Sprengel Osnabrück, KK Melle-Georgsmarienhütte | Patrozinium: Jesus Christus (1991) | KO: Keine Kirchenordnung

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Orts- und Kirchengeschichte

Ein Kotten up dem Rodenfelde ist im Kopfschatzregister des Hochstifts Osnabrück aus dem Jahr 1512 verzeichnet.1 Nach der Entdeckung einer Salzquelle im Jahr 1724 erwarb der luth. Bf. Ernst August II. den Kotten und angrenzendes Gebiet; noch im gleichen Jahr begann die Salzgewinnung. Parallel dazu entwickelte sich seit 1811 der Badebetrieb und 1850 gründete sich eine Gesellschaft zum Bau eines Badhauses. Nach dessen Einweihung 1853 verzeichnete der Ort 1854 fast 800 Kurgäste, 1896 mehr als 2.000. Rothenfelde war zunächst Teil der Bauerschaft Erpen im Amt Iburg des Hochstifts Osnabrück. Seit Ende des Dreißigjährigen Krieges regierten hier abwechselnd kath. und luth. Bischöfe; letztere stammten stets aus dem Haus Braunschweig-Lüneburg.2 Nach den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 wurde das Hochstift als Fsm. Osnabrück Teil des Kfsm. Braunschweig-Lüneburg (Hannover). In der Zeit der französischen Herrschaft gehörte Rothenfelde zum Kanton Dissen, der von 1807 bis 1810 zum Kgr. Westphalen (Distrikt Osnabrück, Departement Weser) zählte und von 1811 bis 1813 zum Kaiserreich Frankreich (Arrondissement Osnabrück, Departement Obere Ems). Danach gehörte Rothenfelde wieder zum Amt Iburg, zunächst im Kgr. Hannover und ab 1866 im Kgr. Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam es als eigenständige Landgemeinde zum Kr. Iburg, der 1932 im Lkr. Osnabrück aufging. 1951 erhielt Rothenfelde die Bezeichnung Stadt und wurde 1965 als Heilbad anerkannt (Bezeichnung Bad Rothenfelde schon 1905). 1970 wurden die Ortschaften Aschendorf und Strang eingemeindet. 1858 lebten in Rothenfelde knapp 360 Menschen, 1905 etwa 975, 1939 rund 1.875 und 1961 gut 2.700. 2017 lag die Bevölkerungszahl in Bad Rothenfelde, einschließlich der 1970 eingemeindeten Ortschaften, bei gut 8.200.

Kirche, Ansicht von Südwesten

Kirche, Ansicht von Südwesten

Kirchlich gehörten die Einwohner Rothenfeldes zunächst zum Kirchspiel Dissen.3 Neben den sonntäglichen Gottesdiensten in der dortigen Kirche gab es im 18. Jh. dreimal wöchentlich vor Schichtbeginn eine Betstunde für die Salzwerksleute. Aufgrund des expandierenden Kurbetriebs und der steigenden Gästezahl kamen seit 1870 die Dissener Pfarrer während der Sommermonate nach Rothenfelde, um dort Nachmittagsgottesdienste zu halten. Auf Initiative von Gemeindegliedern aus Aschendorf, Erpen sowie Rothenfelde gründete sich unter der Leitung von P. August Julius Ludwig Böker (amt. 1871-1898) ein Kapellenbauverein. Mit der 1877 erbauten Kapelle erhielt Rothenfelde sein erstes eigenes Gotteshaus. Grundstück und Gebäude, verteilt auf 141 Anteile, waren zunächst Eigentum der insgesamt 66 „Interessenten der Kapellen-Gemeinde Rothenfelde“ (Kapellen-Genossenschaft).4 Im Dezember 1896 übergaben Gemeindeglieder aus Rothenfelde, Aschendorf, Strang und Erpen dem KV Dissen eine Petition, mit der sie sich für die Gründung einer eigenständigen KG Rothenfelde aussprachen. Der KV lehnte das Ansinnen jedoch ab und betonte die Zusammengehörigkeit des Kirchspiels. Die Rothenfelder wandten sich daraufhin im März 1897 an das Konsistorium in Hannover, und baten entweder um die Errichtung einer eigenen Gemeinde oder um die Verlegung einer der beiden Dissener Pfarrstellen nach Rothenfelde. Das Konsistorium richtete daraufhin zum 1. Juni 1900 eine Pfarrkollaboratur mit Sitz in Rothenfelde ein.5 Ein Jahr später gründete sich der „Kapellen-Verein Rothenfelde“, dessen Ziel es war, die „kirchlichen Verhältnisse in Rothenfelde und Umgebung“ zu verbessern. Zunächst erwarb der Verein nach und nach die einzelnen Anteile des Kapellengrundstücks und der Kapelle, wurde so 1903 Eigentümer und konnte beides der neuen KG Rothenfelde übertragen.6 Die eigentlichen Verhandlungen um die Gemeindegründung führte eine 1901 gewählte „Kirchen-Kommission“. Wiederum drei Jahre später zeitigten die Verhandlungen den gewünschten Erfolg: Zum 1. Oktober 1904 errichtete das Konsistorium die KG Rothenfelde, zu der die politischen Gemeinden Rothenfelde, Aschendorf und Müschen zählten, sowie Teile der Gemeinden Strang und Erpen.7 Die neue Pfarrstelle übernahm P. Dr. Viktor Hermann Heinrich Mauersberg (amt. 1904-1916), der hier bereits seit 1900 als Hilfsgeistlicher gewirkt hatte. Im Jahre 1910 gründete sich auch eine kath. KG in Rothenfelde (eigener Geistlicher seit 1905, St.-Elisabeth-Kirche 1952/53).8

Kirche, Blick zum Altar, 1980

Kirche, Blick zum Altar, 1980

Aufgrund der wachsenden Einwohnerzahl und aufgrund des expandierenden Kurbetriebs plante die Gemeinde Anfang der 1920er Jahre, ihre Kirche zu erweitern. Am Sonntag Cantate 1922 sammelten die Gemeinden der Landeskirche, um das Vorhaben zu unterstützen (Beckenkollekte).9 Schließlich gab die KG die Erweiterungspläne jedoch auf und entschloss sich zu einem Neubau, den Lbf. August Marahrens 1928 einweihte. In seinem Bericht über die Visitation der Gemeinde Rothenfelde merkte der Sup. des KK Georgsmarienhütte 1929 an, die KG könne P. Christian Hafner (amt. 1916-1960) dankbar sein, dass „er ihr für ein so billiges Geld und so geringe Restschuld eine so schöne Kirche verschafft hat.“10 Während der NS-Zeit stand P. Hafner, wie er rückblickend in seinen Antworten zum „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende“ angab, der BK nahe; zum KV gehörten seit 1933 einige Angehörige der NSDAP (später aus KV ausgetreten), jedoch keine „ausgesprochenen Mitglieder der D.C.“11 Seit 1937 war P. Hafner gleichzeitig Sup. des KK Georgsmarienhütte.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg die Zahl der Gemeindeglieder aufgrund des Zuzugs Geflüchteter stark an und 1947 lag sie bei etwa 5.000. In diesem Jahr erhielt die KG eine Vikarinnenstelle, die Elisabeth Schneemelcher (amt. 1947-1976) übernahm. Seit Einführung des Pastorinnengesetzes 1964 wirkte Pn. Schneemelcher zunächst als Pastorin der Landeskirche in Rothenfelde und erhielt dann die 1971 errichtete zweite Pfarrstelle der Gemeinde, die sie auch nach ihrem Ruhestand 1972 noch bis 1976 versah.12 Seit 1990 trägt die Kirche Gemeinde den Namen „Jesus-Christus-Kirche“.
Bereits 1965 gründete sich der „Verein zur Förderung des Gemeindelebens in der ev. KG Bad Rothenfelde“. 1970 richtete die KG einen Kindergarten ein, der 1995 den Namen „Pusteblume“ erhielt. Einen weiteren Kindergarten übernahm die Gemeinde 2000 in Aschendorf (2002: „Löwenzahn“); beide Einrichtungen befinden sich mittlerweile in Trägerschaft des KK Melle-Georgsmarienhütte. Die Gemeinde baute eine Partnerschaft mit der KG Jahnsbach im Erzgebirge auf und unterhält seit 2003 auch eine Partnerschaft mit der Gemeinde Greytown in Südafrika. Neben den Förderverein trat im Jahr 2005 die „Stiftung zur Förderung des Gemeindelebens in der Ev.-luth. Jesus-Christus-Kirchengemeinde Bad Rothenfelde“.

Pfarrstellen

I: 1904.13 – II: (1947 Vikarinnenstelle, 1964 Pn. der Landeskirche) 197114, 1998 umgewandelt in Dreiviertelstelle.15

Umfang

Bei Gründung 1904: Rothenfelde, Aschendorf, Müschen sowie Teile der Gemeinde Strang und der Gemeinde Erpen (südwestlich Bahnstrecke Bielefeld–Osnabrück). Neuregelung der Grenze zwischen KG Dissen und KG Rothenfelde 1907.16 1989 Müschen in KG Bad Laer umgepfarrt.17

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung der KG 1904 zur Insp. (1924: KK) Georgsmarienhütte. Von 1937 bis 1960 war Bad Rothenfelde Sitz der Suptur. des KK Georgsmarienhütte. Seit Januar 2013 KK Melle-Georgsmarienhütte.18

Kirchenbau
Kirche, Blick zum Altar, vor 1978

Kirche, Blick zum Altar, vor 1978

Einschiffiger, südsüdöstlich ausgerichteter Bau mit querhausartigem Anbau an Ostseite, erbaut 1927-28. Satteldach, Mauerwerk weiß verputzt, hohe Rechteckfenster. Im Innern Tonnengewölbe, Emporen im Norden und Osten, runder Triumphbogen zwischen Chor und Schiff, gerade Chorwand. Renovierung und Neugestaltung Innenraum 1978/79 (Altarraum vergrößert).

Fenster

Drei farbige Altarfenster mit Darstellung der Kindersegnung. Farbige Fenster nach Westen mit Szenen der Leidensgeschichte und Auferstehung Jesu.

Turm

Rechteckiger Turm vor der nordnordwestlichen Stirnseite der Kirche. Vierseitiges Pyramidendach, bekrönt mit Kugel, Kreuz und Wetterhahn. Rechteckige Schallfenster, darüber Uhrziffernblätter, spitzbogiges Portal nach Nordnordwesten. Kupferdach im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben, nach Ende des Krieges ersetzt. Turmsanierung 2002 (u. a. neue Kupferdeckung).

Vorgängerbau

Einschiffiger, neogotischer Rechteckbau mit niedriger, fünfseitiger Apsis (Sakristei) im Süden, erbaut 1877. Satteldach, Strebepfeiler an den Längsseiten, hohe Spitzbogenfenster; hohe Spitzbogennische an nördlicher Giebelseite, links und rechts davon Eingangsportale. Im Innern Spitztonnengewölbe, Empore. Über dem nördlichen Giebel kleiner, offener Dachreiter mit Glocke und spitzem Turmhelm, bekrönt mit Kreuz. 1905 Hölzerner Glockenstuhl südlich der Kirche. Erweiterungspläne 1922, später aufgegeben und Kapelle 1927 abgebrochen.

Ausstattung

Schlichter Holzaltar (1978). – Niedrige, hölzerne Kanzel (1978). – Hölzerner Taufständer (1902).

Orgel

1889 Harmonium angeschafft.19 Erste Orgel 1902, 12 II/P, pneumatische Traktur, Bälgchenladen, erbaut von Firma Gebrüder Rohlfing (Osnabrück); 1928 in neue Kirche übernommen, dabei neues Gehäuse. Umgebaut und erweitert 1936: 14 II/P, pneumatische Traktur, Kegelladen. Neue Orgel 1971, 24 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen, gebaut von Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven). 1996 Instandsetzung und eine Dispositionsänderung. Zweitorgel: 4 I/-, mechanische Traktur, Schleifladen, 1985 gebaut von Firma Führer (Wilhelmshaven).

Geläut

Drei LG, I: f’; II: g’ (beide Bronze, Gj. 1954, Firma Rincker, Sinn); III: b’ (Bronze, Gj. 1928, Firma Rincker, Sinn). – Früherer Bestand: 1905 drei Glocken angeschafft und in hölzernem Glockenturm südlich der Kapelle aufgehängt (Bronze, Gj. 1905). Neues Geläut 1928 mit drei LG, I: f’; II: g’; III: b’ (alle Bronze, Gj. 1928, Firma Rincker, Sinn), I und II im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1908/09). – Gemeindehaus (Bj. 2000, gegenüber Kirche), Vorgängerbau: 1958 ehemalige Isolierstation der Ev. Kinderheilanstalt übernommen und als Jugendheim bzw. Gemeindehaus genutzt (Bj. 1887). – Kindergarten (Bj. 1969/70, erweitert 1994).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof westlich des Ortszentrums, eingeweiht April 1905, erweitert 1922, 1949, 1969 und 2001.20 Neugotische Leichenhalle (Bj. 1907); FKap. (Bj. 1952/53, Architekt: Kurt Grote, Düsseldorf; 1974 Orgelpositiv angeschafft, 1985 um ein Reg. erweitert).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 5 Nr. 237, 241 und 250 (Spec. Landeskons.); A 12e Nr. 88 (GSuptur. Hannover); D 84 (EphA Georgsmarienhütte); L 5f Nr. 210-212, 448, 478 (LSuptur. Osnabrück); S 11a Nr. 7008 (Findbuch PfA). – Im Pfarrarchiv: Otto Kanzler: Beiträge zur Gründungsgeschichte der ev.-luth. Kirchengemeinde Rothenfelde, 3 Bde., 1907 (handschriftliche Chronik).

Literatur

A: Meyer, Pastoren II, S. 327; Weichsler, Hdb. Sprengel Osnabrück, S. 120; Wrede, Ortsverzeichnis Fürstbistum Osnabrück II, S. 160-161.
B: Spuren in unserer Gemeinde. Ein Lesebuch (Festschrift zur 100-Jahr-Feier der Ev.-luth. Jesus-Christus-Kirchengemeinde Bad Rothenfelde), hrsg. vom Kirchenvorstand der Ev.-luth. Jesus-Christus-Kirchengemeinde zu Bad Rothenfelde, Bad Rothenfelde 2004; Gerhard Ohlhoff (Hg.): Bad Rothenfelde. Vom Salzwerk zum Heilbad, Bad Rothenfelde, ²1986, darin bes.: Dieter Serke: Ursprung und Entwicklung der evangelischen Kirchengemeinde Bad Rothenfelde, S. 258-264, Elisabeth Schneemelcher: Die evangelische Gemeinde in der eigenen Kirche, S. 264-269 und Klaus-Hermann Melches: Das kirchliche Leben in der Gemeinde, S. 372-374.

GND

7580179-6, Evangelisch-Lutherische Jesus-Christus-Kirchengemeinde Bad Rothenfelde


Fußnoten

  1. Wrede, Ortsverzeichnis Fürstbistum Osnabrück II, S. 160.
  2. Feldkamp, Bedeutung, S. 79 ff.
  3. Zum Folgenden: Serke, S. 258 ff., ausführlicher: Spuren, bes. S. 45 ff.
  4. Spuren, S. 46 ff.
  5. KABl. 1900, S. 141.
  6. Spuren, S. 84 f.
  7. KABl. 1904, S. 47 f.
  8. Ohlhoff, S. 269 ff.
  9. KABl. 1922, S. 35 f.
  10. LkAH, L 5f, Nr. 448 (Visitation 1929).
  11. LkAH, L 5f, Nr. 448 (Visitation 1935); S 1 H III Nr. 915, Bl. 26.
  12. KABl. 1971, S. 229.
  13. KABl. 1904, S. 47 f.
  14. KABl. 1971, S. 229.
  15. KABl. 1998, S. 216.
  16. KABl. 1907, S. 77.
  17. KABl. 1989, S. 8.
  18. KABl. 2012, S. 177 f.
  19. Spuren, S. 132.
  20. Spuren, S. 110 ff.