
  12. KABl. 1999, S. 217.
  13. KABl. 1904, S. 47.
  14. KABl. 1995, S. 197.
  15. Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 221; ebd. II, S. 112.
  16. Dühne, Osnabrück, S. 166.
  17. Bär, Protokoll Albert Lucenius, S. 245.
  18. LkAH, B 2 G 9 B/Dissen I, Bl. 168.
  19. LkAH, B 2 G 9 B/Dissen II, Bl. 82 f. (LKA an KV Dissen, 20.07.1971)
  20. LkAH, B 2 G 9 B/Dissen (Bericht über die amtliche Glockenvisitation, 16.09.1955).
  21. Smechula, S. 43 f.