Sprengel Stade, KK Verden | Patrozinium: Sigismund | KO: Keine Kirchenordnung

Orts- und Kirchengeschichte

Daverden lag im Süden des altsächsischen Gaus Wigmodi und wird 1258 in einer Urkunde Hzg. Albrechts von Braunschweig mit zwei zur curia Douerde gehörigen Häusern erstmals erwähnt.1 1279 gelangte der Bremer Ebf. Giselbert von Brunckhorst in den Besitz des zuvor welfischen Herrenhofs.2 Ebf. Gerhard II. zur Lippe ließ in den 1220er Jahren östlich von Daverden die Burg Langwedel errichten. Sie erlangte als erzbischöfliche Residenz später einige Bedeutung. Der Flecken Langwedel bildete seit dem 14. Jh. den Mittelpunkt der Vogtei und des erzbischöflichen Amts und wurde somit zum eigentlichen Zentrum des Ksp. Daverden. Nach dem Westfälischen Frieden unterstand Daverden schwedischer Herrschaft. 1712 wurde es durch dänische Truppen besetzt, 1715 fiel es an Kurhannover. – Seit 1972 Ortsteil des Fleckens Langwedel.

Kirche, Blick zum Altar, vor 1955

Kirche, Blick zum Altar, vor 1955

Über die vorref. Geschichte der Gemeinde ist wenig bekannt. Die Annahme einer fränkischen Taufkapelle in Daverden aus der Zeit Willehads (zweite Hälfte 8. Jh.) ist umstritten. Vielleicht geht die Gründung der Kirche auf die Gf. von Hoya zurück, die 1302 von den Welfen die Vogtei über die Kirchengüter in Daverden zu Lehen erhielten und noch im 15. Jh. innehatten.3
Als erster Geistlicher erscheint 1281 Fredericus plebanus in Doverden als Zeuge in einer Urkunde des Bremer Ebf. Giselbert.4 Weitere Geistliche waren Richardus […] capellanus rector ecclesiae in Douerden bzw. plebanus de Doverden5 (1288/90); Hermann Rossing (rector ecclesiae, bis 1465); Williken Meyger (ab 1465, † 1518). Im 13./14. Jh. wurden die pfarramtlichen Funktionen zeitweilig durch einen erzbischöflichen Kapellan aus Langwedel wahrgenommen. Ein capellanus des Ebf. wird dort 1267 erstmals genannt; 1306 dominus Hinricus, capellanus in Langwedele als Urkundenzeuge.6
Die Reformation setzte sich um 1550 durch. Erster luth. P. war wahrscheinlich Thomas Philo (Meier), der zunächst als mercenarius amtierte. Um 1600 wurde die Pfarre durch P. Heinrich Meier († 1626) verwaltet. In seine Amtszeit fällt eine Unwetterkatastrophe, bei der 1603 in Langwedel 36 Gebäude eingeäschert wurden. Sie war Anlass für den seither abgehaltenen Lobetag am 26. Juli, der nachher einer der höchsten Feiertage im Ksp. war.

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, 1955

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, 1955

1676 wurde patronatsseitig der aus Pommern stammende P. Jacob Biedenweg (amt. 1676-1699) auf die Pfarrstelle berufen. P. Biedenweg machte sich als gelehrter Prediger und Schriftsteller einen Namen (schrieb u. a. über die „Rettung des öffentlichen Nachtmahlsgebrauch“, 1691).7 In der ersten Hälfte des 19. Jh. war die KG überwiegend vom Rationalismus geprägt. Der ab 1834 amtierende P. August Wilhelm Büttner wurde deshalb als Gegner der rationalistischen Theologie stark angefeindet.8 Er führte 1857 eine altlutherische Liturgie ein, die er nach Vorgaben des Konsistoriums in Stade selbst entwickelt hatte. 1862 wurde der neue luth. Landeskatechismus eingeführt. Als Adjunkt für Büttner amtierte 1866 bis 1869 der spätere Rostocker Theologieprofessor Friedrich Hashagen (1841-1925).
1999 wurde die St.-Sigismund-Stiftung ins Leben gerufen. Zur finanziellen Unterstützung der KG, insbesondere der Kinder- und Jugendarbeit (Erhalt der Diakonenstelle), besteht ein eigener Förderverein Rückenwind e. V.
Die KG Daverden bildet heute gemeinsam mit den KG Etelsen, Baden und Achim die Region „Kirche rechts der Weser“.

Umfang

Die Dörfer Cluvenhagen, Daverden und Etelsen, die Landgüter Groß Coppel (mit dem Vorwerk Klein Coppel), Lessel und Wiepelnbusch, die Höfe und einzelnen Häuser auf dem Brande, Daverder Moor, Daverder Schafkoven, Daverder Ziegelei, Förste, Giersberg, Hustedt, Kraul, Lauenburg, Lindholz, Oehren, Oesenwiede, Ohlenhude, Speckenfelde und Wurth bei Lessel; der Flecken Langwedel und die Dörfer Allerdorf (seit 1795, vorher zu Ahausen) und Herrenkamp. 1824 wurde Grasdorf, 1834 Giersdorf-Schanzendorf nach Daverden eingepfarrt. Aus den Moordörfern wurde 1852 die neue KG Posthausen gebildet (teilweise vorher zu Ahausen). Etelsen, Cluvenhagen und Hagen-Grinden wurden zum 1. Januar 1966 aus der KG Daverden ausgegliedert und als KG Zum Guten Hirten in Etelsen verselbständigt.9

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat des bremischen Dompropsts. – 1652 zum bremischen KK, dessen Sitz mit der Abtretung des Bremer Doms an die Stadt Bremen 1803 nach Achim verlegt wurde. Durch Neuordnung der Aufsichtsbezirke in den Hzm. Bremen und Verden ab 1. Januar 1827 Insp. (1924: KK) Verden.

Patronat

Das Patronatsrecht lag ursprünglich vielleicht bei den Gf. von Hoya, jedoch schon vor 1316 beim Ebf. von Bremen10 und ging vor 1420 auf den Dompropst über.11 In der Schwedenzeit wurde es 1670 an den Gf. Cord Christoph von Königsmarck als Vizegouverneur der Hzm. Bremen und Verden übertragen. Von 1719 bis 1871 war der Landesherr Patron. Zeitweilig gehörte „ein Drittel des Patronats über die Kirche in Daverden“ dem Besitzer des Guts Cluvenhagen I.12

Kirchenbau
Kirche, Blick zur Westempore, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juli 1955

Kirche, Blick zur Westempore, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juli 1955

Die ältesten Teile der auf einem Geestrücken oberhalb der Aller gelegenen St.-Sigismund-Kirche sind wohl die halbrunde Ostapsis und der romanische Westturm, die auf die Zeit um die Wende vom 12. zum 13. Jh. datiert werden. Grabungsfunde deuten auf die Anlage der Kirche an der Stelle einer vorchristlichen Kult- und Begräbnisstätte hin. Der früher freistehende Turm diente wohl anfangs zu profanen Zwecken (Wehr- und Wachturm). Das ursprünglich einschiffige, spätgotische Kirchenschiff aus Ziegelmauerwerk ist spätmittelalterlich und stammt vermutlich aus der Zeit nach der Fehde zwischen dem Bremer Ebf. Nikolaus und den Hzg. Bernhard I. und Wilhelm von Braunschweig und Lüneburg (1425), in der auch die Kirche in Daverden in Mitleidenschaft gezogen wurde. Geschlossen wurde es ursprünglich von einer flachen Holzdecke. 1695 wurde es gründlich saniert und 1717/18 mit einem gotischen Kreuzgewölbe und neuen Fenstern versehen. 1720 erhielt die Kirche an der Nordseite einen schlichten Fachwerkanbau (sogenannte neue Kirche) mit zusätzlichen Plätzen. Dennoch war der Bau um 1800 wieder schadhaft und für den Raumbedarf nicht mehr ausreichend. Pläne für einen Neubau scheiterten an der Finanzierung. 1899/1901 wurde der Fachwerkanbau abgebrochen und das Langhaus durch den beidseitigen Anbau eines Querschiffs zur Kreuzform erweitert. Zugleich erfolgte die Neueinwölbung des Schiffs. Das Nordportal wurde vermauert, die Apsis rechteckig ummantelt. Im Innern wurden die Priechen teilweise beseitigt. In den letzten Kriegstagen wurde die Kirche bei Kampfhandlungen beschädigt und 1955 gründlich renoviert. Dabei wurde auch die zuletzt noch vorhandene Prieche der Gf. von Reventlow im Südflügel entfernt und durch neue Bänke ersetzt. Weitere Renovierung 1986/88.

Fenster

Fenster mit den Evangelisten Matthäus und Markus im Altarraum (1914). Zur Ausstattung gehörten ursprünglich Fenster mit allen vier Evangelisten sowie den Aposteln Petrus und Paulus, die 1945 zerstört und durch einfaches Kathedralglas ersetzt wurden.

Turm

Romanischer Westturm aus Ziegelmauerwerk unter Zeltdach (12./13. Jh.; um 1591 saniert).

Grablege

In der Kirche gab es Ende des 18. Jh. sieben Grabgewölbe, darunter das der Herren von Münchhausen auf Langwedel, der Herren von Zabeltitz auf Koppel, von der Lieth in Lessel, das Grabgewölbe des Cluvenhagenschen Gutes und ein Pastoratsbegräbnis. Vor dem Turm befand sich noch innerhalb des Kirchenschiffs die Gruft des Gutes Wiepelnbusch. Im Fachwerkanbau von 1720 ein Begräbnisplatz der Herren von Münchhausen und der Kapitän Bruno Vendtschen Erben.

Ausstattung

Der Bauernaltar mit Renaissance-Retabel von 1650 war eine Stiftung der auf Gut Koppel ansässigen Familien von Roenne und von Mandelsloh (vgl. die Familienwappen auf den Kapitellen). Als Altarbilder das Abendmahl in der Predella, darüber Kreuzigung und Auferstehung. Auf der Altarbekrönung allegorische Figuren von Glaube, Liebe und Hoffnung. – Spätrenaissance-Kanzel wohl aus der gleichen Werkstatt wie der Altar. – Die silberne Taufschale von 1932 war bis nach dem Zweiten Weltkrieg in einen der beiden Altarschrankenpfosten eingelassen. Nachdem die letzteren 1955 entfernt worden waren, wurde ein moderner runder Taufstein aufgestellt. – Gemälde „Der Gute Hirte“ von Fritz Mackensen (Schenkung von 1959).

Kirche, Blick zur Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juli 1955

Kirche, Blick zur Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juli 1955

Orgel

Die Kirche in Daverden besaß bis in die 1870er Jahre keine Orgel und erhielt erst 1880 ein Harmonium. 1901 erfolgte der Ankauf der alten Orgel der Michaeliskirche in Bremen; sie wurde 1878 durch P. Furtwängler & Söhne (Elze) hinter einem historischen Prospekt erbaut, 14 II/P. Der Prospekt stammt von dem Nienburger Orgelbaumeister Hermann Kröger, war ursprünglich 1662 als Vorderfront eines RP mit zehn klingenden Stimmen für die Kirche in Lunsen geschaffen worden und beim Umbau der Lunsener Orgel durch Arp Schnitger 1710 an den Organisten Johann Janssen in Bremen verkauft worden. 1716 kam es an die Bremer St.-Michaelis-Kirche. Die Aufstellung in Daverden erfolgte im südlichen Kreuzflügel. Die Prospektpfeifen wurden im Ersten Weltkrieg ausgebaut und 1955 ersetzt. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Orgel durch Beschuss stark beschädigt. Die Beseitigung der Kriegsschäden führte 1947 die Firma Emil Hammer durch und nahm zugleich einige Veränderungen an der Disposition vor. Weitere Instandsetzung 1955/56 durch Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven). 1957/58 Umbau des Hauptwerks und Pedal durch Friedrich Weißenborn (Braunschweig), 1959/60 Neubau des RP durch Hans Wolf (Verden) nach Disposition von KMD Alfred Hoppe (Verden) zu 16 II/P (HW, RP), mechanische Traktur, Schleifladen. 1989/90 Neubau des Werks hinter dem alten Gehäuse durch die Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH (Berlin); 14 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Der Neubau orientierte sich an der Disposition von Hermann Kröger und der Schule Arp Schnitgers.

Geläut

Zwei LG, I: h’ (Bronze, Gj. 1395); II: c’’ (Bronze, Gj. 1638, Paul Kolfe/Koppe, Bremen). – Eine SG (Bronze) außen am Turmhelm.

Weitere kirchliche Gebäude

Auch das Pfarrhaus wird schon Ende des 17. Jh. als unzureichend bezeichnet und in den 1750er Jahren grundlegend instandgesetzt. 1837/38 erfolgte der Bau des heutigen Pfarr und Gemeindehauses. Das Konfirmandenhaus wurde 1907 an der Stelle eines alten Backhauses an der Südostseite des Pfarrgartens errichtet und 1924 um einen Anbau für eine Schwesternwohnung erweitert.

Friedhof

Ursprünglich auf dem Kirchhof, 1848 auf den Neuen Friedhof am südlichen Ortsrand (Pfarrgasse) verlegt (1898/99 und 1916 erweitert, FKap, Bj. 1960). Eigentum der KG. Auf dem alten Kirchhof an der Kirche sind einige historische Grabsteine erhalten. 1921 wurde dort ein Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet (Entwurf: Prof. von Hugo, Hannover).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 2 Nr. 374-392 (Kons. Stade, Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 1653-1658 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 377.
B: Daverden – Geschichte und Geschichten, hrsg. vom Verein für Kultur und Geschichte Daverden, Verden 2007; Martin Henzelmann: Die ev.-luth. Kirchengemeinde Daverden, in: Heimatkalender für den Landkreis Verden 1986, S. 82-87; Winfried Topp: Beiträge zur Geschichte der Kirchengemeinde Daverden, in: Heimatkalender für den Landkreis Verden 1998, S. 99-111; Hermann Willenbrock: Kirchspiel Daverden in Vergangenheit und Gegenwart, Daverden 1928; Die restaurierte Orgel in St. Sigismund Daverden. Festschrift zur Einweihung am 17. Juni 1990, hrsg. vom Kirchenvorstand Daverden, Daverden 1990.


Fußnoten

  1. Sudendorf, UB I, Nr. 48.
  2. UB Verden, Nr. 570 und 573.
  3. Hoyer UB I, Nr. 40.
  4. Bremisches UB I, Nr. 397.
  5. Bremisches UB I, Nr. 467.
  6. Schöne, Erzbischöfe Bremen, S. 100.
  7. Rotermund, Das gelehrte Hannover I, S. 176 f.
  8. Willenbrock, S. 70.
  9. KABl. 1966, S. 6.
  10. Regesten Ebf. Bremen II,1, Nr. 118 (hier fälschlich zu Dörverden).
  11. Hodenberg, Stader Copiar, S. 73.
  12. Decken, Güter und Höfe, S. 97.