Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Norden | Patrozinium: Bonifatius | KO: Ostfriesische KO von 1716

Orts- und Kirchengeschichte

Seit 1972 Ortsteil von Großheide. – Arle wird im 12. Jh. als bremische Propstei erwähnt. Die Herrschaft lag im 15. Jh. zeitweise in den Händen der tom Brok. Im 17. Jh. waren die Benigna aus Grimersum Besitzer der Burg, nach deren Erlöschen 1717 die Freiherren von Wedel zu Evenburgh, dann die von Innhausen und Knyphausen zu Lütetsburg.1 Die Kirche in Arle entstand wohl im 10. Jh. als Missions- und Sendkirche und war einer der ersten Stützpunkte der Bremer Kirche in der Region. Hinweise auf die frühe Gründung sind das Bonifatius-Patrozinium und die Lage auf einem schon in vorchristlicher Zeit als Kultplatz genutzten Hügel am Rand des Dorfes.2 Der 1106/16 belegte Dompropst Werner schenkte die Kirche dem Bremer Domkapitel.3 1286/95 bezeugt Poptatus von Norden dem Domkapitel, dass er an der Kirche zu Arle, welche seinem Bruder zum Benefizium übertragen sei, kein Recht mehr habe.4 Schon früh erlangte Arle als Bedeutung als Dekanats- und Sendkirche. Zum Ksp. gehörte früher auch das Filial Nesse, dessen Tote auf dem Nesser Kirchhof (Teil des Kirchhofs in Arle) beigesetzt wurden. Die Nesser Kirche wurde allerdings schon in vorref. Zeit verselbständigt und erscheint 1402 erstmals als eigenständige Pfarre.5 Auch Teile des späteren Ksp. Hage waren wohl früher nach Arle eingepfarrt.

Kirche, Ansicht von Südosten

Kirche, Ansicht von Südosten

Als erster Geistlicher wird 1328 Folpertus plebanus in Erle genannt.6 Der 1424/27 genannte Kirchherr Almarus (Almer)7 wurde von den Butjadingern misshandelt, woraufhin der Abt von Menterna 1427 den Tätern schwerste Kirchenstrafen androhte.8 1429 erscheint der sacerdos Reiner, vielleicht noch der gleiche, der mit einem Vikar 1455 im Testament des Ocko tom Brock genannt wird, 1435 der Priester Eggericus. Mit dem letzteren ist wohl erstmals das Bestehen von zwei Pfarrstellen nachgewiesen. Ein Grabstein des curatus Renerus war auf das Jahr 1466 datiert.9 1480 war Menso Kankena, ein Sohn des Häuptlings Eger Kankena in Dornum, Geistlicher in Arle.10 Kankena war ein Schwager des Ulrich von Dornum, der seit 1519 zu den entschiedenen Förderern der Reformation in Ostfriesland gehörte. Ebenso war der Häuptling Eggerik Benigna zu Grimersum, Besitzer der Burg in Arle, ein Schwager Ulrichs. Menso Kankena ist 1528 noch als Pfarrer in Arle nachweisbar und hatte wohl unter dem Einfluss Ulrichs das luth. Bekenntnis angenommen. Für eine frühe und kontinuierlich luth. Überlieferung spricht der Erhalt des mittelalterlichen Schnitzaltars und eines spätgotischen Tabernakels, die einer bilderfeindlichen reformatorischen Phase zum Opfer gefallen wären.
Schon bald nach Einführung der Reformation erhielt Arle eine Schule. Im Visitationsprotokoll wird 1629 Sybo Hermanns als Schulmeister, Organist und Küster genannt.11 Ein eigenes Schulgebäude bestand nachweislich seit Anfang des 18. Jh. 1828 wurde ein Neubau errichtet.
Eine Holzkirche, wohl aus dem 10. Jh., ist durch Pfostenreste im Innenraum des heutigen Kirchenbaus belegt und wurde erstmals von Marschalleck nachgewiesen. Der erste Massivbau entstand in der ersten Hälfte des 13. Jh. auf einer Kirchenwarft als romanische Tuffsteinsaalkirche auf Granitfundamenten. Die wenig eingezogene, halbrunde Ostapsis wird durch einen Bogendurchgang (um 1400) vom Schiff getrennt.

Kirche; Ansicht von Nordwesten

Kirche; Ansicht von Nordwesten

Der erste nachweisbare, freistehende Turm befand sich südlich des Kirchenbaus am Rand des Kirchhofs; er wurde noch im Mittelalter durch einen an die Westseite der Kirche angebauten Turm aus gebrannten Ziegeln ersetzt. Da er auch als Befestigungsanlage diente, wurde in einem 1408 zwischen Keno II. tom Brok und den Hamburgern geschlossenen Vertrag der Abbruch vereinbart. Zerstört wurde er aber erst 1430 im Zuge der Häuptlingskämpfe zwischen Udo Focken und Focko Ukena (Reste im 19. Jh. abgetragen).12 Ein dritter Turm entstand noch Ende des 15. Jh. südlich der Kirche auf der Warft (1770 instand gesetzt, wegen schlechter Fundamentierung 1858 abgebrochen). Gleichfalls im 15. Jh. erhielt die Kirche große gotische Fenster in der Südwand und ein neues Portal. Das Bleidach wurde 1532 durch Truppen des Hzg. von Geldern unter dem Statthalter Bernhard von Hackfort geraubt. Der Innenraum wurde durch eine Balkendecke geschlossen, die mit dem Abbruch der Kuppelwölbung 1798 zugunsten der Aufstellung der Orgel auf die Apsis ausgedehnt wurde.13 1817 wurde der Westgiebel in Ziegelmauerwerk erneuert. 1856 wurde die Apsis erhöht und mit dem Langhaus unter ein Dach gebracht. 1886/87 folgte der Bau des heutigen neuromanischen Westturms.
Der Zweite Weltkrieg blieb auch auf die abgelegene Landgemeinde nicht ohne Auswirkungen. Durch die Zuwanderung von Flüchtlingen kamen auch einige kath. Familien nach Arle, denen für ihre GD die Nutzung der luth. Kirche eingeräumt wurde. Die Bevölkerungsstruktur blieb zunächst weiter bäuerlich (kleine Landwirte, Kolonisten und Arbeiter), doch trat dazu eine zunehmende Anzahl von Pendlern zu den nächstgelegenen Mittel- und Oberzentren. Die zunehmende Landflucht durch eine unzureichende Infrastruktur etwa im Bildungswesen brachte auch soziale Probleme mit sich. Die Zahl der Gemeindeglieder in Arle belief sich 1946 auf 4.350 (1936: 4.236). Für die Gemeindeglieder in den Außendörfern fanden Sonntagsnachmittags abwechselnd auch GD in Großheide, Südarle und Südcoldinne statt. Die zunehmende Verschiebung der Bevölkerung nach Großheide, das 1972 auch namensgebender Sitz der Einheitsgemeinde wurde, veranlasste die KG dort zum Bau eines eigenen Gemeindehauses (1968) und 1974 zur Verselbständigung der KG Großheide, das die Pfarrstelle der bisherigen Westerpastorei von Arle erhielt.
Die KG Arle war in der Nachkriegszeit Träger einer Schwesternstation und zeitweilig eines KiGa. Für die kirchengemeindliche Arbeit wurde 1983 wurde das Gemeindehaus in seiner heutigen Form errichtet.

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: Wohl vor 1435, 1. Januar 1974 zur KG Großheide.

Umfang

Die Dörfer Arle, Coldinne, Großheide, Menstede, Ostarke, Ostermoorrott (nachher Ostermoordorf, als Kolonie um 1790 gegründet), Neueis, Schleene, Terhall und Westerende [1823]. Ostermoordorf wurde am 24. September 1892 ausgepfarrt, gemeinsam mit Berumerfehn und Westermoordorf (bisher zum Ksp. Hage) zur KG Berumerfehn vereinigt und als Tochtergemeinde dem Ksp. Hage angeschlossen.14 Zum 1. Januar 1974 erfolgte die Errichtung der KG Großheide.15 Heute gehören zur KG außer dem Kirchdorf A. die Ortschaften Westerende, Menstede, Coldinne, Südcoldinne und Südarle.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat des Bremer Domscholasters und dort Sitz einer Sendkirche.16 – Arle unterstand 1617-1626 und 1631-1643 dem luth. Coetus in Norden, ab 1643 unmittelbar dem luth. Konsistorium in Aurich. Nach der Insp.-Ordnung von 1766 zur 3. luth. Insp. in Ostfriesland (Insp., ab 1924 KK Norden).

Patronat

Genossenschaftspatronat der Gemeinde (Interessentenwahlrecht).

Kirchenbau

Romanische Saalkirche aus Tuffstein mit halbrunder Ostapsis (um 1225/30, Umbauten). Flache Balkendecke. Orgelempore im Westen (1896). Eine Seitenempore an der Nordwand wurde 1963 entfernt. 1927, 1952, 1963 (Innen) und 1977 Renovierung der Kirche.

Turm

Neuromanischer Westturm aus rotem Ziegelmauerwerk mit Seitengiebeln und vierseitigem Spitzhelm (1886/87).

Kirche, Blick zum Altar, nach 1963

Kirche, Blick zum Altar, nach 1963

Ausstattung

Aus Tuffstein gemauerter Stipes mit Reliquiengrube (im 15. Jh. beidseitig erweitert), Mensa aus Sandstein. Darauf ein spätgotischer Passionsaltar mit geschnitztem Mittelschrein aus Eichenholz17, wohl aus den nördlichen Niederlanden (um 1480). In der Mitte eine Kalvarienbergszene, an den Seiten links die Verspottung Christi und Veronika mit dem Schweißtuch, rechts Beweinung Christi und Grablegung. Als Bekrönung Christi Himmelfahrt, der heilige Jakobus und die vier Evangelisten (um 1675 von Jacob Cröpelin ergänzt). Die beiden gemalten Altarflügel (letztes Abendmahl, Gebet Jesu, Gefangennahme und Auferstehung) stammen aus dem 17. Jh. – Barocke Kanzel aus der Werkstatt des Meisters Jacob Cröpelin in Esens (1675, 1963 renoviert), reiche figurale Ausstattung über der Zugang zur Kanzeltreppe Abraham, Isaak und Jakob; am Kanzelkorb die vier Evangelisten und der Apostel Paulus, auf dem Schalldeckel Christus mit Siegesfahne und Apostel – Taufstein aus Bentheimer Sandstein (Anfang/Mitte 13. Jh.; RoGGe: 13. Jh.18; Kiesow: Zweite Hälfte 12. Jh.19) – Spätgotisches, turmartiges Sakramentshaus aus Baumberger Kalksandstein (um 1480/1500, im 19. Jh. und 1978/79 erneuert).20 – An der Nordwand zwei Reliefs mit Szenen aus der Kindheit Christi von einem verlorengegangenen Altar. – Spätgotisches Triumphkreuz (um 1400 oder Mitte 15. Jh., 1858 restauriert), an den vier Enden die Symbole der vier Evangelisten. Stiftung des Burggrafen J. A. Ferrar von 1677. – Grabplatten des 15.-17. Jh., u. a. für Pfarrer Renerus († 1466).

Kirche, Blick zur Orgel, vor 1963

Kirche, Blick zur Orgel, vor 1963

Orgel

Ursprünglich auf einem steinernen Lettner vor dem Chor. Im Visitationsprotokoll von 1630 wird erstmals ein Organist erwähnt. Der Erbauer der ersten Orgel ist unbekannt. 1760 Instandsetzung durch Johann Friedrich Constabel (Wittmund). 1799 Neubau durch Hinrich Just Müller (Wittmund) und Johann Gottfried Rohlfs (Esens), 12 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen. 1858/59 Veränderung der Disposition. 1896 Verlegung auf die Westempore durch Johann Diepenbrock (Norden). 1952 Restaurierung durch Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven). Das ursprünglich vorgesehene Brustwerk wurde erst 1997/2000 bei einer Restaurierung durch den Orgelbauer Martin ter Haseborg (Südgeorgsfehn) ergänzt; gleichzeitig Einbau eines Trompetenregisters im Hauptwerk. 18 II/aP (HW, BW), mechanische Traktur, Schleifladen. Unter Denkmalschutz.21

Geläut

Zwei LG: h° (Bronze, Gj. 1957, Gebrüder Rincker, Sinn), II: d’ (Bronze, Gj. 1888, J. J. Radler, Hildesheim). – eine SG in a’’ (Bronze, Gj. 136322, wohl von Hermann de Monasterio; außen an der Turmspitze). – Früherer Bestand: Die Kirche verfügte 1728 über zwei LG. Die größere stammte ursprünglich aus dem Jahr 1363 und wurde 1480 und 1664 (durch Godfried Banhard Lotharingius) sowie zwei weitere Male umgegossen, zuletzt 1888. 1888 erhielt die Kirche zwei neue LG der Firma J. J. Radler & Söhne (Hildesheim). Die große wurde 1917 zu Rüstungszwecken abgeliefert, 1920 zurückgegeben, im Zweiten Weltkrieg dann doch eingeschmolzen und erst 1957 ersetzt. Eine zweite (mittlere) LG ging schon im 18. Jh. verloren (Verbleib unbekannt). Noch im 19. Jh. war eine kleine LG in g’’ (Gj. 1332, Gießer Habbo) vorhanden (Verbleib unklar).23

Friedhof

Der ursprüngliche Begräbnisplatz auf dem Kirchhof (alter Friedhof) wird nicht mehr belegt. Einige Grabsteine sind noch vorhanden. Nach 1860 wurde am westlichen Ortsrand (Arler Straße) ein neuer Friedhof angelegt und 1937 erweitert. Bis Ende der 1980er Jahren wurde der Friedhof gemeinsam mit der KG Großheide genutzt. Eigentum der KG. FKap (Bj. 1970).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 6 Nr. 297-299 (Pfarrbestellungsakten); A 8 (CB); A 12 d (GSuptur. Aurich); D 82 (EphA Norden).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 138 f.; Haiduck, Kirchenarchäologie, S. 131-134; Kaufmann, Orgeln Ostfrieslands, S. 57-59; Meinz, Sakralbau Ostfriesland, S. 119; Mithoff, Kunstdenkmale VII, S. 27-29; Müller-Jürgens, Vasa sacra, S. 38; Rogge, Kirchen, S. 54 f.
B: Heinrich Drees: Aus der Geschichte des Schulwesens zu Arle, in: Unser Ostfriesland, 6. Juli 1962; Heimatverein för’t Karkspill Arle (Hg.): Arle 1106-2006. Spurensuche. Beiträge zur Geschichte der Bonifatius-Kirche und des Kirchspiels Arle, [Arle 2006]; Wolfgang Schöningh: Die Kirche von Arle, die letzte große Tuffstein-Kirche in Ostfriesland, in: Ostfreesland 35 (1952), S. 47-51; Robert Noah: Die Kirche St. Bonifatius in Arle, [Aurich 1983]; Ort und Gemeinde Arle, Ms. in der Bibliothek des LKA, um 1949.


Fußnoten

  1. Arends, Erdbeschreibung, S. 423.
  2. Salomon, Geschichte Harlingerland, S. 38; Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 39.
  3. Bremisches UB I, Nr. 99. Vgl. auch Möhlmann, Güterbesitz Domkapitel, S. 65.
  4. Ostfriesisches UB I, Nr. 37.
  5. LkAH, A 8/Arle (Corpus bonorum).
  6. Ostfriesisches UB II, Nr. 1687; Regesten Ebf. Bremen II,2, Nr. 339.
  7. Ostfriesisches UB I, Nr. 322.
  8. Ostfriesisches UB I, Nr. 363.
  9. LkAH, A 8/Arle (Corpus bonorum).
  10. Reershemius, Predigerdenkmal, S. 224.
  11. Drees.
  12. Haiduck, Reepsholt, S. 48.
  13. Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 138 f.; Rogge, Kirchen, S. 54.
  14. KABl. 1892, S. 89.
  15. KABl. 1974, S. 35.
  16. Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 39.
  17. Robra, Holzplastik, S. 29 f.
  18. Rogge, Kirchen, S. 54.
  19. Kiesow, Architekturführer Ostfriesland, S. 294.
  20. Müller, Sakramentsnischen, E 82.
  21. KABl. 1952, S. 159; LkAH, B 1 A, Nr. 4587 (Verzeichnis der Denkmalsorgeln der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Stand 01.10.1958).
  22. LkAH, A 8/Arle (Corpus bonorum).
  23. LkAH, A 8/Arle (Corpus bonorum).