Frühere Gemeinde | Sprengel Stade, KK Bremerhaven | Patrozinium: Dionysius | KO: Keine Kirchenordnung

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Orts- und Kirchengeschichte

Wulsdorf entstand als friesische Haufensiedlung vermutlich im 9. Jh. in dem von den Sachsen beräumten Gebiet östlich der Wesermündung (Gau Wigmodien), das Ende des 8. Jh. in den fränkischen Herrschaftsbereich einbezogen worden war. Vermutlich bestand auch schon früh ein fränkischer Königshof, der wohl zum Lehnsverband des Grafenhofs in Lesum gehörte.1 In der Bestätigungsurkunde des Ebf. Adalbero für das Bremer Paulskloster wird Wallestorpe 1139 erstmals erwähnt.2 Auf der Wulsdorfer Gemarkung lag der ehemalige Sitz der Gf. von Stotel, mit deren Gft. Wulsdorf 1373 als Pfand in den Besitz des Erzstifts Bremen kam. Das Landgericht unter einem erzbischöflichen Amtmann tagte zweimal jährlich wechselnd in Wulsdorf und Schiffdorf, doch verlor Wulsdorf noch vor 1500 seine Zentralortfunktion an Geestendorf. 1648 fiel es unter schwedische, 1712 dänische Herrschaft. 1715 an Kurhannover/Hannover (Amt Stotel-Lehe, 1831 Amt Lehe, 1885 Kreis Geestemünde). Ab 1920 Ortsteil von Geestemünde (1924: Wesermünde, 1947: Bremerhaven).

Kirche, Ansicht von Nordosten, 1934 oder 1938

Kirche, Ansicht von Nordosten, 1934 oder 1938

Die Kirche ist die älteste des Vielandes. Bei Ausgrabungen wurden 2002 mindestens zwei Holzkirchen archäologisch nachgewiesen. Pfostenreste konnten mittels C 14-Methode auf die Zeit zwischen 885 und 1020 datiert werden.3 Für die Gründung in karolingischer Zeit sprechen sowohl die Keramikfunde als auch das fränkische Dionysius-Patrozinium. Im 12. Jh. wurde die letzte Holzkirche durch einen spätromanischen Feldsteinbau abgelöst, der als vermutlich einziger Steinbau in der Umgegend im Kriegsfall auch zu Verteidigungszwecken diente. Vielleicht noch im 13. Jh. wurde er in Ziegelmauerwerk erhöht und mit einem Kreuzgewölbe eingewölbt. Pfarrrechte sind erst 1313 mit der Erwähnung des rector ecclesiae Henricus in Wolesdorpe nachgewiesen.4 Die Wulsdorfer Kirche war Sendkirche, von der die Tochtergründungen in Geestendorf, Schiffdorf und Bramel ausgingen. An der Kirche bestand eine Vikarie des heiligen Lambertus.5 Zwei frühere Nebenaltäre in den östlichen Langhausecken (erste Hälfte des 15. Jh., wohl der Jungfrau Maria und dem heiligen Lambertus geweiht) wurden bei den Ausgrabungen von 2002 gesichert.

Kirche, Ansicht von Südwesten, 1934 oder 1938

Kirche, Ansicht von Südwesten, 1934 oder 1938

1463 war Kersten (Christian) von Düring kerkhere to Wolstorpe6 († 1466, Grabplatte erhalten). 1483/1523 erscheint der Pleban Johannes.7 In der zweiten Hälfte des 16. Jh., jedenfalls vor 1578 wurde der aus einem einflussreichen Beamtengeschlecht stammende Alverich Möller (sein Vater war Vogt des Vielandes) mit der Pfarre belehnt, war selbst aber wohl nicht ordiniert, sondern hielt sich den Prediger Johannes Inneken aus Lehe als mercenarius. Nach einer Abfindungszahlung wurde letzterer am 19. April 1578 als P. eingesetzt. Das Interesse von Angehörigen der örtlichen Oberschicht an der Pfarrstelle erklärt sich aus ihrer reichen Dotierung.8 Zur Pfarrpfründe gehörten noch Mitte des 18. Jh. annähernd zehn Prozent des Grundeigentums in Wulsdorf.

1920 wurde Wulsdorf Stadtteil von Geestemünde (später Wesermünde, dann Bremerhaven). Mit der Eingemeindung ging eine starke Bevölkerungszunahme einher. Die Zahl der Gemeindeglieder stieg von rund 5.300 (1922) auf 6.800 (1935) und wurde durch Neusiedlung in den folgenden Jahren noch erheblich vermehrt. Am 1. Oktober 1936 wurde aus den KG Wesermünde-Geestemünde, Wesermünde-Lehe und Wesermünde-Wulsdorf der Ev.-luth. Gesamtverband Wesermünde gebildet.9 1942 gehörten der KG zwischen 8.000 und 9.000 Gemeindeglieder an.10
1948 wurde die KG in Bremerhaven-Wulsdorf umbenannt.11 1974 erfolgte der Bau eines Gemeindehauses. Die Gemeindearbeit wird seit 2008 durch einen Förderverein unterstützt. Zum 1. Juni 2018 schlossen sich die KG Dionysius und Martin-Luther in Bremerhaven-Wulsdorf zur „Ev.-luth. Kirchengemeinde Wulsdorf“ zusammen.12

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: 1. Mai 1914, 1964 übergegangen auf Martin-Luther-Gemeinde.

Umfang

Die Parochie bestand (1936) aus Wulsdorf und der Ortschaft Welle. Mit dem 1. April 1960 wurden Teile des Pfarrbezirks in die neu gebildete KG in Bremerhaven, Petrus (Grünhöfe) umgegliedert13, am 1. Januar 1966 die Martin-Luther-KG in Bremerhaven-Wulsdorf neu gebildet und die zum 1. Mai 1914 errichtete Pfarrstelle auf die neue KG übertragen.14

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat des Bremer Dompropstes. – In schwedischer Zeit zur Osterstadischen Präpositur bzw. Präpositur Osterstade-Vieland. 1. Januar 1827 zur Insp. Stotel (1839 umbenannt in Insp. Lehe, mit wechselndem Sitz, zunächst in Stotel, ab 1853 in Debstedt, 1859 in Flögeln, 1868 wieder in Debstedt). 1. Mai 1867 in die neu errichtete Insp. Geestendorf umgegliedert.15 1874 Verlegung der Suptur. nach Wulsdorf und Umbenennung in Insp. (1924: KK) Wulsdorf.16 1. Oktober 1934 Verlegung der Sup. nach Geestemünde und Umbenennung in KK Wesermünde-Geestemünde.17 1. April 1940 KK Wesermünde-Stadt (seit 1948 KK Bremerhaven).

Patronat

Der Domscholaster in Bremen (belegt 1384).18 Nach der Reformation der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, vor 1939

Kirche, Grundriss, vor 1939

Einschiffige spätromanische Feldsteinkirche mit eingezogenem Kastenchor (12. Jh.). Wohl im 13. Jh. wurden die Außenmauern des Schiffs in Backstein erhöht und die flache Decke durch ein zweijochiges Kreuzgewölbe ersetzt. 1928/29 freigelegte gotische Wandmalereien über dem Triumphbogen (Jüngstes Gericht) wurden anschließend wieder überstrichen. Im Juni 1944 schwere Beschädigungen. Wiederaufbau bis 1950.

Turm

Gedrungener quadratischer Westturm mit Pyramidenhelm. Das Geläut befindet sich in einem separat stehenden Glockenhaus des Parallelmauertyps (15. Jh.).

Grablege

Beisetzungen fanden in der Kirche bis Ende des 18. Jh. statt. Letzter Pfarrer, der dort seine letzte Ruhestätte fand, war wohl Hinrich Katenhusen († 1796).

Kirche, Blick zum Altar, 1934 oder 1938

Kirche, Blick zum Altar, 1934 oder 1938

Ausstattung

Die Innenausstattung (Altar, Taufstein und Kanzel) wurde 1928/29 vollständig erneuert. Stipes aus Ziegeln gemauert mit Kalksteinabdeckung. Die pokalförmige Taufe mit sechseckiger Kuppa ist ebenfalls aus Ziegeln aufgemauert. – Sonnenuhr aus Sandstein an der Südwand des Kirchturms (1787). – Grabstein des Pfarrers Christian von Düring († 1466) an der südlichen Außenmauer.

Orgel

1848 Neubau durch Peter Tappe (Verden), 17 II/P, mechanische Traktur. 1904 Umbau und Änderung der Disposition durch Heinrich Röver (Stade), 17 II/P, mechanische und pneumatische Traktur, Kastenladen. 1917 Ausbau der Prospektpfeifen. 1929 Neubau hinter dem alten Prospekt durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover) unter dem Einfluss der Orgelbewegung, 17 (davon 3 Transmissionen) II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen. 1984 Restaurierung durch Firma Hammer (Hemmingen).

Geläut

Drei LG, I: e’ (sogenannte Sturmglocke, Bronze, Gj. 1421); II: f’ (Bronze, Gj. 13. Jh.); III a’ (Bronze, Gj. um 1300). Elektrisches Läutewerk seit 1970. Das Geläut in Wulsdorf gehört zu den wenigen, die sich seit dem Mittelalter unverändert erhalten haben.19 – Zwei SG in des’’ (Bronze, Gj. 1613) und as’’ (Bronze, Gj. 1874).

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus I, Vorderhaus von 1745, Hinterhaus 1799 erneuert, zuletzt auch Suptur. 1936 durch einen Brand zerstört und nach Wiederaufbau (1938) im Februar 1944 mit dem Gemeindehaus bei einem Fliegerangriff erneut zerstört.20 Wiederaufbau von Pfarr- und Gemeindehaus nach dem Zweiten Weltkrieg. – Pfarrhaus II, noch vor 1945 verkauft. – Organistenhaus/Küsterhaus (1965 abgebrochen). – Pfarrwitwenhaus, erbaut 1766, 1786 in Privathand übergegangen.

Friedhof

Der Begräbnisplatz bei der Kirche wurde 1865 aufgegeben. Im gleichen Jahr entstand der Alt-Wulsdorfer Friedhof zwischen Hackfahrel und Kreuzackerstraße. Die Verwaltung erfolgt durch das Ev.-luth. Friedhofsamt Geestemünde. – Ein weiterer Friedhof (Wulsdorfer Friedhof) im Norden der Ringstraße ist Eigentum der Stadt Bremerhaven.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 5 Nr. 953 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 8956-8964 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 2784-2786 (Visitationen).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 70; Göhler, Aspekte; Kiecker/Cappelle, KD Kr. Geestemünde, S. 123-128; Topp/Pape, Tappe, S. 56 f.
B: Dieter Bischop, Nicola Borger-Keweloh und Dieter Riemer (Hg.): Burg und Kirche in Wulsdorf, Bremerhaven 2014; Dieter Bischop: Die Ausgrabungen in der Dionysiuskirche zu Wulsdorf, in: Bremer Archäologische Blätter 6 (2001-2004), Bremen 2005, S. 79-90; Gerhard Grunwald: Chronik von Wulsdorf, Bremerhaven-Wulsdorf 1990; Egon Stuve: Wulsdorf. Geschichtsbilder aus 2 Jahrhunderten, Bremerhaven 1989.


Fußnoten

  1. Bischop/Borger-Keweloh/Riemer, S. 13.
  2. UB Bremerhaven I, Nr. 5.
  3. Bischop, S. 80.
  4. Bremisches UB II, Nr. 133; UB Bremerhaven I, Nr. 36.
  5. Kiecker/Cappelle, KD Kr. Geestemünde, S. 123.
  6. UB Bremerhaven I, Nr. 113.
  7. Bischop/Borger-Keweloh/Riemer, S. 347.
  8. Bischop/Borger-Keweloh/Riemer, S. 77-81.
  9. KABl. 1936, S. 124 f.
  10. LkAH, L 5g, Nr. 128 (Bericht über die Kirchenvisitation am 26.04.1942).
  11. KABl. 1948, S. 58.
  12. KABl. 2017, S. 187 f.
  13. KABl. 1960, S. 61.
  14. KABl. 1966, S. 4 f.
  15. LkAH, D 63, Gen. Lehe, Rep. A 140.
  16. NLA HA, Hann 122a, Nr. 3733.
  17. KABl. 1934, S. 148.
  18. Hodenberg, Stader Copiar, S. 74.
  19. Bischop/Borger-Keweloh/Riemer, S. 67-76.
  20. LkAH, L 5g, Nr. 128 (Bericht über die Visitation vom 22.02.1948).